freiTEXT | Andreas Zabel
Was bleibt, wenn nichts mehr drängt
Ich habe lange geglaubt, dass Bewegung ein Beweis ist. Dass Dinge nur dann zählen, wenn sie sich verändern. Vielleicht beginnt alles in einem Raum, in dem nichts mehr eilig ist. Ein Tisch, ein Koffer, der nicht ganz offen ist. Der Griff kalt, als hätte ihn lange niemand berührt. Ein Zustand, der keine Entscheidung mehr braucht.
Es gibt diese Stimmen, die sagen: Geh. Nimm mit, was du tragen kannst. Werde leichter, indem du dich entfernst. Und dann gibt es die anderen — leiser, schwerer zu hören — die nicht widersprechen, sondern bleiben. Die sagen nichts von Ziel. Nur von Ort.
Ich habe gesehen, was passiert, wenn man den Deckel schließt. Wenn alles im Inneren plötzlich funktioniert. Wenn Zweifel verschwinden, nicht weil sie geklärt sind, sondern weil sie keinen Platz mehr haben. Es ist effizient. Es ist überzeugend. Und es ist endgültig.
Manchmal reicht schon eine Richtung.
Eine Linie, die sich nicht mehr biegt.
Ein Weg, der nichts mehr fragt.
Er führt weiter.
Ohne Abzweigung.
Ohne Rücksicht darauf, ob jemand mitkommt.
Und irgendwann steht man daneben.
Ohne Gepäck.
Ohne etwas, das man zurücklassen könnte.
„Es hat funktioniert“, sagt man sich.
Und meint damit nicht, dass es richtig war.
Draußen dauert es länger.
Draußen ist nichts sicher. Dinge bleiben unfertig, selbst wenn man sie lange genug betrachtet. Gespräche enden nicht, sie lösen sich nur auf. Und manchmal sitzt man neben etwas, das man nicht mehr öffnen will, nicht aus Angst, sondern weil es nicht mehr nötig ist.
Und irgendwo dazwischen spannt sich etwas, das trägt.
Für einen Moment.
Wie etwas, das hält, solange man nicht zu viel davon verlangt.
Nicht für immer.
Man greift danach.
Zieht sich ein Stück vor.
Zwischen zwei Seiten, die sich nicht decken.
Ein Übergang, der möglich ist —
bis er es nicht mehr ist.
Dann bleibt nur noch das Wasser.
Und die Entscheidung, wie weit man darin steht.
Einige gehen weiter.
Ohne sich umzudrehen.
Andere treten zurück.
Nicht aus Schwäche.
Sondern weil der Boden noch da ist.
Und es gibt die, die bleiben und trotzdem arbeiten.
Die Dinge ordnen könnten.
Glätten.
Schließen.
Richtig machen.
Aber irgendwann hält etwas inne.
Die Linie ist nicht perfekt.
Und sie muss es nicht sein.
„Es wäre einfacher zu gehen“, denkt man manchmal.
Aber einfacher ist nicht dasselbe wie richtig.
Und schneller ist nicht dasselbe wie wahr.
Ich weiß nicht, ob man ankommt.
Ich weiß nur, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was funktioniert —
und dem, was bleibt.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man aufhört, sich tragen zu lassen.
Nicht, weil man angekommen ist.
Sondern weil man nicht mehr weg muss — und auch nicht mehr so tun kann.
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freiTEXT | Andreas Zabel
Die Echtheit der kleinen Brüche
Ich heiße Gunnar. Achtunddreißig. Ein Körper, der funktioniert, ein Leben, das sich lange weigerte, Form anzunehmen. Vielleicht beginnt alles an jenem Morgen, an dem Jerusalem wie ein ausgeatmeter Gedanke hinter den Fenstern hing und ich nicht mehr wusste, ob ich mich ausruhte oder verschwand. Die Frau in der Küche bewegte sich wie jemand, der Worte nur noch als Möglichkeit kennt. Zwischen uns lagen die Dinge, die man nicht sagt, weil sie sonst zu wahr würden.
Vier Tage zuvor war ich in ein Wohnzimmer zurückgekehrt, das zu leer war, um ein Zuhause zu sein. Unten handelten zwei Männer über Sandalen — Preis, Geschichte, Bedeutung — und ich merkte, dass ich nichts davon beantworten konnte. Ich stand nur da, wie jemand, der sich selbst beim Zusehen ertappt.
Lis brachte Avocados mit, überreif wie Gedanken, die man zu lange getragen hat. „Schneid sie auf“, sagte sie. Der Geruch, süßlich und alt, breitete sich aus wie eine sanfte, aber unerbittliche Diagnose. „Manchmal sehen Dinge gesund aus, obwohl sie es nicht sind.“ Ich wusste nicht, ob sie mich meinte oder die Frucht. Manchmal ist das dasselbe.
Später knickte mein Knöchel, unscheinbar, fast höflich. Ich saß vor einem Lokal, eine Zigarette zwischen den Fingern, und die Welt ging gleichgültig an mir vorbei. Die Frau, die sich ohne Vorwarnung zu mir setzte, nahm mir die Zigarette ab, zog einmal, gab sie mir zurück. „Manchmal braucht es nicht mehr“, sagte sie. Ihr Blick blieb an mir hängen, als wüsste sie, dass man für bestimmte Einsichten erst stolpern muss.
Franzi war eine andere Art Bruchstelle. Sie trat in Räume, als würde sie sie erst erschaffen, indem sie sie betrat. Wir saßen zusammen, und sie sagte: „Du behandelst Gefühle wie eine Steuererklärung.“ Sie lächelte dabei nicht. „Ordentlich. Übersichtlich. Ohne Mut.“ Es klang nicht vorwurfsvoll, eher wie jemand, der weiß, dass Wahrheiten nur wirken, wenn sie sanft platziert werden. „Man kann jemanden zärtlich zerstören“, sagte sie. „Ehrlichkeit ist schärfer, wenn sie leise ist.“
Abdul sprach leise, aber seine Worte trugen weiter als die der anderen. „Man gewöhnt sich an vieles“, sagte er, „aber nicht daran, dass jemand fehlt.“ Seine Hände erzählten mehr als seine Stimme — zögernde Bewegungen, die sich weigerten, endgültig zu sein. „Warum Deutschland?“, fragte ich. „Weil hier niemand weiß, wer ich war. Nur, wer ich bin.“ Da begriff ich, dass manche Brüche nicht repariert werden müssen; man muss nur lernen, sie auszuhalten.
Am Ende bleibt weniger, als man glaubt. Nicht die Orte, nicht die ruhigen Erklärungen, nicht die Tage, die man verstreichen ließ. Es bleibt, was sich in den kleinen Rissen zeigt — jene Momente, in denen man einen Atemzug länger bleibt, als man wollte. Ich weiß nicht, ob ich ankomme. Aber ich merke, dass ich angefangen habe, zuzuhören, bevor Dinge verschwinden.
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