freiVERS | Sasha Petruk
LEICHTE NACHT
Leicht ist die Nacht
die geselchte die
ausgehangen ist
in Tüchern
auf Betten
verhungert
verstellt
hat sich nur
wer die Not
an den Mann
gebracht
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Peggy Lohse
Noch heute ins Morgen
Wie ein Amseljunges
zum Flugtraining
aus dem Nest purzelt,
von der Familientafel
in den nächtlichen
Regionalzug gestolpert.
Müdigkeit klebt
an den Sitzen
wie Bierspritzer
am Linoleumboden.
Minuten dehnen sich
wie Kaugummi, der sich
an Schuhsohlen festkrallt.
Sprachen blubbern
wie die Verdauung
des Festessens im Bauch.
Trägheit drückt
ein kratzendes Stirnband
ins Gesicht
beim Gähnen.
Unsichtbar rauscht
draußen der Wald
vorbei. Verdeckt.
Das Ziel versteckt
sich im Dickicht
hinter der Nacht.
Alle wollen nur:
ins Heim, ins Bett,
in Sicherheit - doch die
läuft uns davon.
Der Bummelzug jagt sie,
meint sie zu finden
an jedem Dorf-Haltepunkt.
Chipstüten knistern,
Köpfe träumen von Lagerfeuer.
Handys fragen klingelnd:
„Wo steckt ihr?“
Amseljungen schlafen jetzt,
mutig und satt,
bereit für den neuen Tag.
Der Zug rollt ihm entgegen,
fährt stetig bremsend hinein.
Wir sind noch heute im Morgen.
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Alexander Rudolfi
über der vielbefahrenen straße drehen die tauben ihre kreise zwischen den häusern, im sturzflug, im steigen; bevor sie abrupt ihre meinungen ändern und sich teilen und auf dem selben dach landen und die kreuzung in einen zustand versetzen, der etwas ortloses gellen hört, das vorgegangen sein muss, als wäre ein apfel vom baum und auf die straße geschlagen; was die straßen nicht kümmert und was die kreuzung nicht kümmert und nicht den verkehr unter der roten ampel übertreten sog sündenfall.
der lärm wenn sie aufgescheucht auffliegen und fragen, was einem rhythmus folgt, der immer gleich bleibt, bleibt, wie einsen und nullen den binärcode in den dioden entlang; und die jahreszeiten vorübergehen in richtung des salzwasserleuchtens, an die Äquatorlinien einem baumsterben entgegen, an dem massen durch magnetfelder marschieren, und standortregister bewegungen diktieren, wenn die ampel umschaltet, auf grün auf rot auf grün.
aber die tauben verlassen die stadt nicht, auch nicht wenn es herbst wird und die anderen vögel sich in pfeilzeigern bewegen, und sich auf einen punkt richten der irgendwo außerhalb, hinter der stadt, liegt in richtung der allgemeinen struktur solcher zeichen, nach dem wiederkehren, dem wiedererkennen und der imitation auf bildschirmen, die außerhalb unserer reichweite liegt, weil wir glauben etwas neues zu schaffen, aber nicht sagen können, was wirklich gleich bleibt, wenn sich doch ständig, ununterbrochen alles verändert, vorwärtsgeht, von einem ins andre verhandlungen führt – und warum, - und in welchem verhältnis eigentlich zu einander.
wie? wenn die feldlinien ihre wirkung verlieren? wie? wenn die tauben über der vielbefahrenen straße auf einmal beginnen nach süden zu fliegen? wie? wenn der sündenfall sich zuletzt nicht ereignet hat und der apfel am baum bleibt, weil keine bewegung mehr existiert, wenn sich folglich nichts mehr verändert und alles zwischen den ampeln,
berechenbar ist?
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Alexander Weinstock
Punk in München. Am Stachus,
mit stachligem Leder. Gegerbtes
Gesicht vom System und der Kälte,
skeptische Patches und nippelgepiercte
Haltung – dieser Diogenes
blinzelt aus seinem Dosenbier hervor,
hält die Hand auf und reibt sich
an den Verhältnissen,
dass sie was abwerfen, klirrend,
und dann verschwinden.
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Otto Dvoracek
Nichts Anderes
Es hebt sich alles auf, bis sich alles erledigt hat
Die Landschaften heben sich auf, es kann nichts
Anderes sein als das: ein Nachspiel (ein Nachbild)
Als eine Auflösungserscheinung, als der Mensch
Danach, es hat nichts Anderes zu geschehen
Als das: einen Raum belasten und den Raum
Wieder herstellen, ein gleiches Haus wieder
Herstellen, ein Einfamilienhaus, ein Mehr-
Familienhaus, es ist Ablenkung von allem
Es muss Ablenkung sein, es kann nichts Anderes
Sein als das: ein gleiches Haus in die Landschaft
Stellen und nichts gemeinsam haben
Mit der Landschaft, die zusammenhängt mit
Getrocknetem Gras, mit breiten Landebahnen
Der Mensch danach und das gleiche Haus sind
Gerade noch sichtbar, jeder bringt sein Fleisch
Jeder findet sein Gold, es kann nichts Anderes
Sein als das: ein Austausch oder eine Austausch-
Verweigerung unter der Aschensonne, und jeder
Stürzt heim, heim in seine Landschaft, es hat sich
Alles erledigt
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Fabian Lenthe
Das Aufgehen der Sonne
Ist längst nicht mehr
Als eine durchschnittliche Leistung
Ich teile eine Tablette
In zwei Hälften
Und sehe ihr dabei zu
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Eva Brunner
alltag (auszug)
I.
Vokabellisten-Ping-Pong
in beiden Spalten eine Fremdsprache
doch die Mannschaften sind verwandt
so dass deine Puste reicht, mein Kind
II.
von meinem Glasbalkon sehe ich die vielen Glasbalkone gegenüber
so wie ich früher stundenlang vor dem Puppenhaus aus Holz saß
hier ein Stuhl, da eine Pflanze, ein Paar redend rauchend
ein Kind mit Ball und Zelt zum Verstecken, ein Rennrad parkt
auf der Loungegruppe wechseln die Gäste, wird auch mal laut gelacht
am besten gefällt mir der Balkon, der meinem am ähnlichsten ist
doch etwas verrücken, kann ich nur in meinem eigenen Kasten
weiß nicht, wie mein Leben von der anderen Seite aussieht
für eine Kaffeelänge haben alle Sonne
V.
Schreiben abwägen gegen andere Handlungen
Länder und Entfremdungen vermessen
hier und da einen Punkt setzen, Stimmung formen
immer wieder Zeiten und Kräfte verschieben
all die Linien, dann wieder hoffen
VII.
sitze im Bett und arbeite
plötzlich auf Augenhöhe
über dem Waldrand
läuft eine Gürteltierherde
eins nach dem anderen grüßt
abendliches Vorlesen
in der großen Fensternische
spektakuläre Mittsommerwolken
wir sind in einem 3D-Film
und uns vollkommen einig
draußen über dem Januarschnee
bricht ein Vulkan aus
steigt seine orangene Säule auf
bevor es gleich dunkel wird
wir uns wieder Mühe geben
VIII.
immer häufiger schiebt sich das Rauschen vor
Begleitton zwischen Wollen und Loslassen
laute Angst und leise Müdigkeit
liegen auf zerknautschten Kissen
versuche die Sprachen glatt zu streichen
hänge doch schau wie ruhig die Pflanzen heute
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Sofie Aeschlimann
der blumentopf mit dem oleander steht am fenster
daneben die orchidee philodendron blattbegonie
aloe amaryllis
und die kakteen
erdkrümel lose auf den untersetzern
auf dem fensterbrett
gieß deine pflanzen
gieß sie nur
damit sie gut wachsen
am fensterrahmen hochklettern
das glas erobern
sie nehmen das licht für sich
draußen sind tannen
farne im schatten
flechten am baumstamm
symbiose mit der föhre dem wind
auf dem waldboden verrottende blätter
abgeknickte äste steine
moos und erde
tiere natürlich käfer insekten würmer maus
was denkst du denn was ich denke
wenn ich durch den wald gehe
dass ich das etwa alles nicht sehe
dass ich nicht nach den wurzeln grabe
lass meine arme frei von deinen grünen schlingen
öffne das fenster
geh in den wald
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | Andreas Köllner
Atempause
Halte
die Luft an, die
Zeit
fest, wie sie nie
war, vorher; die
Erinnerung
braucht
einen langen Atem
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiVERS | I. J. Melodia
Schwemmland
Aus dem Schwemmland
deiner flüchtigen Augen
sickert wortloses Sediment
zum Mündungsdelta
Jeder Satz entwässert
das Leben in seinem Fluss
versalzt auch das Land
hinter den Deichen
und der Stirn
.
.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at










