freiTEXT | Judith Trapp

Zurück

Seit Neumünster trabt der schwarze A-Klasse-Hengst quasi mit Autopilot. Obwohl nur geliehen, kennt er den Weg. Schon lang nicht mehr meine Heimat ist der kleine Ort zwischen Holsteinischen Hügeln und doch hält die Zeitlosigkeit jetzt die Zügel. Das Grün ist hier noch grüner als am Meer, von dem ich gerade komme. Verstörend die Mischung von großer Vertrautheit und Ferne zum Ort und dem, was war. Nicht nur ich, auch alle andern sind längst weg vom Gehöft am Ende der Straße. Ein langgezogenes Gebäude mit unpassend protzigem Portal kommt mir näher. Nun angeglichen an den Rest: Der Lack der beiden Steinsäulen ist gründlich von den 20 Wintern angefressen, die der jetzige Besitzer hat nachlässig verstreichen lassen. Meterhoch umwuchert sind Haus und Nebengebäude mit grazilem Topinambur, wildem Kohlstrauch, garstiger Nessel. Das Tor zum Waldstück rostet schief und wird nur noch vom Stacheldrahtprovisorium gehalten. Die Stalltüren sind mit der Zeit am obern Rand ausgezackt. Traurigbraun und unregelmäßig stehen die Holzzähne dem Wind entgegen. Und auch der letzte Bewohner und Besitzer vom ehemaligen Hippiehof ist mit den fleckigen Tapeten, dem muffigen Trödel auf dem Dachstuhl, dem wackligen Mobiliar alt, furchig, grau geworden. Gleichwohl bewahrt er als letzter dem Ort die Würde durch das an Erinnerung, was in meiner Vita so gut wie heilig gesprochen ist: Unsere Kommunenzeit hier. Lange vorbei und doch wie gestern geh´ ich in Gedanken durch das Gelände, alle Räume. Die warn wild und bunt. Voller Kunstmaterial. Experimentelle Lesestoffe, mondäne Teppiche an den Wänden. Instrumente, auch sehr eigenwillige. Farben, Früchte, Hoppeltiere. Unter den niedrigen Fenstern liefen die Kaninchen und Hühner, vögelten die Angereisten, den Apfelfrüchten nah. Trunken machte schon der viele Sauerstoff und der freie Himmel unterm Berg. Und wenn wir nicht tags dort nackt Gewitter tanzten und nachts auf dem Mercedeskombidach über Feldwege cruisten, blieben noch so viele andere Spielmöglichkeiten, häuften wir ekstatisch die Erfahrungen an. Wir schufen eine andere Wirklichkeit und das nicht nur im Drogenrausch. Auch die Musik, die Natur, das Atmen und Halten und Loslassen all dessen, dem wir habhaft wurden – sperrten uns die Tore der Wahrnehmung auf, fürwahr. Heute finden nur noch wenige Realitätsflüchtlinge hierhin und sie finden keine Alternative mehr zu ihrer Gefangenschaft in der verkauften Welt. Nur noch tristes Versteck in feuchten Räumen, die nun viel zu groß. Weil leergeräumt, zu Geld gemacht, was von Wert und alles andre als Leben, das hier die Lücken füllen könnte. Das Schelmische und Laute, Mystische und Streitmutige: Niemand mehr, der mit gerupftem Hühnerleib erzürnt den Dieben aus den eigenen Reihen im Innenhof nachsetzt, wirft. Niemand (kein Sunbird, keine Hallibelli), die mehr suchspielen im Dunkeln, mit Trommeln und Tamtam. Anschwellende Gesänge, die das Innenleben lobpreisen, begleitet vom Geschirrgeklöppel, rhythmischen Schlägen auf den runden Tisch in der Küche mit den fünf Türen. Heut´ leckt dort die Decke und lässt Böses ahnen – zwei Stockwerke drüber liegt der Schornstein. Keine Kräuter- und Körnersammlung in den Regalen sondern Tafelfutter, staubig und dunkel, weil das Fenster zum Hof fast blind. Ein Zauber bis ins Erdreich trieben wir voran: Deponierten im Steinkeller Devotionalien von weitgereisten Gästen (Figuren aus Fernost) oder verfluchten die schmallippigen Rivalinnen, gaben dort unter der letzten Wölbung ihr Foto zum Zerzausen frei. Glücklich torkelten die Schmetterlinge durchs Cannabis und der Tonchef einer Band, die in unserm Studio ein Album aufnahm, raubte im ausrangierten Bulli dem 17jährigen Sänger einvernehmlich dessen Unschuld. Am Ende des dreieckigen Gartens lag das „Dreieck“ und wurde fruchtbarster Punkt und Anbeginn nächster Generationen der späten Jugend, irrwitziger Gedanken, mancher Lieder wohl. Lieder, die vorgetragen am andalusischen, gomerhischen, goatischen Lagerfeuer die gleiche Freude zeitloser Sinnlichkeit sein konnte.

Mir blieb aus der Zeit Erfreuliches und meine Leibesfrucht, gezeugt bei Mondschein nah der jungen Eiche. Ich bin nach all den Jahren eine ganz andere, beschließe ich. Fahre friedlich nach Stunden und Umwanderungen den gleichen Weg zurück. Im Nachbardorf zieht vor mir ein Bauer auf´m Rad, mit einem Eimer am Lenker, eine große Kurve von der Nebenstraße in die Hofeinfahrt, mustert mich durch die Karossenscheibe eingehend, hebt dann geruhsam und wissend die Hand zum Gruß. Wen grüßt er da? Die, die fünfzehn Jahre weg war oder eine ganz andere?

Judith Trapp

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freiTEXT | Kai Gutacker

Der harte Kern

Der harte Kern also, wir vier; immer wir vier, in den Bars, lange nach Sonnenaufgang, mit ein paar letzten Drinks, Tequila oder Jägermeister, und bis auf Hendrik alle mit blauen Gauloises zwischen den Fingern; wir, die noch nicht gehen wollen, auch, wenn die Nacht bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt wurde und sie nichts mehr hergibt, alles nur noch Trägheit ist, die Betrunkenen um uns sich verzogen haben, gerade kurz bevor sich die Straßen mit frischen, ausgeschlafenen Menschen bevölkern, das ist unsere Zeit. Wir vier, allesamt single, drei Jungs und eine wunderschöne Frau, die wir flankieren und die insgeheim unser aller Träume streift, die wir aber lange als Unseresgleichen akzeptiert haben. und mit der also nie etwas geschehen könnte, das nicht freundschaftlich wäre. Wir in den nächtlichen Straßen oder wir tagsüber im Laden, niemand hat einen besseren Geschmack in Fragen der Eleganz, wir vier, die wir uns darin bestätigen, wie wir leben, dass man auch als Heutiger wissen darf, ob man zwei oder drei Jackettknöpfe bevorzugt und wie man sein Revers trägt, ob man Windsorknoten binden können oder sich bei Swingmusik auskennen müsste, wir, die wir das alles bejahen, und die wir unseren Plänen nachgehen, unser Stück von der Welt zu erobern. Jeder auf seine Weise, Benjamin in seiner Kanzlei, tatsächlich das Kind der Freude, das er seinem Namen nach ist, mit rotblondem Haar und eleganten Gesten, dem alles zufällt, maximal fünf Jahre noch, dann wird er genug für drei verdienen und sich irgendwo ein Apartment kaufen. Oder Hendrik, der immer etwas ernst ist und verschlossen – er ist Getränketechniker und erzählt, wenn er einmal etwas erzählt, meist davon. Und natürlich Alexandra, über die sich so vieles sagen ließe. Sie ist hinreißend, aber das erwähnte ich ja schon. Also, unser Vierergespann, wir alle kommen aus den verschiedensten Teilen des Landes und haben uns hier gefunden, vor gut fünf Jahren, einer nach dem anderen. Wie wichtig wir uns gegenseitig geworden sind, in einer Stadt, die einem immer Neues bietet und fordert, die mal Artemis, mal Demeter und immer Janus ist, hier, an diesem Ort, weiß ich, diese vier bleiben, und es wird sein wie immer, wenn Hendrik über blaue Gauloises mault und sie für ganz ungenießbar erklärt – was wir doch für Barbaren seien – oder Alexandra, auf dem Sessel quer zwischen Armlehne und Armlehne hingefläzt die Beine in die Luft hängen lässt und einen Witz macht. Wenn wir Benjamin diagnostizieren, wie sehr sein Geschmack, der sonst so tadellos wäre, gerade bei Frauen so oft versagt und wir seine Exfreundinnen in der Luft zerreißen, wie Alexandra einen Schluck Wein trinkt, in die Männerthemen einsteigt und ihnen vorangeht, jetzt auf einmal von Deepthroat-Pornos spricht, wenn wir bei mir sind und Hendrik zu kochen anfängt, denn das kann er als einziger von uns, und deswegen an uns herumnörgelt. Selten vergeht ein Wochenende, an dem ich nicht zumindest einen von ihnen sehe, und neue Insider entstehen. Wenn ich bei anderen Freunden bin, fallen mir diese Insider wieder ein, ich fühle mich dann jedes Mal fremd, bei wem auch immer ich gerade bin – solange niemand vom harten Kern dabei ist. Und es kommt vor, dass ich sitze und denke, wenn es schon spät ist, wir getrunken haben und Alexandra ganz nah bei mir sitzt, dass ich Glück hatte, sie als Freundin gefunden zu haben, nicht als Geliebte, trotz allem, was sie so begehrenswert macht, dass ich ihr als Mensch näher bin als jeder, mit dem sie geschlafen hat oder einmal schlafen wird. Was sind schon ein paar Träume dagegen – und von wem träumt man nicht alles? Mit den Träumen ist es wie wenn einer die Arme verschränkt – das kann bedeuten, dass er sich unwohl fühlt, zurückziehen will, aber es kann eben auch gar nichts bedeuten. Man weiß das nie. Und so kann es doch auch sein, wenn ich von Alexandra träume. Dass es eigentlich gar nichts ist, ein zufälliges Spiel von Hormonen und elektrischen Impulsen in den Nervenbahnen. Vielleicht, wenn sie auf mich zuginge, ihren Körper an meinen drücken und mir einen Kuss geben würde. Dann wäre alles anders, aber so ist es ja nicht. Und wir alle wissen, dass es sich nicht ändern wird, daran ist kein Zweifel. Dass es Momente gibt, wo wir ihr nachsehen – wir alle tun das – es hat nichts zu bedeuten. Wenn sie käme, mir Flüsterworte ins Ohr sagte. Ob ich dann meine Freundschaft zu Hendrik und Benjamin gefährden würde? Vielleicht. Obwohl das mit Sicherheit eine der schlechtesten Entscheidungen wäre, die ich nur jemals treffen könnte. Deshalb bin ich glücklich, dass wir nur Freunde sind. Vielleicht finde ich eine andere, die so bezaubernd ist wie sie. Wir alle müssen das irgendwann, Alexandra wird jemand finden, der gut für sie ist. Solange es nur niemand von den Jungs ist. Manchmal frage ich mich, wer von den beiden die Freundschaft zu uns gefährden würde, um sie zu bekommen. Wir alle träumen von ihr. Aber dann denke ich, dass das alles ja nicht von Bedeutung ist.

Es ist gut, dass die Dinge so stehen; von Insider zu Insider, während wir über unsere Pläne brüten, nehmen wir  die Nächte und teilen sie untereinander auf, bis nichts mehr von ihnen übrigbleibt, trinken bis morgens und rauchen blaue Gauloises – bis auf Hendrik, der die ja nicht ausstehen kann.

Kai Gutacker

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freiTEXT | Katharina Bergunde

Katharina Bergunde

'Es ist unvorstellbar: man geht nach draußen und innerhalb von Sekunden schlägt sich die Feuchtigkeit, das Wasser! an deinem Körper nieder und du weißt nicht, ob du unmöglich doll schwitzt oder es eben die Feuchtigkeit ist, es ist Hitze, deine Lungen fühlen sich schwer an und du kannst nicht atmen, zu viel Wasser in der Luft. Ich verlasse mein klimatisiertes Zimmer, betrete die Küche oder das Bad, wo keine Klimaanlage und das Fenster offen ist und schon ist die Feuchtigkeit da und an mir - mir wird schwindlig. Es ist wirklich so krass, man kann nichts tun, außer jetzt nachts vielleicht, aber feucht ist es immer noch. Mir geht es gut hier, in meinem Kopf ist es schon vorbei und ich habe keine Lust auf das Danach.' (Email an Marie)

Es ist lächerlich, zu duschen, da in den Sekunden, in denen das Wasser schon abgestellt ist, man sich in das Handtuch wickelt, die Badtür öffnet und schließt und den kurzen Weg in sein Zimmer zurücklegt, die Tür hinter sich schließt, in der klimatisierten Zone aufatmet, schon wieder winzigste Schweißfilm die Haut umgibt, man entrinnt ihm nicht und er entrinnt einem unablässig. An den ehrlichen Schweiß der Hitze der brennenden Sonne bin ich längst gewöhnt, er stört mich nicht mehr, ich vermische ihn mit Lotion nach dem Duschen und errieche die enstandene Mischung in jedem meiner Kleidungsstücke und den Laken und Decken. Ich liebe meine Haare noch mehr als ohnehin schon, sie sind der einzige Ort des Körpers, auf dem die Illusion von Normalität ruht, kein Schweiß möglich, das Kissen der Ort, der nur nach Shampoo riecht.

Der ehrliche Schweiß also, der normale, ist Gewohnheit, Teil jedes Teils des Daseins. Dagegegen der Film, der nicht einem selbst, sondern der Luft entrinnt und am eigenen Körper lediglich kondensiert, sich wie eine zweite Haut auf die Umrisse legt, bis auf die Oberfläche der Lungen – zu viel Wasser in meinen Lungen und nie genug Luft, um mich wachzuhalten – dieser Schweiß aus der Luft selbst ist es, an den ich mich nicht gewöhne und dem nur im Meer zu entkommen ist oder dem Ozean, der tiefen, dunklen See, oder der blauen, rosafarbenen, sie ist Fluchtpunkt, umso mehr, als dass ich sie in den einzigen atmungsaktiven Stunden aufsuche, zwei Stunden vor und eine Stunde nach Sonnenaufgang, die einzige Zeit des Tages, in der die Luft genügend Sauerstoff enthält, um meine schwere Müdigkeit zu beenden. Bei jedem Aufwachen hält die Illusion von Wachheit einige Minuten an, Nachwirkungen des Traumes und der Veränderung des Zustandes, diese Minuten verbringe ich liegend, mit geschlossenen oder halbgeöffneten Augen, nachhängend dem Nichtbewusstsein meiner Körperlichkeit, der Ignoranz der Hitze, dem Wohlgefühl eines nichtphysischen Daseins.

Wenn ich schlafe, interessieren meinen Körper Hitze und Feuchtigkeit nicht, ich wache auf, wie ich geduscht habe, der Schweißfilm entsteht erst, wenn der Körper erwacht ist und zu funktionieren beginnt, seine Umwelt aufzunehmen beginnt, wenn ich den kühlen Raum verlasse und in die Hitze der Hygienemaßnahmen trete, welche mich zuerst zwingt, diese durch meinen Verbleib in ihren Räumlichkeiten notwendig zu machen. Es dauert nur wenige Sekunden. Es ist tatsächlich eine Möglichkeit, um Mitternacht herum zu schwimmen, den Körper herunterzukühlen, sodass er beim geringsten Wind inmitten der tropischen Temperaturen zu frieren beginnt, ein Phänomen, das so seltsam wie schmerzhaft ist, der Körper leidet unter der vermeintlichen Kälte vielmehr als vor der Ständigkeit der Hitze zuvor und doch ist es eine solche Unglaublichkeit, dass es schön ist, so wie alle Abwechslung schön ist und mit der Angst vor Krankheit belegt. Dennoch ist dieser Zustand ein herrlicher, ich kehre zurück in den leichten Wind der Klimaanlage und genieße, mich bedecken zu können und wach und ohne jeglichen Schweiß zu sein, fast kühl, fast fröstelnd, alles absurd. Ich schlafe nicht und ich schlafe immer. Es ist, als wüsste mein Körper nichts mit sich anzufangen. Überhaupt ist in diesem für mich Ausnahmeklima alles auf Körperlichkeiten zurückgeworfen - was mir gefällt, es ist wie Krieg, Moment für Moment und die Zeit vergeht und man übersteht. Meine Vorhänge sind immer geschlossen. Ich weiß nicht mehr, wann ich damit begonnen habe, sie nicht mehr zu öffnen. Morgens würde mich die Sonne blenden, tagsüber ist es trotz der geschlossenen Vorhänge ungeheuer hell im Zimmer, die tieforangen Fliesen und die Bläue des Tuches über der Couch sollen alles dämpfen und tun das auch, trotzdem ist Aktivität nichtgeistiger Art unmöglich. Nachts bemerke ich erst, wenn wieder Licht durch die Vorhänge fällt, dass es hell geworden ist und lösche das Licht. Ich trinke, ich esse, ich schlafe, ich döse, ich lese, ich denke, es überkommt mich, ich schreibe. Wann immer die Tür einen Moment offen steht, kommt der Hund ins Zimmer, dreht eine Runde und lässt sich in unmittelbarer Nähe der Tür nieder, schaut heraus, mich an, mich ärgert das Einströmen der Feuchtigkeit, aber ich liebe den Hund und schließe die Tür nicht, bis er nicht von selbst gegangen ist und ich ihn gestreichelt habe, ihn auf den Kopf küsse und die weichsten aller Ohren meiner Hand entweichen, sich aufstellen und wissen, das nächste Mal wird kommen. Der Hund versichert sich der Ordnung meines Zimmers und meiner Zuneigung und verlangt nach beidem nachdrücklich. Gibt es einen fremden Geruch in diesem ihm oft verschlossenen Raum, einen starken männlichen Menschengeruch, auf den Laken, in der Luft, eine Spur im Flur, legt er seinen Kopf auf mein Bett und studiert ihn. Sieht mich an, nähert sich und beriecht mich ausgiebig, auch zwischen den Beinen, wenn ich ihn lasse. Manchmal lasse ich ihn, weil ich will, dass er versteht. Ich umarme dann den Hund, der eine Sie ist und niemals Kinder bekommen wird und er verlangt eine besonders lange Zuneigungssitzung, oder vielleicht bilde ich mir das ein in meinem bewussteren körperlichen Zustand, der einzigen physischen Aktivität, zu der ich mich bewegen kann. Schwimmen ist keine Aktivität, Schwimmen ist aufgehen in der See und meditieren mit dem eigenen Körper, während der Geist über den Wellen schwebt und ihnen beim Denken zuschaut, ohne dass es ihn angeht. Schwimmen ist absolute Freiheit, Bedeutungslosigkeit, loslassen der Welt. Leere, wenn man so will. Ganz Bewegung und Leichtigkeit und Bewegung und Leichtigkeit sind und bedeuten nichts. Ich schwimme bis hinter die Wellenbrecher und schaue zurück auf die jahrtausendealte Stadt und die neue Stadt und hinaus aufs Meer, die Endlosigkeit. Manchmal scheint mir der frühe Morgen die einzige Zeit, in der ich die Grenze zwischen Meer und Himmel wahrnehme. Zartrosa gegen dunkelviolettblau. Ich liebe die Wellen und ich liebe das Meer still. Es ist mir unersetzlich geworden, der Ort des absoluten Friedens. Danach ist Wachen eher wie Schlafen. Außerhalb der unerträglichen Klimatage genieße ich jede Sekunde, manchmal auch dann. Ich weiß, Europa ist ein weit entfernter Kontinent einer ungefähr gleichgestellten Zeitzone. Ich habe nichts gegen Europa, aber ich bin nicht dort. Mir hat noch nie sehr gefallen, allein zu sein und nie weniger etwas bedeutet. Bedeutungslosigkeit ist nicht gleich Gefühls- oder Emotionslosigkeit, im Gegenteil, aber ich bin gelöster von allem, lasse mich und alles andere gehen, ohne Schmerz zu empfinden, es ist wie ein Wind, den man spürt; niemand käme darauf, ihn festzuhalten, auch wenn er angenehm kühlt und die Hitze ansatzweise vergessen lässt. Ich weiß genau, was ich von mir erwarte, daher erwarte ich Nichts vom Hier oder Anderen. Und genieße das und genieße mich in meiner Freiheit. Alleinsein ist zum ultimativen Erleben geworden, das Alleinsein im Inneren eines gelösten Selbst.

Macht es mich traurig, dass alles temporär ist? Nicht mehr. Meine Macht über mich selbst war selten größer und alles, was passiert, ist Teil der Flut meiner Gedanken, in der ich mich entscheiden kann, zu schwimmen oder sie gehen zu lassen, so wie alles andere auch. Nirgendwo auf der Welt ist es einfacher, genau das zu tun, was man tun will, in keiner Situation ist es einfacher, überall und nirgendwo zu sein, ambitioniert oder freigeistig, zurückgezogen oder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, es ist, als lerne man von selbst die richtigen Menschen für jede Stimmung, jede Unternehmung, jeden Gedanken kennen, das einzig fehlende ist der intellektuelle Überbau, den aber auch niemand schaffen will. Vielleicht schreibe ich deswegen. Oder weil ich doch trotz all dem Frieden die Intelligenz europäischer Melancholie vermisse.

Eine Stadt, ein Meer, eine Mitte.

Frieden.

Katharina Bergunde

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freiTEXT | Dietmar Maetzig

Das Lied

Litauische Begegnungen 

Weit bist du gefahren. Ermüdend ist es gewesen. Monate hatten sie früher zu dieser Reise gebraucht und auf dem dunklen Weg durch die Berge, unendlichen Wälder und Sümpfe war Mindaugas´ Krone in andere Hände geraten! Nie hatte sie ihn erreicht. Die fremde Obrigkeit residierte fern von ihm. Auch Obrigkeiten halten Kronen nicht sicher in ihren Händen. Und du weißt: manches Mal wirst du ausgezeichnet, weil gerade du die Auszeichnung nicht bekommen solltest.

Behände trägt dich die Autobahn über die Landschaft dahin. Ein aufgeschlagenes Buch ist die Landschaft dir. Es lässt sich lesen und spricht in deiner Sprache zu dir. Auf tausend und abertausend Fragen antwortet es dir – nur die Fragen musst du ihr stellen. Wie gut, dass du die Buchstaben des großen Lebens beherrschst!

Du siehst, du erkennst und du liebst die Landschaft, du möchtest sie betreten, in ihr weilen. Du möchtest sie in dich aufnehmen, du möchtest dich ausgelassen wie ein Pferd auf dem Rücken über den Erdboden rollen, alle Viere gegen den Himmel strecken und blicklos in den weiten Himmel schauen. Dich einfach ziellos dem Leben hingeben! Doch die Pflicht des Tages bindet dir einen straffen, einen engen Zaum. Du bist zu schwach, dein Leben zu gestalten. Du bist ein Sandkorn im übermächtigen Alltagsbau, du fühlst dich wert und auch gebraucht. Immer wieder wird dir klar, für deine eigenen Ziele bist du allein zu schwach. Was wärest du, wenn du dich nicht befehlen ließest?

Schuldig hältst du deinen Wagen an, steigst aus, um inniger mit der Landschaft zu sein. Sie nimmt dich auf. Sie bewirtet dich. Es ist Abend geworden. Ruhig schaust du über das schweigende Land. In die weite, weite Ferne, an den Horizont ziehen dich deine Augen. Ach, könntest du erfassen, was alles in dieser Landschaft ruht! Jahrtausende gestaltetes Leben, reine, bewahrte Natur! Der Mensch – ein Teil von ihr. Könntest du über der Landschaft schweben, einfach Stunde um Stunde über ihr schweben! Dich auf die Erde niedersetzen und dich einfach wieder über die weite Landschaft erheben! Hat der Mensch dieses Sehnen nicht den Göttern geschenkt? Bewahrt er das eigene himmelwärts Schweben nicht für das Ende seines Lebens auf? Ach, könntest du diesen Moment mit nach Hause nehmen und noch lange, lange von ihm zehren! Das fremde Land ruft dich deutlich zum Ursprung, zum Wesen deines Lebens zurück. Wir heiligen das Leben, wir sehnen uns, es zu begreifen. Ja, das Leben – nicht seine Organisation, seine Verwaltung. Die ruhige Großartigkeit der Landschaft führt deine Seele zu innerer Einkehr. Du lauschst in das Leben, in die unermessliche Zeit hinein. Du möchtest begreifen, was dir die Stille verrät. Du bist dem ängstlichen, selbstgefälligen Geschrei der Gegenwärtigen entwichen. Du lässt dir von ihrem Heucheln dein Trachten nach dem tieferen Sinn des Lebens nicht ersticken.

Du senkst dein Haupt. Du kehrst zu deinem Auto zurück. Du musst! Das reale Leben fordert seinen Preis von dir. Du musst gehorchen. Du hast dich dem Leben verpflichtet. Du musst weiter fahren. Die Landschaft streicht im Abendlicht vorüber und verabschiedet einen weiteren Tag. Wie viele werden es noch sein, werden noch auf dich warten? Einerlei. Du bist dir gewiss, irgendwann führt dich das Leben noch einmal hierher. Du wirst den Wanderpfad betreten, durch Wälder, Felder, Dörfer, Landschaft ziehen, in den Holzhäusern schlafen, der fremden Sprache lauschen, nichts verstehen, doch dich aufgenommen fühlen, ohnmächtig träumen, frei von deinem dir eingebrockten Leben. Du willst Leben und Landschaft genießen. Aber wann? Wann wird das werden? Weshalb führt dich das Leben hierher? Weshalb spricht es dich hier so innig an? Was du dir heute nicht erfüllst, wirst du später nie erreichen! Du zwingst dein Auto an den Straßenrand, lässt es stehen und wieder zieht dein Blick über das weite schweigende Land, in dem ungesehen Menschen leben. Ein unglaublicher Friede umfängt dich. Deine Andacht gehört dem Leben. Natur und Mensch sind unbegreiflich schön!

Und da! Horch! Ein Lied! Ein fernes, leises Lied löst dich aus tiefer Betrachtung! Es kommt auf dich zu. Es gesellt der Landschaft einen Menschen zu. Sacht´ schwebt es über das weite, stille Land. Es erreicht dich, zieht an dir vorüber in die abendliche Ferne hinein. In dich und in die schweigende Landschaft wolltest du hineinhören, doch dich trifft ein menschliches Lied! Es tritt zu dir, tritt an dich heran. Erklingt es wirklich? Hat es deine Phantasie in diese Landschaft gesetzt? Du schaust in das flache, unermesslich weite Tal, das alles fasst, den Wald, das Wasser, die Wiesen, das Haus... Du erkennst seine Grenzen nicht. Es zieht sich hin, unendlich weit. Und du lauschst. Ein Mensch! Ein Mensch ist in deiner Nähe. Er ruft in die freie Welt hinaus. Er kennt, er versteht sie. Er schreit nicht. Er singt. Er verlangt nichts, von keinem verlangt er etwas. Er gibt uns ab von seinem Dank, seiner Sehnsucht, seinem Werk, seiner Seele, seinem Gefühl. Er meldet sich. Er ist hier zu Haus. Er gibt sich zu erkennen, all denen, die eine Stimme suchen, die seine Stimme - die ihn - achten wollen. Mag seine Stimme auch den erreichen, dem sie hilft! Ein Herz hatte nach einem Lied gegriffen, eine Stimme gab ihm den Ton, ein Mund hat es geformt und geduldig zieht es durch das Land. Für das Leben singt der Mensch sein Lied. Zeitlos, ziellos gewinnt es die geheimnisvolle, die nur geahnte Welt. Es zieht vorbei an Blatt und Raute, an Stein und Hügel. Es sucht nach Ohren, sucht nach den Seelen, die auf eine Stimme warten, die es aufnehmen werden. Es sucht nach Herzen, die sich mit ihm verbünden, sich verstanden, sich bei ihm zu Hause wissen. Auch du nimmst es an, nimmst es auf, nimmst es mit. Es führt dich zum Feuer in der feuchten, kühlen Nacht, zu den Tänzen, zu den Sprüngen über die lodernden Scheite, zum letzten Schluck im Becher, den du dem Feuer schenktest: es möge sich an dich erinnern und dich immer wieder erwärmen! Der Mensch hat sich das Lied erschaffen. Der Natur schenkt er es aus Dankbarkeit für sein Leben, als innigen Zeugen für sein Leben in der Landschaft. Wessen Brot du isst, dessen Lied singst du! Darf es das Lied deiner Landschaft sein? Oder singst du das Lied deines Herren? Zu Menschen führt dich das Lied, zu Menschen, die sich - wie du - den Tag erarbeiten und sinnen und träumen. Ein jeder braucht sein Lied. Du singst es aus Dankbarkeit, aus Freude, aus Trauer, aus Übermut. Du darfst es überziehen, wie den in Holz gegrabenen Menschen. Zur intellektuellen Fratze darfst du es verzerren. Dein Lied verrät dich.

Noch immer schwebt das Lied - die Daina - suchend durch das flache Land. Kein Berg, kein Felsen versperrt ihm den Weg. Eine Daina kannst du nicht im Rundfunk senden, nicht im Konzertsaal hören. Der Landschaft gehört sie an. Die Landschaft ist ihre Heimat. Hier wurde sie geboren, hier ist sie zu Haus und hier breitet sie ihre Schwingen aus. Hier kannst du sie erleben. Beim Gesang der Daina wird das Kind der Landschaft geboren. Es summt sie mit, es stimmt sie an und mit ihr auf den Lippen wird es als Greis versterben. Hier tritt die Daina in das Herz der Menschen und gedeiht, wie die prächtige Pflanze und das vitale Tier. Hier hat sie ihren Boden, ihr Wasser, ihr Klima, ihre Luft und hier findet sie den Menschen, mit dem sie zusammenleben will. Und hier, wo sie zu Hause ist, wo sie in aller Herzen lebt, darfst du sie heute hören! Unerwartet reich hat das Schicksal dich beschenkt! Das Lied der Landschaft hat dich eingeladen, seine Menschen zu verstehen, zu begreifen. Es anzunehmen wird deine Freiheit sein. Du bist nicht allein Körper und Stimme, du bist auch Herz und Seele. Du hast deine Landschaft, deine Heimat, dein Wort, dein Lied, deine Literatur, dein Leben und noch so viel Eigenes mehr und lauschst nun der fremden Stimme. Sie führt dich in ihr Haus, in das Herz eines fremden Menschen. Ihre Heimat ist deine Fremde. Du gehst auf sie zu, gehst mit ihr mit. Du folgst ihr und trittst tief in ihre fremde Menschlichkeit ein, die dir deine zivilisierte Gegenwart zu verstecken trachtet. Hier bist du innig mit ihr zusammen, seid ihr gemeinsam in der großartigen Natur unserer Welt. Der Mensch trägt die Werte der Welt und des Lebens in sich. Auch du darfst sie in dir tragen. Du malst dir die Welt und das Leben nach deinem Vermögen, als Bild, als Lied, als Text, als Idee. Du darfst all das besitzen, was du dir aus Welt und Leben erschaffst. Sorgsam hat deine Seele aus dem unerschöpflichen Angebot gewählt und sie wählt noch immer, sucht, solange sie dazu fähig bleibt. Mehr nicht, sie sucht. Wird es reichen, dich durch das Leben zu geleiten? Wird es reichen, auch das Leben der Deinen reicher zu machen? Die Daina hatte dich gerufen, dich zu besinnen. Sie wird dir verklingen, doch unverdrossen wird die in Holz geschnitzte Hochzeitsgesellschaft in das reiche Tal des Lebens schauen. Du wirst dich neben sie stellen, mit ihr die Daina hören und mit ihr in das schweigende Tal blicken. Nein, du hast kein Lied geraubt! Du hast erlebt und angenommen, was du so innig-emsig gesucht, wozu dich dein Leben über die Erde treibt. Die Stimme eines Menschen, eines unbekannten Menschen wird bei dir sein, wird dir Vertrauen geben, dich lebenslang über die Erde begleiten und dir auch in der Ewigkeit zur Seite stehen. Mag deine Seele die Stimme so gut verwahren, dass sie dich zu und unter denen führen wird, die dir die Welt schon vor deinem Leben gestaltet hatten. Mag sie dir Zugang zu ihren Seelen bieten! Und du lauschst. Noch immer schwebt die Daina über das Land, einfühlsam, beherrschend, fragend, bescheiden. Sie hat Seele und Stimme zueinander geführt. Oh, hätte doch ein Mensch dem anderen niemals ein falsches Wort, eine falsche Seele, ein falsches Herz anerzogen! Oh, wäre das Lied, wäre die Musik die einigende Religion aller Menschen geblieben! Hätte es statt der Söldner unsere Grenzen überschritten!

Das Leben zu spüren hattest du die Einsamkeit gesucht, hattest du die bequeme Hölle verlassen. Es ist eines Tages Abend. Wehmütig und getragen, ernst und voller stiller, sanfter Kraft schweben die Lieder über das Land. Doch schon bald arbeiten die Menschen am nächsten Tag, lassen Werkzeug und Kommandos erklingen und auch dann noch liegen die Töne der Dainas über dem Land, umhüllen es bis zum freien Abend hin. Voller sorgendem Optimismus werden sie wieder einsetzen. Sie, die Gesänge des Lebens, aus seiner Härte und Not geboren, seine Größe und Zuversicht verkündend, ein Bekenntnis zu Land, zu Landschaft, Volk und jahrhundertealtem Leben, dauerhaft verehrte Kunst. Ein Lied trägt seinen eigenen Charakter. Ein krisenfester Reichtum ist den Menschen die Musik. Du verstehst den Sänger, nicht seine Sprache. Schweigend hörst du ihm zu. Lass ihn die Seelen der Menschen aller Welt verbinden!

Dankbar lauschst du noch immer der Stimme. Der Stimme eines Menschen. Du weißt, er steht bei dir. Weshalb solltest du ihm nicht folgen, mit ihm zusammen durch die morgenfeuchten Wiesen gehen, die ganze weite Welt durchschreiten, zu anderen Menschen gelangen? Unglaublich viele gute, schöne Stimmen hat die Welt gehört. Nimm diese lebende für sie alle an!

Und wieder trägt dich dein Auto durch das Land. Du hast die Fenster geschlossen. Die Nachtluft ist zu kühl. Vorbereitete Straßen weisen dir den Weg zu deinem Ziel. Die fremden Lieder begleiten dich durch die Nacht. Sehnsüchtig schweben sie über das weite, ebene Land, ernst, getragen, dem Leben gewidmet, Seelen verbindend, dem Lebenswillen verpflichtet, stille, starke, natürliche Freude entzündend. Wie Nebelbänke legen sie sich schützend über das Tal. Im zuversichtlichen Einklang erlebst du die Stimmen nebeneinander, erhabener, ehrlicher, wahrhafter als die Töne unserer Zeit. Das Wort vermag Gesang nicht zu ersetzen. So will ich schweigen und dankbar dem Erlebten lauschen.

 Du stehst im Leben. Es gibt dir Aufgabe und Brot. Zu leben und sich zu entwickeln, fordert die Natur von Pflanze, Tier und Landschaft und sie alle erproben seit Jahrmillionen, dem zu folgen. Auch der Mensch tut es. Und unverdrossen führt dich dein Auto durch die fremde Nacht an deinen altgewohnten Platz. Es ist die Welt, wie du sie siehst. Deine Blicke darfst du deiner eigenen Seele schenken. Lass sie sich ihr Bild machen, so, wie es auch die anderen tun! Doch sperre es nicht weg, vernichte es nicht ungeprüft. Wir alle sehen die Welt und das Leben nach unserem Vermögen. Sprich sie an, die ihrer Seele gestatten, zu verarbeiten, was die Augen sahen. Du findest sie unter den Dichtern, den Sängern, den Holzschnitzern und Bildhauern und allen Menschen, die sich zu diesem ihrem Vermögen bekennen. Sei dankbar, dass du als Mensch eine Seele hast und tiefer sehen kannst als auf dein Frühstück und Abendbrot, tiefer fühlen kannst, als dir deine natürliche Begierde aufträgt, sei dankbar, dass sie dir gestattet, dich aus deiner Lethargie zu erheben.

Dietmar Maetzig

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freiTEXT | Jörn Birkholz

Autor Normalverbraucher

Einmal traf ich einen Autor, der beschwerte sich, dass jeder Tag gleich verlaufe und er nicht vorankomme. Das tue mir leid, sagte ich ihm und wollte schnell wieder gehen, aber er hielt mich auf, ließ mich nicht gehen, nahm mich quasi gefangen. Er wollte, er musste reden. Wieder mal war ich am falschen Ort, zur falschen Zeit. Und jetzt saß er vor mir, mit glänzendem Gesicht, leicht glasigen Augen und einer hippen Brille, die, wie ich erschrocken feststellen musste, der meinen erstaunlich ähnlich sah.

Kaum jemand liest meine Texte, klagte er jetzt.

Das kann dir doch egal sein, sagte ich. Ich duzte ihn; hätte ihn aber am liebsten gesiezt um damit wenigstens etwas Distanz zwischen uns zu wahren. Aber dann hätte er mich wahrscheinlich durch seine Brille, die auch die meine hätte sein können, sicher nur verstört angeglotzt, und mir nahegelegt, dass ich ihn ruhig Duzen könne, zumal wir – und auch das fiel mir unangenehm auf - etwa im gleichen Alter waren.

Aber man möchte doch gelesen werden, jaulte er nun.

Sicher, sagte ich, nur wenn nicht, dann eben nicht, wen interessiert’s.

Das stimmt natürlich, pflichtet er mir sofort bei. Liest ja heutzutage ohnehin kaum noch jemand, fügte er noch hinzu und rang sich ein ironisches Grinsen ab. Seine Zähne waren gelber als meine - wenigstens unterschieden wir uns darin.

Ich wollte weg, wusste aber nicht wie.

Darf ich dir was geben?, fragte er mich jetzt.

Was?!

Ich hab einen Text bei mir. Keine Sorge, er ist nicht lang.

Ich machte mir keine Sorgen, aber ich konnte nicht glauben, dass das bebrillte Glanzgesicht jetzt tatsächlich eine grüne Mappe aus seiner Adidas Umhängetasche hervorzauberte, aus der er ein leicht abgegrabbeltes DinA4 Blatt entnahm und es mir aufgeregt reichte.

Das Blatt war in kleiner Schrift - Times New Roman, ich vermutete allerhöchstens Schriftgröße acht - zu dreiviertel vollgeschrieben.

Hab ja gesagt, ist nicht viel.

Und was soll ich damit?

Lesen.

Da ich mich nicht traute nein zu sagen, las ich.

Und?, fragte er mich, nachdem ich den Text gelesen, oder vielmehr überflogen hatte.

Was soll ich sagen?

Ist es gut? Ein kleiner Speicheltropfen schoss ihm aus dem Mund und verfehlte mich nur knapp.

Das musst du doch wissen. Schon wieder duzte ich ihn!

Ich weiß, dass es ein bisschen radikal ist.

Radikal?

Zum Beispiel die Stelle mit den Arbeits- und Erziehungslagern für Hartz-IV Empfänger und Homosexuelle.

Mal abwarten, was die Zeit noch bringt.

Eine hübsche Frau lief an uns vorbei, er nahm sie gar nicht wahr, was auch egal war, denn sie uns auch nicht. Zwei identische Brillen in einer Kneipe sind ja auch kein besonderer Hingucker. Ich wurde müde.

Ich glaub, es ist gut, sagte er, sogar sehr gut, denke ich jedenfalls.

Na dann ist doch alles klar.

Versteht nur keiner.

Tja.

Das ist übrigens der Anfang zur Einleitung meines Romans. Meines Zweiten! Den ersten wollte auch keiner lesen.

Das tut mir leid.

Leider ist Schreiben mein Leben!, wurde er jetzt pathetisch.

Das ist sehr traurig.

Wieso?

Egal.

Die hübsche Frau drehte um und kam nochmals an uns vorbei. Ich lächelte sie an. Sie lächelte nicht zurück, sondern tat, als wenn sie es nicht bemerkt hätte. Ich wollte weg, nur weg von hier, weg aus diesem Laden, und vor allem weg von meinem Brillenspiegelbild.

So, ich muss dann mal los, muss morgen früh raus.

Morgen ist Sonntag?

Ich muss in die Kirche.

Bist du gläubig.

Wie man’s nimmt. Ich bin Pastor.

Oh, das hätte ich jetzt aber gar nicht gedacht.

Der Autor nahm es mir tatsächlich ab.

Du wirkst eher wie jemand aus der Werbebranche. Das sollte jetzt aber keine Beleidigung sein.

Kein Problem, kam auch nicht so rüber.

Katholisch?

Was?

Katholischer Pastor?

Ja, ja. Also dann.

Vielleicht sieht man sich ja nochmal.

Ja, vielleicht.

Aber auf jeden Fall danke für deine konstruktive Kritik.

Äh, ja gerne.

Ich verließ den Laden und ging gleich in den nächsten. Auch da waren etliche Brillen. Viele potentielle Autoren also auch hier. Ich achtete besonders darauf, dass ich mich nicht in die Nähe von jemand setzte, der ähnlich aussah wie ich. Ich fand einen Platz ganz am Ende der Theke. Hier war ich sicher. Gut, dass ich kein Autor bin, dachte ich und bestellte ein Bier.

Ist hier noch frei?, vernahm ich es zu meiner Rechten.

Ein Brillentyp mit Umhängetasche pflanzte sich auf den letzten freien Barhocker neben mir.

Was machst du?, fragte er mich nach nur wenigen Sekunden des Schweigens.

Ich bin in der Werbebranche, sagte ich, exte mein Bier und bestellte sofort ein neues.

Jörn Birkholz

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freiTEXT | Julian Drescher

Grüner Kasten

Sie kam das Treppenhaus mit schweren, stampfenden Schritten hochgelaufen. Auf halber Strecke blieb sie stehen.
»Hallo, Marie«, sagte sie.
»Hey«, sagte ich und hob die Hand.
Ich lehnte mit verschränkten Armen am Türrahmen. Sie schnaufte und trug einen grünen Metallkasten in der Rechten. Sie hatte große Mühe, ihn bis zu meiner Wohnung
hochzubekommen.
»Das ist er«, sagte sie und stellte mir den Kasten vor die Füße. Wir tauschten Blicke aus. Sie versuchte zu lächeln. Ihre Augen waren glasig und rot, ihre Haut fahl.
»Ist gut«, sagte ich und räusperte mich.
Ich sah auf den Kasten. Brauner Rost begann, ihn aufzufressen. Ich wollte noch etwas anderes sagen, aber ich tat es nicht.
»So, das war jetzt das letzte, was ich von ihm hab«, sagte sie.
»Hat er die anderen Sachen schon geholt?«
Ich nickte. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken an die Wand und drehte ihren Kopf weg von mir. Ich überlegte, ob ich es ihr jetzt sagen sollte. Sie begann, tief ein- und auszuatmen. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Früher war sie blond gewesen. Jetzt hatte sie braunes, kantig geschnittes Haar. Als sie ihren Kopf neigte und in die Hocke ging, da fielen sie ihr wie ein Vorhang vor ihre Augen. Die braunen, kantig geschnittenen Haare.

Sie war drei Jahre lang mit ihm zusammen gewesen. Sie waren dem anderen nie fremdgegangen. Sie lebten nicht zusammen, aber sie sahen sich nahezu täglich. Ich traf die beiden ein paar Mal die Woche. Ich kannte sie aus dem Lehrstuhl. Sie lachten viel, aber oft verdrehten sie die Augen, wenn sie über den anderen sprachen. Nachdem er ihr gesagt hatte, dass er sie nicht mehr liebe, wollte sie ihn nie wieder sehen. Deswegen brachte sie mir seine Sachen.
»'schuldigung«, sagte sie. Sie wischte sich über die Augen, dann sah sie wieder mich an. »Heute nervt mich alles. Es gibt so Tage, da nervt mich einfach alles.«
Ich nickte, kratzte mich am Nacken. Ich hatte in einer halben Stunde eine Verabredung. Wir wollten ins Kino gehen. Da lief so eine Komödie über Punks, über Punks in den Achtzigern.
»Kein Problem«, sagte ich.
»Okay«, sagte sie.
Sie lehnte noch an der Wand an. Sie atmete tief ein und aus. Ich stand im Türrahmen, mit verschränkten Armen. Ich dachte an den Film, an die Komödie. Das Licht im Treppenhaus erlosch. Ich drückte den Knopf. Als es wieder hell war, hockte sie noch immer da, an der Wand gelehnt, und starrte vor sich hin.
»Willst du noch kurz reinkommen?«, sagte ich. »Wir müssen
hier nicht so rumstehen, im Treppenhaus.«
Aber eigentlich dachte ich an die Komödie.
»Nein«, sagte sie, ohne mich anzusehen, »passt schon, danke.«
Dann: »Er hat mich angerufen, heute. Vorhin. Er hat gesagt, er möchte noch mal über alles reden. Über früher. Er hat gesagt, dass er so ein abschließendes Gespräch haben will. Dass da noch Sachen unbesprochen sind.«
Ich nickte. Das Licht ging wieder aus. Ich drückte auf den Knopf.
»Er ist ein Arschloch«, sagte sie.
»Ja,« sagte ich, »sowas geht echt gar nicht«, sagte ich.
Ich trug den Metallkasten in meine Wohnung. Dann kam ich wieder.
»Er ist ein Arschloch, dass er mich einfach so anruft.«
Ich nickte. Ich mochte es nicht, so im Türrahmen zu stehen.
Das Treppenhaus war kalt, die Luft klamm. Sie rieb sich die Augen, dann sah sie hoch zu mir und sagte: »Ich glaube, ich würde doch noch mal kurz mit reinkommen, wenn’s dir nichts ausmacht.«
Auf dem grünen Kasten war eine Bohrmaschine gezeichnet. Der Kasten stand auf meinem Küchentisch, er sah uns an.
»Wir haben damit einen Schrank gebaut«, sagte sie, dann nippte sie noch mal an ihrem Glas. »Den einen, der da bei mir in der Ecke steht. Du weißt schon, mit den CDs drin.«
Ich nickte. Sie sah den grünen Kasten kurz so an, wie sie ihn immer angesehen hatte. Aber dann war sie wieder wütend, wütend und traurig. Ich glaube, es gibt nichts schlimmeres, als wütend und gleichzeitig traurig zu sein.
»Er war einfach so vor meiner Tür gestanden. Er hat geklingelt, und ich hab aus dem Fenster geschaut. Und dann hat er hochgewinkt, und auf den grünen Kasten gedeutet. Er hat gegrinst und hochgeschrien, dass er eine Überraschung für mich hat. Das hat er gesagt, als er mit dem Ding da vor meiner Tür gestanden war.«
Sie sah den Kasten noch immer an. Ich dachte an die Komödie. Aber ich dachte auch daran, wie sie bei sich zuhause sitzt und den Kasten ansieht.
»Ich bin so froh, dass es vorbei ist«, sagte sie und zuckte mit den Schultern. »Es waren die schlimmsten Jahre meines Lebens. Er war so ein richtiges Arschloch.«
Ich goss ihr noch etwas ins Glas und sagte: »Aber ist ja jetzt vorbei.«
»Ja«, sagte sie, »ja. Aber er war so ein richtiges Arschloch, weißt du? So ein richtiges.«
Ihre Augen glitzerten wieder, und sie strich sich mit der Hand darüber. Wir schwiegen und tranken aus unseren Gläsern.
»Du solltest heute noch was machen«, sagte ich, »irgendwas, dass du nicht so alleine rumsitzt.«
Sie nickte.
»Hast du was vor?«, sagte ich.
Sie zuckte mit den Schultern.
»Du?«, fragte sie.
»Ich gehe dann ins Kino.«
Sie sah mich an.
»Ach, schön«, sagte sie.
»Ja«, sagte ich.
Sie sah mich noch immer an, und ich fragte mich, ob sie es sehen konnte, ob man es mir ansah. Ihr Handy klingelte. Sie nahm ab und sprach ein paar Sätze, dann legte sie wieder auf.
»Ach«, fing sie an, »ich mach in der letzten Zeit so richtig viel. ’ne Menge neuer Leute kennengelernt. Ist manchmal ganz schön anstrengend«, sagte sie, und dann lachten wir beide. Wir zündeten uns Zigaretten an. Sie lächelte und schüttelte dabei den Kopf.
»Ich bin voll über ihn weg«, sagte sie dann, »das kannst du ihm ruhig sagen, wenn du ihn mal wieder siehst. Dass ich voll über ihn weg bin.«
»Ja«, sagte ich, »ja, mache ich.«
Ich drückte meine Zigarette aus. Der Film fing in einer Viertelstunde an. Ich schaute zur Wanduhr, zweimal, dreimal, dann sagte sie: »Oh, musst du los? Ich will dich nicht aufhalten, wenn du los musst.«
»Ist schon okay«, sagte ich und machte eine wegwerfende Handbewegung, »ich hab noch Zeit.«
Als wir aufstanden, sah sie noch einmal auf den grünen Kasten. Ihre Augen waren rot und in dunkle Schatten gehüllt. Ihre Haut war weiß wie die Wände meiner Küche. Dann drehte sie sich um und ging.

Mein Auto hatte einen Platten, also nahm ich das Fahrrad. Vor der Tür umarmten und verabschiedeten wir uns. Ich fragte mich noch einmal, ob ich ihr es sagen sollte. Ich fuhr und winkte ihr. Sie ging die Straße entlang und winkte zurück. Der Mond war groß und weiß, er war voller Narben. Ich dachte an die Komödie. Aber dann dachte ich wieder an den Kasten. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie damit den Schrank gebaut hatten. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie zuhause vor dem Kasten kniete und heulte und schrie. Ich sah ihn, wie er jetzt bei mir stand, auf meinem Küchentisch, der Kasten. Ich fragte mich, ob sie es mir angesehen hatte, ob man Leuten allgemein so etwas ansehen kann.

Vor dem Kino begrüßten wir uns. Wir küssten uns lange und intensiv. Er trug eine braune Lederjacke und roch nach Rasierwasser.
»Wo warst’n du so lange?«, fragte er und lächelte, »der Film
fängt gleich an.«
»Mein Auto hat ’nen Platten«, sagte ich.
Er fuhr mir durch die Haare.

Julian Drescher

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freiTEXT | Andreas Reichelsdorfer

Soundtrack of urban happiness makes my mind split open

Das Lied A Horse With No Name der Gruppe America ertönt aus den Lautsprechern [1]. In einer Rezension auf einer informativen Musikseite bezeichnet ein Autor die Band als Neil Young - halt: Neil Young ähnlich. Get your facts straight, buddy. Und leite einen Text über die dunklen Straßen der Stadt (oder das Glück und das Unglück) nicht mit einem Song ein, der außerordentlich bekannt ist, der ein One-Hit-Wonder ist, den jeder kennt und von dem jeder denkt, dass er von Neil Young ist. Denkt denn keiner, dass er von Neil Young ist? Behauptung (kühn wie belanglos): Etwa fünf Prozent der Menschheit ist der Name Neil Young ein Begriff. Den Song A Horse With No Name andererseits werden vermutlich weit mehr Personen erkennen, als Personen, die Neil Young kennen. Und so wird alles ausgehebelt, mein Freund. Don’t fear the reaper. Ein One-Hit-Wonder sondergleichen und noch dazu ein schmachtendes Gitarrensolo [2], das im Radio abgeschnitten wird, sofern es noch ein Radio gibt. Die Fernseher wurden nämlich schon abgestellt. In einer Zeitung (Print) standen Statistiken über Romeo und Julia, doch welche Personen wurden denn überhaupt ausgewählt für diese Umfrage? Cirka tausend. Schön. Das sagt sich leicht, wenn man bedenkt, dass ein Querschnitt mitunter treffende Aussagen vermeidet, und Metallsolos das Konservativste sind, was die Rockmusik jemals hervorgebracht hat. Sie ruinieren die Lieder. Doch danach geht alles wieder seinen gewohnten Gang: Vers, Chorus, Kaffee in der Pause, Zigarette, am Ende auch noch arbeiten und Geld erwirtschaften, zum Teil für sich selbst. Dann wird gehortet, allerdings wird oft mehr gehortet, als angegeben wird, und unter den Matratzen der Verstorbenen werden immer wieder Bündel gefunden, die meist von Maklern eingesteckt werden, in seltenen und klar zu befürwortenden Fällen aber an die Erben weitergereicht werden, die sich damit vielleicht nicht gerade ein Haus am See, doch aber Essen, Trinken, Liebe und Sex leisten können. Das muss gut sein. Wenn du von Bob Dylan stiehlst, dann stiehl richtig: Der Mann in dir stiehlt [3]. Aber masturbiert er? Eingeschlossen in vier Wänden, manchmal beobachtet von draußen, von draußen betrachtet so gesagt sehr witzig, im Kopf im Großen und Ganzen: Pressen, Schnaufen und nach draußen Drücken, dann: Leere im Papier. Reinigung kann so nicht aussehen, aber das Piano und vor allem die Stimme (die Stimme!) können Balsam auf deine Flügel geben, wenn du es zulässt, wenn du es zulässt, und dann flieg Vogel, flieg!, in die Nacht hinein. Der Tag hat schon zu viel kaputt gemacht. Sagen wir es so: Wir müssen auch einmal versuchen, zu leben, und dabei kann man nicht umher, die Realität ein wenig seinen eigenen Vorstellungen anzupassen - um nach draußen zu gelangen, auch: auszubrechen (schwülstig, schon, doch ebenso weich wie hart wie zart - hart aber herzlich). Wenn du schon zitieren musst, lieber Kollege, sagte der Dozent, dann zitier richtig. Mir aber blieb dieser Song verschlossen und ich konnte keinen Zugang finden, obwohl ich ihn doch kannte, weil er auf einem Soundtrack zu finden war [4]. Dabei wurde auch hier einiges an Gefühlen hineingelegt. Das war herzzerreißend, im zweiten wahrsten Sinne des Wortes. Und doch fand es bei einem Großteil (ca. 98%) keinerlei Beachtung. Kam nicht an, kam nicht durch, verpflanzte sich in andere Gegenden und erreichte immerhin Elvis Costello, der die Brille abnahm, kühl sang wie er es doch tut, und am Ende Tanzen. Was bleibt am Ende anderes übrig als Tanzen? Nun, vermutlich gäbe es da noch ein paar Dinge, sagte der Dozent, und stampfte seinen Laptop ein (zu den andern Dingen), um im Hinterzimmer, in dem zwei Nackte sehnsüchtig warteten, zu verschwinden. Dort kamen wir. Dort kamen wir an, und wir bespürten unsere Häute, und es war ein wundervolles Gefühl. Dabei lernten wir noch viel zu wenig. Was wir behielten, brachte uns nur ein Stückweit weiter, nicht mehr. Die Stimme, die Opernstimme, Alt, klingt so gefühlvoll, doch sie kann uns nicht erreichen, nicht heute. Wir betrachteten den Zustand, der uns alle umgibt: Nicht leicht zu urteilen, mein Freund! Schwerer als erwartet, nicht? Ich sag dir was: Ich bau dir ein Schiff – das dauert, grob überschlagen, zwei Monate, sage ich einmal -, setz dich ein und schick dich los, auf die Weltmeere. Ja, ich weiß, was du sagen wirst: Europa ist zu. Europa ist geschlossen und du kannst nicht an die Meere gelangen. Und dann kommt aus dem Nichts ein Italiener und er sagt: Spanien liegt am Meer; Belgien liegt am Meer; Montenegro liegt am Meer. Usf. Damit wurde die Theorie, an der du Monate lang gefeilt hast, ausgehebelt. Und so heißt es also: von Neuem beginnen. Schwer zu schätzen, dein Alter, schon klar, aber: Sämtliche Uhren in deiner Wohnung gehen anders, keine stimmt mit der andern überein (geschweige denn Atom!), und dann stöhnen sie es aus den Boxen [5]. Sie stöhnen nur und das klingt sehr lüstern. Wir müssten die Liebe finden! – So, stopp jetzt mal: Schmeiß nicht mehrere Themen zusammen, wo stöhnen sie? Im Schiff. Was soll das heißen, im Schiff? Sie segeln, sie stöhnen. Das muss dir doch klar sein! Sie segeln, berühren sich, und versuchen, ein Stück weiterzukommen. Gut, damit kann ich leben. Das klingt sehr vielversprechend. Das klingt wie das Glück, das mir verblieb [6]. Es baut sich sanft auf und bleibt lange Zeit im Verborgenen, aber wenn ich nur einen Ton höre, an einem für Außenstehende ganz willkürlichen Moment, bricht es aus mir heraus. Ich weine dann sogar. Ich kann weinen. Ich habe, wenn ich zurückblicke, viele Jahre nicht geweint, auch, wie ich mir einredete, weil niemand gestorben war. Aber ich habe nicht einmal auf der Beerdigung meiner besten Freundin geweint. Du warst also verschlossen. Ja. Aber seit geraumer Zeit weine ich mindestens einmal am Tag. Aus Verzweiflung. Und aus Glück. Das klingt ja sehr schön, aber lass uns erst einmal in das Hotel einchecken, die Rezeption schließt schon um neun Uhr. Neun Uhr Nachtzeit, aber wir haben doch noch nicht einmal halb sieben. Allerdings traue ich dieser Uhr nicht! Die da um mein Handgelenk hängt. Armbänder werden überall gefunden, an allen Enden der Welt. Lass uns uns nicht verschließen, sondern lass uns offen da liegen, auch wenn du dir wehtust. Warum nicht Techno? Warum nicht einmal Techno, Elektro? Warum nicht einmal die Seele wegsperren, und seelenlos so tun, als hätte man eine Seele? Lüge, Manni, kleine Lüge. Abgesehen davon: zu sehr fünfziger Jahre. Darf ich bitte Ihren Ausweis sehen? Das kostet Sie zweivierzig, Arbeitergebühr. Gerne zahle ich diese zwei vierzig, sie springen nur so aus meiner Tasche auf den Tresen, drehen sich eine Weile um sich selbst, kommen an und verschwinden klingelnd. Mein Fleisch fühlt sich wie dein Fleisch an, wenn du mich so berührst, wenn du mich so berührst, wenn unsere Körper sich so spüren wie in dieser Hitze, dann kann ich unsere zwei Seelen nicht mehr unterscheiden, weil sie verschmolzen sind, weil sie sich in einem Körper befinden. Sex und Liebe, Manni, Sex und Liebe. Aber du kostest zu viel! Du bist zu schön! Deine grauen Augen haben es mir angetan, das kann ich nicht verheimlichen, und nachts denke ich an deine Brustwarzen. Ich schwitze nachts und der Bohrer hat mich bis dreizehn Uhr heute Mittag durchgetragen. Ich kann dir sagen, so viel geträumt habe ich noch niemals zuvor in meinem Leben! Wir sollten den Soundtrack ändern und in eine andere Welt übertragen. Sagen wir: Welt X. Die „neue Welt“, die „Welt im Standard“, die „Gedankenwelt“, oder auch: „Offene Welt, aber auf klein, und nur oberflächlich“. Sie scheinen sich zu oft zu heucheln, das kann und muss klar gesagt werden. Ihre Heuchelei zerstört dann das Individuum, aber die Allgemeinheit kann weiterleben. Weil die Festplatte viel zu voll ist. Kein Speicherplatz mehr, keine Chance. Kauf dir eine neue. Die formidabelste aller Lügen: Martin sagte, Schreiben macht frei. Dabei macht er sein Geld bei einem kostenlosen Tagesblatt und berichtet größtenteils über Kurzparkzonen und Abschiebungen. Jeder wird glücklich sein. In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es eine Zeit, in der jeder glücklich war, sagen wir es so: Suburban happiness makes my mind split open [7]. Der Tod ist schlimm, aber ich kannte ihn nicht. Ich focht zu sehr mit ihm, sodass ich ihn alsbald vergaß. In meinen Träumen kam er manchmal mit mir, aber wir haben gelernt, dass Träume Realität sein müssen, es jedoch nicht schaffen, weil sie in den eigenen vier Wänden stattfinden und nebenan immer die Wohnung umgebaut wird, sogar um zwei Uhr nachts. Gedämpfte Gestalten tragen dann Betten durch den Hausflur, und der Aufzug fährt raufundrunter, raufundrunter. Vibration. Ich habe aber Unrecht. Ich erfahre es nicht, ich habe es nur in einer Zeitung gelesen, die von einem gewissen William verlegt wird, der sich mittlerweile auf den Balearen zur Ruhe gesetzt hat und nicht einmal einen Netzanschluss geschweige denn -telefon besitzt. Er ist bereits ausgetreten. Somit bleiben nur zwei Möglichkeiten: raus, oder: runter. Das Lied bevorzugt raus. Ich bevorzuge die klare Seite. Welche Seite, wenn ich fragen darf, bevorzugen Sie auf Ihrer Seite?

[1] [“A Horse With No Name”, America (1972)] https://www.youtube.com/watch?v=Tm4BrZjY_Sg
[2] [“Don’t Fear The Reaper”, Blue Öyster Cult (1976)] - [Solo ab ca. Min. 2:29] https://www.youtube.com/watch?v=ClQcUyhoxTg
[3] [“The Man in Me”, Bob Dylan (1970] https://www.youtube.com/watch?v=s10ldVRHRSw
[4] [“Her Eyes Are a Blue Million Miles”, Captain Beefheart (1972)] https://www.youtube.com/watch?v=MRlWbzdmJQA
[5] [“Walking Song”, Meredith Monk (1997)] https://www.youtube.com/watch?v=P8r4eHM8Zlk
[6] [„Glück Das Mir Verblieb“ (aus der Oper Die Tote Stadt), Komposition: Erich Wolfgang Korngold, Interpretation: Ilona Steingruber/Anton Dermota & The Austrian State Radio Orchestra (1949)] https://www.youtube.com/watch?v=kql0A190SUk
[7] [“I Heard Her Call My Name”, The Velvet Underground (1967)] https://www.youtube.com/watch?v=EeuvZOEOaGw

Andreas Reichelsdorfer

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freiTEXT | Alisha Gamisch

Kurz davor

Ich hab mich mal umgeguckt, ich glaube, wir sitzen am Rande einer Eingebung und bleiben da sitzen. Es ist extrem wichtig, dass wir weiterkommen, das weiss ich schon, aber es fühlt sich an, als ob wir sitzen, die ganze Zeit sitzen, dass da nichts passiert. Das hab ich mich gestern auch schon gefragt, wie wir hier alle sitzen können und doch auf nichts kommen. Der Versammlungsraum ist echt schön, haben sie diesmal gut ausgesucht, ganz alt und so, ich finde auch diese Bauxästhetik richtig schön, alles ein bisschen heruntergekommen, da klingt es drin wie frisches Heu. Nur die Luft ist nicht gut, mittlerweile richtig stickig hier drin. Ich drehe mich mal eben unauffällig auf die Seite und schaue, was meine Nachbarin, ich glaube sie heißt Amil, da macht. Sie schaut total aufmerksam und bewegt sich keinen Milimeter, ich glaube, sie blinzelt nicht mal. Sie hat so ein perfektes, nicht zu schickes Hemd an, das gleichzeitig intellektuell wirkt, so was imponiert mir immer, weil ich Kleidung selbst nie so drapiert bekomme, dass ich ausstrahle, wie ich nach außen wirken möchte. Amil sitzt da auf jeden Fall ziemlich selbstsicher in ihrem Hemd, das bestimmt genau das ausdrückt, was sie ausdrücken will und ich glaube, sie hat sich jedes Wort gemerkt, das gesagt wurde, sie hat ihren einen schlanken Fuß lässig auf ihrem anderen Knie abgelegt, zumindest sieht es lässig aus, und schreibt jetzt was in ihr Notitzbuch. Ich hab gar nichts mitbekommen. Die Sprecherin hat etwas von Aktionsbündnis geredet, das hab ich aus dem Augenwinkel gehört, aber ich weiss überhaupt nicht mit welchen Leuten oder hat sie vielleicht eine verbündete Gruppierung gefunden?  Ich versuche zu lesen, was auf Amils Notizblock steht, ist aber viel zu klein. Neben mir, auf der anderen Seite sitzt Lenn, sie kann gar nicht mehr, glaube ich, ganz anders als Amil ist die. Sie hat ganz dunkle Augenringe die sind fast so tief wie der Graben, der sich zwischen mir und meinen Freundxn aufgetan hat seit ich hier beigetreten bin. Ich weiss, dass das hier anonym sein soll, dass das ganz geheim ist, aber meine Freundx haben trotzdem was gemerkt, ich glaube, sie wissen nicht ganz was genau hier läuft, aber sie sind auf jeden Fall nah dran. Lenn reibt sich die Augen und legt ihren Kopf nach hinten auf die Lehne ab, ihre Augen sind zu, ich stubse sie kurz an, damit sie aufwacht, aber nichts geschieht, ich glaube sie schnarcht leise. Okay, wir sitzen einfach schon zu lange hier. Ich melde mich jetzt. Die Sprecherin nickt mir zu. Ich frage, Wex ist für eine Pause? Die Runde sieht mich erstaunt an. Ich kann an ihren Gesichtern ablesen, dass ich nicht die einzige bin, die sich das schon lange wünscht. Aber Markus, eine vom Kommitee, räuspert sich kurz und lässt die Runde ruhig werden. Wir sind gerade doch bei so einem wichtigen Punkt, sagt sie, ich habe das Gefühl, dass wir kurz vor einer Lösung sind. Wenn wir jetzt in die Pause gehen, dann war alles umsonst. Ricky, die wie Markus zum Kommitee gehört, nickt zustimmend. Dann nicken noch ein paar andere. Ich hab schon sowas geahnt, aber es ärgert mich trotzdem, dass auf mich hier nie gehört wird. Sollen wir abstimmen? fragt Ricky in meine Richtung, aber ich schüttele den Kopf. Ist schon gut. Dann schlafen eben alle hier ein und können ihre Gedanken nicht sammeln und wir bleiben noch die ganze Nacht wach, wenn die meinen. Aber ich sage nichts, ich habe hier eh schon so einen Status, dass ich zu  wenig engagiert bin. Da sagt Amil auf einmal ziemlich laut in die Runde: Also ich finde, dass sie recht hat, wir kommen so zu nichts, die letzten zwei Stunden drehen wir uns im Kreis, sind kurz davor, und dann drehen wir uns wieder im Kreis. Meiner Meinung nach sollten wir einen Locationwechsel in Erwägung ziehen, das kann sich positiv auf das Denkvermögen auswirken. Stille - ich bin richtig erschrocken - alle schaun auf mich und Amil. Und zwischen uns hin und her. Na gut, also ist doch mal jemand auf meiner Seite. Ricky sagt was, die Köpfe drehn sich dominoartig einer nach dem anderen von uns weg, zu ihr hin. Ricky sagt, dass es okay ist. Dass wir nach draußen gehen, dort machen wir zwar keine Pause, aber weiter und zwar im Stehen. Das hilft uns bestimmt auf die Sprünge. Ich schaue Amil an, die gar nicht in meine Richtung schaut, aber ich bin richtig froh, dass ich eine Pause vorgeschlagen habe, und alle sich nicht getraut haben mir zuzustimmen, nur Amil. Ich schüttele Lenn so lange bis sie aufwacht. Alle sind etwas unbeholfen auf den Beinen, nicht nur Lenn. Wir gehen nach einander raus unter so einen Sternenhimmel, den haben wir alle nicht erwartet, jede starrt total perplex nach oben und guckt die Sterne an, ich rieche, wie sie da oben milliardenfach strahlen. Die Luft ist klar schneidend, ich meine, das hätten wir erwarten können. Aber was wir auch nicht gemerkt haben ist, dass wir uns in unseren Kreis positioniert haben, ich sehe das erst, als ich meine Nase von den Sternen wegreissen kann. Jede steht so, dass sie genau zwischen denen steht, neben denen sie auch gesessen hat. Die Sprecherin ist plötzlich sofort wieder am Reden, ich finde das passt jetzt gar nicht zu dem Moment. Da denke ich nochmal dran wie wir so an der Eingebung gesessen haben und wie das da drinnen war und die kalte Luft strömt durch mich durch. Und da hab ichs, da hab ich plötzlich den Rand übersprungen, ich weiss es jetzt. Das ist vielleicht ein tolles Gefühl, dass ich als erste da drauf gekommen bin. Ich sage es jetzt gleich den Anderen. Noch kurz auskosten. Gleich sag ichs. Ich habs! ruft da Markus mit ihrer tiefen Stimme gegenüber von mir. Ich habs auch! ruft Lenn. Ich auch! ruft Ricky ungläubig. Da rufen es alle nacheinander. Ich finde das extrem ungerecht. Amil sagt nichts, wie ich, guckt mich kurz an und schaut dann wieder hoch zu den Sternen.

Alisha Gamish

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freiTEXT | Katrin Theiner

Buchstabierte Blumen

Vielleicht könnte ich ihre Welt besser verstehen, wenn ich in ihren Schuhen laufen würde.  

Aber ich lasse sie schlafen. Durch die getönten Scheiben sah alles, was nichts mit uns zu tun hatte, nutzlos aus. Verlassene Fabrikhallen, übersonnte Weiden, breitschultrige Wassertürme und dahingekleckerte Häuser. Spargelfelder schmissen sich vor uns hin, Wolkenschwärme malten fliehende Schatten auf zu große Felder. Wir fuhren die Strecke zum vierten Mal. Tim und ich. Zweimal hin, zweimal zurück. Vorbei an dem Bahnübergang mit den gelben Schranken, daneben die verhüllten Tennisplätze, gleich das Rapsfeld mit den Gülletanks, die spitz zum Himmel zeigten. Der Zug glitt zu leise über die Schienen. Mir fehlte etwas. Das Rumpeln, die Geräusche, das Knacken von Lautsprechern. Irgendwas Echtes, am besten was zum Anfassen oder Riechen. Vielleicht etwas, das in der Hand schmolz, sich auflöste, einen klebrigen Film auf der Haut hinterließ. Etwas, das zu mir gehörte, wie Nowitzki zu den Mavericks. Etwas, das mir das Gefühl geben konnte, noch in meinem Körper zu stecken, diesem Ding, das ich immer für zu Peter Parker gehalten hatte – vor dem Spinnenbiss. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt roch alles nach ihr. Und über ihren Duft hatte ich mein Lakers-Trikot gezogen, die Nr. 24. Das hielt ich für das mindeste, auch wenn es das alte Trikot meines Vaters war, das er mir dagelassen hatte, an dem Tag, als er ausgezogen war. „Mach was draus“, hatte er gesagt und mich angeschaut, als warte er auf eine Entschuldigung für die letzten vierzehn Jahre.

Ich fasste ins Feucht meiner Achselhöhlen, tastete schnell über die drahtigen Haare und roch kurz an meinen Fingern, die ein stechenden Geruch verströmten. Tim schlief und ich schaute weg von der flirrenden Welt vor dem Fenster, die aussah, als bräuchte sie eine Mittagspause, suchte und blickte umher, ob ich heute Morgen auf der Hinfahrt nicht vielleicht etwas im Zug verloren hatte, das mir, während ich es wiederfand, sagen konnte, wer ich denn war, jetzt, wo ich mit ihr geschlafen hatte. Irgendein Ding, das mir den Schwindel nahm, diesen Strudel, der mich vom Boden ansaugte, mich zerkaute und mich wahllos zusammengesetzt in diesen Zug zurück nach Berlin fallen ließ, die Arme am Rücken befestigt, die Füße nach hinten zeigend, die Haare zerrauft und voller Kletten, den Magen überschäumend und das Grinsen nicht nachlassen wollend.

Etwas, das mich mit Echtheit wusch, wie die stumpfgewordene Ringe meiner Eltern, die zwischen unnützen Gegenständen in einer asiatischen Schale im Bad meiner Mutter lagen, an der getrocknete Zahnpasta klebte. Ein Déjà-vu wäre gut. Dieses Gefühl von Vorahnung und Erlebtem, das mich erst an ein früheres Leben und dann doch nur an die Szene aus einem der Filme meines Vaters erinnerte, die ich heimlich schaute, wenn er Frühdienst hatte. Ich brauchte was, das diesem Tag Konturen gab, mein verrutschtes Weltbild zurück hinter Glas brachte, in sein mattes Passepartout schob und mir versicherte, dass es wirklich passiert war. Mit ihr. Und mir.

Tim lehnte mit dem Kopf am Fenster. Die rechte Gesichtshälfte endete glatt an der Scheibe, die um den Mund beschlug. Die dünnen Arme lagen ruhig im Schoß, der in lange, dürre Beine überging. Sie sahen wie abgeknickte, zerkratzte Leuchtröhren aus, drängten unter einem kurzen Schottenrock hervor und endeten zusammengekreuzt zwischen Sitzbank und Mülleimer in orangenen Air Max. An der Sohle klebte matschiger Rittersporn. Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Auf Tims ärmellosem Hemd lösten sich sehr kleine Schokoladenstückchen auf und sanken zwischen die maisgelben Streifen in den Stoff. der ragte in orangenen Buchstaben aus der Öffnung einer aufgenähten Brusttasche heraus und ich fühlte mich irgendwie angesprochen, aber es waren nur drei Buchstaben auf einem angefangenen Schokoriegel.

Eine Woche vorher war meine Klasse mit Herrn Dallos zur Bundesgartenschau gefahren und eine Woche vorher war Tim neu in meine Klasse gekommen. Eine Woche vorher waren wir den schiefgetretenen Sohlen unseres fetten Lehrers durch den Bahnhof von Brandenburg an der Havel gefolgt, durch beige, Bild-Zeitung haltende Truppen mit Blumenkohlhelmen und vorbei an touristischen Fragebeantwortern in BuGa-Uniform. „Ich bin der King“, sagte Marc mit Terminator-Stimme, fasste sich an die Eier und spuckte sein grünes Kaugummi gegen ein zerkratztes Schild mit der Aufschrift „Die Wiege der Mark Brandenburg“. Tim blieb in der Nähe von Herrn Dallos, war neu, ein Fremdkörper abseits der Klasse und sorgte für Getuschel. „Der Name...und die Frisur. Die Schuhe“, sagte Rahel, zeigte auf die großen, schwarzen Martens an Tims Füßen, zog und zerrte an ihrem Shirt und schob ihre BH-Bügel bühnenreif zurück unter ihre dicken Brüste. Wir aßen Bifi, fragten uns alle, warum es ausgerechnet die Bundesgartenschau sein musste, zu der wir einen Ausflug machten und liefen über die Jahrtausendbrücke, auf der uns Herr Dallos zu einem Gruppenfoto für die Flur-Collage zusammentrieb. Tim hatte sich durch die Menge geschoben, stand hinter mir, ich konnte die dünnen Unterarme an meinem Rucksack spüren. „Zu den Nachtschattengewächsen da lang“, schrie Rahel, leckte sich die Lippen und blitzte in Tims Richtung. „Herr Dallos, wächst hier auch Hanf?“, fragte Miro und guckte irgendwie Heisenberg. Tim blickte nicht auf, kratzte schwarzen Lack von den Fingernägeln und hörte Herrn Dallos zu, der seinen Lageplan im Uhrzeigersinn drehte, die Augen verkniff und „Orchideenschau, Aussichtsturm, Orchideenschau, Aussichtsturm“ zu sich selbst sagte. Dann wühlte er mit seiner Zunge durch den Mund und klemmte sie kurz zwischen die durchsichtigen Kanten seiner feucht glänzenden Schneidezähne.

Vor uns lagen Havelwiesen, bepfadete Gräserstreifen, Beete, Stauden, Blütenteppiche und dunkelgrüne Heckenblöcke.

Dazwischen Info-Türme, Langnese-Stände und Sprenganlagen, die Wasserschleifen in arroganten Bögen hoch warfen. In der Kühle der Luft lag die Erwartung an volle Wege, beige besetzte Bänke und überfüllte Papierkörbe, an denen Wespenschwärme um Eispapier jagen. „Herr-er Dallos-los, sie-ie haben-en da was a-am Kinn-inn“, schrien Rahel und Mell zeitversetzt und nahmen die Shining-Zwillingshaltung ein. Herr Dallos fasste sich an seinen grauschwarzen Vollbart, der seine dicken Wangen optisch aufquollen ließ. „Am Anderen“, kreischten die beiden synchron in die Menge, rannten und schubsten sich gekrümmt in ein Tulpenbeet in Zwischentönen und griffen sich dabei fest zwischen die Beine. Unser Lehrer sah aus, als würde er zu seinem Depardieu-Schnitt den passenden Blick suchen und rief: „Wir treffen uns in zwei Stunden an Aussichtsturm C. Keiner verlässt die Wege, keiner reißt Blumen ab und niemand geht alleine.“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, schob den Lageplan zwischen den rechten Träger seines Rucksacks und biss in eine Nektarine, dass ihm gelber Saft zwischen seine fetten Finger lief. Ich hatte bemerkt, dass Tim mich beobachtete und ich beobachtete Tim, um zu schauen, ob sich unsere Blicke wirklich jedes Mal trafen, wenn ich schaute oder ob es auch Momente gab, an denen sie ins Leere liefen. Ich war unsicher und weil sich unsere Augen an diesem Tag fünf- bis zehnmal begegnet waren, bekam ich feuchte Hände und übte ein schüchternes Lächeln ein. Die Anderen bemerkten das nicht. Sie waren vorgelaufen, als sie ein garagengroßes, aus

Stiefmütterchen geformtes Quitscheentchen entdeckt hatten, das sich an verformten Buchsbaum schmiegte. „Ich gehe zum Muschihaus“, sagte Tim mit leiser Stimme zu mir und schob sich schwarzgefärbte Haarsträhnen hinter die Ohren. „Kommste mit?“

„Muschihaus?“

„Orchideen.“

Schweigend setzten wir uns in Bewegung, liefen über kunstvoll gewundene Wege aus butterweichen Sportplatztartan vorbei an vollgepflanzten Booten, Gerüstwäldern voll hochgetriebener Schlingpflanzen, Pflanzenfrachten in Kübeln, bis wir einen Miniaturweinberg sahen, hinter dem sich das Orchideenhaus versteckte. In der Ferne hatten sich Rahel, Mell, Miro und ein paar andere auf einer nicht zu betretenden Wiese niedergelassen. Die Mädchen hatten ihre Jacken ausgezogen, rollten sich in Tops einen kaum vorhandenen Abhang hinab und bewarfen sich mit abgerissenem Gras. Tim sah meinen Blick, sah mich an, fragte: „Willst du zu denen?“, wickelte ein Überraschungsei aus rosaweißer Folie und hielt mir ein Stück braunweiße Schokohülle hin. „Ne, gar nicht“, sagte ich, blickte zu Boden, nahm das halbe Ei in die Hand und fühlte die weiche, angeschmolzene Stelle, an der Tims Finger die Schokolade angefasst hatten. „Kann nicht ohne“, sagte Tim und schob sich die andere Hälfte in den Mund. „Ohne was?“, fragte ich. „Zucker“, sagte Tim kauend und lief vor. „Und das?“, fragte ich, lief auch los und zeigte auf das gelbe Plastikei in Tims Hand.

Wir gingen vorbei an einem Schild, das uns in den Duftgarten locken wollte und betraten das Orchideenhaus, eine aus Backsteinen errichtete Halle mit feuchter Luft und Kirchenatmosphäre. Ich wartete auf das Einsetzen von Orgelmusik, flüsterte Tim “Ch’muss ma“ zu und kassierte dafür ein synchrones „Schschsch…“ von einem Rentnerpaar, das an einem Schild mit der Aufschrift „Brassia Rex“ herumfingerte. Wir gingen raus, ich lief durch kniehohes Kraut, steuerte eine überschaubare Tannenschonung an und pinkelte auf den mit braunen Nadeln bedeckten Boden. An meinen Fingern fühlte ich den stumpfen Schmelz der Schokolade, die ich noch schmecken konnte, wenn ich mit der Zunge im Mund umherfuhr. Ich griff nach meiner Hose, dem Gürtel und spürte, dass Tim hinter mir stand, „Lass“ sagte und mit der Hand in meine Boxershorts fasste. Ich schwitze, blickte nach unten, sah einen schwarzen Schuh zwischen meinen Jordans, sah ein Tattoo auf dem dünnen Arm, Buchstaben, die sich in rythmischen Bewegungen am Gummi meiner Boxershorts rieben und nicht preisgaben, was sie bedeuteten.

se rose se rose se rose se a rose se rose e rose se a rose

Ich spürte Tims Stirn an meiner Schulter. Atem, der süß in meine Kapuze drang, ich schmeckte die Schokolade an meinen Zähnen und stemmte mich gegen die kräftigen Griffe zwischen meinen Beinen. Der Geruch von Waldmeister schob sich durch das Gebüsch, irgendwo surrte ein Rasenmäher, ich biss keuchend in meine Faust und kam in Tims Hand.

Schweigend zog ich meine Hose an, meine Jacke aus, breitete sie auf den waldigen Boden und bot Tim einen Platz darauf an, nachdem ich ein paar hochgewachsene Kletten mit lila Blüten zur Seite gedrückt hatte. Schweigend setzten wir uns und mein Blick fiel auf Tims Arm, von dem sich die Buchstaben My soul is a rose leicht hochnarbten. „Was heißt das?“, fragte ich und fasste vorsichtig auf die geschwärzte Haut. „Das, was da steht“, sagte Tim, lehnte sich gegen meine Schulter und sagte für den Rest des Tages nichts mehr.

In der nächsten Woche kam Tim nicht zur Schule. Die Sommersonne trug den Geruch von trocknenden Pfützen über den Schulhof und ich schleppte mich durch die Tage, dachte an Tim, an den Ausflug, konnte keinen Pass mehr werfen und Kemal rief:

„Was bist’n Du für’n Forward, Chris!“

Donnerstag der Zettel in meiner Tasche. Morgen, sieben Uhr am Bahnhof.

Der nächste Tag war einer der Tage, an denen es beim Aufstehen zu heiß war. Ich zog mein gelbweißes Lakers-Trikot an. Mit passender Hose. Ich fror, sah Jesse Pinkman beim Cornflakes essen zu, aß auch Cornflakes und schrieb meiner Mutter einen Zettel.

Wortlos stellten wir uns auf dem Gleis nebeneinander. Wortlos stiegen wir in die Regionalbahn, die ihren Zielort Brandenburg an der Havel angeberisch auf kleinen Displays verkündete. Ich sah Tim fragend an. Tim zuckte mit den Schultern, biss in einen Kinderriegel, wickelte den Rest zurück in die Folie und ließ ihn in einer Tasche verschwinden. Wir sahen schweigend aus dem Fenster. Ich schwitzte, bekam meine normale Stimme nicht hin, schwitzte noch mehr, roch kurz an mir. Deo. Wir stiegen aus dem Zug, liefen durch den leeren Bahnhof, über die leere Jahrtausendbrücke, im Anlauf auf die umgärtnerten Tartanbahnen in Richtung Tannenschonung am Orchideenhaus. Ich bildete mir ein, genau die sichtgeschützte Stelle zu sehen, an der wir eine Woche zuvor gesessen hatten und genau da, zwischen den gebogenen Kletten und dem herübergesamten Mohn, breitete Tim einen dünnen Sommermantel aus Jeans aus, auf den wir uns setzen. In der Hand das gelbe Plastikei. „Du darfst“, sagte Tim, ließ sich nach hinten fallen und schloss die Augen. Ich ploppte das Ei in zwei Hälften und zog eine in Papier gewickelte Elfe heraus, die ich kurz ansah und in meiner Hosentasche verschwinden ließ. Ich schaute Tim an, sah auf die kleine Beule, die die Karos des Schottenrocks verbog und schämte mich. Für die Gedanken der Mädchen, das Räuspern von Herrn Dallos, wenn er „Tim“ sagte, die Ignoranz und die Blicke der Jungs und meine Blicke, die anders gemeint, aber von denen der Anderen nicht zu unterscheiden waren. Ich schämte mich für meine Scham und dafür, dass ich die NBA-Mindestgröße und zwei Haustürschlüssel für ein schwieriges Leben gehalten hatte. Meine Handgelenke, auf die ich mich gestützt hatte, taten auf einmal verdammt weh und dann bekam ich von dem gurgelnden Geräusch des Brunnens vor dem Orchideenhaus, Blasendruck, aber ich traute mich erst pinkeln zu gehen, als ich glaubte, Tim sei eingeschlafen. War sie aber nicht.

Als Tim neu in unsere Klasse gekommen war, war sie ohne Zweifel das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen hatte und jetzt lag sie zwischen Brandeburger Klee und Brennesseln in meinem Arm. „Ch‘such mir bald nen neuen Namen aus“, flüsterte sie und küsste in die weiche Stelle oberhalb meines Jochbeins.

„Penny oder so.“  „Mary Jane“, sagte ich.

„Gisèle.“

„Bloß nicht. Morgan?“

Meine Haut kratzte, meine Knie hatten Grasflecken, Halme steckten im Nylon meiner Shorts und langsam schwand der Schweißgeruch an meinen Fingerkuppen. Ich wartete auf Durchsagen, auf den Schaffner. Wartete auf die kleinen Löcher, die er in meine Fahrkarte knipste. Oder darauf, dass er jemanden beim Schwarzfahren erwischte, zufrieden den Quittungsblock zücken würde, mit willismäßigen Lachfalten um den Mund. Ich wartete, dass irgendetwas passierte, das man jemandem erzählen könnte, der nicht dabei gewesen war. Ich würde es nicht erzählen, wollte es mir selber erzählen, mit Worten, die uns umrahmten, Tim und mich und unseren Tag. Ich wartete auf das Gefühl, das man hat, wenn man ein Rätsel gelöst hat. Wie Mel Gibson, als ihm klar wurde, dass seine Frau alle vor den Aliens retten wollte. Ich blickte mich um, suchte und wartete darauf, das Negativ dieses einen Tages zu finden, das Negativ als Vorstufe zum fertigen Bild, das ich mir in meinem Kopf zu machen versuchte. Ein Bild von mir. Von ihr. Von dem Ganzen. Ich las Schilder mit Strichmännchen, die vormachten, wie man sich zu verhalten hatte, las das Poster einer Sprachschule, schaute nach Handlungsanweisungen, die mir zeigten, was in meinem Leben jetzt zu machen war. Was war als nächstes dran? Ich wartete darauf, dass uns jemand sah. Tim und mich, zusammen in diesem Zug nach Berlin. Jemand, der direkt blickte, dass wir nicht zwei Fremde waren, die zufällig beieinander saßen, wie noch auf dem Klassenfoto auf der Jahrtausendbrücke. Ich dachte an Bruce Wilis, wie er sich als Schakal neue Identitäten schaffte, dachte an Mädchennamen, betrachtete Tim, schaute auf ihre Füße, dachte an ihre Berührungen, sah, wie die Neonlichter des Tunnels die schmalen Konturen ihres Gesichts streichelten.

Vielleicht könnte ich ihre Welt besser verstehen, wenn ich in ihren Schuhen laufen würde.  

Ich nannte sie Sandra, Lili, Skyler und wünschte, die Glastür zur ersten Klasse würde sich öffnen und meine gesamte Schulklasse würde genau jetzt an uns vorbei durch den Zug laufen. Miro, Rahel, Mell und die Anderen. Ich wünschte, mein Vater und meine Mutter würden durch den Zug laufen. Herr Dallos, Trainer Leuk, die namenlosen Nachbarn, Saul Goodman.

Ich wünschte, sie alle würden uns sehen. Tim und mich.

Als der Zug in Potsdam hielt, wachte Tim auf. Sie sah mich an, leckte sich um den Mund, dass mich ein feuchter Spuckefilm anglänzte, sagte „Betty.“ Ich musste lachen, sagte: „Sarah J.“ Sie sagte: „Mary-Kate“, schob ihren tätowierten Arm in ihren Rucksack, zog eine Familienpackung Toffifee heraus, riss die Folie ab und steckte sich gleich zwei Stück in den Mund. Ich sah auf die offene Packung, auf das Bild mit den drapierten Karamelltöpfchen und der braunen Schrift. Ich fasste in meine Hosentasche, tastete nach dem spitzen Hut, dem Zauberstab, dem lila Gewandt und hielt Tim die Plastikfigur vor die Nase.

„Fee.“

Katrin Theiner

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Krokodile in Florida

Als ich ein kleines Mädchen war hatte ich Angst vor der Atombombe und dass Papa seine Arbeit verliert.

Die Eltern sind zu Besuch. Sie haben Kuchen und Brennholz mitgebracht. Papa schichtet das Holz draußen auf, zwischendurch zieht er ein Taschentuch aus der Hosentasche, Mama legt ihm nach dem Bügeln immer eines hinein, so gefaltet, dass die gestickten Initialen obenauf liegen. Papa wischt den Schweiß von der Stirn, stopft das Tuch wieder in die Hosentasche.

Mama sagt, bis die Kinder da sind, können wir schon mal Kaffee kochen und ob es in diesem Haus nicht einmal ein Tischtuch gibt. Dann steht der Kuchen auf dem Tisch und Papa kommt wieder herein: Sag deinem Mann, er soll das Holz hacken. Hock dich, sagt Mama. Wir setzen uns, sie erzählen vom Urlaub in Florida.

War er morgens von der Schicht gekommen, wartete ich, bis die Bier-
flaschen in der Küche klimperten. Ein Zischen, Gluckern ... aaah; dann lief ich zu ihm. Zu kalt, nur im Nachthemd, brummte er, machte den Backofen an und den Deckel auf. Er zog den Küchenstuhl davor und hob mich hoch. Meine Füße in seiner riesigen Hand, die klammen Zehen bohrten in seine Handfläche. Bis Mutter hereintrabte: Was hier schon wieder los ist, ob wir Maulaffen feilhalten und was solln  das mit dem Backofen. Kostet Strom nix mehr oder was?

Mama sagt, dass in Miami Wasser und Luft immer die gleiche Temperatur haben. Ist es an einem Tag 24 Grad warm, so gilt das auch für das Meer. Papa meint, das könne wohl nicht ganz stimmen, wenn es nämlich im Hochsommer mal über 40 Grad habe, und das wäre nicht selten, würde das Meer wohl kaum so heiß werden.

Vom Meer weg führen Kanäle, erzählt er, richtige Schiffstraßen, wie in Venedig, bloß viel breiter, die parken ihre Yachten direkt vor ihren Häusern. Was heißt Häuser, Schlösser sind das. Und Unsereins steht davor und kommt sich blöd vor, weil man immer geglaubt hat, man hätte im Leben auch was geschaffen, aber doch nicht so etwas und nicht in einem Land, wo das Wasser so warm ist wie die Luft. Wer hätte gedacht, dass es so etwas überhaupt gibt.

Zum Putzen reicht mir unser Schloss auch, sagt Mama, und außerdem sieht man da drüben überall nur Schwarze arbeiten. Im Hotel, an der Tankstelle, da wird schnell klar, wer bei denen die Arbeit macht ... Genau, fällt Papa ihr ins Wort, nicht so wie bei uns, wo die Kanacken den ganzen Tag nur herumlungern. Bist du still jetzt, Mama boxt ihn auf den Oberarm, die Röte schießt ihr ins Gesicht. Er meint das nicht so, Kind. Es ist nur ... der Flug war so lang ... und dieses Englische ... wir mussten so auf der Hut sein, dass wir bei der Reiseleiterin bleiben. Wir hätten ja alleine nicht einmal nach dem Weg fragen können. Genau, sagt Papa, und die Sitze im Flugzeug waren so eng, mir tut jetzt noch alles weh. Papa hebt die Kaffeetasse an, er greift sie mit der ganzen Hand, sein Finger passt nicht durch den Henkel.

Unter der Haut schimmert es schwarz: das sind winzige Teilchen der Schlacke, die er in den Hochofen schaufelte. Sie war heiß, hat sich wie eine Tätowierung in die Haut gebrannt. Das lässt sich nicht mehr auswaschen; nicht aus den Händen, nicht aus dem Mund. Alle halbe Stunde fauchte und zischte es am Hochofen und der Schlot stieß eine Flamme aus: eine Charge blasen nannte Papa das und er sagte immer zu mir, solange es das noch auf der Maxhütte gäbe, müsste ich mir um nichts Sorgen machen. Wenn er auf Schicht ging und ich schon im Bett lag, lauschte ich den ruhigen Atemzügen meiner Brüder und wartete mit dem Einschlafen bis die nächste Charge den Himmel vor dem Fenster gelbviolett erhellte.

Es war so schön in Florida, mein Kind, die Strände wie Puderzucker. Und das Licht! Wie aus Diamanten glitzert das Meer in der Sonne, jeden Tag wieder. Papa nickt und trommelt den Rhythmus eines Liedes mit den Fingern auf den Tisch. Ja, schön wars. Aber doch so weit weg von zu Hause ... genug erlebt, würde ich sagen und nächstes Jahr läuft mein Reisepass eh ab ... ach, übrigens, Krokodile haben wir auch gesehen, die sind da recht häufig ... Alligatoren, verbessert Mama. Ach so? Dann eben Alligatoren. Ganz schön große Viecher. Aber Angst hatten wir nicht.

Nein, keine Angst, sagt Mama und legt ihre neben Papas Hand.

Sabine Roidl

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