freiTEXT | Andrea Weiss

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Liebste Marie,

Marie, Marie, du verpasst so viel hier in Salzburg, du verpasst die Welt! Denn Salzburg macht einfach Freude, sagen sie, weil Arbeit frei macht.

Marie, Marie du verpasst die Welt in dir! Du verpasst die Tausendmeilenblicke und den grässlichen Kaffee und unzüchtige Gedanken und überhaupt: In schönen Kleidern Kuchen kochen, das kann wohl jeder, meinst du, aber dem ist nicht so. Manchmal findet man sich dann halt doch auf der Couch wieder, ein Weinglas. Raybans. Zerkratzter Nagellack…kennst eh. Sinnierendes Treffen den Nagel neben den Kopf.

Marie, Marie, du verpasst die Momente im März und die Stille des leeren Augenblicks Apriliens. Vorbei wie wilder Honig, die sommerlichen Fliedergefühle und Heu.
Zeit! Du verpasst die Zeit und lässt den Zug in Roma Termini einfahren aber du warst nicht an Bord. Seekrankheit vortäuschend drei Minuten an der Toilette kämpfend. Oder warens sieben? Egal, eine gesehnte Ewigkeit.

Auch die Brut und Boden Ideologie junger, vor allem österreichischer Mütter aus der Unter- und Mittelschicht mit einem lala-Hauptschulabschluss lässt du dir entgehen, was ich allzu schade finde. Und auch der existenzielle Volksdumpfskampf manch autonomer Provinzen und die neuen Püppchen vom Typ deutsches Lenchen (Gretel war grad ausverkauft), gehen gradewegs an dir vorbei.

Marie, Marie, du verpasst so viel, du verprasst die Welt und jeden grässlich rotschwarzblaugepunktetenextasemordenden Augenblick im kleinen 5020.

Träume weiter, WandererIn, wenn du nach Sparta kommst.

Andrea Weiss

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freiTEXT | Tobias Roth

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Rücklings

Nackt am Rand eines Meeres, durch das Schwertfische schwimmen, und trockne langsam. Die Flut hat die Abfälle entlang geordnet. Hinter den Dünen einst Baiae, daran ist nicht zu denken, wie an die Pinie von 79, und an nichts anderes ist zu denken. Das Land ist ins Meer hinein erkaltet, das Meer ist über Kapitelle gestiegen. Eine Luftspiegelung lässt mich Gesichter sehen, rücklings, der Anblick der blauen Fläche ist unveränderlich. Starr von Salz, seine Ausblühungen sprießen hinter den Dünen an Plattenbauten mit Meerblick. Niemand entlang des Sandes in der Sonne des frühen Oktobers; zum Sonnenaufgang werden hier viele Pferde sein. Rauschen zwischen Welle und Landstraße, rücklings, unterschiedslos. Und es kann dazugesagt werden, wie auch in Cuma die Häuser über die Theater wachsen, wie Wald aus Waldboden, und in der Stadt die Häuser Städte in ihren Kellern finden. Spolien der Zeit und Muren sind neue Fundamente, wenn das alles nichts als ein pompeianisches Fresko ist (und so ist es), wurden meine Augen geologisch und die Menschheit ein Stillstand, den das Vergessen beflügelt. Aus dem Brunnenschacht heraus, niemals über den Meeresspiegel. Aber die blaue Fläche setzt mich zurück in die Bewegung. So höre ich euch von Bädern sprechen und zurück zu Catull kehren und in den Augen der Bäume ein Portrait, weiß und warm wie der Marmor der meerischen Venus und die Schönheit ihrer Hüften. Ich sehe die Lichtbüschel den Schaum entzünden, was aus der Zeit geschnitten wurde, sanfte Farben, heftige Bewegungen, Zerfließen in weißen Schlieren, Wolkenformationen ins Unbekannte. Bald Abend. Duft des Ginsters, der Erde, kein Ende. Endet der Sekundenschlaf, der Horizont hebt sich mit dem Lid und ordnet mich den Strand entlang.

Tobias Roth

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es wird X // Update Projekt X //

ProjektX

Noch in diesem Jahr einige Neuerungen bzw. Eckpunkte des Projektes, die wir bereits festlegen konnten.Read more


Stefan B. Findeisl - Zwölf Stunden

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ZWÖLF STUNDEN, die Hälfte eines Tages. Halb in Dunkelheit, Nacht, halb im Licht, Tag. Sie steht genau am Äquator. Lotrecht. Bescheint zu gleichen Teilen den Norden und den Süden. Macht keinen Unterschied zwischen denen da oben und denen da unten. Gleichberechtigung der Hälften. Für drei Monate war sie jetzt im Norden, wanderte bis zum Wendekreis. Schaute sich Europa an, Russland, die Vereinigten Staaten bis hinauf nach Kanada und Grönland. Einen Tag, einen längsten Tag, verweilte sie am Wendekreis. Zuwendung: uns. Jetzt ist sie wieder in der Mitte angekommen, kehrt sich zur anderen Seite. Verkürzt ihre Verweildauer in unseren Breiten. Gibt der Nacht mehr Raum. Es wird kühler werden. Wir kühlen aus. Stehen mit hochgeschlagenen Krägen unsere Mäntel in der Dunkelheit. Sehen unseren Atem vor uns in der Luft stehen. Wir sehen uns atmen. Sehen uns leben. Im frieren und atmen wird uns unser Leben bewusst. Hier im Dunkel, wo das Sonnenlicht nur als fahler Abklatsch am Himmel steht. Mond. Was im Sommer selbstverständlich schien, was leicht war, woran man nicht dachte, nicht erinnert wurde, kommt als Erkennen schwer zurück. Es ist Leben in uns. Dieses Leben muss gepflegt werden, muss umsorgt werden, muss geführt werden. Der Winter verlangt es. Der Winter zeigt mit dem Finger auf ES.

Auf das Leben.

Achte darauf.

Halte dich warm.

Atme.

Lebe.

Stefan B. Findeisl - warten auf das große wort

Sarah Eder - Die Ampel schimmelt. Oskar auch. (Auszug)

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Draußen schneit es. Sein Streber-Darm meldet sich wieder. Die Blähungen knarzen mit seinen Schritten im Schnee in einen gemeinsamen Takt. Sein Schal presst den Hemdkragen gegen die kleinen blutigen Punkte am Hals. Wenn er das Hemd abends auszieht, sieht der Kragen innen sicher schlimm aus. Von außen merkt man aber trotzdem nichts. Er sieht ja auch von Innen sicherlich ganz entsetzlich aus, aber der Krebs hat eben sein Gesicht noch nicht erreicht.
Eine Ecke weiter muss Oskar dann echt schlimm aufs Klo. „Man muss nur sterben und aufs Klo“, murmelt er in sich hinein. Und da er das eine schon macht, kann er nun getrost auch bei der nächsten Gelegenheit auf die Toilette gehen. Komisch, wenn man bei dem Sprichwort auf einmal beides muss.
An der Kreuzung bleibt er stehen. Es ist rot. Die Ampel trägt eine Schimmelschneehaube wie er selbst auch. Oskar fragt sich schmunzelnd, ob sie auch Krebs hat. Dann fällt ihm ein, dass die Ampel ja wie die Tomate auch irgendwann wieder grün werden muss. Vielleicht hängt das zusammen, dass alle roten Dinge mit weißen Metastasen sich irgendwann wieder in grün verwandeln oder zumindest mal grün waren. Das heißt aber auch: Er hat das Grüne vielleicht noch vor sich. Zumindest würde Franz das jetzt so sagen. Therapeuten wissen, dass grün die Farbe der Hoffnung ist und dass man das hören will, wenn man eine Chemo machen muss – auch wenn man selbst als Therapeut arbeitet und weiß, dass Krebs ein Arschloch ist. Hoffentlich bleibt ihm genug Zeit für die Verwandlung. Aber nicht jetzt. Er muss gehen. Es ist grün.

Sarah Eder - warten auf das große wort