freiTEXT | Jessica Ramsauer
Die Geschichte der leisen Schwingung
Als ich ankam, war mein Atem rau und unruhig, als würde mein Körper noch immer Wege fürchten, die längst vergangen sind. Der Flur fühlte sich an wie ein Ort zwischen damals und jetzt. Doch als sich die Tür öffnete, blieb die Vergangenheit kurz stehen — als hätte sie gemerkt, dass sie hier nichts zu suchen hat. Ich trat in einen Raum, der vielleicht bald meinen Namen lernen könnte.
Wir setzten uns. Zwei Menschen, zwei Welten, die sich noch nicht kannten, aber einander vorsichtig abtasteten.
In mir gibt es einen Ort, der tief unter der Oberfläche liegt — ein leises Feld aus Schwingung und Wahrnehmung. Dort höre ich alles: Tonlagen, Tempo, kleinste Bewegungen der Aufmerksamkeit. Es ist der Ort, an dem ich spüre, ob jemand wirklich bei mir ist oder ob ein halber Schritt ins Innen fehlt.
Manchmal bewegte sie sich schneller als ich. Dann verzog sich etwas in diesem inneren Feld, als würde eine Saite kurz den Kontakt verlieren. Ihre Worte glitten mir davon, noch bevor ich wusste, was ich sagen wollte. Ich verlor sie nicht ganz — aber gerade so, dass sich ein feiner Schleier zwischen uns legte. Fein genug, um unsichtbar zu sein, dicht genug, um mich zu schützen.
Und dann gab es Momente, in denen sie tiefer sank. Ihr Atem wurde ruhiger, ihre Stimme weicher, ihr Blick durchlässiger. Dann traf ihr Klang den meinen. In mir wurde es warm, ein Stück Erde unter den Füßen, die vorher gefehlt hatte.
Wir sprachen über vieles, und doch mehr über das, was zwischen den Worten lag. Über Geschichten, die schwer tragen, aber in dieser Geschwindigkeit noch zu groß sind. Über Linien, die in mir weit zurückreichen. Über das Ringen zwischen Sehnsucht und Schutz, Nähe und Rückzug.
Es gab Augenblicke, in denen der Klang der Welt lauter war als der zwischen uns. Manchmal füllten Wörter den Raum, bevor wir gemeinsam den leisen Punkt fanden, an dem sich Innen und Außen berühren. Ich merkte, wie schnell sie in eigenen Bildern sein konnte — und wie mein System dann kurz aussetzte, wie ein Echo ohne Ursprung.
Aber dann — gab es diesen einen Moment. Ganz am Ende. Die Zeit war schon schmal geworden, Schritte warteten irgendwo jenseits der Tür. Und doch geschah etwas Weiches: eine Geste, warm und klar, deren Berührung nicht in der Haut lag, sondern in der Aufmerksamkeit. Ein kurzer, stiller Takt, in dem sich ihre Wärme mit meiner traf — gerade lang genug, dass mein Körper verstand: Hier darfst du landen.
Dieser Augenblick blieb. Er wanderte mit mir hinaus, als hätte ein feiner Rest ihres Tons irgendwo in mir einen Platz gefunden — ein kaum hörbarer Nachklang, der noch einen Moment verweilt, bevor er sich wieder in die Stille legt. Kein Anhaften — eher der sanfte Abdruck eines Haltens, das aus Tiefe statt aus Pflicht entsteht.
Und so begann etwas, das noch keinen Namen hat — ein zarter Versuch, zwei Systeme aufeinander einzustimmen. Nicht über Worte und nicht über Wissen, sondern über das, was darunter wirkt: das stille Erkennen, wenn ein Mensch einen Ton trifft, der schon lange darauf wartet, wieder zu klingen.
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freiVERS | Louisa Dormann
Fluchtfantasien
In unseren Betten ist Platz, wir
Frieren in der Nacht, wir
Haben uns verloren, wir
Finden uns damit ab, wir
Finden uns spät in der Nacht, wir
Drehen nochmal die Zeit zurück, wir
Sind gemeinsam einsam, wir
Fürchten uns vor dem Alleinsein, wir
Finden Halt im Beisammensein, wir
Sprechen über Belangloses, wir
Schweigen über unsere Finsternis, wir
Machen uns nur etwas vor, wir
Flüchten uns in die Illusion, wir
Suchen nach einer Richtung, wir
Verirren uns im Palindrom, wir
Laufen rückwärts vor die Wand, wir
Ergeben uns dem Minimum, wir
Geben uns damit zufrieden, denn
In der Stille ist der Lärm, der
Keine Ruhe gibt, der
Schwer auszuhalten ist, der
Leiser ist, wenn du da bist, wir
Verdienen mehr als wir uns wünschen, doch
Bekommen nur, was wir uns geben, und
Im Morgengrauen erkennen wir, dass
Was wir dachten, was wir hatten, nie
Mehr war und sein konnte als
Eine nachtdurchträumte Fluchtfantasie
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freiTEXT | Lena Maria Trohar
Die geweihten Tage
Rosa, rosarot. So steht der Baum, den ich meine. Der, der mich in meiner Kindheit schon begleitet hat. Auf den der Bruder geklettert ist. Von dem der Vater gefallen war. Als er die Triebe schnitt. Unter dessen Erde wir den weißen Abdruck seines Arms vergruben. Rosarot, wie sie bei der Nachbarin nicht sind. Weiß dort und viel weniger üppig. Vielleicht bei uns so üppig, weil der Vater in dem einen Frühling nach dem Sturz die Triebe nicht geschnitten hat. Und die Großmutter zufrieden. Denn was sie zufrieden macht, sind die Früchte, die uns die Natur gibt. Die ohne ihr Zutun wachsen, jedes Jahr neu wachsen. Neu wachsen und wieder neu wachsen. Rosarot, wie ich es sonst nur ein anderes Mal gesehen habe. Auf der Leinwand. In den übergroßen Spiegelungen ganzer Welten. Gespürt habe ich es, den Windhauch im Geäst. Die Federstriche jeder Nuance. Und dann war ich stolz. Stolz auf den unseren.
Rot, kirschrot. Was die Großmutter noch zufriedener macht als das üppige Wachsen, ist das üppige Ernten. Es wird auf den einen Tag gewartet, den einen richtigen. Man fürchtet, dass die Vögel sich schon zu festlich bewirten. Aber der Tag im Kalender muss stimmen. Die Großmutter weiß es. Dann ist es soweit. Der Vater steigt auch wieder hinauf. Ein Eimer hängt mit einem Strick an seiner Hüfte. Ich darf nur die Leiter halten, auf der die Mutter steht. So viele Kübel waren es noch nie. Wir essen, bis wir nichts mehr schmecken. Das Trinken ist mir verboten. Kirschrot der Saft, der aus der Flasche läuft. Hitze im Steinofen, trotz des Sommers. Aber die Früchte müssen eingekocht werden. Heute. Es steht Fruchttag im Kalender. Kirschrot meine Lippen. Die Lippen der Eltern, des Bruders und der Großmutter. Betrunken vor Freude. Ich schaue in den Spiegel. Ziehe die Schnute. So gefärbt gefalle ich mir. Was der Baum kann, denke ich mir. Und wie haltlos glücklich die Großmutter ist.
Braun, rotbraun. Ich verstehe es nicht. Ich weine. Ich frage. Ich verstehe es nicht. Rotbraun das Holz, das aus dem Stamm geschnitten wird. Orange der Griff der Säge, die hindurchgleitet. Und ich verstehe es nicht. Wir waren doch so glücklich gewesen. Als wir ernteten, als wir einkochten, als wir aßen und tranken. Wir waren doch glücklich gewesen in der schwülen Küche. Und stolz. So wie ihn die Nachbarin nicht hat. Rotbraun die Bretter, die in der Werkstatt liegen. Aus denen etwas gemacht wird wie eine Kommode oder ein Nachkästchen. Die Bretter, die dort so lange liegen. Weil nichts aus ihnen gemacht wird. Aber braun, rotbraun der Stumpf, den ich sehe, wenn ich aus dem Fenster der Stube schaue. Wenn ich schaue und immer noch nicht verstehe, weil man den Kindern nur die schnellen Antworten gibt. Ich stelle mich daneben, darauf. Betaste die Schnittwunde. Braun, rotbraun. Und Gelb. Der Laubfall der anderen Bäume.
Rosa, rosarot. Muss es werden, um zu werden, was ich mir wünschen darf. Am vierten des letzten Monats. Der Kalender der Großmutter hätte heute gesagt. Ich denke an dem Stumpf in unserem Garten. Sehe ihn vom Fenster der Stube aus. Ich bin nicht mehr dort. Aber ich kenne die geweihten Tage. Da, wo ich jetzt bin, muss ich hinaus. Viel weiter hinaus. Bis ich einen finde. Da glänzt er mit den Streifen rundherum wie ein Silberfisch. Rosarot muss ich hoffen. Zwicke drei eiskalte Zweige ab. Benenne sie. Stelle sie ins Wasser. Warte.
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freiVERS | Katja Hummel
Enteignung
ich hol mir die städte zurück
die auf meiner landkarte
deinen namen tragen
die gemeinsam durchschwommenen
Seen und Meere
deine liebsten wörter
sind nicht mehr mein alphabet
ich schaue nicht mehr weg,
wenn deine straße kommt
dein zorn
macht mein herz
nicht mehr stumm
ich finde in mir
fast vergessenen mut
stück für stück
überschreib ich dich
befreie,
was du nicht loslassen willst
öffne die orte in mir
die dich noch immer lieben
und lasse ihnen ihre trauer
entferne zärtlich
deine hand aus meiner
finger für finger
bis ich die leere spüren kann
auf meiner haut
die luft
schließt sich
hinter dir
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freiTEXT | Elisabeth Bendl
Roadtrip
Renault 19. Ihr erstes Auto. Die Fahrertür, nur mit Spanngurt zu schließen, das Fenster der Fahrerseite, mit einem Keil fixiert.
Die erste Fahrt, eine Kassette mit Klebeetikett am Beifahrersitz, die Aufschrift „für dich“. Der Motor wird gestartet, es raucht und ruckelt. Dann los, die Musik nach jedem Kilometer um eine Essenz lauter drehen. Red Hot Chili Peppers, Metallica, Foo Fighters, Aerosmith. Begleiter, die bleiben werden.
Ohne Ziel und mit der Gewissheit, dass sich Freiheit genauso anfühlt. Dass das, was noch kommt, gut werden wird. Es ist heiß, der Fahrtwind dröhnt in den Ohren. Immer schneller über die Straßen, ohne Ziel. Dann die Erkenntnis, dass eine Tankfüllung endlich ist.
Opel Astra. Trinke niemals beim Fahren! Hörst du, niemals!
Nur ein Glas, ist nicht schlimm. Ein Zweites, ich kann schon noch fahren.
Zu siebt im Fünfsitzer. Die Erste mit Führerschein. Neue Bekanntschaften, dem Führerschein geschuldet. Von einem Festl zum nächsten. Jedes Wochenende dasselbe Spiel. Kennt man ein Dorf, kennt man alle, die Zelte in den Hallen der Bauern gleichen einander, die Tequilabar ist immer aus demselben Holz geschnitzt.
Der Heimweg. Lachen, singen, rauchen. Die Wodkaflasche geht im Kreis, macht auch nicht vor der Fahrerin halt. Schleichwege, um nicht der Polizei in die Hände zu fallen. Ein wenig schneller, aufs Gas drücken. Ein Auto von rechts, sie hat es spät bemerkt. Vollbremsung. Glück gehabt, schon wieder. Im Nachhinein gesehen reiner Zufall, den Eltern der Freunde ihre Kinder nicht genommen zu haben.
BMW 3er. Das Auto des besten Freundes, damals an der Uni. Ein Feldweg am Rande irgendeiner größeren Ortschaft. Bahngleise und das regelmäßige Rumpeln der Güterwagons. Fünf Uhr früh, ein Herbsttag. Die Scheiben beschlagen, verschwommene Bilder dringen nach innen – und nach außen. Er sitzt am Beifahrersitz, sie auf ihm. Der Schalthebel ist im Weg und stört dennoch nicht. Gleichmäßige Bewegungen des Autos, vor und zurück, gleich einer Wippe. Das Quietschen der alten Stoßdämpfer. Das Autodach direkt über ihrem Kopf, sie muss ihn leicht schräg halten, so stört es nicht. Der BH am Fahrersitz, ihre Hose über der Rückbanklehne. Ihre Beine schmerzen, gut ist es dennoch. Ein Mann drückt seine Nase an die Fensterscheibe der Fahrertüre.
Nissan Micra. Ein letzter unbeschwerter Sommer. Damals noch die Hoffnung, dass viele dieser Sommer folgen sollten. Gleich nach dem letzten Semester an der Uni die Fahrt in den Süden. Die beste Freundin am Beifahrersitz. Den winzigen Kofferraum vollgestopft mit Zelt, Kleidung und Bier. Frei sein, zwei Wochen lang. Ein langer Weg bis an die Grenze, die wenigen PS bremsen aus. Endlich Villach, dann die fremde Luft, die auch nicht anders riecht als in Österreich. Die Musik bis zum Anschlag aufgedreht. Französische Chansons, nur diesen Sommer. Landstraßen fahren, um Mautgebühren zu sparen. Das Geld wird für Wichtigeres benötigt. Überrascht, wie wohltuend das Meer auf die Seele wirkt. Baden im Salzwasser, Spaziergänge am Strand, Bier am Lagerfeuer. Lachen, bis die Tränen die Wangen hinablaufen. Der Schmäh, den man nur versteht, wenn man sich eine Ewigkeit kennt.
Range Rover. Eine lange Sommernacht in Wien. Sie steigen ein in sein Auto, scheinbar mit demselben Ziel. Intensive Gespräche, verstohlene Blicke, vorsichtige Berührungen. Ein Stopp am Straßenrand. Sein Lächeln, ihr Zittern. Der erste Kuss. Das Herzklopfen muss doch etwas bedeuten. Langsamer fahren als nötig, um mehr Zeit miteinander zu haben. Herausfinden, wohin die Fahrt gehen soll. Die Hoffnung, Liebe gefunden zu haben, ohne je herauszufinden, was Liebe wirklich ist. In dem Glauben sein, dass das, was kommen wird, gut werden wird. Das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, verdrängen. Es muss Liebe sein.
Ford Focus. Das Begräbnis des Vaters. Zehn Jahre ist sie diese Strecke nicht mehr gefahren. 506 Kilometer auf verschneiten Straßen Zeit, um die Trauer zu suchen. Das, was sie findet, ist Erleichterung, vielleicht. Dann, angekommen am Ziel, hagelt es. Nicht nur Eiskörner, auch Vorwürfe.
Einige Stunden lang prasseln die Worte der Vergangenheit auf sie ein, sie hält es aus, lässt es geschehen, niemals wieder wird sie an diesen Ort zurückkehren.
Der Ford macht Mätzchen, die Kupplung reißt. Mitten auf der Romantikstraße. Ausrollen lassen, Motor stoppen und schreien. Tränen fließen keine.
VW Golf Kombi. Zwei Kindersitze auf der Rückbank. Der erste Weg führt zum Kindergarten, noch eine letzte Umarmung, die Kinder sind ruhig und weinen dieses Mal nicht. Das schlechte Gewissen bleibt. Weiter Richtung Arbeit, Stau wie jeden Morgen. Die Playlist: Wir sind am Leben, Back to Black, No Roots, Highway to Hell. Die späte Erkenntnis, dass es doch keine Liebe war. Die Kinder, die ein Leben, wie sie es sich gewünscht hat, nicht mehr möglich machen. Die Frage, wann und ob ein Airbag aufgeht, wenn man auf das Lenkrad einschlägt. Und dann die Tränen. So fühlt sich also Trauer an.
Skoda Oktavia. Immer noch Kombi. Die Wege haben sich geändert. Kein Kindergarten vor der Arbeit, sondern Taxiunternehmen nach der Arbeit. Für die Kinder. Klavierspielen, Reiten, Tennis, Freunde. Sie kümmert sich. Er nicht mehr. Das Sorgerecht hat sie bekommen. Es war eindeutig. Kein Ermessensspielraum. Säufer bekommen Besuchsrecht, nicht mehr und nicht weniger. Sie sollte erleichtert sein. Der Beifahrersitz bleibt leer. Keine Wut, keine Schläge, keine Schikanen, keine Tränen, keine Trauer. Ein neues Leben, nur mit den Kindern am Rücksitz. Heute hört sie keine Musik.
Jeep Cherokee. 25 Jahre später an der Grenze, kurz nach Villach. Ein Auto für sie alleine. Sie öffnet die Fenster, kann das Meer schon riechen. Die Kinder erwachsen, der Wunsch, die letzten 20 Jahre auf der Stelle nachzuholen. Das Leben spüren, so wie damals, mit 18, die erste Fahrt in ihrem Renault 19. Sie gibt Gas, erinnert sich an ihre erste Reise in den Süden, ihre Freundin am Beifahrersitz. Das Lachen, die Lebenslust, die Vorfreude auf das, was kommen sollte. Auch dieses Mal wählt sie die Landstraßen, sie hat Zeit. Das Ziel: Der Campingplatz von damals, die ewig langen Sandstrände, der Aperol, das Lagerfeuer. Sich selbst suchen und vielleicht auch finden. Auch dieses Mal wieder: Französische Chansons. „Je veux de l′amour, de la joie, de la bonne humeur“.
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freiVERS | Jan-Erik Grebe
Silberfischchen
Geht es ihnen gut
den Silberfischchen
zwischen Badezimmer
und Monstera jagend
nach Milben
und Schuppen
unserer alten Welt
in Zimmern
schon gefüllt mit
fremden Möbeln
fehlt er dir auch
der Blick
aus dem Kinderzimmer
auf die Wälder
die Wendeltreppe
die uns atemlos ließ
Weißt du noch
sagst du
mit deinem
Windspiellachen
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freiTEXT | Gabriele Raimer
Thailand – Leise Wege, weites Herz
Aufbruch – Dem Ruf folgen
„Du hast es tatsächlich geschafft“, sagte Andrea und lächelte. Diese Reise, die vor ihr lag, hatte mit einem Flüstern, nicht mit einem großen Entschluss begonnen.
Das Gepäckband summte, Menschen eilten an ihnen vorbei, die Luft roch nach Kaffee und Kerosin. Ulli hob den Kopf, ihr Lächeln war unsicher, fast verloren.
„Geschafft? Na ja“, dachte sie. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an, eher wie eine fremde Stimme aus einer anderen Zeit. Vor vierzig Jahren war sie schon einmal aufgebrochen – jung, frei, voller Hoffnung. Damals war es das Land der weiten Himmel, der stillen Gesichter, der Leichtigkeit hinter dem Lärm. Damals hatte sie geglaubt, das Leben sei unendlich weit.
Nach Krankheiten, Abschieden und dem langsamen Verstummen ihrer Träume war in ihr eine Sehnsucht erwacht. Jetzt wollte sie zurückkehren, dorthin, wo sie sich so lebendig gefühlt hatte. Lange hatte sie die Reise hinausgezögert. Thailand, allein, auf eigene Faust, so weit weg – ein Traum, der unter dem Staub des Alltags zu verschwinden drohte.
Aber sie spürte, dass Stillstand ihre Lebensgeister ersticken würde. Die Bequemlichkeit hatte sich wie feiner Staub, kaum sichtbar, aber schwer, auf ihr Leben gelegt. Und dann war da diese Angst: Was, wenn sie zusammenbrach? Wenn die Kraft nicht reichte? Wenn sie sich selbst überschätzte? Gleichzeitig wusste sie: Sie hatte sich nie besonders gut eingeschätzt, wenn es um Dinge wie Treppenstufen mit schwerem Koffer ging. Und dennoch war sie immer angekommen.
Das leise Flüstern wurde immer lauter. „Was, wenn da noch etwas auf mich wartet? Etwas, das ich verloren glaubte?“ Mit der Frage kam die Angst, aber auch die Hoffnung.
„Geh“, sagte die Stimme in ihr. „Warte nicht. Folge dem, was dich lebendig macht.“
Als sie ihre Wohnung verließ und der Abschied von zu Hause nicht mehr rückgängig zu machen war, fühlte sie sich wie ein Wassertropfen, der über ein Blatt rollt, kurz zittert und sich dann der Schwerkraft übergibt. So hatte sich der Beginn dieser Reise angefühlt. Wie ein Aufbruch, der unausweichlich war.
Und nun stand sie da. Das Gewicht der Tasche in ihrer Hand und das viel größere Gewicht der Entscheidung auf ihren Schultern. Andrea sagte nichts mehr. Ihre Umarmung war still, ein Versprechen, als der Lautsprecher zur letzten Aufforderung rief. In Ulli regte sich ein Satz, den sie einmal gelesen hatte und der jetzt wie eine Gewissheit in ihr aufstieg:
„Wenn du deiner Freude folgst, findest du den Weg, der immer auf dich gewartet hat. Und wo du Wände vermutest, öffnen sich Türen.“
Ein Atemzug. Ein Zittern. Ein erster Schritt.
Langsam, beinahe tastend, ging Ulli los. Fort von allem, was sie gehalten hatte – hinein in etwas, das sie nicht kannte. Als sich die Türen zum Gate hinter ihr schlossen, wusste sie: Es war ein Ruf zur Rückverbindung. Mit sich selbst. Mit dem Leben. „Etwas in mir ist jung geblieben“, flüsterte es in ihr. Es schaut noch immer mit staunenden Augen. Ein Gefühl von Freiheit – jener Freiheit, die man nur spürt, wenn man wirklich losgelassen hat.
Ankunft im fremden Licht
Am Ausgang des Flughafens stand ein Mann mit einem Schild in der Hand, auf dem ihr Name geschrieben war. Er lächelte, nahm ihr Gepäck entgegen und öffnete die Tür zu einem Wagen, in dem kühle Luft vom Ventilator surrte. Ulli stieg ein. Den Anfang hatte sie bewusst organisiert, um sich sanft auf das Neue einlassen zu können.
Die Fahrt nach Hua Hin zog sich hin. Palmenhaine wechselten sich ab mit staubigen Straßen, kleinen Dörfern mit bunten Fassaden, die Strommasten mit ihrem Kabelchaos, Neonlichtern und Werbetafeln für Schönheitskliniken und Zahnarztpraxen. Das Land wirkte noch immer wie ein großes Versprechen für makellose Haut, perfekte Zähne, ewige Jugend.
Im Radio spielte leise Musik. Eine Sprache, die sie nicht verstand, die sie aber nicht störte. Sie saß ruhig da, zwischen zwei Welten. Nicht mehr dort, noch nicht ganz hier. In dieser Schwebe lag ein eigener Raum, still und offen.
Das Hotel, schlicht und weiß, lag eingebettet in einen tropischen Garten, in dem die Grillen zirpten. Ein junger Mann brachte sie in ihr Zimmer, zog die Vorhänge zur Seite, und da war es: das Meer.
Ulli stellte ihre Tasche ab, zog die Schuhe aus und ging hinunter zum Strand. Die Sonne stand tief, der Himmel spiegelte sich golden im Wasser wie ein Willkommensgruß. Sie blieb lange stehen, reglos.
Sie hatte es tatsächlich geschafft. Trotz aller Zweifel, trotz der Stimmen, die sie zur Vorsicht mahnten. Andere machten Kreuzfahrten in ihrem Alter, sie hatte das Abenteuer gewählt. Ein Gedanke, der sich wie ein großes Lächeln in ihr ausbreitet.
Es war nicht nur die Schönheit, die sie berührte. Es war auch ein Wiedererkennen. Vor Jahrzehnten hatte sie an einem ähnlichen Strand gestanden – jünger, offener, verliebt in das Leben. Damals hatte sie sich als Teil von etwas Größerem empfunden, leicht und unbesiegbar. Dieses Lebensgefühl war nie ganz verschwunden. Jetzt konnte es, verborgen unter der Oberfläche ihrer Erinnerungen, wieder langsam auftauchen. Trotz der Angst, die sich nicht ganz abschütteln ließ, war ihre Sehnsucht stärker. Eine Sehnsucht, die nicht in die Vergangenheit wollte, sondern in ein Weitwerden des Jetzt.
Diese Reise war ein Wagnis. Aber sie war auch ein Zeichen dafür, dass so noch etwas mit 70 Jahren möglich war.
Ulli atmete tief ein. Für einen Moment war alles einfach: die Luft, das Licht, der salzige Wind. Das Leben rief noch immer.
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freiVERS | Lea Matusiak
mond und die see
du stehst da
königsblau, vor mir
durch die haut schimmert das mark
leicht, zwischen uns
liegt ein heft, eine
kassette und ein
fertig gedrechselter stift
du blickst herüber
verwegen ergraut
unter uns einigkeit
dass wir uns uneinig sind
deine tränen sind schon
mondversonnen
im sande der nacht und im schatten
verronnen, zwischen uns
blaukraut und brautkleid
unter uns die see
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