freiVERS | Marie Hahn

Fassadenbegrünung

der Efeu klettert toxisch an mir
gemein und blasiert
emporsteigend
prosperiert in meinen Putz hinein
solange
bis der Rankenmarkt floriert
mache mich klein nach allen Öffnungszeiten
fordere Rückschnitt
die Triebe verknappt
Lust und Leid der Efeu kriecht
schaurig vor zur Zentrale
und aus mir blüht die Dünnhäutigkeit
dünne Haut und Immergrün
im Frühling immer Talg
es wuchert
aber
nicht mehr schön
wohlig und Wehchen ich
ringel mich
bestimmt nicht mehr zur Mädchenblume
ich will und kann nur sein
eine Mauerfrau

 

Marie Hahn

 

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freiVERS | SchiRa

Mutters Schweigen

es gibt keine freundschaft
zwischen den birken
die rehe sind einsam
wie rauch über dem schornstein

ich liebte den wald
aber war ihm ein rätsel
am fluss saß ich singend
und hielt die wunden ins wasser

wir hatten ein haus aus ästen
und wenn die raben kamen
knackte es
in mutters schweigen

ich liebte den duft
von verbrennendem holz
mit orangenen pupillen saß ich vor dem ofen
und träumte mich ins feuer

ich schlief im schrank
wo mutters schweigen mich nicht fand
ich liebte nüsse, knöpfe, murmeln
federn mied ich: sie waren weich
                      (das kannte ich nicht)

einmal kochte mutter suppe
der kürbis klebte ihr an der schürze
sie weinte am suppentopf vorbei
von dem ich nicht aß

am morgen stand der nebel vor den fenstern
die äste in den wänden
schoben sich enger aneinander
und schweigend stand mutter im knackenden haus

ich schlafwandelte
sprach mit tieren, sammelte blumen
ich wusste, es gab mehr als den wald
und leise legte ich das ohr an die tür

ich rieb orangen so lange an meiner haut
bis es duftete
nahm kirschkerne, rollte sie mir über die wangen
bis sie hellrot leuchteten

dann ging ich raus und hoffte
jemand fände mich so schön, dass er mich mitnähme

dann wär ich frei
dann wär ich froh
dann wär ich frei
dann wär ich froh

 

SchiRa

 

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freiVERS | Sonja Jurinka

einsamer gast

die wolken reiben sich
schüchtern gegenseitig an ihrer wolle, gläsern
stoßen die sterne
ihre hellen stimmen empor und
zeigen mit dünnem schein züngelnd
den weg in den krustigen wald
wo wurzeln sich windend
sicherheit und anker sind.

grün riecht hier die erde, während
moosbett und grasgeflecht feucht einladen
die zehen schlammig versinken zu lassen, und da:
ein zartes wasser schäumt
singend über schillernden kies hinweg und
umschlingt in gierigem tanz
das raunen der algen.

ruhe! ruft nun die fledermaus und
flimmert mit glühender haut
in die bedeckte nacht hinein.

 

Sonja Jurinka

 

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freiVERS | Anna Derksen

Erben

Ich gehe den Flussweg
im Zwielicht entlang
die Hände leer
die Taschen leer
das Schweigen zwischen Deich und Gras
sanft wie gehaltener Atem

Bilder kommen
wie ein Kiesel im Schuh:
die Stimme einer Frau
die Gläser im Regal durchzählt
die mehlbestäubten
Handflächen einer anderen
jede von ihnen sammelt
das Morgen in ihre Schürze

Sie lebten gebeugt
im Dunst kleiner Zimmer
wo Bedürfnis warm aus winzigem Bett aufstieg
wo Wunsch und Verzicht
denselben Namen teilten

Aber meine
Hände bleiben bar
frei, flechtenraue Rinde zu berühren
frei, den eigenen Puls zu fühlen
statt des Gewichts einer fremden Zukunft

Ich lasse, was ich bin
indem ich das Stillstehen wähle
um bei mir zu sein
– the British call it solitude

In der sinkenden Dämmerung
fliegen Fledermäuse ungesehen
rauscht der Fluss weiter
Ich stehe dort
die Hände offen
und spüre alles im Wind.

 

Anna Derksen

 

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freiVERS | Leonie Feuerstein

Abendandacht

Das Warten hat uns aufgefressen –
sind lieber auf Empfang gegang
Strom um Strom aufgefang
alle Sender aufzustellen
Synapsen platzen allvergessen
dringen drängen Untergang.

Wolken rauschen bluten strömet
Wollust tauschen stöhnet dröhnet
Wo man den höchsten Höhen frönt
Man leicht der tiefsten Tiefe höhnt.

Ach, Verstande, explodiere
denke sande erodiere
sinke senke untertauch
Tiefseeperle weißer Rauch

Seelenvögel jagen hetzen
Nadeln kratzen schmatzen fetzen
Adern alle aufgegang
Herz zur Atzung hingehang –

teurer Rat, treu gezahlt,
Trau nur deiner eignen Stimm,
Sirenensang, Sirenensing.

 

Leonie Feuerstein

 

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freiVERS | Thimo Buchmüller

renn papa renn

es ist eine ewige hetz
um das gute

die straße wird verschoben
in und aus dem sichtfeld

renn papa renn

das tachometer zeigt
77 fahrenheit zu viel

und die kleine wartet
alleine in der wohnung

mit ihrer kleinen taschenlampe
aus der ferne
macht sie lichtsignale
die sich wie wolken
über mein auto schieben

renn papa renn
du kommst zu spät

dann ist sie groß
steht mit ihrer schultüte am zaun
und wartet auf dich
ihr blick auf ihre schuhe

renn papa renn
die zeit ist kostbar

wir haben ferien
deine taschenuhr
zeigt an, dass ich altere

 

Thimo Buchmüller

 

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freiVERS | Jan-Eike Hornauer

Der Wind

Ein Blauwal treibt durchs Universum.
Er sucht sich selbst und seinen Gott.
Er blickt ins Schwarz. Und denkt sich: »Sehr dumm,
hier gibt’s ja nichts!« Und will Kompott.

Denn Nachtisch hilft das Sein ertragen.
Doch dieser ist hier auch sehr fern.
Der Wal seufzt tief. Vorm kleinen Wagen.
Und kühl pfeift’s drum auf unsrem Stern.

 

Jan-Eike Hornauer

 

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freiVERS | Torsten Siche

Safe Space

sie bleiben auf Abstand
kein Rennen kein Kichern
der Atem gleichmäßig
ein ungebetener Gast unter der Haut
kriechend immer schnüffelnd
auf der Suche nach Widerstand

noch sind die Bäume kahl
die Vögel warten auf Reste
im Sand auf Geschrei aus der Rutsche
halbe Kekse wie üblich zwischen Windeln
aber stattdessen flattert das Absperrband
im Wind eine dunkle Stimme
fast schon eine andere Art
Gesang
ein Hauch
streicht übers Gesicht
eine fast vergessene Berührung
eine Brise Trost oder Trauer
über dem Sandkasten sitzt der Verband
straffer als jedes warnende Wort

das Kind bleibt auf Abstand
der Blick geht an der Hand
nur nichts herbeiatmen nur schnell
heim schnell weg zurück ins Geborgene
hinter Tür und Treppenhaus bei den Guten
bleiben den besonderen Nachttisch
als Belohnung mit Schokosauce erstickt
denn Anstand lohnt und wer weiß schon
was draußen hinter den gekippten Fenstern lauert
und schreit und gleich inmitten von Sand
den Wodka direkt aus der Flasche trinkt

 

Torsten Siche

 

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freiVERS | Jonah Martensen

wie er an sich zweifelt

gärten der unlust mit rostkraut und bö-
sen winden, die sind: da, hiernicht und ja

manche tun sich leicht mit den erden und
den stromscheuen klagen

auf des flusses zarter gischt erwartet säge-
staub aufmerksame waschfrauenhände

die kinder also sind in übertragung
das große lied, gefräst aus herzmarmor

die zarten perlen des dickichts schallen
das tote lied hervor

bohlen, senkrecht aus dem boden stampfend,
ein wald aus vertikalen zu-künften

rauch stumpfer bäume gliedert sich
luftschuldig intausend

dickicht hat dem sprechen bang gemacht
finger: flitzen
finger mit angst vor, träge
sterbenwollende
finger.

 

Jonah Martensen

 

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freiVERS | Andreas Mayer

muschelig

ich lag
in der sand
uhr meiner zeit
im sand
lag ich etwas
war von meinen rändern wie abgesplittert
lag wie vertrieben
aus einem element
das keinmal meines war
dem schimmernden perlmutt rund
um die pupillenperle zeigt sich
das licht ich
lag spiralförmig
gebogene leere
an deren grund
ein ozean rauscht
.
alles war so muschelig
die vorstellung
vom muschel-ich
so fest
wie eine burg
im sand
lag ich

 

Andreas Mayer

 

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