freiVERS | Susanne Rzymbowski

Unantastbar

bist du geworden

in den Jahren der Einsamkeit

die dich erfüllt

im Mantel von Stille

den auszuziehen

du nicht bereit

im Halten von Fragwürdigkeit

eisigem Tablett

der einen Antwort wartend

die nie gestellt

Susanne Rzymbowski

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freiVERS | Thomas Mulitzer

Eine Krume für die Vögel

Immer wenn ich
nicht schreibe,
bin ich unsichtbar
für meine Nachwelt,
also setz ich hier und da
ein Zeichen,
streue Krumen auf dem Pfad,
ein Spickzettel im Mauerspalt,
eine Botschaft auf obskuren Blogs,
ein Graffito hinterm Hochaltar,
ein als Leserbrief getarntes Manifest,
ein Brandzeichen am Arsch der Queen,
graublaue Bojen auf See,
und die Literaturwissenschaftler der Zukunft
werden Antiquariate durchforsten,
Recherchereisen unternehmen,
den Boden abtragen und Schatzkarten erstellen,
oh ferne Germanisten,
filzt meine Möbel und huldigt meinem Staub,
ich tu euch den Gefallen und schreib einen Reim
auf die Wand über meinem Klo,
oh Nobelkomitee, oh Akademie,
ich teile meinen Ruhm mit euch,
oh Gleichgesinnte, Schwärmer,
sammelt rege Raritäten
und riecht an meinem Schweiß,
oh zukünftige Biografen,
suchet und findet,
aber ich mach es euch nicht leicht,
ich wünsche viel Erfolg
bei der Jagd nach den
Meisterwerken
meines frühen Schaffens.

Thomas Mulitzer

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Ausschreibung: Lyrik zur Arbeit

Der 1. Mai ist Tag der Arbeit. Der 1. Mai ist in diesem Jahr aber auch ein Sonntag und somit freiVERS-Tag.

"Seine Worte verhallten
auf dem Amboss
unter
den Hammerschlägen"

schrieb Renate Katzer vor einem Jahr. Für heuer suchen wir

freiVERSe zur Arbeit

Sendet uns eure Lyrik (und alles, was sich entfernt als solche bezeichnen lässt) zum Thema Arbeit - alles von Hammer und Sichel bis Quarter-life-crisis, von Stakkatoschlägen der Fließbandarbeiter bis Schreibblockaden der Tastaturklimperer.

Was: Lyrik zur Arbeit (freiVERS Spezial)
Wann: bis 24. April
Wohin: schreib@mosaikzeitschrift.at

freiVERS | Nico Feiden

Heimkehr

Lasst uns heimkehren,

wie konnten wir uns so lange verirren.
Fern von Zuhause,
wissen wir nicht wo unsere Heimat liegt.
Nur in den Blicken der Kinder,

die uns mit Augen betrachten,
die wie Apfelblüten leuchten,

erkennen wir unsere Heimat wieder.
Lasst uns heimkehren,
solange sind wir fort gewesen.
Mir scheint es eine Ewigkeit
& all das Heimweh setzt die Segel.
Das Lachen der Welt,

nichts als ein nutzloser Gesang in den Städten …

Lasst uns heimkehren, in den Schoß der Kindheit,
zu Weinbergen & rebbewachsenen Hängen am ruhenden Fluss auf dem
der Fährmann seine Kreise zieht.
Auf die Wiesen unserer Jugend zu Malve, Klee & Nelken.

Lasst uns heimkehren, zu Burgen die auf Bergen über das Land thronen,

zu Fachwerkhäusern & efeubewachsenen Türmen,
über gepflasterte Straßen mit Weinflaschen stolpernd.

Lasst uns heimkehren, in die Zweifel unserer Jugend,
mit mutigen Schritten über Gräber, die uns nicht fremd sind
& die wir doch niemals gesehen haben.

Lasst uns heimkehren,
Ringsum ist alles still,

liebende Hände streicheln über Stirn & Haar,
schattige Räume von gebrochenen Sonnenstrahlen durchdrungen.
Der Gesang unserer Großmutter, mit Schlaflippen in wiegenden Träumen.
In Gesichtern spiegelt sich Staub.
Wir suchen richtige Dinge, an falschen Orten …
Das endlose Ringen nach Glück,

in der Heimat scheint es fast bedeutungslos zu sein.

Nico Feiden

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freiVERS | Isabella Krainer

manchmal

manchmal möchten möhren
eingesetzt
vielleicht auch zu höchstleistungen
angetrieben
oder mehr noch
wegen
medial produzierter minderwertigkeitskomplexe
karotten genannt
und überhaupt
attraktiver
werden

Isabella Krainer

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freiVERS | Renate Aichinger

#einbrennen

seele
verkühlt

herzen
blickdicht verschlossen

sterbekerzen
verflackern die sicht

totaugen
stechen blicktief die iris

er
reichen uns trotzdem nicht

Renate Aichinger

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freiVERS | Katie Grosser

Leuchtturm

Wir alle sind auf einer Reise
Mal kreuz, mal quer, mal parallel
Unendlich viele schreiten vor uns
Auch nach uns reißt der Strom nicht ab
Mal führt die Reise in die Irre
Ein Umweg kann gar schmerzvoll sein
Die Kreuzung wirft auf große Fragen
Der Blick nach innen – eine Pein
Und doch nach vorn die Füße tragen
Die meisten auf der Reise lang
Denn Umkehr, Umweg manchen scheinet
Wie Niederlage schmetternd groß
Für andre Umweg ist ein Segen
Der kommt verborgen dann daher
Eröffnet ungekannte Wege
Wer mutig ist, der nimmt ihn an
Doch woher Mut und Willen nehmen
Worin der Tapfren Antrieb liegt
Auch wenn die Wege hart und steinig
Und Angst mit dunklen Händen greift
Es ist ein Licht, das sie anblicken
Dem unbeirrt sie folgen stets
Es leuchtet hell in ihrem Innern
Als Leuchtturm zeigt es ihren Weg
Bezwingt die quälend großen Fragen
Umwege, Angst und Umkehr all
Es spendet Kraft und Hoffnung ihnen
Der Seele Nahrung immerfort
Ein jeder Leuchtturm leuchtet anders
Als helles Licht aus anderer Quell
Für manche Glaube ist der Antrieb
Für andre ein Versprechen ist’s
Erfolgeshunger kann gar treiben
Und Trauer nicht nur dunkel sein
Ein Kindheitstraum kann Anstoß geben
Auch Sehnsucht nach Verstorbenen
Mein Leuchtturm, der mir weist den Weg
Der Umwege erträglich macht
Auf Fragen Antwort finden lässt
Bist du und all dein strahlend Licht

Katie Grosser

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freiVERS | Thomas Wagner

Prominenz in der Pampa

Ein unfreundlicher Tag
Auf dem Rückweg vom Kaufland werde ich von der Seite angesprochen
Eine erste Begegnung aber Ich erkenne ihn sofort
Ein waschechter Refugee
So viel habe ich schon darüber gehört und gelesen
Über nichts wird so viel berichte
Nichts erhitzt so sehr die Gemüter
Weltgeschichte vor meinen Augen

Er hält mir ein Schreiben hin
Mit Stadtwappen, Aktenzeichen und Rechtsbehelfsbelehrung
Deutschland zeigt ihm gleich seine schönste Seite
Er soll sich bei der Caritas melden
Das heißt wir haben ein Stück denselben Weg
Englisch spricht er nicht also gehen wir schweigend
Ich in meinem zehn Jahre alten Adidas Anorak
Per Definition also in Markenklamotten
Er in irgendwas Abgerissenen
Wahrscheinlich etwas Gespendetes oder aus dem Container
Die Hosenbeine zu kurz
Die Jackenärmel zu lang
Viel ist nicht dran an dem Kerl
Hängende Schultern
Müder Gang
Der Auftritt passt so gar nicht zu dem
Was sie ihm alles nachsagen
Wofür er alles verantwortlich sein soll
Die Spaltung der Gesellschaft
Die Spaltung Europas
Sogar die vormals heißgeliebte Bundesmutti bringt er ins trudeln

Wir kommen vorbei an der Ecke
Dort wo die Brombeerhecke
Letzten Sommer runtergebrannt ist
Der Wind Fetzen von blauen Plastesäcken
Gegen einen Zaun drückt
Pestschwarze Erde
Auf der es nur noch Abschaum, Tod und Müll aushält
Willkommen in meiner Welt
Was denkt er wohl wenn er das sieht?
Vertrau nie wieder den Verlockungen eines Gauners am Mittelmeer?
Denn auch wenn die Flugzeuge über unseren Himmel
Die unterlegene Welt
Nicht mit Bomben
Sondern nur mit Amazonpäckchen und blasierten Geschäftsleuten traktiert
Hat er im Großen und Ganzen
Nur die Station in diesem Irrenhaus gewechselt
Wo die Einen ihn mit Plüschtieren bedrängen
Und die Anderen gleich die Zähne zeigen
Als ob er nur wegen ihnen gekommen wäre

Wir sind schon ein erschütterndes Duo
Ich nicht der typisch deutsche Prinzipienreiter mit ständig zusammengekniffenen Arschbacken
Und er mit Sicherheit nicht der arabische Machohengst mit Anschlagsplänen
Die Stars sind eben in echt anders als man denkt
Die Wolkendecke reißt auf
Und die verfluchten Götter schauen auf uns herab
Lachen höhnisch über ihren Schabernack den sie mit uns Menschen treiben
Sie hören die Brandenburgischen Konzerte von Bach
Nuckeln an Weintrauben
Und fühlen sich köstlich unterhalten

Instrumentalisiert von jeder Seite
Steckt mein Begleiter einfach nur in dem gleichen Dilemma wie jeder Artgenosse
Auch er wurde einmal von einem Mann gezeugt
Und von einer Frau zur Welt gebracht
Die ihn nicht gefragt haben
Ob er das überhaupt will
Und nun sind sie tot
Oder haben ihn vergessen
Die Folgen darf er selbst ausbaden
Lasst ihn in Ruhe
Er ist nicht der Feind
Aber vielleicht wird er mal Verbündeter

Zum Abschied tippe ich mit zwei Fingern an meine nicht vorhandene Hutkrempe
Er nickt lethargisch
Ich schau ihm noch kurz nach
Dem gebeugten Spielball des Schicksals in Menschenform
Take care Du Superstar

 

Thomas Wagner

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freiVERS | Mareen Bruns

unsere beine haken sich so schwer in kanalwände
da ist wieder diese augenahnung, sezierte verwunderung
vielleicht glück - ich möchte das du anheben
vielleicht das Ich aus seinen verstellungen lösen
wieder am fluss sitzen
so meine daumen lebenslinien in deine handteller reiben
können wir später lebendiges daraus essen

Mareen Bruns

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freiVERS | SAID

fische von jenseits des meeres

sie sammeln sich und sind bestrebt, nicht aufzufallen. die hand halten sie vor den mund, als könnte sie das stottern verdecken.
man munkelt von einem virus; er wird unter flüchtenden verbreitet und verursacht stottern.
hier treffen sie sich und schweigen. sie warten auf olleg, den mann mit dem weißen hut. dem vernehmen nach hat er selbst auf der flucht seinen hut aufbehalten.
nach einbruch der dunkelheit zahlen sie eintrittsgelder und gehen gemeinsam in den park. dort hängen die fische in den bäumen und spenden gerüche.
hinter gazeschleiern beten sie dann. die fische schnappen nach luft, als wollten sie sich bedanken für die gebete.
beim abendessen bleibt ein platz leer. der des zurückgewanderten zwischenrufers –
der einzige, der die sprache der fische verstand.
sie sitzen im restaurant, dessen lichter sich im meer spiegeln.
ihre hände verscheuchen das licht – doch das licht ist stärker als die flüchtlinge. diese sind erregt, sehen die ankommenden schiffe und warten auf neue nachrichten.
jemand schüttelt eine kleine glocke. dann erzählt olleg von dem anderen land, von der langsamen zeit –
die anwesenden beginnen zu schluchzen.
olleg gestikuliert und beschwört sie auf einheit:
„jede berührung mit den reisenden wäre verrat.“
er deutet an, daß die fische dann nie mehr zu ihrer sprache zurückfinden würden.
„die von jenseits des meeres kommen, bringen neuigkeiten mit sich und einen geruch“,
dann warnt er vor diesem geruch und seiner wirkung.
vom gemäßigten schweigen ausgehend, fragen einige der anwesenden, warum sie längere zeiten brauchen für eine neue farbe.
„wir müssen an die fische denken. seit der zwischenrufer zurückgekehrt ist, schweigen sie“,
er räuspert sich und spricht weiter:
„wer weiß, was alles unter den reisenden ist, hörgeschädigte, spitzel, künftige verbrecher. sie alle haben aussagen unterschreiben müssen, damit sie ausreisen durften. ihr erkennt sie an dem trübe gewordenen blick.“
schließlich warnt er:
„wer glaubt, eine berührung mit den reisenden, heilt das stottern, irrt sich.“
olleg kennt die furcht der flüchtenden. für gewöhnlich überwinden sie sie mit dem wort, mit dem rufen.
doch jetzt, angesichts der ankommenden schiffe, brauchen sie einen halt. olleg weiß das:
„ihr müßt lernen, unbequem zu leben in der fremde –
sonst zerstört sie euch.“

SAID

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