18 | Lisa Gollub

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Ich packte meine Siebensachen und verließ die Post, nachdem ich – endlich – den Brief nach Weißrussland aufgegeben hatte. Zur Sicherheit klatschte ich mit der Hand auf die Tasche, denn ich wollte nichts vergessen haben, blickte wie beim Autofahren über die Schulter in den toten Winkel der Postfiliale und schaute eine Sekunde später in das Gesicht eines Fußgängers. Wird schon passen, dachte ich und machte mich auf zur Nordsee, um das Mittagessen einzunehmen.

Gewissenhaft bestellte ich einen mit Siegel ausgestatteten Fisch aus Norwegen und setzte mich an einen Tisch beim Fenster. Ich beobachtete die Menschen, wie sie vorübereilten und fragte mich, was sie antrieb. Ich erinnerte mich an die Weisheit, einen Menschen nicht nach seinem Motiv zu fragen, sondern sein Verhalten zu analysieren. Man muss wissen, woraus man Schlüsse zieht, dachte ich.

Draußen ging ich ein wenig spazieren, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte. Ich sah mich völlig frei von Verpflichtungen, fast unabhängig von Raum und Zeit. Tja, ich fühlte mich ein wenig wie gesundes Gewebe, aus dem ein Tumor entfernt wurde. Es klaffte ja doch ein Loch in mir, das ich momentan nicht füllen konnte. Was tun?, fragte ich mich.

Da kam ich an einer Parkbank vorbei. Ein Kind versuchte sich bäuchlings auf die Bank zu robben. Ich sah, dass es mit aller Kraft alles versuchte, ja, ich fieberte ein wenig mit und war versucht, ihm den entscheidenden Ruck zu geben. Ich blickte mich um. Keine Mutter in Sicht. Also half ich dem angestrengten Kind. Und als es vollbracht war, konnte ich nicht umhin. Schon hielt ich es im Arm wie ein Eigenes. Wie beruhigend war es doch, ein Kind zu haben!

Glückselig streifte ich durch die Straßen und ließ keine Gelegenheit aus, meinem Glück Ausdruck zu verschaffen. Ich strahlte jeden beliebigen Fußgänger an, während das an die Hüfte gestemmte Kind bei jedem Schritt abhob und wieder landete. Wie alt ist es denn?, fragte mich ein alter Mann auf der Straße. Das dürfen Sie mich nicht fragen!, lachte ich ihn an und bestieg den nächsten Bus.

Einen Kinderwagen brauche ich jetzt!, dachte ich. Also schnappte ich den Zwillingskinderwagen, der neben einem anderen im Bus stand, setzte mein Kind hinein und stieg bei der nächsten Station aus. Erst als wir zehn Minuten später das Tor zum Prater passiert hatten, entdeckte ich das zweite Kind, das ruhig im Kinderwagen schlief. Umso besser!, dachte ich und machte mich wagemutig auf in die Menge, die sich jedes Jahr zur Eröffnung der Saison versammelt.

Von der Ferne hörte ich plötzlich vertraute Musik. Ich fühlte mich in meine Jungscharzeit zurückversetzt, als wir auf der Reise nach Tirol Stunden über Stunden Volkslieder sagen, dieselben, die ich allen meinen Kindern beigebracht habe. Schon standen wir vor einer Schießbude und ein trübsinniger Bub reichte uns Stoffbälle.

Warum bist du traurig?, fragte ich ihn, als die Kinder alle Bälle ins Off geschossen hatten. Ich muss jeden Tag hier arbeiten und darf nicht in die Schule gehen, sagte er. Das kann nicht sein!, dachte ich, griff seinen Oberarm, zog ihn über die Theke und lächelte ihn willkommenheißend an. Komm mit uns!, sagte ich mehr zu mir als zu ihm. Und schon waren wir eine fast vollzählige Familie.

Wir bahnten uns den Weg durch die Menschenmenge. Ich ließ den kleinen Buben vom Schießstand zur Entschädigung Motocross fahren, die beiden anderen setzte ich ins Kleinkindkanufahren und verspeiste währenddessen, wie ich es aus Jugendjahren kannte, Pommes frites mit Mayo.

Ebenso einfach wie man Kinder verliert, kann man Kinder auch wieder aufklauben. Denn als wir uns auf den Weg nach Hause machten, fix und foxi waren die Kinder, wie der kleine Bub immer wieder für alle anderen sprechend sagte, da sah ich in der Menge ein gestrandetes Kind. Es stapfte plärrend im Kreise, schrie nach Mama und Papa, obwohl es längst zu groß war, um zu schreien. Da platzierte ich mich mit dem Zwillingskinderwagen unmittelbar vor ihm, zumindest einen Halbkreis ausfüllend, und lächelte es ganz unscheinbar an, in etwa wie eine Vertrauensperson. Im nächsten Moment sah ich, wie ihm die ganze Szene Einhalt gebot, wie es seine Entscheidung fällte und auf uns zukam, als wären wir immer schon seine Familie gewesen. Schön!, sagte ich, schön! Und wir umarmten uns allesamt in Verklammerung mit dem Zwillingskinderwagen.

Endlich auf dem Weg nach Hause!, dachte ich, als wir mit der Rolltreppe abwärts fuhren. Und wie eine einsame Prinzessin sah ich ein Mädchen, das aufwärts fuhr, winken. Durch trübe Schichten der Erinnerung tauchte ich in die Gegenwart und erkannte schließlich eines meiner Kinder, meiner Kinder! Ich wollte es wiederhaben, dachte ich, ich wollte es wie eine Sache wiederhaben. Es erschien mir im Moment der Begegnung wie ein Edelstein in einer Mineraliensammlung. Dabei war es wahrscheinlich den ganzen Tag Rolltreppe gefahren, und ich fühlte mich schuldig wie eine Rabenmutter, die ein Kind ins Heim gibt und kurze Zeit später wieder abholen will. Da kam der Rolltreppenabsatz, ich musste schnell reagieren, beiderseits fuhr die U-Bahn ein und schon war alles, was gerade geschehen war, längst wieder Vergangenheit.

Ich nahm einen Umweg über die Schule, die sich in der Nähe meiner Wohnung befand. Schon oft hatte ich mich am Eingang platziert, um den Kindern allerlei Süßigkeiten zuzustecken. Ich hatte immer schon ein Bedürfnis nach Wohltätigkeit gehabt und in dieser Geste sah ich sie realisiert. Also stellte ich mich mit meinen vier Kindern, die ich rückwärts durchzählte, als würde ich vorwärts zählen, mit einer Packung Werther’s Original vor den Eingang des Musikgymnasiums. Die Glocke schrillte, Kinder gingen vorüber, bedienten sich ohne ein Dankeswort, bis die Packung mit dem Erklingen der Stundenglocke fast leer war. Ich nahm die verbliebenen zwei Bonbons in die Hand und dachte: Der Wohltätigkeit genug, aufs Ganze gehen! Wie gerufen kamen zwei Mädchen durch die Doppeltür, das Schicksal erfüllt sich selbst, dachte ich, denn sie nahmen mir die Bonbons aus der Hand und schauten mich erwartungsvoll an. Ich war ein wenig überrascht, dann sagte eines der Mädchen, etwa zwölf Jahre alt mit Zöpfen: Gehen wir?

Auf dem Rückweg wunderte ich mich ein wenig. Ich fragte mich, warum meine Kinder mich ohne jeden Zweifel an der Mutterschaft annahmen, dass sie mir geradezu in die Arme liefen, als wäre ich in der Tat eine Mutter. Was hatte das zu bedeuten? Vor vielen, vielen Jahren, dachte ich, habe ich in der Schule gelernt, dass bei einer Reaktion ein Teilchen von A auf B übergeht. Niemals kann aber ein Teilchen in der Luft hängen. Alle meine Kinder waren auf mich übergegangen und deshalb mussten sie an anderer Stelle fehlen. Ich empfand Glückseligkeit, aber was empfanden die Eltern? Was würde ich empfinden bei der rückwärtigen Übertragung? Faxen, dachte ich dann, soweit wird es nicht kommen. Verbissen pfügte ich wie schon einmal durch die Straßen, vorne die beiden Mädchen aus dem Musikgymnasium, die ich im Singen gar nicht anzuleiten brauchte, dahinter der Bub, der Händchen hielt mit dem verweinten Kind aus dem Prater, und dann ich – mit dem Zwillingskinderwagen.

Kurz vor der Wohnung drehte ich meinen Kopf ein wenig in den Nacken, um die Verspannungen des Tages zu lösen, und da erblickte ich das Sorgenkind, wie es mit traurigem Blick dahinbummelte, immer mit ein wenig Abstand zu uns. Und ich wusste nicht zu sagen, ob es dasselbe Kind war, das ich heute als erstes verloren hatte. Da winkte mir vom Hauseingang die Nachbarin zu und rief mir entgegen: Vorbildlich, eine vorbildliche Familie! Ich zählte durch. Es waren ihrer sieben. Positive Bilanz!, dachte ich und schüttelte der Nachbarin beim Eintreten noch energisch die Hand.

 

Lisa Gollub

 

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17 | Alexander Rall

Bibi ist verlassen

Bibi ist verlassen. Hans ist weg. Hans ist unglücklich. Vielleicht ist Hans so unglücklich, dass er sich gerade woanders bewirbt. Sie spürt eine kleine Angst, weil sie es nicht weiß. Dr. Flachs ist zwar noch da, aber nicht für sie. Hans ist eigentlich für sie zuständig. Das heißt, er sagt ihr, was sie zu tun und was sie zu lassen hat. Das beruhigt sie. Irgendwie. Er ist ihr Vorgesetzter. Dr. Flachs ist eine Nummer höher. Er vertritt Hans ausnahmsweise. Bibi schreibt ihm manchmal Mails, in denen sie fragt, was sie tun und was sie lieber lassen soll. Sie bekommt nie eine Antwort. Manchmal kommt Dr. Flachs vorbei und zuckt mit den Schultern. Da müsse sie warten, bis Hans wieder da sei. Das wisse er auch nicht. Der Laptop will auch nicht mehr. Schon die dritte Installation heute morgen. Bibi trinkt Tee. Der Vorgesetzte und der Laptop behindern ihre Arbeit.

Fürs Nichtstun müsste man eigentlich mehr bekommen als fürs Tun, denkt Bibi. Bibi denkt gerne, aber sie weiß momentan nicht worüber. Vermutlich werde ich vergessen, denkt Bibi und sagt laut: „Aber ich bin noch da.“ Das hört niemand. Sie schaut aus ihrem Büro und sieht alle bei der Arbeit in die Bildschirme schauen. Manche sehen ganz krumm aus. Tut doch nicht so, denkt sie‚ das ist doch die reinste Ignoranz. Am liebsten würde sie die Tür einfach aufreißen und allen mit ihren Vorwürfen überschütten. Arme Bibi, würden sie sagen, was ist nur los mit dir? Das wäre gelogen. Das wäre auch kein Ausweg. Sie seufzt. Stören kommt also nicht in Frage.

Sie überlegt, wie sie ein Zeichen ihrer Existenz in die Welt rausschickt. Vielleicht ein Joke oder ein Musik-Clip. Vielleicht auf Twitter, vielleicht ein Mail an alle. Aber was soll sie schreiben? Ihr seid alle Ignoranten? Das weiß jeder, auch wenn es niemand zugibt. Sie rollt mit den Augen zu den Klängen von Fade away. Sie sieht aus dem Fenster auf die ewige Baustelle eines Viertels, das seitdem sie hier arbeitet entsteht. – Es wird sicher noch weiter gebaut, wenn ich längst weg bin. Aber wohin bin ich dann weg – und bin ich dann auch woanders? Niemand gibt ihr eine Antwort. Das spürt sie. Am liebsten würde sie verschwinden, einfach so. Aber sie weiß nicht wohin. Sie sitzt da und starrt auf ihre Füße. Die waren auch schon mal kleiner, denkt sie und streckt sich. Wer bin ich?, fragt sie sich.

Sie überlegt: Ich muss langsam machen. Ich habe kurze schwarze Haare, blaue Augen und kleine gepflegte Hände. Sie schaut auf sich und auf ihre schicke Jeans. Sie vermisst einen Spiegel. Er würde sie jetzt ablenken. Das weiß sie. Sie sagt sich: Ich habe als Sekretärin angefangen und bin dann zur Assistentin aufgestiegen. Nach fünf Jahren. Keine Bilderbuchkarriere, aber immerhin. Außerdem bin ich schrecklich nett und habe eine klare Denke. Das sagt jeder. Aber davon hat zur Zeit niemand etwas, auch ich nicht. Ich nicht und niemand, denkt sie, ich nicht, weil Niemand, denkt sie, Niemand braucht mich, weil Niemand Niemanden braucht. Ihre Gedanken wiederholen weiter das Wort, Niemand Niemand Niemand, bis es sich anfühlt wie ein Brett, das ihr ein anderer vor den Kopf schlägt. Alle sitzen da. All die Niemande dieser Welt, denkt sie, sitzen draußen in ihren Glaskästen bei der Arbeit und schlagen sich gegenseitig lauter Bretter lautlos vor die Birne. Besonders dumpf ist das Brett von Dr. Flachs. Dick und dumpf. Sternchen, wohin man auch blickt.

Bibi kommt sich vor, wie eine Witzfigur in einem Comic-Strip. „Boing, boing, boing“, sagt sie und schlägt sich auf die Stirn. Sie kommt sich blöd vor. Das ist doch die reinste Ausbeutung, denkt sie. Ich bin doch nicht zum Vergnügen für die anderen da. – Vielleicht doch? Vielleicht sollte ich die anderen auch mal ignorieren. Sie zögert, sie weiß noch nicht wie, aber dann fällt es ihr ein: Einfach mal schnell weggucken, einfach mal etwas überhören, einfach mal den anderen reinquatschen, einfach so tun, als hätte man viel zu tun. Aus Hektik nicht grüßen. Sich alleine hinsetzen. Den anderen nicht ansehen. Oder nur so: von oben herab.

Sie spielt alles durch, gestikuliert im Büro. Sie ist zwar klein, aber eigentlich müsste es jemandem auffallen. Sich schaut sich um. Niemand schaut hin. Das wäre ja eine tolle Firma, wo jeder jeden ignoriert – großartig, denkt sie, was dabei wohl herauskäme, wenn jeder mit jedem ums Ignorieren konkurrieren würde. Aber dann müsste man sich ab und zu dem anderen auch wieder zuwenden, damit das Ignorieren auch wieder ein Ignorieren wäre. Sonst wäre das Ignorieren ja gar kein Ignorieren mehr, sondern… Sie überlegt und erschrickt: Vielleicht werde ich von den anderen ja gar nicht ignoriert, ich meine noch nicht einmal ignoriert. Ich wäre einfach Luft. Oder einfach nichts – sie lacht auf, erschrickt wieder, lacht auf – oder wie ein Satellit der vorbeizieht und wieder verschwindet? Interessant, denkt sie und schaut aus dem Fenster. Überall Stau.

Überall Scharen von Menschen. Ob sich alle genauso fühlen wie sie? Sie würde zu gerne in ihre Köpfe schauen. Das wäre spannend. Aber das kann sie nicht. Und wenn, fragt sie sich, was würde sie entdecken. Vielleicht immer nur mich selber. Das wäre nicht lustig. Das wäre das Ende. Aber das Ende von was? Auch das weiß sie nicht. Vielleicht wäre es eine Freiheit. Sie zweifelt, weil sie es sich nicht vorstellen kann. Vielleicht fällt ihr noch was ein. Sie hofft. Ganz leise.

Sie schaut auf ihre Schublade. Zum Trost hat sie sich ein altes Buch von Donald Duck dort hingelegt. Es ist bunt, aber zerfleddert. Sie blättert darin. Sie kennt jede Geschichte. Sie muss sich nur die Bilder ansehen, dann weiß sie gleich, worum es sich dreht. Das tröstet sie. Herrlich dieser grimmige, gelbe Schnabel und die gelben Entenwatschen. Würde er doch nur aus dem Bild direkt hier hereinkommen, wünscht sie sich. Sie würde ihm sofort die Hand schütteln und Guten Tag sagen. Sie können gleich hier anfangen, würde sie sagen. Ihr Job ist es, die Einstellungsverträge zu prüfen, ihre Richtigkeit zu bestätigen und sie dann Dr. Flachs zur Unterschrift weiterzugeben.

Unterhaltungskünstler wie Sie können wir schließlich gebrauchen. In der ganzen Firma ist nix los, lauter Finanzfachleute. Noch trockener kann man es sich nicht vorstellen. Und jeder ignoriert jeden und manchmal noch nicht einmal das. Wir brauchen Sie dringend, Herr Duck, die Stimmung ist echt auf dem Gefrierpunkt. Gehen Sie einfach durch Gänge und nehmen Sie Ihre Neffen mit, das reicht schon. Alle würden denken, jetzt bin ich verrückt. Das wäre großartig. Alle wären einen Moment lang verrückt. Das würde schon reichen. Nur so zum Durchatmen, zum Freisein. Für einen Moment. – Platz für den Geldspeicher Ihres Onkel haben wir auch. Muss nur noch die Tiefgarage ausgebaut werden, Herr Duck, oder reicht Ihnen Blockchain? Haben wir hier auch im Hause, ganz feine Technologie. Das Gehaltliche regeln wir natürlich ganz nach Ihren Vorstellungen. – Sie deutet einen Knicks an.

Dann füllt sie den Vertrag auf ihrem Laptop aus, fügt Namen, Adresse und Kontonummer ein. Titel: Unterhaltungskünstler mit Prokura. Sie legt den Vertrag zu den anderen Verträgen in die Unterschriftenmappe und bringt sie Dr. Flachs. Dr. Flachs ist da und telefoniert. Er deutet mit der Hand auf den Schreibtisch und nickt ihr zu. Sie legt die Mappe hin und geht zurück in ihr Büro.

Der Quatsch kann mich den Job kosten, denkt Bibi und lacht. Sie setzt sich und wartet. Sie fühlt sich wie gelähmt. Sie will nichts ändern. Nur noch die weiße Wand anschauen. Es ist nichts. Nur weiß. Leuchtend weiß. Die ganze Wand ist weiß. Ihr Inneres auch. Unbeschrieben weiß. Sie spürt ihren Atem, wie er ein- und wieder ausströmt. Es ist nichts, alles ist egal, alles ist gleich. Bibi spürt, wie sie anfängt zu lächeln. Alles ist weiß, auch ich, ich bin ich und die Wand. Ich bin die Wand und ich. Bibi spürt, wie ihr Lächeln stärker wird. Bibi fühlt sich frei – wie noch nie in meinem Leben, denkt sie. Dann sieht sie zur Tür. Sie öffnet sich unendlich langsam.

Dr. Flachs kommt herein und legt ihr die unterschrieben Verträge hin. Bibi lächelt noch immer über beide Ohren. „Na, so fröhlich heute“, sagt Dr. Flachs freundlich. „Einfach so, ein so schöner Tag heute“, sagt Bibi. Er legt ihr die Unterschriftenmappe mit den Verträgen hin. „Die können Sie jetzt rausschicken.“ Dr. Flachs geht wieder in sein Büro. Bibi sieht die Verträge durch. Donald Duck ist eingestellt.

 

Alexander Rall

 

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14 | Sabine Schönfellner

Fahrtenbuch

Am Rückfenster sitzt ein kleines Mädchen in einem grünen Overall und reitet die Straßenbahn um die Kurven, es ruft: „Zwei noch, dann müssen wir aussteigen!“
An der Haltestelle warten viele, mehrmals wird eine Betriebsstörung durchgesagt, als dann doch eine Straßenbahn einfährt, drängen sich zwei junge Männer an einem Rollstuhlfahrer vorbei zur Tür.
Die alte Frau fragt laut, ob sie sich setzen dürfe, wie sie es jeden Morgen tut, der Mann im Anzug zuckt zusammen und steht unter gemurmelten Entschuldigungen auf.
Um einen Sitzplatz angeboten zu bekommen, sollte man schwer atmen, verzweifelt aussehen, am besten älter sein, idealerweise weiblich; ein Buch unter dem Arm und müde Augen reichen dafür nicht aus.
Unter dem Sitz ist Kies eingelagert, an der Endhaltestelle mischt ihn die Straßenbahnfahrerin durch, dann klappt sie den Sitz wieder herunter, ohne dass jemand fragt wozu, sollen damit die Schienen gestreut werden im Winter?
Der junge Mann mit den wirren Haaren, jeden Donnerstag fährt er hier lang, sitzt am Fenster und trommelt gegen das Fensterbrett, er spricht nicht, sondern summt nur, der Platz neben ihm bleibt wieder frei.
Ein Stoß in den Rücken, keine Entschuldigung, nur die Feststellung: „Überall müssens telefonieren“, dann ist die dicke Frau zur Tür draußen, die OP ist gut ausgegangen, danke der Nachfrage.
Es riecht, nach Schweiß, nicht nach Deo, nach Turnhalle, nach schwitzenden Jugendlichen, die einander Brudi nennen und von ihrer Fitnessroutine erzählen, den Mädels hinten im Wagon zurufen, sie sollen ja nicht nach vorne kommen, die Mädels kichern und tragen alle keine Jacken, obwohl November ist, eine Station früher aussteigen als sonst.
Ein kleiner Bub in der Reihe dahinter, der laut schreit, etwas fallen lässt, essen will, singen will, noch lauter schreit, als er sich wieder hinsetzen soll, seine Mutter hat ihn wohl nicht im Griff, beim Umdrehen merken, es kann nicht die Mutter sein, die ältere Schwester hat ihn aus dem Kindergarten abgeholt und sieht sich entschuldigend um, plötzlich Mitleid, mit einer Mutter hätte man das nicht?
Dann wie jedes Jahr dasselbe Spiel, witterungsbedingte Verzögerungen, als ob niemand erwartet hätte, dass es schneien würde, als ob ein paar Flocken und ein halber Zentimeter Matsch schon alles aufhalten können.
Dichtere Flocken, die die Schienen und Straßen einpacken und alles dämpfen, die Autos, die Busse, die Ampeln, die anderen Fußgänger, die mit gesenkten Köpfen vorbeirutschen.
An der nächsten Haltestelle immer noch keine Zeit auf der Anzeige, eine Entschuldigung läuft gelb leuchtend durch, in Dauerschleife, Schneeflockenpixel dazwischen.
Kein Buch dabei, keine Sitzplätze mehr, heute reitet niemand die alten Straßenbahnen. Die Schuhspuren zerrinnen in Matsch.

 

Sabine Schönfellner

 

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13 | Maya Olah

Die Hände aller Männer

Meistens sitzen die Menschen alleine im Auto. Manchmal sind sie auch zu zweit, dann sehe ich nur den, der nicht fährt. Im Wagen vorhin ist ein Hund auf dem Beifahrersitz gesessen. Er war der einzige, der neben sich zum Fenster hinausgeschaut hat. Ich glaube, er hat mich gesehen, wie ich hinter der Leitplanke stehe. Für einen Moment nur hat es so ausgesehen, als würde der Wagen stillstehen, mitten auf der Autobahn, bei über hundert Sachen. Der Hund hatte die Zunge draussen. Dann hat das Auto beschleunigt, wie ein Pfeil ist es vorbeigezischt.

Hinter mir steht der Tankstellenshop, ein grauer Klotz, der auf dem Kopf gelbrote Neonröhren trägt. Rundherum hat es nur Strassenwüste und Gestrüpp. Meine Pause ist schon seit fünf Minuten um, ich muss wieder hinein.

Heute habe ich noch keine grünen Busse gesehen. Bei diesen sieht man nicht, wer fährt, die Fenster sind vorne verspiegelt. Nur die Haarschöpfe der Passagiere, die in den oberen Reihen sitzen, erkennt man von aussen. Ein grüner Bus ist heute Morgen gekommen, zwei Fernbusse fehlen noch. Ich weiss genau, dass sie noch kommen, denke mir aber trotzdem: Heute habe ich noch keine grünen Busse gesehen.

Silvio steht vor dem Tankstellenshop neben den leeren PET-Flaschen und raucht. Er tippt auf sein Handgelenk, an dem keine Armbanduhr ist und schaut vorwurfsvoll. Ich gehe in den Laden, es stehen schon drei Leute vor der Kasse. Entschuldigend lächle ich sie an und bediene die Frau, die als erstes dran ist. Als nächstes ist ein Mann im mittleren Alter an der Reihe. Seine Hände sind gross. Ich erschrecke, etwas an ihm kommt mir vertraut vor, aber schnell merke ich, dass wir uns nie begegnet sind. Trotzdem höre ich mein Herz schlagen, während ich kassiere.

Silvio kommt zurück von seiner Pause, ich rieche zuerst den Tabakgeruch, den er mit sich zieht. Er nimmt das Schild vom Ladentisch. Die Leute, die im hinteren Teil meiner Schlange stehen, wechseln zu ihm. Silvios Piercing oberhalb der Augenbraue reflektiert sich im Röhrenlicht. An meinem ersten Arbeitstag hat er mir alles gezeigt. Wenn gerade keine Kundschaft kam, hat er mich vollgetextet. Er möchte eigentlich nach Berlin, hat er mir erzählt. Aber jetzt sei er in dieser Voralpenregion gelandet. Er brauche Geld, Schweizer Lohn, hat er gesagt und einen Kreis mit Daumen und Zeigefinger geformt. Ich bin froh, dass er aufgehört hat zu fragen, weshalb ich hier arbeite. Immer wenn ich ihn ansehe, zwinkert er mir zu, als hätte er etwas im Auge.

Im Shop läuft immer der gleiche Radiosender, er lässt sich nicht umstellen. Jedes Lied klingt gleich. Es riecht nach Aufbackbrötchen und Keller, auch ein wenig nach Benzin. Mit den Turnschuhen, die ich anhabe, kann ich ewig lange stehen, ohne dass meine Füsse schmerzen. An meinem Firmenshirt ist mein Name angebracht. Ich stelle die Zeitungen des Tages in die Ablage, lege gefrorenes Gebäck aufs Blech, schlage Münzrollen auf. Die Leute trotten herein, viele wie zufällig, andere zielstrebig. Ich kassiere, manchmal weise ich auf Aktionen hin und immer frage ich nach, ob sie getankt haben.

Etwa in einer Stunde kommt der zweite Bus. Jemand wird aussteigen, nur einer der beiden Fahrer. Und den zweiten, den der drinbleibt, den sieht man nicht, weil die Fenster die Aussenwelt spiegeln und das Innere verbergen. Schon das verringert die Möglichkeit beträchtlich.

Ich habe ein Muster bemerkt: Nach etwa einem Monat wird einer der Fahrer ausgewechselt und die Routen neu verteilt. Es könnte jeden treffen, diese Route zu übernehmen, die hier an dieser Raststätte tanken muss. Doch es gibt immer Unregelmässigkeiten. Manchmal ist auch mitten im Turnus ein anderer Fahrer in den Shop gekommen. Vermutlich weil der eine krank war oder noch Ferientage zugute hatte. Ich habe die Fahrer nie danach gefragt, wo der andere bleibt.

Den ersten Bus habe ich verpasst, er ist um sechs Uhr morgens gekommen. Gestern habe ich mir überlegt, ob ich zur Tankstelle fahren soll, nur um die neuen Fahrer anzusehen. Kurz vor dem Einschlafen erschien mir das übertrieben und ich habe den Wecker ausgestellt. Ich bin dann trotzdem um fünf Uhr erwacht, ohne Alarm, einfach von alleine. Ich hätte Silvio sagen können, dass ich den Arbeitsplan falsch gelesen habe, in der Zeile verrutscht bin. Das ist ihm schon passiert. Es wäre nicht sehr verrückt gewesen, wäre ich zur Morgenschicht schon da. Ich bin dann aber nicht

aufgestanden, sondern bin den ganzen Vormittag liegen geblieben und habe auf meinem Handy rumgespielt. In die Uni bin ich auch nicht gegangen, ich habe die Vorlesung versäumt. Manchmal ist es besser zu warten. Nächsten Donnerstag habe ich Frühschicht, dann werde ich den Fahrer des ersten Busses sehen. Der Enttäuschung muss man Hürden bauen und Hindernisse, damit sie den Weg nicht so einfach zu einem findet. So wie man mit Sand gefüllte Säcke neben einem überquellenden Fluss stapelt.

Frau Bürkli, die Chefin, kommt herein. Wir sagen zu ihr Frau Bürkli und sie duzt uns, dass sie das möchte, hat sie beim Anstellungsgespräch klargestellt. Sie schaut mir zu, wie ich an der Kasse stehe und die Leute bediene, dann sagt sie mir, ich soll öfters lächeln. Silvio lächelt nie, aber ihm sagt sie das nicht. Sie läuft an ihm vorbei und verschwindet hinten im Büro.

Die Farbe des T-Shirts, das die Frau trägt, die vor dem Kühlregal steht, sticht mir ins Auge. Ein Grün zum Schreien. Sie ist die erste Fahrerin der grossen Busse, die bisher in diese Raststätte gekommen ist. Nur sie ist ausgestiegen, ich sehe keinen anderen Fahrer neben dem Bus stehen und rauchen. Heute gibt es also nur noch eine Gelegenheit.

Vaters Hände sind Pranken und die Adern stechen hervor. Und ich frage mich, warum ich immer auf die Hände schaue, ich würde Vater sofort erkennen. Schon an der Art wie er vom Bus aussteigen und zum Shop laufen würde.

Die wenigen in der Uni, die wissen, dass ich hier arbeite, fragen mich, ob ich keine Angst habe. Kürzlich wurde eine Tankstelle überfallen. Die Titelseite der Lokalzeitung hat verpixelt schwarzgekleidete Gestalten gezeigt. Auf dem Überwachungsvideo hat man gesehen, dass die Einbrecher dem Verkäufer eine Schusswaffe an den Kopf gehalten haben.

Ich fürchte mich nicht vor Einbrechern. Ich würde es an der Zielstrebigkeit merken, dass jemand im Sinn hat, die Tankstelle zu überfallen. Vorhaben sieht man den Menschen in den Augen an und im Gang. Bestimmt würden sie auch gleich merken, dass ich ihnen alles geben würde. Sie müssten nicht einmal so tun, als wollten sie mich erschiessen. Das ganze Geld würde ich ihnen geben, alle Scheine hinlegen, all die Schokolade, die Zigaretten, den Schnaps und die Rubbellose. Sie müssten nur danach fragen. Ich packe es ihnen sogar in Tüten ein.

Selbst würde ich aber nie was einstecken, obwohl es dafür viele Gelegenheiten gibt, trotz der Kameras in allen Ecken. Hin und wieder starre ich ganz lange in die Objektive, versuche nicht zu blinzeln, das ist meine einzige Provokation. Dabei stelle ich mir vor, dass jemand die Aufnahmen ablaufen lässt und mich anblickt.

In wenigen Stunden kommt der letzte Bus für heute. Von diesem könnte Vater aussteigen, durch die Schiebetür treten und mich sehen. Ich weiss noch nicht, was ich ihm sagen werde, wenn er vor mir steht, hier in der Raststätte vor der Kasse mit seinem knallgrünen Firmenshirt, in dem er bestimmt albern aussieht. Ein Mann mit Bauchansatz und Halbglatze in so einer schreienden Farbe, die gute Stimmung machen soll. An den Oberarmen wäre das Shirt bestimmt zu eng, denn Vater ist stark.

Ich werde so tun, als wäre es ein Zufall, dass wir uns gegenüberstehen. Was genau ich ihm sage, werde ich aus der Situation heraus entscheiden. Was ich jetzt schon weiss, ist, dass ich ganz bestimmt nicht den Preis nennen werde, den er bezahlen muss für das Benzin.

Die Zeit bleibt beinahe stehen im Shop. Immer wenn ich auf dem Bildschirm die Ziffern ansehe, haben sie sich kaum verändert. Besser, ich putze die Plastikbehälter, in denen die trockenen Brötchen drin waren. Zuerst wische ich das Gefäss mit einem feuchten Tuch aus, die Krümel bleiben dran kleben. Dann spraye ich es mit Putzmittel voll und wische es mit Papier nochmals heraus. Das mache ich sehr sorgfältig und gründlich.

Silvio steht derweil an der Kasse. Was machst du heute Abend, ruft er herüber. Ich zucke mit den Schultern und er fragt mich, ob er heute früher gehen kann. Er hat eine Verabredung, aber vergessen, dass er so lange arbeiten muss. Ich zucke wieder mit den Schultern und sage okay.

Das letzte Mal, dass ich Vater gesehen habe, war, als ich in Paris war. Eigentlich war ich nur angereist, um ihn zu sehen, aber am Telefon habe ich ihm erzählt, dass ich wegen einer Studienreise in der Stadt war.

Ich habe in einem hell erleuchteten Café gewartet, welches er ausgesucht hatte. Er ist eine halbe Stunde zu spät gekommen. Als er da war, habe ich bemerkt, dass sein Haar schütterer geworden ist und sich feine Fältchen im Halbkreis um seine Augen gebildet haben. Alles andere war noch gleich – die Art, wie er zur Tür hereingekommen ist, sich gesetzt und sofort nach einem Bier gebeten hat. Ich habe gleich eins mitbestellt.

Er hat mir erzählt, dass er nicht mehr Lastwagenfahrer sei, sondern jetzt Fernbusse herumfahre. Da sei man mehr unter Leuten und die Strecken seien nicht mehr so lange, er könne mehr zuhause sein bei seiner Familie. Als er dann von seinem einjährigen Sohn erzählt hat, konnte ich nicht anders, als mir Vater in klein vorzustellen – seine grossen Hände, seine starken Arme an einem winzigen Körper.

Die Sonne ist bereits untergegangen, ich spiegle mich in der Scheibe, durch die man sonst die Tanksäulen sieht. Es regnet und es kommen kaum noch Leute in den Shop.

Heute ist es kalt, ich esse das Sandwich, das ich im Shop gekauft habe, hinten im Raum. Ich setze mich auf den Drehstuhl und nehme das Brötchen aus der Verpackung. Neben mir blättert Frau Bürkli in Papieren. Ich gebe mir Mühe leise zu essen und keine Unordnung zu machen. Ihre Hände sind ganz weiss und verschrumpelt, obwohl sie noch nicht alt ist. Es sieht so aus, als wäre sie lange im Wasser gesessen.

Um aufs Klo zu gehen, muss ich raus aus dem Shop, an den Tanksäulen vorbei. Ich nehme einen Schlüssel mit, der einen dicken, hölzernen Anhänger dranhat. Das Waschbecken ist so klein, dass mir beim Händewaschen Wasser über die Hose läuft.

Ein grosser grüner Bus rollt an, ich erkenne ihn durch die Spiegelung hindurch. Heute könnte es der Tag sein, an dem wir uns wiedersehen. Die Wagentür öffnet sich, während der Bus noch in Schrittgeschwindigkeit fährt. Schon an der Art, wie der Mann aussteigt, merke ich, dass es nicht Vater ist.

Am Schluss der Schicht wische ich den Boden. Ich fange hinten an, wo die Getränke stehen und wische in Richtung Kasse. Einmal habe ich aus Versehen beim Putzen das Kabel der Tiefkühltruhe herausgezogen. Alles ist aufgetaut. Im Behälter ist flüssige Glacémasse und Spinat geschwommen.

Im Eimer saugt sich der Mob mit Wasser voll, ich klatsche ihn gegen den Boden. Dabei denke ich an die Sandsäcke neben einem Fluss. Ich sage mir, man muss der Enttäuschung etwas in den Weg legen. Wenn ich Frühschicht habe nächsten Donnerstag, vielleicht ist das der Tag, an dem wir uns wiedersehen. Möglicherweise tritt er dann aus dem Bus und kommt in den Laden.

Er hat eine seltsam wackelige Art zu gehen, habe ich gedacht, als er sich im Café von mir verabschiedet hat, aufgestanden und gegangen ist, während ich noch sitzengeblieben bin. Weil sein Oberkörper so breit ist und seine Hüften schmal, sieht es so aus, als würde er ein wenig taumeln. So wie der grosse grüne Bus von vorhin, als er wieder losgefahren ist. Der grosse Kasten, der geruckelt hat und dann stotternd losgefahren ist, so als müsste er sich umsehen, bevor er verschwindet.

 

Maya Olah

 

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08 | Melitta L. Roth

Ihr Schreiben von gestern ist gegenstandslos

Mir ist gestern beim Schreiben doch tatsächlich mein Gegenstand verloren gegangen. Als ich mich an den Schreibtisch setzen wollte, war er noch da, aber dann war er auf einmal weg. Wie weggeblasen.

Ich habe noch ein wenig herumgekramt, bis in die entferntesten Winkel des Gehirns gestöbert. Ohne Erfolg. Andere längst verschollene Sachen sind zutage getreten. Aber nicht das, worüber ich hatte schreiben wollen. So läuft es immer. Du suchst etwas und was anderes tritt an seine Stelle. Mit realen Dingen ist es ebenso. Du suchst deine Bahncard und andere längst vergessene Sachen treten zutage: ein verrosteter Nagel, ein leerer Labellostift oder eine Arbeitsbescheinigung, die dir vor zwei Jahren abhanden gekommen war und die du mühsam beim Arbeitgeber hattest wieder einholen müssen, wegen der Steuer. So ging es immer. Als wäre ein Plan dahinter.

Ich hätte noch ewig nachdenken können, sicher wären noch andere vergessene Ideen aufgetaucht. Fakt war, dass dieser gewisse Gegenstand, über den ich heute unbedingt hatte schreiben wollen, verschollen blieb. Wie ausradiert.
Bloß nicht suchen, das sei der beste Trick, damit Verschwundenes wieder auftaucht, so hatte es mir meine Mutter beigebracht. Und die hatte das von ihrer Mutter.

Egalsein, sagte sie, ist Zauberwort bei jeder Sucherei. Du musst so tun, als ob es dir komplett egal ist. Schreib dir das hinter die Ohren, Dotscha.

Natürlich sagte sie nicht genau das, sondern etwas wie: Bind dir das gefälligst auf deinen Schnurrbart, Dotscha.
Die Redewendungen wurden bei uns noch immer frei aus dem Russischen übersetzt. Und diese mit dem Schnurrbart schien aus einer sehr alten Zeit zu stammen, als die Mushiks noch prächtige Bärte trugen.
Überhaupt war der Umgang mit Sprachbildern in unserer Familie eher kreativ. Wenn etwas erstaunlich war, standen wir davor wie die Kuh vorm neuen Tor. Bei uns waren auch überall Tretmühlen versteckt, wir wurden abwechselnd übern Kamm gekehrt oder über den Tisch gehauen. Vielleicht hatte diese Art, Dinge zu überlisten auch etwas mit unserer Herkunft zu tun? Der Trick, nicht nur Menschen, sondern Dinge bewusst zu schneiden, damit sie nervös wurden und dir hinterherliefen. Willst du was finden, hör auf zu suchen. Gab es dieses Konzept auch im Westen?

Als ich klein war, habe ich mir folgendes darunter vorgestellt: Dinge wollen verborgen bleiben, sie sind wie kleine Kinder. Spielen gern verstecken und freuen sich diebisch, wenn sie nicht gefunden werden. Tust du dagegen so, als würden sie dich nicht im Geringsten interessieren, geben sie ihr Versteckspiel auf und kommen schmollend wieder hervor. Das gilt für Gegenstände wie für Gedanken. Mit der Zeit wird das, was wichtig war, eh wieder angeschwemmt, das ist der Lauf der Dinge. Oft geschieht das ganz unerwartet, in einem unbedachten Moment.
Am allerbesten sei es, so hatte es mir meine Mutter beigebracht, wie es ihre Mutter ihr immer gepredigt hatte, etwas komplett anderes zu tun, beispielsweise sich hinzulegen und zu schlafen. Na warte, denke ich und setze mich aufs Sofa, wirst schon sehen. Mir doch egal, wo du bleibst und ob ich später Lust habe, mich überhaupt mit dir zu befassen, mal sehen, wer von uns sturer ist.

Erst mal ein kleines Schläfschen. Plötzlich erinnere ich mich an dieses Wort. So hatten unsere Eltern das genannt, ein Schläf-s-chen machen, mit falschem s mitten im Wort. Sie hatten diese Art, Worte zu verdrehen oder auszuschmücken, sodass sie unabsichtlich niedlich wurden. Bei uns gab es Millich zum Frühstück oder ein Gast hatte eine Mitbring-Insel dabei und Ohrringe waren im besten Fall mit Steinen verzerrt.
Erst mal also ein Schläfschen halten? Wie lang war das her, dass ich das so gehört habe? Irgendwann, beim Aufwachen, werde ich mich schon daran erinnern, was ich schreiben wollte. Die prophetische Kraft der Träume. In der Antike gab es ganze Traumzentren, wohin Menschen sich zurückzogen, um zu träumen, sich zu heilen, wieder klarzukommen. Ein Retreat auf Delphi, das wärs jetzt.
In einem russischen Märchen schläft der Held auf einem warmen Ofen aus Ton, der den gesamten Raum der Hütte einnimmt und die Lösung kommt zu ihm wie von selbst. In einem anderen bittet die Froschprinzessin den Prinzen, sich keine Gedanken zu machen und sich schlafenzulegen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Schlafen als Lösung eines Problems scheint mir ein eher östliches Konzept zu sein. Zu wenig protestantisch, zu wenig an einem alles bestimmenden Arbeitsethos orientiert. Busy busy bis zum Burnout ist doch die Devise. Wie heißt noch gleich dieser faulenzende Mensch in einem alten russischen Roman? Habs gleich, Oblomow. Ich schau kurz nach, und siehe da, es gibt mehrere Dutzend Synonyme für Nichtstuer im Russischen, einer davon Leshebok oder Lesheboka, also Lieg-auf-der-Seite. Das, was ich gerade mache.
Ich browse weiter, im Deutschen gibt es mehr als 150 Begriffe für Faulpelz. Gewonnen!
Zugegeben, die Lieg-auf-der-Seite-Methode führt nicht immer zum unmittelbaren Erfolg. Vor allem nicht sofort. Es kann Stunden dauern oder sogar Wochen oder Monate, bis der verschwundene Gegenstand sich bequemt, wieder ins Bewusstsein zu dringen. Die Dinge sind bekannt dafür, dass sie solche Spielchen gern in die Länge ziehen. Also musste ich das Spiel mitspielen, um den verfluchten Gegenstand zu reizen. Ich legte mich wieder hin. Vielleicht macht ihn meine mangelnde Aufmerksamkeit mürbe und er tritt zwischen den Falten der Erinnerung hervor? Bis dahin würde mein Schreiben eben gegenstandslos bleiben. Reine Deko. Wobei, Dekoration ist in ihrer Dreidimensionalität doch auch irgendwie gegenständlich. Oder etwa nicht? Während ich so liege, huscht unvermittelt eine wabernde Kontur vor meinem inneren Auge, na, gleich habe ich dich! Ach, doch nicht. Zu flüchtig.

 

Melitta L. Roth

 

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07 | Sophia Fritz

Adventszeit

  1. Türchen

Lars und ich haben heute zusammen unsere Spuren in den Schnee geknirscht. Ich habe ihm gesagt, dass du mir früher immer einen Kalender gemacht hast und ich mir dieses Jahr zum ersten Mal selbst was ausdenken musste.

Die Handschuhe stören, also lasse ich sie irgendwann fallen und hoffe, dass in seiner Halsbeuge kein Tellereisen versteckt ist.

  1. Türchen

Ich habe heute solange Jonas gegen meinen Bauch gepresst, bis er mir erzählt hat, was ihn wirklich nicht schlafen lässt. Danach wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Ich habe ihn noch eine Weile gehalten, aber irgendwann ist er gegangen und ich glaube nicht, dass er wiederkommt.

  1. Türchen

Der Schnee ist wieder weg, aber seit dir bin ich es gewohnt, auf Dinge, die plötzlich verschwinden, nicht mehr zu reagieren.

Ich war im Club, ich war in seiner Hose, er hat meine Hände weggeschoben und meinte: Eins nach dem anderen. Ich dachte: Einer nach dem anderen, und seitdem du nicht mehr da bist, sind alle nur noch Andere nach dem Einen.

  1. Türchen

Mein Herz ist eine Lande- und Startbahn ohne Funktower, d.h. ab und zu Nachricht von Paul: Schön, dass ich mich ab und zu in dir ausruhen darf.

  1. Türchen

Du hast den Zweitschlüssel zu deinem Schrebergarten immer an verschiedenen Orten versteckt und das sagt mehr über dich und das Verhältnis zu deinen Ex-Freundinnen aus, als dir wahrscheinlich lieb wäre.

Ich stand in der Mitte des Raumes und habe vor Enttäuschung angefangen zu heulen, weil ich dachte, dein Lieblingsversteck und ich hätten mehr Gemeinsamkeiten, aber hier ist alles noch genauso ordentlich und aufgeräumt wie vorher.

  1. Türchen

Gestern Abend habe ich noch einen alten Schuh von dir gefunden, mit Schokolade gefüllt und vor die Tür gestellt. Der Hund hat heute Morgen alles aufgefressen. Jetzt liegen wir zu zweit auf dem Boden und haben eine Wette mit dem Schnee am Laufen, wer von uns dreien am längsten liegenbleiben wird.

  1. Türchen

Heute hat Daniel mir durch die Trennwand der Unitoiletten erzählt, dass er mein Herz erobern möchte. Ich weiß nicht, wie er sich das vorstellt. Eine ausladende Wüste zu bezwingen, oder mit Ritterrüstung und Helm und Lanze loszustürmen und ein brachliegendes Feld zu finden.

  1. Türchen

Du hast mich aufgeschraubt wie eine Flasche, du hast deinen Korkenzieher in meinen Schaumstoff gebohrt, wenn du betrunken warst, habe ich dich mein blaues Wunder genannt und du hast den Ausdruck auf die Liste der Klischees gesetzt, mit denen wir uns nicht weiter ruinieren sollten.

Mein Waschbecken fragt manchmal noch nach dir.

  1. Türchen

Julian kennt mich inzwischen aus allen Perspektiven, ich kenne seine Perspektiven und befinde mich in keiner einzigen davon.

 

  1. Türchen

Ich habe Matze heute wieder für deinen Unfall verantwortlich gemacht. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem er mir glauben wird.

  1. Türchen

Ich habe heute an den Türen von Freunden geklingelt, bis einer aufgemacht hat. Ich bin jetzt meistens die, die am längsten irgendwo bleiben will.

Seitdem du nicht mehr mein Zuhause bist, fällt mir der Heimweg schwerer.

  1. Türchen

Drei Leute haben mir heute erzählt, wie viel ihnen meine Ratschläge in letzter Zeit geholfen haben.

Wie viele Türchen muss ich aus den Angeln heben, bis du mich so sehr hasst, dass du eine Petition gegen mich unterschreibst?

 

  1. Türchen

Beinahe hätte ich Oliver gefragt, wie er die Frau vor mir genannt hat. Ich persönlich ändere die Kosenamen der Männer jetzt, als müsste ich mir irgendwas beweisen.

Ich meinte zu ihm, dass es nichts zu sagen hat, wenn ich mir in den letzten Monaten keine Zeit mehr für ihn nehme und dass wir uns deshalb nicht weniger bedeuten.

Aber eigentlich wissen wir beide, dass einer immer mehr Umstände für den anderen eingeht und dass wir seit Jahren noch keine genauere Skala für Liebe gefunden haben.

  1. Türchen

Als ich bei den Kosenamen bis F durchgekommen bin, habe ich angefangen, zu googeln. Wusstest du, dass der erste Name, der angezeigt wird, ‚Herzblatt‘ ist? Es gibt noch 228 weitere lustige Kosenamen für Männer und Frauen auf www.flirtuniversity.de, also muss ich mir in nächster Zeit keine Sorgen machen.

  1. Türchen

Marta versucht immer herauszufinden, wie es mir wirklich geht, also habe ich ihr heute gesagt, dass sie zu dick ist und mich nie ganz verstanden hat, bis sie langsam angefangen hat zu weinen.

Du lässt plötzlich Dinge zu, die wir beide mir früher nie hätten durchgehen lassen.

Die Leute sagen, manchmal suchen einen Geister heim, aber die einzige, die noch nach einem Geist sucht, bin ich.

  1. Türchen

Deine Abwesenheit ist manchmal so präsent, ich würde ihr gerne Biotin-Tabletten geben, damit ihre Haare länger werden und ich sie endlich zu Abendveranstaltungen mitnehmen kann ohne mitleidig angestarrt zu werden.

Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin über das Klofenster nach draußen ge­klettert. Ich habe mich wie die Protagonistin eines Musikvideos gefühlt, für das ich mich selbst schämen würde, es in meiner Playlist zu haben.

  1. Türchen

Heute habe ich versucht, Gott mit einem Kissen zu ersticken, dabei weiß ich doch schon von zwei Dingen, die ganz sicher nicht existieren: Gott und sanfte Gewalt.

  1. Türchen

Tinder, aber für Verletzte. Tinder, aber für Romantiker. Tinder, aber als Kalender. Tinder, bis meine Fehler anfangen, aus mir zu lernen.

  1. Türchen

Heute bin ich mit einem Mann mitgegangen, auf dessen Jacke fett SECURITY draufstand, weil ich dachte, dass man sich sowieso nicht mehr wünschen kann. Ich war zu müde, um mit ihm zu schlafen, und als ich ein paar Stunden später aufgewacht bin, war er nicht mehr in der Wohnung. Den Stempel für den Club lasse ich mir jetzt immer direkt über den Pulsadern geben.

  1. Türchen

Anna hat sich heute in der Mittagspause zu mir gesetzt, weil sie sich Sorgen um mich macht. Anna weiß, dass ich mich früher meinen Problemen immer angenommen habe und jetzt selbst von meinen Problem genommen werde, meistens von hinten. Anna weiß nicht, wie sie mir helfen kann.

Ich vermisse deine Unterschrift auf meiner Daseinsberechtigung.

 

  1. Türchen

Es gibt einen Kurzbefehl, um mich zu öffnen und die Kombination der Tasten wird immer beliebiger. Ich will dir noch sagen: Ich weiß jetzt, du warst der eine Liebhaber, der mich wirklich lieb gehabt hat.

  1. Türchen

Weil in zwei Tagen Weihnachten ist, breche ich heute in den Antiquitätenladen ein und klaue eine Landschaft. Mein Leben ist ein eingefrorenes Bild und wenn alle Linien auf dich zulaufen, bist du immer noch meine Fluchtperspektive, selbst wenn du außerhalb des Rahmens liegst.

  1. Türchen

Ich wollte immer mein Leben in den Griff kriegen aber ich wünschte, ich könnte dich noch einmal mit beiden Händen in den Griff kriegen. Du bist immer noch der Mann meiner Träume und ich würde gerne mal wieder ruhig schlafen.

  1. Türchen

24 Menschen wie Türen aufgestoßen, 24 mal meinen Fuß im Spalt stehen lassen, aber ich finde noch nicht mal das Kellerfenster zu mir selbst, ich ziehe mich aus Affären und kann nicht aufhören dich mitzuschleifen.

 

Sophia Fritz

 

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06 | Martina Berscheid

Bevor alles verschwindet

Papa wartet schon vor der Haustür. Mein Herz schlägt schnell, wie immer, wenn ich ihn besuche. Ich atme tief durch. Steige aus dem Wagen, nehme die Kuchenschachtel vom Beifahrersitz.

Das Gras im Vorgarten ist von Reif überzogen. Eine graue Wolkendecke verhängt den Himmel. In zwei Wochen ist Weihnachten und meine Töchter wünschen sich Schnee.

Ich hingegen hoffe auf einen warmen Winter. Mir graust bei der Vorstellung, Papa könnte die glatte Vortreppe hinunterstürzen.

Papa tapst mir entgegen. Er ist noch dünner geworden. „Hallo Marlene.“

Seine Umarmung riecht nach saurer Milch. Ich wende den Blick ab vom Schmutzrand, der seinen Hemdkragen einsäumt.

Wie immer erkundigt er sich zuerst nach Uwe und den Mädchen, und ich muss ihm versichern, dass es allen bestens geht.

Er nimmt mir den Kuchen ab. „Brauchst dir doch nicht solche Umstände zu machen“, murmelt er, aber ich sehe am Leuchten seiner Augen, wie sehr er sich freut. Auch wenn es meine Backkünste bei Weitem nicht mit denen meiner Mutter aufnehmen können.

Im Flur riecht es nach nasser Wolle. Ich stelle ein umgestürztes Paar verdreckter Gummistiefel auf, gehe in die Küche und unterdrücke ein Seufzen. In der Spüle stapelt sich Geschirr, der Herd ist übersät mit Soßenspritzern, der Boden fleckig. Aus dem Mülleimer hängt eine Bananenschale wie eine ausgestreckte Zunge.

Als ich das letzte Mal anbot sauberzumachen, wurde Papa wütend. Auch von einer Putzhilfe wollte er nichts wissen. Seitdem schwelt das Thema zwischen uns, und beide haben wir Angst, dass es erneut aufflammt und wir uns daran verbrennen.

Ich öffne den Kühlschrank, wo ein Stück Käse und zwei Möhren vereinsamen, und stelle den Topf mit Suppe hinein, die ich ihm vorgekocht habe.

Im Küchenschrank finde ich löslichen Kaffee und glücklicherweise noch sauberes Geschirr. Ich setze Wasser auf, schütte Kaffee in die Tassen und hole den Kuchen aus der Form.

Die Eckbank quietscht, als Papa sich setzt.

„Ach Marlenchen“, seufzt er. „Gedeckter Apfel.“

Er strahlt mich an, und ich streiche ihm über den Handrücken.

Der Kessel pfeift, ich gieße Wasser in die Tassen. Aus meiner Tasche hole ich eine Packung H-Milch. Fehlen nur noch die Gabeln.

Die Besteckschublade ist leer. Ich ziehe ein Schubfach nach dem anderen auf, irgendwo werden doch noch zwei saubere Gabeln sein.

„Lass doch, Marlene. Essen wir den Kuchen halt auf der Hand.“

Ich reiße die letzte Schublade auf. Und erstarre.

Statt Besteck finde ich ein Schreibheft. Mamas Name steht darauf. In ihrer Handschrift. Ich nehme es heraus, halte es hoch.

„Was ist das?“

Papa senkt den Kopf. „Ich hab es vor ein paar Wochen da drin gefunden.“

Ich setze mich zu ihm an den Tisch. Schlage das Heft auf.

Bevor alles verschwindet.

Ich muss schlucken und lese trotzdem weiter.

Heute war Marlene mit den Mädchen da, Lisa und Alina. Das weiß ich nur, weil Marlene sie so angesprochen hat: Lisa und Alina, zeigt mal der Oma, was wir ihr mitgebracht haben.

Ich hatte ihre Namen vergessen. Dabei sind sie so schön.

Ich erinnere mich an jenen Nachmittag, weil es da anfing. Sehe meine Mutter vor mir, wie sie da saß, den Blick auf ihre Enkelinnen gerichtet. Ein Blick wie eine offene Wunde. Weil sie ahnte, dass ihr Geist zerfallen würde.

Ich blättere weiter, lese quer. Alltagsbeschreibungen und Eindrücke. Ein herrlicher Herbsttag. Himbeertorte! In dem Stil. Von Seite zu Seite wird die Schrift krakeliger. Wörter weichen Zickzacklinien und werden durch hilflose Umschreibungen ersetzt: roter Baum statt Ahorn.

Später klaffen ganze Lücken in den Zeilen. Irgendwann hat Mama mitten im Satz abgebrochen. Die Leere, die dahinter gähnt, offenbart ihre ganze Verzweiflung über das zunehmende Nichts in ihrem Kopf.

Die Trauer schlägt mich mit voller Wucht. Ich schließe die Augen, aber die Tränen kommen trotzdem.

Plötzlich fühle ich Papas Hand auf meiner Schulter.

„Ich konnte es nicht wegwerfen“.

Seine Stimme vibriert.

Mit Hingabe hatte sich Papa, obwohl er gerade einen Schlaganfall überwunden hatte, an der Betreuung meiner Mutter beteiligt. Seit ihrem Tod schwindet ihm die Kraft.

Seine Hände zittern.

„Komm, wir essen Kuchen“, schlage ich vor. „Ich habe ihn nach ihrem Rezept gebacken.“

Er nickt, als wäre das ein Trost. Wir essen mit den Händen.

„Sie fehlt mir so, Marlene.“ Die Worte rieseln leise aus seinem Mund.

„Papa. Möchtest du nicht doch zu uns ziehen?“

„Nein.“

Mit dem Zeigefinger schiebt er ein paar Krümel auf dem Teller hin und her. „Ist lieb von euch, aber … Manchmal bilde ich mir ein, sie ist noch da. Dann hör ich ihr Lachen, ihre schnellen Schritte.“

Ich lege meine Hand in seine. Seine Haut ist rau, übersät mit hornigen Zähnchen. Sie verhaken sich in meiner Handfläche, als wollten sie verhindern, dass wir uns voneinander lösen.

„Dann komm wenigstens über Weihnachten. Bitte, Papa.“

Er wiegt den Kopf hin und her.

Plötzlich fallen mir die Sterne aus Goldpapier ein, die meine Töchter für ihn gebastelt haben. Ich ziehe sie aus der Tasche.

„Ach.“ Seine Finger streichen über die krummen Zacken, sein Blick driftet weg, zu einer Erinnerung, vielleicht daran, wie meine Mutter zur Weihnachtszeit das Haus schmückte, mit Tannenzweigen und Strohsternen, Kerzen vor den Fenstern.

„Na gut.“ Er räuspert sich. „Aber jetzt musst du zu deiner Familie.“

Er hat recht. Draußen dämmert es schon. Er steht auf, taumelt, und ich packe ihn gerade noch rechtzeitig. Er sieht mich an, und seine Augen spiegeln meine Furcht: vor dem Tag, an dem er stürzen und ich ihn hier leblos finden werde.

„Bis nächste Woche.“

Papa umarmt mich, wir halten uns ein paar Sekunden.

Wie immer schließt er hinter mir ab. Ich weiß, dass er mir durch das Glas der Haustür nachschaut, bis mein Wagen hinter der nächsten Kurve aus seinem Sichtfeld verschwindet.

 

Martina Berscheid

 

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04 | Nina Radzwill

Im Spiegel des Feuers

Zerrissen.
Hin- und hergerissen.
Aus Gedanken gerissen hast du mich.
Als du auf einmal vor mir standest
mit nassen Klamotten,
dreckigen Schuhen und müden Augen.

Wie nach einer langen Reise, auf der du nicht das finden konntest, was du vergessen hast zu suchen. Dein Blick und dein Körper verrieten mir schon längst, was deine sanftmütige, zerbrechliche Stimme sich nach einer Weile Schweigen zu fragen traute: „Darf ich heute vielleicht bei dir schlafen?“

Du brauchtest eine Pause. Auch ich hatte den Stift schon lange nicht mehr abgesetzt. Nie hätte ich gedacht, dass du derjenige sein könntest, der mich mit einer leichten Berührung davon abhalten würde, wieder und wieder all die neu beschriebenen Seiten zu zerreißen und zu verbrennen, während ich mit krampfhafter Kälte die Flammen beobachtete. Die Glut. Wie alles zu Asche wurde.

Nein, wir saßen gemeinsam am Feuer und zum ersten Mal sah ich nicht die Zerstörung, sondern begriff die beflügelnde Wirkung, die es mit ihren knisternden Funken über uns hat regnen lassen. In deinen Armen. Wir saßen stundenlang dort, lasen uns gegenseitig vor und schauten den Flammen beim lieblichen Lodern zu. Der Glut. Der Asche. Nicht, wie eines zum anderen wurde; nicht, was vorher war und was bald sein würde. Nein. Wir sahen das Licht: das Gelb, das Weiß, das Blau. Wir spürten die Wärme, fühlten den Wind, atmeten die leicht nach Rauch schmeckende Luft. Wir fragten nicht danach, woher wir kamen oder wie wir nach Hause kommen würden, wo „Zuhause“ ist oder wie es auszusehen hatte. Wir sahen nicht, wer wir einmal waren oder wer wir eines Tages sein wollen. Wir sahen uns.

 

Nina Radzwill

 

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03 | Barbara Rieger

In Vent

30m unter dem Schnee!, hat die Wirtin am Morgen beim Frühstück gesagt und dass sie nicht verstehe, was die Leute abseits der Piste suchen. 30cm reichen, um zu sterben, hat meine Mutter später am Telefon behauptet und dass sie kommen werde, dass sie mich nicht alleine lassen will, dass sie nicht alleine sein will zu Weihnachten und ich will nicht glauben, dass man so nahe an der Oberfläche ersticken kann, aber andererseits, denke ich, in der Badewanne geht es auch.

Ich gehe vorbei an der großen Tanne, vorbei an Hotels, vorbei an einem Schlepplift, der mit keinem der anderen Lifte verbunden ist und mit dem niemand fährt. Ich gehe den Hang hinauf, den Weg entlang auf gefrorenem Schnee, gehe immer weiter hinein ins Tal. Bis zum Schluss will ich gehen oder zumindest bis zur Hängebrücke. Es ist der Wind, der mir die Tränen in die Augen treibt, nur der Wind.

Über Entscheidungen denke ich nach, während mir das Gesicht einfriert und darüber, dass ich dich haben wollte so wie du mich, darüber, dass man im verliebten Zustand keine Entscheidungen treffen sollte und dass mir die Gemeinplätze nicht mehr weiterhelfen.

Auf der Kuppe des Hanges ein Hund, er läuft bellend auf mich zu, hinter ihm die Frau, ruft ihn zurück, er folgt. Dass er nur spielen will, sagt sie nicht, aber dass er die Leute noch nicht gewohnt sei, dass er zu Beginn der Saison alle Fremden anbelle, bevor er sich dann an sie gewöhne und dass es nicht mehr weit sei bis zur Hängebrücke. Hunde, die bellen, ein weiterer Gemeinplatz in meinem Kopf, denke ich und dass du dich vielleicht an mich gewöhnt hättest, wenn ich andere Entscheidungen, andere Sätze, wenn ich also anders, denke ich und komme fast nicht voran, sinke fast ein, bleibe fast stecken, fühle mich blind.

46m auf die andere Seite, 31m in die Tiefe, denke ich, greife nach dem Geländer, halte mich fest, gehe Schritt für Schritt über den Abgrund. In der Mitte drehe ich mich mit dem Rücken zum Wind, ziehe das Handy aus meiner Tasche und rufe dich an.

Dass du das Unmögliche willst, sagst du, eine Frau, zu der du dich drei Tage lang ins Bett legen und dich geborgen fühlen kannst, eine Frau, die dich nie fragt, wo du an den anderen Tagen gewesen bist. Dass du eines wirklich gut kannst, sagst du, einer Frau zu vermitteln, dass sie die einzige, die beste, die schönste sei, das habe eine Freundin zu dir gesagt, aber das Problem, habe sie gesagt, und ich spüre, dass es erst wenige Stunden her ist, das Problem aber, was wenn die Frau draufkommt, dass sie nicht die einzige und schlimmer noch, was wenn es aufhört.

23m auf die andere Seite, 31m in die Tiefe, denke ich, meine Finger gefroren, gefroren meine Gefühle, und dass ich wegen dir sicher nicht von einer Brücke, in einer Badewanne, natürlich nicht. Ich gehe weiter, der Wind hat sich gedreht.

Der Mann, den ich wegen dir verlassen habe, hat mir das mit dem Wind erklärt, mit der Luft im Alpenvorland und der Luft im Tal, die sich schneller erwärmt und schneller abkühlt, dass aufgrund dieser Temperaturunterschiede der Wind untertags ins Tal hinein und am Abend aus dem Tal hinaus und ich denke, dass es umkehrt sein sollte who's left and who's leaving, dass es doch umgekehrt war, dass immer ich es war, die gegangen ist.

Ich kann das Dorf erahnen in der Dämmerung, das Dorf mit den Häusern, die alle Hotels sind, mit den wenigen Einheimischen und den Fremden, die erst nach Weihnachten kommen werden. Ich denke an letztes Jahr, als mein Mann den Rollstuhl mit meinem Vater zum Christbaum geschoben hat, wie hilflos, wie harmlos mein Vater am Ende, denke ich und dass ich vergessen hatte, meinem Mann etwas zu schenken, dass ich damals alles vergessen hatte. Dass ich nach Hause will und nicht weiß, wo das ist.

Die Straße mündet in die Dorfstraße, wieder stehe ich vor der Tanne, sie ist mit Lichtern geschmückt, über der Straße hängt ein Doppelsessel vom Sessellift, er baumelt hin und her. Im Gastraum des Hotels sitzt meine Mutter, springt auf und umarmt mich.

Der neue Sechser-Sessellift, hat die Wirtin beim Frühstück erzählt, ist secondhand, Kuppel hat er keine. Bis jetzt war er immer gesperrt, der Wind zu stark, doch meine Mutter und ich, wir haben Glück, wir fahren bis nach oben, fahren Ski, Ski fahren haben wir nicht verlernt, Ski fahren können wir, Ski fahren hat uns der Vater beigebracht. In der Hütte rufe ich den Mann an, den ich verlassen habe. Ich wünsche ihm Frohe Weihnachten und sage ihm, dass ich ihn gern habe, sehr gern. Dass ich nach Hause kommen soll, sagt er nicht, aber dass er mich gern hat, sehr gern und Frohe Weihnachten. Es ist der Schmerz in meinen Zehen, der mir die Tränen in die Augen treibt, dieser Schmerz, wenn Gefrorenes auftaut.

Nach dem Weihnachtsmenü, nach fünf Gängen, einer Flasche Wein und zwei Stamperln Schnaps, gehen meine Mutter und ich die Dorfstraße entlang, vor der Tanne bleiben wir stehen. Ich habe ihn, sagt meine Mutter plötzlich, trotz allem immer geliebt und dass es so unvorstellbar sei, dass er nicht mehr da. Ich sehe die Tränen in ihren Augen und nehme sie in die Arme. Eingehängt gehen wir weiter, unter der Sessellifttrasse durch, bis zur Kirche.

Während der Christmette schiebt mir mein Sitznachbar ein Gesangsbuch zu. Als ob ich singen würde, als ob ich jemals singen könnte, ich warte auf das einzige Lied, das ich singen kann, und führe uns nicht in Versuchung, ein Ohrwurm, auch den Text kann ich auswendig, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und als es dann Zeit zur Kommunion ist, stehe ich auf. Meine Mutter flüstert mir zu, und niemand kann so laut flüstern wie meine Mutter: Hast du deine Sünden gebeichtet? Ich nicke und frage mich, ob sie vergessen hat, dass ich längst aus der Kirche ausgetreten bin.

Nach der Mette zünde ich Kerzen an. Eine für meinen toten Vater, eine für dich, eine für meinen Mann. Ich öffne die Kirchentür, der Wind bläst mir entgegen, bläst, denke ich, alle Kerzen aus.

 

Barbara Rieger

 

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02 | Rebecca Heinrich

So ist es

Sie zu verlassen. Also: zu gehen, den Schlüssel in der Tür umzudrehen und in den Garten hinauszutreten. Nicht nur in den Garten. Darüber hinaus. Auf die Straße, unter die Straßenlaternen, neben dem Bordstein stehen. Und: zu gehen. Wohin eigentlich? Das wird unbeantwortet bleiben. Es wird auch nicht darüber nachgedacht. Das ist ja, was es ausmacht. Am Anfangspunkt losgehen und nicht zurückkehren, um wieder zurückzukommen, nur eben woanders, also: an einem anderen Anfangspunkt. Die erste Station wieder aufzusuchen eine Niederlage.
Oder doch bei ihr zu bleiben. Also: zu gehen, den Schlüssel in der Tür umzudrehen und über den Garten einzukehren (heimzukehren wollen wir nicht sagen, das steht an diesem Punkt noch zur Debatte). Nicht nur über den Garten zu gehen, sondern ihn zu überwinden. Das Gras sich aufrichten lassen. Der Impuls, eine Narzisse zu pflücken und mitzubringen. Wem eigentlich. Dem Schreibpult? Oder doch dem Küchentisch? Dann doch nicht. Also: das Ertasten des Loches; und wieder passt der Schlüssel nicht auf Anhieb. Der erste Schritt am Laminat (bezeichnend für das Alter; es war ja nicht genug Geld vorhanden, das wird auch so bleiben).
Den Boden rausreißen wollen. Oder doch lieber drin lassen. Die verleimten Bretter herausreißen und sie dann wieder verlegen, bloß anders. Am liebsten das Gras im Garten wachsen lassen. Wild wuchernd. Das will sie doch. Das hat sie gesagt. Das hat sie gesagt und gewollt und dabei aus dem Fenster gesehen, am Brett die Handfläche abgestützt, ihr Blick auf den fallenden Fliederblüten, bedächtig. Die Atmung verdächtig.
Ich habe ihren Nacken geküsst und sie hat das Fenster geöffnet.

Das Geschirr abspülen, die Hemden zusammenlegen (weiß mit etwas Spitze: der Sommer wird versprochen sein). Dort der Küchentisch: Ihre Packung Zigaretten, eine halb gerauchte wieder hineingesteckt, wir müssen sparen, weißt du, davon kannst du nicht leben, das wird nicht gehen, ich verdiene auch nicht so viel und du weißt ja. Du weißt ja. Hilfe, die kostet. Ja, es kostet. Und wenn schon.
Das Fallobst einsammeln, die Brennnesseln ausreißen, der Löwenzahn. Gelbe Pollen an den schwarzen Handschuhen, der Flieder wirft Halbschatten auf den Boden. Daneben Sonne auf den zerfallenen Blüten. Den Sommer bemerkst du erst, wenn er dich aus dem Haus treibt. Dort der Gartenstuhl. Ein paar Bücher: Schlag, Gavalda, Hermann. Angelesen. Zwei, drei Sätze unterstrichen. Also zwölf Seiten gelesen und jeweils zwei, drei Sätze hervorgehoben. Gelbe Pollen auf dem schwarzen Bezug. Dort ein Loch. Nicht vom Lesen.

Das Haus zu verlassen. Das Schlafzimmer, das Einzelbett mit zwei Decken, mit zwei Kopfkissen und zwei Gläsern. Ungemacht, umgeschlagen und unberührt seit dem Morgengrauen. Bedeutet: dem Boden mit den Fotos, Notizblöcken, Wanderführern, Artikelseiten, Zeitungsausschnitten und Werbeprospekten nicht zu antworten. Die Papierstapel zu verlassen. Dann: ihr Zimmer. Ihr Brillenetui, das Buch auf dem Schemel, den roten Filzstoff vor das Fenster geklebt, der Streifen Licht, der trotzdem auf dem Sitzkissen liegt. Der Staub an den Leinwänden und die offene Tür des Schranks. Der Ärmel eines Pullovers über dem Holz. Gelbe Pollen darauf.
Der Flur, die Bilder ohne Rahmen, die Pflanzen ohne Vase (nur der Topf, es wird nicht mehr Erde geben), das Badezimmer, sogar die Badewanne, das Oliv, überall, der Spiegel mit den Spritzern, die graublauen Fliesen, die Stiege. Die Stiege, die knarrt bei jedem Schritt, der die dritte Stufe reizt; die protestiert, jedes Mal, wenn du nach oben willst, in ihr Zimmer. Als ob die Stufe ein Recht hätte darauf. Als ob sie recht hätte. Als ob.
Dieses Haus also. Mit dem Küchentisch in der Mitte, darum die zwei Stühle, der Geschirrspüler. Ich benutze den nie. Sie schaltet ihn an, ich verstehe nicht warum. Ich verstehe nicht, warum sie das tut. Ich habe noch nie verstanden, warum die zwei Stühle genau so stehen und sie den Geschirrspüler daneben benutzt, wenn ich das Geschirr mit der Hand abspüle. Als ob.
Aber der Garten. Die Terrasse mit dem Steinboden, der Wildwuchs, ja sogar das Fallobst. Ja sogar der Löwenzahn. Aber der Flieder. Sie steht draußen in diesem Halbschatten, als ob sie es sich ausgesucht hätte, dass die Sonne genauso fallen wird. Dass der Flieder genauso stehen wird, wenn sie sich diesen Platz im Garten erwählt. Ihr Garten. Nicht meiner. Mir gehört der Gartenstuhl. Und die Bücher. Zwölf Seiten gelesen, zwei, drei Sätze hervorgehoben. Der Name darin. Es kostet.
Ich habe gesagt, ich habe Angst vor morgen. Was, wenn es nicht hilft. Wird es, sagte sie, es ist nicht nötig, Angst zu haben. Sie legt meine Hand in ihre. Gelb, von den Pollen. Und wenn schon.

Zurückzukommen und die Narzissen sehen. Sich zu ihnen hinunterbeugen. Die Knie im Gras, es ist schon länger geworden, jetzt kann man es plattdrücken. Siehst du, es richtet sich auf. Das tut es immer wieder. Zumindest: Es tut so als ob. Vielleicht bleibt es auch, dort. Und begrüßt den Halbschatten. Wenn ich weg bin. Wenn ich die Narzissen geschnitten und zu einem Bund geflochten habe. In eine Vase gestellt. Ohne Erde, aber mit Wasser. Auf den Küchentisch. Oder besser in ihr Zimmer? Sie müsste mal Staub wischen. Aber dafür wird erst später Zeit sein, danach, also nachher, wenn es vorbei ist. Wenn es nichts mehr kostet.

 

Rebecca Heinrich

 

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