freiTEXT | Gabriele Raimer
Thailand – Leise Wege, weites Herz
Aufbruch – Dem Ruf folgen
„Du hast es tatsächlich geschafft“, sagte Andrea und lächelte. Diese Reise, die vor ihr lag, hatte mit einem Flüstern, nicht mit einem großen Entschluss begonnen.
Das Gepäckband summte, Menschen eilten an ihnen vorbei, die Luft roch nach Kaffee und Kerosin. Ulli hob den Kopf, ihr Lächeln war unsicher, fast verloren.
„Geschafft? Na ja“, dachte sie. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an, eher wie eine fremde Stimme aus einer anderen Zeit. Vor vierzig Jahren war sie schon einmal aufgebrochen – jung, frei, voller Hoffnung. Damals war es das Land der weiten Himmel, der stillen Gesichter, der Leichtigkeit hinter dem Lärm. Damals hatte sie geglaubt, das Leben sei unendlich weit.
Nach Krankheiten, Abschieden und dem langsamen Verstummen ihrer Träume war in ihr eine Sehnsucht erwacht. Jetzt wollte sie zurückkehren, dorthin, wo sie sich so lebendig gefühlt hatte. Lange hatte sie die Reise hinausgezögert. Thailand, allein, auf eigene Faust, so weit weg – ein Traum, der unter dem Staub des Alltags zu verschwinden drohte.
Aber sie spürte, dass Stillstand ihre Lebensgeister ersticken würde. Die Bequemlichkeit hatte sich wie feiner Staub, kaum sichtbar, aber schwer, auf ihr Leben gelegt. Und dann war da diese Angst: Was, wenn sie zusammenbrach? Wenn die Kraft nicht reichte? Wenn sie sich selbst überschätzte? Gleichzeitig wusste sie: Sie hatte sich nie besonders gut eingeschätzt, wenn es um Dinge wie Treppenstufen mit schwerem Koffer ging. Und dennoch war sie immer angekommen.
Das leise Flüstern wurde immer lauter. „Was, wenn da noch etwas auf mich wartet? Etwas, das ich verloren glaubte?“ Mit der Frage kam die Angst, aber auch die Hoffnung.
„Geh“, sagte die Stimme in ihr. „Warte nicht. Folge dem, was dich lebendig macht.“
Als sie ihre Wohnung verließ und der Abschied von zu Hause nicht mehr rückgängig zu machen war, fühlte sie sich wie ein Wassertropfen, der über ein Blatt rollt, kurz zittert und sich dann der Schwerkraft übergibt. So hatte sich der Beginn dieser Reise angefühlt. Wie ein Aufbruch, der unausweichlich war.
Und nun stand sie da. Das Gewicht der Tasche in ihrer Hand und das viel größere Gewicht der Entscheidung auf ihren Schultern. Andrea sagte nichts mehr. Ihre Umarmung war still, ein Versprechen, als der Lautsprecher zur letzten Aufforderung rief. In Ulli regte sich ein Satz, den sie einmal gelesen hatte und der jetzt wie eine Gewissheit in ihr aufstieg:
„Wenn du deiner Freude folgst, findest du den Weg, der immer auf dich gewartet hat. Und wo du Wände vermutest, öffnen sich Türen.“
Ein Atemzug. Ein Zittern. Ein erster Schritt.
Langsam, beinahe tastend, ging Ulli los. Fort von allem, was sie gehalten hatte – hinein in etwas, das sie nicht kannte. Als sich die Türen zum Gate hinter ihr schlossen, wusste sie: Es war ein Ruf zur Rückverbindung. Mit sich selbst. Mit dem Leben. „Etwas in mir ist jung geblieben“, flüsterte es in ihr. Es schaut noch immer mit staunenden Augen. Ein Gefühl von Freiheit – jener Freiheit, die man nur spürt, wenn man wirklich losgelassen hat.
Ankunft im fremden Licht
Am Ausgang des Flughafens stand ein Mann mit einem Schild in der Hand, auf dem ihr Name geschrieben war. Er lächelte, nahm ihr Gepäck entgegen und öffnete die Tür zu einem Wagen, in dem kühle Luft vom Ventilator surrte. Ulli stieg ein. Den Anfang hatte sie bewusst organisiert, um sich sanft auf das Neue einlassen zu können.
Die Fahrt nach Hua Hin zog sich hin. Palmenhaine wechselten sich ab mit staubigen Straßen, kleinen Dörfern mit bunten Fassaden, die Strommasten mit ihrem Kabelchaos, Neonlichtern und Werbetafeln für Schönheitskliniken und Zahnarztpraxen. Das Land wirkte noch immer wie ein großes Versprechen für makellose Haut, perfekte Zähne, ewige Jugend.
Im Radio spielte leise Musik. Eine Sprache, die sie nicht verstand, die sie aber nicht störte. Sie saß ruhig da, zwischen zwei Welten. Nicht mehr dort, noch nicht ganz hier. In dieser Schwebe lag ein eigener Raum, still und offen.
Das Hotel, schlicht und weiß, lag eingebettet in einen tropischen Garten, in dem die Grillen zirpten. Ein junger Mann brachte sie in ihr Zimmer, zog die Vorhänge zur Seite, und da war es: das Meer.
Ulli stellte ihre Tasche ab, zog die Schuhe aus und ging hinunter zum Strand. Die Sonne stand tief, der Himmel spiegelte sich golden im Wasser wie ein Willkommensgruß. Sie blieb lange stehen, reglos.
Sie hatte es tatsächlich geschafft. Trotz aller Zweifel, trotz der Stimmen, die sie zur Vorsicht mahnten. Andere machten Kreuzfahrten in ihrem Alter, sie hatte das Abenteuer gewählt. Ein Gedanke, der sich wie ein großes Lächeln in ihr ausbreitet.
Es war nicht nur die Schönheit, die sie berührte. Es war auch ein Wiedererkennen. Vor Jahrzehnten hatte sie an einem ähnlichen Strand gestanden – jünger, offener, verliebt in das Leben. Damals hatte sie sich als Teil von etwas Größerem empfunden, leicht und unbesiegbar. Dieses Lebensgefühl war nie ganz verschwunden. Jetzt konnte es, verborgen unter der Oberfläche ihrer Erinnerungen, wieder langsam auftauchen. Trotz der Angst, die sich nicht ganz abschütteln ließ, war ihre Sehnsucht stärker. Eine Sehnsucht, die nicht in die Vergangenheit wollte, sondern in ein Weitwerden des Jetzt.
Diese Reise war ein Wagnis. Aber sie war auch ein Zeichen dafür, dass so noch etwas mit 70 Jahren möglich war.
Ulli atmete tief ein. Für einen Moment war alles einfach: die Luft, das Licht, der salzige Wind. Das Leben rief noch immer.
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