Smalltalk, bebildert

Ergrauen
Verlernt man
Jedes Haar hält
Was es nicht verspricht
Fallweise

HIER FEHLT EIN FOTO, DAS ICH NICHT MACHEN KONNTE: Vater und Sohn in der Tram. Der jüngere, den Kopf entspannt auf der Schulter des Älteren, liest in einem dicken Buch aus Papier, Der Ältere hält ein Tablet vor sich wie ein Buch, kramt dann seinen Telefoncomputer hervor, sagt etwas zu dem Jungen, das ich nicht höre. Der Junge taucht unwillig auf: Das brauche ich nicht, sagt er, das habe ich mir schon abgeschrieben. Wahrscheinlich etwas für die Schule. Der eigene Sohn mag auch lieber Formulare mit der Hand ausfüllen als im Rechner. Vielleicht ist die Zukunft gar nicht so eindimensional wie wir uns manchmal glauben machen.

Zugehör

Immer wieder dieses halbe Zugehören, diese Unfähigkeit, voll dabei zu sein, zum Beispiel beim Handballspiel des Sohnes, bei dem mir eine Mutter einen Krachmacher in die Hand drückt, und ich weiß, ich werde ihn nicht verwenden, werde nur zaghaft klatschen, wenn ein Tor fällt, zwischendurch viel zu viel nachdenken, beobachten, dieses unablässige Beobachten, bei dem mir das meiste entgeht, weil ich zu tief grabe in meiner Seele. Oder bei der Arbeit, sogar bei meiner Ehe gehörte ich, bis sie zerbrach, nur halb zu mir, zu uns, zu ihm. Unsicher, ob es sicher ist.

Ich sitze mit der Kapuze in meinem Café und schreibe in meinem Buch. Die ganze Zeit bin ich, schreibe ich, auf der Suche nach Zugehörigkeit, finde sie in den Zwischenspielen, die die Zeit bietet, die ich mir erkämpfe, manchmal erzwinge, in temporären Gruppen, im Nützlichsein, das durch Tun erfolgt: Zugehörigkeit gibt es für mich nur im Nützlichsein. Zugehörigkeit ist Tun. Deshalb kann ich nie stille sein, nicht ruhen, außer bei Gott, wo ich fraglos zugehörig bin, wenn ich das glaube.
Angst fließt in Wellen, wie warme Luft aus U-Bahnschächten, Klimaanlagenfurze, wallt mich an, von der Seite, von hinten, von vorn, hinterlässt im Verschwinden ihre Spur in meiner zusammengepressten Hand (keine Faust, nur die Idee einer Faust), in meinem mahlenden Kiefer, den ich nicht locker kriege, egal, was ich versuche, Achten machen, wie der Physiotherapeut riet, oder gucken wie eine Kuh. Fehlende Zugehörigkeit verursacht diesen leichten Schwindel, als zöge jemand, den ich nicht kenne (nur zu kennen meine) am Stuhl unter mir, lässt dann davon ab, bevor ich fallen kann.

Schreiben ist Notwehr.

Es gibt diese Sinnlosigkeit. Sie ist unleugbar (und lässt sich leicht behaupten, wenn man den Magen voll und ein warmes Schlafzimmer hat). Diese Sinnlosigkeit meines Strebens, des Strebens meiner Kinder. Was wollen wir damit? Was erhoffe ich mir von all meinen Gedankensprüngen? Heute leben wir und morgen sterben wir. „Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?“, fragt der Prediger, „alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ Diese Verse lassen sich lesen als Mahnung, als deprimierende Zusammenfassung, als Trost, weil es immer schon so war und so sein wird – oder als Augenzwinkern, denn wenn alles sinnlos ist, ist auch nichts sinnlos. Wenn nichts Bedeutung hat, hat alles Bedeutung. Auch mein nichtiges Sehnen, mein haltloses Versuchen und Suchen, so vergeblich, da ich mich nicht geben kann, ohne mich zu verlassen.

Es gibt eine beständige, besänftigende, oder irre machende Wiederholung. Essen, schlafen, arbeiten, wieder schlafen, aufräumen, traurig sein, müde sein, vergeblich sein oder nicht in der Versuchung, Dieses Eine Wichtige nur noch nicht gefunden oder erkannt zu haben. Und die Ahnung, die zur Gewissheit wird: Das Eine Wichtige existiert nur als Qual, als Nichtvorhandenes, als Wunsch. Eine Schimäre, die ablenkt von den wirklich wichtigeren Dingen, wobei dieses „wirklich“ unzulässige Behauptung und Propaganda ist.

Meine Müdigkeit macht mir zu schaffen, meine luxuriöse Müdigkeit, die an Erschöpfung grenzt und sich wünscht, irgendwie, Erschöpfung zu sein, oder zu werden, eine Rechtfertigung für eine Pause in diesem unleugbar sinnlosen Strebenleben, das Sinn nur aus sich selbst schöpfen kann:

Aus dem Heben des Kopfes, wenn jemand mit lauten Schritten vorbeigeht.

Aus dem Streichen über das Haar eines bald erwachsenen Kindes.

Aus der dummen Gewissheit, dass es egal ist, wenn es egal ist, solange du dein Bestes tust und gibst und bist und denkst und schreibst, auch wenn du keine Ahnung hast, oder höchstens eine Ahnung, was dieses „dein Bestes“ sein könnte.

Menschen sprechen in mein Gehirn, blockieren die Sehnsucht, dass jemand seinen Arm um mich legt, jemand, dem ich angehöre. Wer könnte das sein? Wer könnte ich sein?

Ich putze mir die Nase, lasse die Kapuze wie einen Schutzwall auf meinem anstößigen Kopf und wehre den Kommentar eines Bekannten ab. „Sieht gut aus“, oder Ähnliches sagt er, als müsse er mich bewerten, als müsse er mir Mut zusprechen, als müsse er behaupten, dass ich dazu gehöre, zu irgendetwas, und sei es zu denen, die sich von ihm bewerten lassen. Er meint es nicht böse. Er meint es nicht gut. Er meint gar nicht mich, doch ich mag ihn im Moment nicht sehen, mag nicht gesehen werden, mag nicht reden, mag nur nicht allein sein in dieser kurzen Zeit meiner Demütigung, meines Hochmuts.

Niemand hält, was er verspricht, auch ich nicht. Aber wenn da jemand wäre, der auf die richtige Weise in der richtigen Zeit seinen Arm um mich legt, wäre mir mehr geholfen, als ich verweigern kann. (Und all dies schreibe ich nur, um es wieder zu lesen, später, morgen, unverständliches Zeug, um mich zu vergewissern, dass ich ein Herz habe, das schlägt, auch wenn ich nicht mehr weiß, wie sich das anfühlt, wenn mir jemand den Arm um die Schulter legt und tatsächlich mich meint, und sich. (Schreiben ist vergebliche Kommunikation mit dem Nichtschreiben.) Das aushalten. Aushalten, dass ich das aushalte.

 

Existenz

Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. Immer durch dieselben Straßen gehen und warten, bis man etwas entdeckt. (…) Zu Beginn mag es langweilig sein, weil man es nicht beherrscht. Später kann man erfahren, daß Geist in der Welt ist. Immer die gleiche kleine Menge. (Ilse Aichinger)[1]

Im Café. Eine runde junge Frau, schwarze Jacke, schwarzer abgenutzter Rucksack mit eddingweißen Peace-Zeichen, schwarze Jogginghose, helle Turnschuhe, dunkle Haare, dicke Brille spricht mich mit heftigem Lispeln an: Ob ich eine ihrer Postkarten haben möchte? Ich frage nach dem Preis. Drei Euro. Kitschige Motive, zu denen mir keine Verwendung einfällt. „Alles Liebe“ in erhöhten goldenen Buchstaben mit einer erhabenen lila Blume. „Herzlichen Glückwunsch“ mit Glitzerglanz. Ihr Schweißgeruch ist stark, aber nicht unangenehm. Im Moment brauche ich keine Postkarte, sage ich. Sie wünscht mir einen schönen Tag und drängt sich weiter. Ich sehe, wie sie Absagen kassiert, freundlich aber bestimmt sagt ein Gast nach dem andern Nein, schüttelt den Kopf, schaut sich ihre Werke nicht an. Meine Augen füllen sich mit diesen Tränen eines Berührtseins, das ich nicht immer vermeiden, nicht töten kann, denn es ist da, lauert auf meine Unaufmerksamkeit, damit ich ihm nachgebe.

Ich winke sie zurück. Sie freut sich, quetscht sich zu meinem Tisch, streift dabei einen Zeitungsverkäufer in dem engen Raum, gibt mir ihre Karten zur Ansicht. Sie erklärt, wie sie sie herstellt. Sie mache alles selbst außer der Schrift – die schneide sie aus und klebe sie drauf. Ihre Offenheit besiegt mich. Nun kramt sie auch die schon überholten Valentinstags-Motive aus ihrem Rucksack. Rote Herzen und lächelnde Gesichter. Sie macht den Eindruck, dass sie gern über ihre Arbeit spricht. Und dass sie glücklich ist. Zuversichtlich. Als wäre alles in Ordnung und das Leben okay. Die drei Euro pro Karte scheinen weniger wichtig zu sein als die Informationen zum Werk – der Austausch. Ich schaue nur flüchtig und wähle die lila Blume mit „Alles Liebe“. Sie wechselt flink bei der Kellnerin den Zehn-Euro-Schein. Ich weiß nicht, ob ich mich beim Kauf ihrer Postkarte, die ich nicht leiden kann, gut fühle oder schlecht oder beides. Ob ich überheblich bin, weil ich etwas aus einem vagen Mitgefühl heraus erwerbe, damit sie nicht abgewiesen das Café verlässt. Ob meine Unehrlichkeit gerechtfertigt ist. Sie verabschiedet sich, schenkt der Kellnerin zwei Karten. Auch ich verlasse bald nach ihr das Café, sehe den großen, alten, stinkenden Mann mit dem verschlissenen Tarnfarbenmantel, dem weißen Bart, den schweren Plastiktaschen, die seine Arme zu Boden ziehen. Neulich stand er an der S-Bahntreppe und wirkte, als würde er gleich starten, oder sterben. Er stand lange und schaute, und ich drängte mich an ihm vorbei, wollte schnell weg, mein schlechtes Gewissen drückte, oder die Neugier, ich drehte mich nach ihm um, aber wollte mich nicht hineinziehen lassen in meine Phantasien von Unglück und verschloss mein Herz und existierte nicht. Jetzt steht er an der Straße wie eingefroren, obwohl kein Auto kommt, und scheint zu überlegen, was er da soll. Wie es weiter geht. Ich überlege, ihm zwei Euro zuzustecken, aber vielleicht will er das gar nicht. Vielleicht bettelt er nicht. Ich zögere von ferne. Da kommt er in Bewegung, überquert die Straße mit festen Schritten, biegt zielstrebig in eine Straße ein. Vielleicht wohnt er unter der S-Bahn-Brücke, denke ich ziellos, lasse von ihm ab und fahre nach Hause, „Alles Liebe“ in lila in der Tasche.

Nein
Sage ich nur vorläufig
Um das Ja hinauszuzögern
(Manchmal klappt das)

Auf der Bahnhofstreppe trifft mich ein Schwindel
direkt ins Mark, sendet sekundenbrüchige Kaskaden
von Folgen und Ursachen (was wird aus mir?)

„Hast du das auch gespürt?“, fragt die Touristin ihre Begleitung.
„Die Stufen zittern! Merkt das sonst keiner?“
Das Kopfschütteln, das ich im Rücken spüre, bringt mich in Versuchung:
„Doch ich!“, will ich rufen. „Ich auch!“
Meine schwitzige Seele beruhigt sich, verwundert:
Entwarnung kann seltsam enttäuschend sein

Sommererinnerung

 

„Das ist immer das Schlimmste Mann
Wenn du außen nass bist und innen
Ich hasse das Mann ich hasse es“

Ich kann kein smalltalk
Ich kann kein smallwork
Ich kann kein smalllove
Ich kann kein smalllife

 

Katherina Körting

 

[1] Im Interview mit Iris Radisch in der ZEIT, 1.11.1996 Link

 

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