freiVERS | Jan-Eike Hornauer
Der Wind
Ein Blauwal treibt durchs Universum.
Er sucht sich selbst und seinen Gott.
Er blickt ins Schwarz. Und denkt sich: »Sehr dumm,
hier gibt’s ja nichts!« Und will Kompott.
Denn Nachtisch hilft das Sein ertragen.
Doch dieser ist hier auch sehr fern.
Der Wal seufzt tief. Vorm kleinen Wagen.
Und kühl pfeift’s drum auf unsrem Stern.
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freiVERS | Torsten Siche
Safe Space
sie bleiben auf Abstand
kein Rennen kein Kichern
der Atem gleichmäßig
ein ungebetener Gast unter der Haut
kriechend immer schnüffelnd
auf der Suche nach Widerstand
noch sind die Bäume kahl
die Vögel warten auf Reste
im Sand auf Geschrei aus der Rutsche
halbe Kekse wie üblich zwischen Windeln
aber stattdessen flattert das Absperrband
im Wind eine dunkle Stimme
fast schon eine andere Art
Gesang
ein Hauch
streicht übers Gesicht
eine fast vergessene Berührung
eine Brise Trost oder Trauer
über dem Sandkasten sitzt der Verband
straffer als jedes warnende Wort
das Kind bleibt auf Abstand
der Blick geht an der Hand
nur nichts herbeiatmen nur schnell
heim schnell weg zurück ins Geborgene
hinter Tür und Treppenhaus bei den Guten
bleiben den besonderen Nachttisch
als Belohnung mit Schokosauce erstickt
denn Anstand lohnt und wer weiß schon
was draußen hinter den gekippten Fenstern lauert
und schreit und gleich inmitten von Sand
den Wodka direkt aus der Flasche trinkt
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freiVERS | Jonah Martensen
wie er an sich zweifelt
gärten der unlust mit rostkraut und bö-
sen winden, die sind: da, hiernicht und ja
manche tun sich leicht mit den erden und
den stromscheuen klagen
auf des flusses zarter gischt erwartet säge-
staub aufmerksame waschfrauenhände
die kinder also sind in übertragung
das große lied, gefräst aus herzmarmor
die zarten perlen des dickichts schallen
das tote lied hervor
bohlen, senkrecht aus dem boden stampfend,
ein wald aus vertikalen zu-künften
rauch stumpfer bäume gliedert sich
luftschuldig intausend
dickicht hat dem sprechen bang gemacht
finger: flitzen
finger mit angst vor, träge
sterbenwollende
finger.
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freiVERS | Andreas Mayer
muschelig
ich lag
in der sand
uhr meiner zeit
im sand
lag ich etwas
war von meinen rändern wie abgesplittert
lag wie vertrieben
aus einem element
das keinmal meines war
dem schimmernden perlmutt rund
um die pupillenperle zeigt sich
das licht ich
lag spiralförmig
gebogene leere
an deren grund
ein ozean rauscht
.
alles war so muschelig
die vorstellung
vom muschel-ich
so fest
wie eine burg
im sand
lag ich
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freiVERS | Michael Spyra
Der Stein
Der Mann wählt einen Stein, um sich daran
die Zähne auszubeißen, einen Stein,
der nicht zu groß sein darf und nicht zu klein,
der Schotter ist und Kiesel werden kann.
Der nimmt den Stein und steckt ihn in den Mund.
Der nimmt ihn mit dem Mund auf und bewahrt
den Stein in seinem Mund, der rau und hart
und scharf und spitz ist, und der lutscht ihn rund.
Der Mann zerdrückt sein Brot am Stein und lutscht
den Stein dann ab und wenn der Mann mal spricht,
sieht niemand seinen Stein und hört ihn nicht,
weil der dann unter seine Zunge rutscht.
Und dort vergisst der Mann den Stein und bald
verliert er seinen ersten Zahn an ihn,
als erst der Zahnschmelz platzt und ins Dentin
ein Spalt reißt, der dort auf die Pulpa prallt.
Und dann vergisst der Mann den Zahn und so
verliert er auch den nächsten wieder, als
er wieder auf den Stein beißt, jedenfalls
erreicht ihn dieser Schmerz auch anderswo.
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freiVERS | Charlotte Obenaus
am Rande
am Rande erwähnen wir die schlechten Nächte
die Haare, die uns ausfallen und den Hunden
die Schmerzen
und immer ist es der innere, nie der äußere Rand
immer stürzen sie zurück in uns
wenn der Abend Blau auf Blau schichtet
und der Raps leuchtet
als würde er auch uns gehören, uns
die wir ohne Scheune
die wir ohne Zeit bis Juli
laufen am Saum der Felder
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freiVERS | Nicola Quaß
Wolkenwelten
Wahres nirgendwo, überall nur Trugbilder,
von denen man nichts erwarten sollte.
– E. M. Cioran, Der zersplitterte Fluch
Wir schauten ihnen lange nach.
Den Schattenscherben, die über
Landschaften flogen. Den Wolken-
herden im Galopp.
Da wuchs ein Spinnennetz
am Himmel, da verquollen Wolkenflocken
am Horizont. Da zerstob etwas Zeit.
Ich träumte entschlossen
vom Sommer, saugte Licht und Wärme
in mich auf. Das Gefühl, im eigenen Kopf
zu baumeln, leichter zu sein
als Luft. Ich deutete auf etwas Helles,
du verrietest mir die Sicht der Dinge:
Wahres nirgendwo, überall Trugbilder.
Ich sagte: Schaukel, du sagtest: Cumulus,
ich: singender Schwan.
Jahre später, im Anflug auf das neblige Land,
sah ich Wolkenbüschel, rosablauen Abendschaum,
glaubte zwischen dem Nebelmeer
Bergspitzen zu erkennen, schon winkte mir
jemand vom Gipfel aus zu.
Doch die Erkenntnis ging weiter:
als du eines Morgens nicht mehr erwachtest,
hielt ich mich für das letzte Gespenst.
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freiVERS | Ferenc Liebig
Meine Eltern haben sich in einer Diskothek
kennengelernt und vielleicht haben sie
nicht recht verstanden, was der andere sagte
und immer nur genickt und dann war man
verheiratet und dann kam ein Haus und dann
kam der erste Tod und von den Eltern ist nur
noch einer übrig und das Haus ist immer
noch da, aber verheiratet ist niemand mehr,
selbst der Sohn hat sich scheiden lassen
und wenn ich es recht überlege, ist es schon
seltsam in der Steuererklärung geschieden
ankreuzen zu müssen und die Vergangenheit ist
wie ein Bagger, der Löcher in die Erinnerung
schaufelt und in den Löchern liegen die Skelette
von Leichen und keine der Leichen lässt sich
mehr identifizieren und manchmal liegt man
mit all seinen Sorgen wach und fragt sich,
wo man zuerst anfangen soll aufzuräumen,
denn bei all dem Kram, der zu erledigen ist,
gibt es immer irgendeinen Kram,
der dringender erledigt werden muss,
irgendwo muss man allerdings anfangen,
nichtsdestotrotz aufpassen,
dass der aufgeräumte Platz
nicht wieder unordentlich wird,
wenn man Dinge sortiert und auftürmt
und Stapel macht für Dinge, die bleiben,
für Dinge, die weggeschmissen werden,
für Dinge, bei denen man sich noch nicht
endgültig entschieden hat.
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freiVERS | Helmut Blepp
Schwermütige Wanderungen
Früher wussten wir
wenn weiße Kühe auf den Weiden stehen
dann haben wir Burgund erreicht
Wir fraßen löffelweise Senf
der in der Nase kitzelte
und uns Tränen in die Augen trieb
Den Wein stahlen wir aus hölzernen Fässern
lauschten bei Nacht unter bergenden Bäumen
dem Gesang aus Vogelträumen
Die Furten schmaler Flüsse erlaubten unser Bad
nackt wälzten wir uns im fetten Klee
und plünderten die Apfelwiesen
Heute sind wir Verirrte an Peripherien
wohin wir uns auch wenden weiße Kühe
Fremde wie wir in Tälern ohne Horizont
Trunken machen uns die faulen Beeren
zerkaut mit Brot ohne Salz und Käse ohne Milch
unsere Haut raschelt in der Nacht
Früher verstanden wir es heimzukommen
wohin wir auch einander führten
ein kleiner Mond hat da gereicht
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freiVERS | Marc Glund
falle
mein blick geht in die tiefe.
atme schwer.
befinde mich am abgrund
einer felsbarriere.
wasser fällt dem blick voraus.
zwei äste, knorrig,
dazwischen
verlassen
fast?
ein spinnennetz.
mehr nicht.
keine tiere in sicht, ich
kommentiere: #keinetiere?
er fühlt sich unentdeckt an, dieser
ort, am rande eines kleinen dorfes,
eins zu zwei, die ratio zwischen
mensch und kuh.
in dem ich nie war, dem
ort, dem wasser, dem felsen, dem
view und in dem ich auch nicht bin,
nun bloß nicht versinken,
das wasser,
es fällt
voraus
läuft aus, aus meinem handy,
im stream der äste, der ängste,
der träume, der kacheln, der
netze, der orte,
so fern.
der einsame versuch:
ich atme aus.
ein grund ist nicht
in sicht, ich sinke,
sinke immer weiter
verfallen
in nichts als
dem fall
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