freiVERS | Nicola Quaß

Wolkenwelten

Wahres nirgendwo, überall nur Trugbilder,
von denen man nichts erwarten sollte.
– E. M. Cioran, Der zersplitterte Fluch

Wir schauten ihnen lange nach.
Den Schattenscherben, die über

Landschaften flogen. Den Wolken-
herden im Galopp.

Da wuchs ein Spinnennetz
am Himmel, da verquollen Wolkenflocken

am Horizont. Da zerstob etwas Zeit.
Ich träumte entschlossen

vom Sommer, saugte Licht und Wärme
in mich auf. Das Gefühl, im eigenen Kopf

zu baumeln, leichter zu sein
als Luft. Ich deutete auf etwas Helles,

du verrietest mir die Sicht der Dinge:
Wahres nirgendwo, überall Trugbilder.

Ich sagte: Schaukel, du sagtest: Cumulus,
ich: singender Schwan.

Jahre später, im Anflug auf das neblige Land,
sah ich Wolkenbüschel, rosablauen Abendschaum,

glaubte zwischen dem Nebelmeer
Bergspitzen zu erkennen, schon winkte mir

jemand vom Gipfel aus zu.
Doch die Erkenntnis ging weiter:

als du eines Morgens nicht mehr erwachtest,
hielt ich mich für das letzte Gespenst.

 

Nicola Quaß

 

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freiVERS | Ferenc Liebig

Meine Eltern haben sich in einer Diskothek
kennengelernt und vielleicht haben sie
nicht recht verstanden, was der andere sagte
und immer nur genickt und dann war man
verheiratet und dann kam ein Haus und dann
kam der erste Tod und von den Eltern ist nur
noch einer übrig und das Haus ist immer
noch da, aber verheiratet ist niemand mehr,
selbst der Sohn hat sich scheiden lassen
und wenn ich es recht überlege, ist es schon
seltsam in der Steuererklärung geschieden
ankreuzen zu müssen und die Vergangenheit ist
wie ein Bagger, der Löcher in die Erinnerung
schaufelt und in den Löchern liegen die Skelette
von Leichen und keine der Leichen lässt sich
mehr identifizieren und manchmal liegt man
mit all seinen Sorgen wach und fragt sich,
wo man zuerst anfangen soll aufzuräumen,
denn bei all dem Kram, der zu erledigen ist,
gibt es immer irgendeinen Kram,
der dringender erledigt werden muss,
irgendwo muss man allerdings anfangen,
nichtsdestotrotz aufpassen,
dass der aufgeräumte Platz
nicht wieder unordentlich wird,
wenn man Dinge sortiert und auftürmt
und Stapel macht für Dinge, die bleiben,
für Dinge, die weggeschmissen werden,
für Dinge, bei denen man sich noch nicht
endgültig entschieden hat.

 

Ferenc Liebig

 

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freiVERS | Helmut Blepp

Schwermütige Wanderungen

Früher wussten wir
wenn weiße Kühe auf den Weiden stehen
dann haben wir Burgund erreicht

Wir fraßen löffelweise Senf
der in der Nase kitzelte
und uns Tränen in die Augen trieb

Den Wein stahlen wir aus hölzernen Fässern
lauschten bei Nacht unter bergenden Bäumen
dem Gesang aus Vogelträumen

Die Furten schmaler Flüsse erlaubten unser Bad
nackt wälzten wir uns im fetten Klee
und plünderten die Apfelwiesen

Heute sind wir Verirrte an Peripherien
wohin wir uns auch wenden weiße Kühe
Fremde wie wir in Tälern ohne Horizont

Trunken machen uns die faulen Beeren
zerkaut mit Brot ohne Salz und Käse ohne Milch
unsere Haut raschelt in der Nacht

Früher verstanden wir es heimzukommen
wohin wir auch einander führten
ein kleiner Mond hat da gereicht

 

Helmut Blepp

 

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freiVERS | Marc Glund

falle

mein blick geht in die tiefe.
          atme schwer.
befinde mich am abgrund
einer felsbarriere.
          wasser fällt dem blick voraus.
                    zwei äste, knorrig,
                              dazwischen
                                        verlassen
                                                  fast?
                              ein spinnennetz.
                    mehr nicht.
          keine tiere in sicht, ich
          kommentiere: #keinetiere?

er fühlt sich unentdeckt an, dieser
ort, am rande eines kleinen dorfes,
eins zu zwei, die ratio zwischen
          mensch und kuh.

in dem ich nie war, dem
ort, dem wasser, dem felsen, dem
view und in dem ich auch nicht bin,
nun bloß nicht versinken,
                                        das wasser,
                                        es fällt
                                        voraus
läuft aus, aus meinem handy,
im stream der äste, der ängste,
der träume, der kacheln, der
netze, der orte,
so fern.
          der einsame versuch:
          ich atme aus.
ein grund ist nicht
in sicht, ich sinke,
                      sinke immer weiter
                                        verfallen
                                        in nichts als

                                        dem fall

 

Marc Glund

 

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freiVERS | turtle kollektiv

| efeuschwestern |

eine einladung:
pack das auto voll wilder frauen,
das kleine beil,
den spaten,
fahrt zu seinem zerfallenden haus,
seinem wuchernden-nachbarn-dorn-im-auge-wald,
denn

dort
neigen sie sich mir entgegen,
strecken ihre holzarme in den regen,
schirmen mich ab, wie ich
hier auf kiefernnadeln und moos liege,
mich anschmiege an sie, die unter mir atmet.

waldboden zittert.
straßenlärm trotzdem.
efeu wächst durch mich, durch haus, an haus lang,
kleine ärmchen mit saugnäpfen an unserer haut.
starre in wolken, sehe haus nicht mehr vor lauter grün.
papa mochte efeu.
ich mag efeu jetzt.
unkraut baum, ungeziefer gefahr, unkraut ist der garten.
un. ungehalten, unbeschnitten, ungeordnet, ungemäht.
ungeheuerlich.
dieses geschrei.
gras: abwesend.
efeu. moos. wald.
wald werden.

es knistert & krabbelt,
er kräht –
da ist
wald hinter meinen ohren –
da spazieren
ameisen auf haut
und
irgendwo in der brust pulsiert ein klammer, dunkler klumpen,
ich atme tief,
ich schlucke,
tief versunken
sackt er richtung erde, verschiebt sich in mir,
verdrängt organe, gräbt sich durch rippen –
da ist
bloß eine dünne schicht –
da trennen
lediglich ein paar zellen
meinen puls
von ihrem.

eiche. zur straße.
laub gehäuft auf bürgersteigen. buchtenblätter.
fegen. kehr. kehr. feg. streich. weg.
blätter jetzt braun: eingeeist.
eiche streckt arm über straße, über grundstücksgrenze hinaus.
ich würde gerne auf ihm liegen.

im rascheln der bäume
rasen autos,
rennen menschen
durch meine adern,
es ist laut, richtig laut,

mama, frag mich ab:
birke?
gezähnt.
buche?
gewellt.
eiche?
gebuchtet.

heinrich?
ausgeblutet.

immer noch viel zu laut
in mir,
also
drehe ich mich auf die seite, ich
drücke mein ohr auf knorrige haut,
dumpfer heart.beat. da unten
in ihr.

mein blut
pulsiert,
ächzt, stöhnt, quietscht, schlagt mit dem wind,
murmelt,
summt,
grieft,
heult,
kreischt –
ein schwarm kampfwespen.
an den fingern
meiner fäuste
um den spatengriff,
in der erde
ein loch,
ein letztes mal
die anzeige,
keine antwort,
ein grab.

wie es wäre, würden zellen die form verlieren,
würden grenzen verschmieren und
haare in den boden wachsen,
nägel zu blättern, haut zu moos, knochen zu rinde werden –
heimlich,
den heinrich,

haut von efeu überzogen, durchdrungen, zersetzt.
unsere inneren kammern geöffnet für fremde und freunde und innerstes in container, innerstes in taschen, lieblingsfilm, bob marley CD, MVV ausweis 1979.
innerstes ins außen gestülpt, verkehrt.
die tapete ist weiß-grün-braun-gelb-rohfaser-schimmelpilz-gesprenkelt.

schhhhhh
mach ich, zu uns, zum haus und zu mir, zu unserem gemeinsamen körper,
sonne geht unter.

gehe
einen fuß vor den andern
entlang des efeupfads.

schhhhhh
mach ich zu den hühnern,
den heinrich
an den füßen
im dunkel
aus dem stall.
stimmen verschwinden.
beil fällt.
musik geht aus. frieden für die nacht.

wie es wäre
ohne dieses hasten in der blutbahn,
leise,
ohne den heinrich,
ohne dieses ständige wollen und wollen und sollen.
die kinder wollten unbedingt
fifty-fifty pro ei.
na gut, sagte der opa.
für den dorn-im-ohr-nachbarn
löschen der anzeige: hahn abzugeben.

ich frage das haus:
was fühlst du dabei?
du stehst.
bücherstrom versiegt nicht, quillt, drückt, füllt papiercontainer.
du spuckst weiter sein leben aus. und meins. unseres.
38 tonnen,
federn,
geschichten schon,
tropfen –
haus werden.

ich habe vergessen, wer durch wen geistert.

 

turtle kollektiv

dieser text ist im turtle kollektiv entstanden
geschrieben von lara wüster, anna job und katharina wulkow.

 

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freiVERS | Simone Steger

vulven wie fliegen

Schopenhauer liegt auf dem fensterbrett
ich habe die fliege mit ihm erschlagen

der eiweißbrei klebt
zur hälfte an der ästhetik
zur hälfte an der scheibe

jetzt schreibe ich nackt ein gedicht
damit ich mich nicht aus versehen
am fenster zur welt erschlage
so kurzsichtig
ich manchmal gern wäre

ich sitze nackt auf dem sessel
mein leib versinkt im stoff
ich habe angst
so zu sitzen
noch von früher
und von der ästhetik

keine sprache über vulven
ich kann nichts darüber sagen
außer

 

vulven wie fliegen
eine last im zuhause des körpers
genauso wie Schopenhauer
in unseren zellen

obwohl ich kostbar bin
sitze ich das erste mal so

etwas in mir platzt auf
licht prallt auf die scheibe
Schopenhauer wäre verstimmt
ich lasse den eiweißbrei kleben

 

Simone Steger

 

(ebenfalls veröffentlicht auf Pigeon Publishing)

 

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freiVERS | Jaqueline Isabell Grosser

Steinbeeren

Leuchtdioden
im Weihnachtsgrün
der Tundra,

Girlanden
aus Knochenfrost,
lautlos gelöst.

Was wir finden,
nährt das Vergehen.

Wir streifen
Rucksäcke ab
wie Häute,

reißen Wurzeln
aus der Erde
wie Nähte.

Totenrosen,
schwer
in Menschenhänden.

Milchzahnzeit —
blass, brüchig,
im Permafrost.

Wir schöpfen,
bergen Samen
aus dem Schlamm.

Geschenke
aus der dunklen Zeit.

 

Jaqueline Isabell Grosser

 

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freiVERS | Sophie Steger

Ich schreibe keine Regionalliteratur

Ein Naturwasser bestellen
und dumm angeguckt werden
sich entschuldigen
sagen, dass man ein stilles gemeint hat

In den Kindergarten gehen
und nur Hochdeutsch können
aber für dich gibt es kein Hochdeutsch
sondern nur Deutsch

Die Deutsche sein

Dialekt sprechen lernen
aber immer noch die Deutsche sein

In der Oberstufe
einen anderen Dialekt sprechen lernen
weil die Schule
eine halbe Stunde entfernt ist
von da, wo du wohnst
oder von da, wo du kommst

Sprache nuancieren

Richtiges Hochdeutsch
nur mit deiner Mutter sprechen

Südtiroler Hochdeutsch
mit Südtirolern

Sich ärgern

Sprache nuancieren
bis man nicht mehr sprechen kann

Meine Stimme klingt tiefer im Dialekt

Ich verstehe die Leute nicht,
die sagen, Deutsch klinge hart
Deutsch ist weich

Gesagt bekommen,
man hätte eine österreichische Pronunciation

Sagen,
dass dein Vater Österreicher ist
obwohl er Italiener ist

Es nicht zu kompliziert machen wollen

Sag doch mal was auf Italienisch
Nein

Sprache verändern
Sätze verändern

650 km fahren
und für 100 Euro bei Rewe einkaufen

Nach einem halben Jahr
Papageienkuchen und rote Grütze essen
und sich fühlen,
als wäre das Essverhalten
stecken geblieben
als du mit vier weggezogen bist

Freitags in der Fastenzeit
Wurst im Schulbrot haben
Skandal auslösen

Ich bin eine Deutsch-Italienerin
Ich bin eine deutsche Südtirolerin
Ich bin auch Südtirolerin
Ich bin Deutsche

Ich bin eine
deutsch–südtirolerisch–italienische Österreicherin

Ich bin eine
italienische deutsche österreichische Italienerin

Ich schreibe Regionalliteratur
ausschließlich
gegen meinen Willen

Einen Pass von beiden Ländern haben
fuck you all

 

Sophie Steger

 

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freiVERS | Gawan Mehić

Nichts für fremde Wände

Entspannung folgt Erregung,
behauptet die Ebbe,
bevor sie geht.

Sehnsucht und Zärtlichkeit,
Wörter, die wir benutzen,
wenn nichts mehr antwortet.

In Augenblicken bewegter Dichtung
zeichnet Zeit
in kreisender Dauer,
die trägt,
ohne zu urteilen.

Ich muss nicht erscheinen.
Ich bin kein Bild
für fremde Wände.

Ich will begegnet werden
wie Fenster bei Nacht:
Ein Durchlass
für Herzschläge
im Takt fremder Leben.

 

Gawan Mehić

 

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freiVERS | Alexander Köffel

mia homs imma gsogt
net mit die fremdn redn
ob und zua hob i schon
grüßgott und so
oba amol wor i allan daham
lei i und die kotz
do leitets
i moch die tia auf
gonz nervös
mit a poor euro in da hond
steht a dicke liabe fremde vor da tia
i bin die brotfrau
vom berg oba
i bring eich des brot
is die mutti do
na
oba i bin do
jo
des sig i
sogt sie
und locht
und gibt ma
des brot
wos noch worm is
und a horte krustn hot

 

Alexander Köffel

 

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