freiVERS | D. A. Merlin
Kontinuum
Was immer wir tun, an welchen Lebensbaum auch immer wir
unsere Lichter hängen, es kommt der Moment,
da wir zu dem werden, womit wir begonnen haben –
Regen, der eine ganze Kindheit lang
aus klarem Himmel herab fällt, ein lautes Knacken ab und an,
bei dem ich nicht anders kann als an einen Geist zu denken,
Wind auf der Straße, sein Geräusch
im Ohr, als käme es von woanders her;
Regen, der sich einen ganzen Sommer lang
im Sonnenlicht dreht,
Wellen von Winter, die durch die warme Stille des Sommers fahren,
leere schattige Zimmer, die vor etwas warnen,
was außerhalb der Reichweite ist,
uns aber immer wieder streift.
Was immer wir tun, das womit wir begonnen haben,
schimmert irgendwann in der Dunkelheit,
an deren Oberfläche wir bleiben, in Wärme und Tageslicht,
Sommernacht im Zimmer wie in einer dunklen Zelle,
das Tier, das ich immer noch weit draußen vermute,
entgegen aller Wahrscheinlichkeit, und mir wünsche,
wie dieses namenlose Tier im Geheimen verschollen zu sein.
Als ich glaubte, ich hätte über das Verschwinden nachgedacht,
war es meine Angst, die mich aus ihren Verstecken betrachtete:
Ein kühler Schatten, der auf meiner Kindheit liegt,
ein schwindelerregender Strudel,
ein freier Fall unter schwarze Blätter vom Abend zur Nacht.
Die Verkleidungen der Kindheit, in ihren eigenen Nähten ruhend,
die mein Herz auftrennen, ein wenig mehr jeden Tag.
Was immer wir tun, das Leben zieht sich von uns zurück,
und ein Sommer beginnt dem anderen zu ähneln:
Ein Himmel wie Wasser,
Wälder in ihrem schweren, angeschwollenen Grün,
niedergedrückte blaue Welt, voller Sanftheit und Kummer,
Sonnenlicht nicht ganz wie eine glänzende Folie auf den Wiesen,
nicht ganz wie leuchtender Staub, aber fast so auf allen Dingen;
Himmelsblau, das uns nicht rettet, selbst wenn etwas
in den verschiedenen Tönen von Hell und Dunkel mich immer noch
an Rettung denken lässt, eine Bewegung am blauen Rand der Welt,
die unscharf bleibt, etwas, das nicht wirklich ein Aufleuchten ist,
aber wie eine Geschichte von Aufleuchten,
die wir über einen fernen Sommer erzählen,
etwas, das nicht wirklich der Schatten eines Tieres ist,
aber sein Durchs-Licht-Huschen, wenn man weit genug gegangen ist,
eine dumpfe Eintrübung, die das Sichtbare läutert,
ein scharf konturierter Schatten, der das Verborgene läutert,
eine Kinderzeichnung, die darauf wartet, endlich wirklich zu werden,
aber vielleicht nie Wirklichkeit wird; die Jahre
zugleich entblößt wie verdunkelt.
Kein Ende, das wir festlegen könnten, nichts, was mit einem Schlag
zerfällt. Keine flüchtig erblickte Erlösung.
Alles einseitig und ohne Antwort.
Alles erstaunlich schwer zu erinnern und zu vergessen.
Meine Angst hat sich nie geändert, meine Frage hat sich nie geändert,
immerzu der schwarze Engel, der in meiner Kehle schläft,
immerzu die Zunge aus Staub, die geteilt in bleichen Fenstern hängt.
Ein Leben der Ränder, Weiß des Auges,
geschwärzt von Zeit.
Weiß des Himmels wie feiner Sand, gebleicht von Zeit,
zugleich trüb wie kristallklar für einen Augenblick,
dann überhaupt nichts mehr.
Wie die Wahrheiten, denen wir untreu werden, wenn wir versuchen,
sie zu erfassen. Erinnerungen wie Schläge aus der Ferne,
wogegen auch immer der Wind sie schlägt und schlägt.
Dieser Spätsommer verlässt seinen Kokon aus Wärme
und geht seiner Arbeit nach, was immer seine Arbeit ist.
Was wir unausgesprochen lassen, ist wie die gefallenen Blätter der letzten Nacht,
vereinzelte kühle Flammen im wieder grünen schattigen Gras,
die etwas lichten und lüften in uns, was immer es ist.
So oder so, nichts von diesen Dingen kümmert sich um uns,
Eins mit einem namenlosen Ganzen
dessen, was nicht gewusst werden kann
Und zu dem wir nicht zurückkehren können,
Eins mit dem Unfertigen,
das wir nicht loslassen können.
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freiVERS | Lea Matusiak
superbomber
du fährst mir einen panzer vor die tür
fahre ich dir einen panzer vor die tür
irgendwo sprengst du ein haus darin
eine familie, ein kind, eine oma, ein leben
eine frau die war schwanger die stirbt
aber es passiert nicht nur hier es
passiert überall
es trifft die dächer aus blech, es trifft die demokratie
was bleibt ist die frage was bleibt und
was halt gibt
was wir brauchen ist halt, ist menschlich sein
und menschlichkeit
was ich brauche ist ein superbomber
und einen triftigen grund
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freiVERS | Andreas Köllner
Das unperfekte Gedicht
Der Perfektionist sitzt freudig noch in seinem Zimmer –
Er schrieb gerade ein Gedicht.
Doch merkt er schnell, ganz so wie immer:
Zufrieden bleibt er damit nicht.
Ein Vers zu viel, ein Wort zu wenig.
Und reimt sich das denn gut auf König?
Ein reiner Reim ist ihm zuwider,
Unrein reimen mag er lieber.
Und Zeilensprünge, wie an dieser
Stelle hier – das ist sein Hochgenuss!
Aber lange währt der Hochgenießer
Nicht in jenem Augenblick – der Schluss
Macht ihm doch sehr zu schaffen,
Weil noch der Anfang ihm den Kopf zerbricht.
Perfektionismus lässt dich scheinbar alles besser machen,
Nur damit fertig werden nicht.
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freiVERS | Felicia Aparicio Lukaßowitz
große städte III
meine erinnerungen an die große stadt verblassen
doch nicht der geruch nach staub
nach frischem brot und üppigen gärten
und den abgasen alter limousinen
mich zerreisst fast der blick auf die häuser
über hügel verstreut wie granatsplitter
alles strotzt vor dreck, aber es ist warm
und in den einkaufszentren spiegelt sich die sonne
wir wandeln, die köpfe im nacken
die glaswände der hochhäuser stürzen
über uns zusammen. vor uns das meer so dunkel
die stadt in unserem rücken glänzt
mich birgt die wärme der aprilnacht
die haschischgeschwängerte brise des meeres
das späte februarlied, das schmutzige katzen
durch stahlträgergestützte kriegsruinen schreien
eine frau sitzt am boden, daneben
zwei schlafende kinder, die gesichter
verdunkelt von staub und salzluft
ihre herkunft ist in den wirren des krieges
zu einem schimpfwort geworden
die nacht überzieht der flaum grüner mandeln
und in alhamra entkleiden sich die restaurants
tische gleiten zur seite, lampen werden gedimmt
schon schmiegen sich raucher an die nackten fassaden
und tanzen trinkend über klebrige böden
im gedämpften licht liegt noch der schwere geruch
nach fettigem essen und schweiß
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freiVERS | Lukas Leinweber
German Windows
der Ausblick auf den Morgen hält sich
im Rahmen, beschert zwei schwarze Finger
hinterlässt nur Abdrücke auf der Bettwäsche
sicher hinter Panzerglas hausen die Gedanken
Scheiben ohne Öffnungszeiten nirgendwo
die Stimmung kippt mit dem Ausschütteln
bei sperrangelweit fand sich komischerweise
nichts vom Schwalbenschwärmen im Gesetz
Gewitter flattert unterm Lampenschein jetzt
ein Aufriss um nichts, die Vorstellung
vom Windzug unterkühlt
Steinwürfe nach dem Glück sind
versicherungspflichtige Schadensangelegenheiten
gebrochene Ansichten werden von Lastern transportiert
der Handel mit ideologischen Brillen floriert
ein gläsernes Geschäft
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freiVERS | Thimo Buchmüller
Uhu
Der Uhu, bubo bubo,
schlief in der Scheune
neben mir.
Am Morgen
nahm er mein Augenlicht.
Ich stutzte seine Flügel
als Gegengabe.
In der Nacht
vergaben wir einander.
Unser Sinn für Orientierung
war ähnlich.
Meine Netzhaut begann zu sehen.
Seine Flügel wuchsen –
länger, länger –
bis seine Federn mich kitzelten.
Weich wie Daunen:
der große Jäger.
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freiVERS | Olga Lakritz
die krachende zukunft hinterlässt mir bloss konfetti
die ich zusammenwische
ich wünschte noch ich wüsste was ich wollte
da ergriff mich bereits die angst mit ihrem
walfischmaul
und schluckte mich ganz
viele tage wanderte ich watete durch schilf durch halbtiefes wasser
und blieb mit beiden gummistiefeln stecken
ich berührte die magenwände die meine eigenen waren
und beschloss die suchaktion abzubrechen
anderntags fand ich meine schwester – ein toter fisch – am strand
auch dich werden einmal die gezeiten zurück ins offene meer holen
und ich schmeckte sogleich die salzige freiheit auf der eigenen zunge
in meinen unterarm trennten sich die blutgefässe von mir
ich sprach zu mir selbst das leise lied aus der kinderwiege
aus der mich die kobolde stahlen und an meiner stelle
eine glaspuppe hinterliessen
durch den fluss ging ich aufwärts und suchte den ort an dem fische sterben
ich stellte mir vor ich fände ihren friedhof
stattdessen fand ich ein verlorenes stück mond in einer grube
es flackerte mir entgegen und ich nachtkind hob es auf
verstehst du nun fragte ich die tote fischschwester
doch sie gab keine antwort
aus den steinen tropfte das süsse wasser auf meine haut
beglichene schulden erschienen am himmel und die gläubiger fielen
auf die knie und beteten zu ihrem gott in fremden zungen
ertrunkene stimmen lockten mich legten sich auf meine zunge
schon stand ich auf und betrachtete das meer von der anderen seite aus:
auch hier sah ich meine tote fischschwester die sich weigerte
mit mir zu sprechen obschon ich sie mehrmals auf einen kaffee einlud
nun gut
sagte ich und stieg eine rote treppe hinab und fand ein neues land
ganz nebenbei wurde hier die seele in stücken gehandelt
und ich verlor sogleich die meinige im tausch gegen etwas mehl
es nickten zustimmend die fischfrauen auf dem markt
ausgelöst von einer tiefseenot befand ich mich bald auf offenem meer
bald erneut im walfischbauch
bald schon zuhause: es wartete ein stapel leerer kaffeetassen
und der wille sass stumm in der ecke
ich frass das plankton von den fensterläden und jalousien
ich nahm das stück mond und steckte es mir zum nachtisch in den mund
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freiVERS | Philipp von Bose
Licht und Stiege
dünn die farben-fäden über hingekleckstem
grün, die frühlingsboten streunen und die
krokusaugen blinzeln lila in den tag.
der letzte schnee an kreuzwegen: drangsal in eis unter
sonnen im sinnen der hoffenden schafe.
im augenblick zerrütten die wolken nur selten das licht – dann
manchmal regen, wenn die wiesen schüchtern ihre fragen stellen
und ein name.
ein name auf der zunge. auf der zunge eines
jungen, die sich löst vom kalten stahl des winters.
gestreifte betten im schlafzimmer, kein
wimmerndes keuchen durchs fenster, nur
zebramuster-maserung vor dem moment
der nackten füße auf dem teppich.
lamm noch zu werden im langsamen
brechen der glitzernden haut / erwachen zu können
zu feldern aus licht.
man streckt ohren übers land. zu horchen dem
tassen-geklingel, den zwitschernden zweigen, dem
warmen entspringen.
man spricht leiser, etwas lachend über politik
vor der hauswand des hotels, die ganz in
löwenzahn verwurzelt.
und im wohnzimmer die jakobsleiter:
von stetem drang, dort hochzusteigen,
von großer müdigkeit umhüllt.
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freiVERS | Miriam Brümmer
Es kommt anders
Der von Flügelschlägen
zerpflückte Morgen unentschieden.
Schwarze Nacht wagt sich
zu nah an meinen Winter.
Die Krähen vertagen schreiend die
Dürre des Sommers, die
nicht zu fluten aufhört.
Ich lösche das Licht auf den Satzenden,
bis sie von vorne leuchten.
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freiVERS | Louisa Dormann
Fluchtfantasien
In unseren Betten ist Platz, wir
Frieren in der Nacht, wir
Haben uns verloren, wir
Finden uns damit ab, wir
Finden uns spät in der Nacht, wir
Drehen nochmal die Zeit zurück, wir
Sind gemeinsam einsam, wir
Fürchten uns vor dem Alleinsein, wir
Finden Halt im Beisammensein, wir
Sprechen über Belangloses, wir
Schweigen über unsere Finsternis, wir
Machen uns nur etwas vor, wir
Flüchten uns in die Illusion, wir
Suchen nach einer Richtung, wir
Verirren uns im Palindrom, wir
Laufen rückwärts vor die Wand, wir
Ergeben uns dem Minimum, wir
Geben uns damit zufrieden, denn
In der Stille ist der Lärm, der
Keine Ruhe gibt, der
Schwer auszuhalten ist, der
Leiser ist, wenn du da bist, wir
Verdienen mehr als wir uns wünschen, doch
Bekommen nur, was wir uns geben, und
Im Morgengrauen erkennen wir, dass
Was wir dachten, was wir hatten, nie
Mehr war und sein konnte als
Eine nachtdurchträumte Fluchtfantasie
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