Was bleibt, wenn nichts mehr drängt

Ich habe lange geglaubt, dass Bewegung ein Beweis ist. Dass Dinge nur dann zählen, wenn sie sich verändern. Vielleicht beginnt alles in einem Raum, in dem nichts mehr eilig ist. Ein Tisch, ein Koffer, der nicht ganz offen ist. Der Griff kalt, als hätte ihn lange niemand berührt. Ein Zustand, der keine Entscheidung mehr braucht.
Es gibt diese Stimmen, die sagen: Geh. Nimm mit, was du tragen kannst. Werde leichter, indem du dich entfernst. Und dann gibt es die anderen — leiser, schwerer zu hören — die nicht widersprechen, sondern bleiben. Die sagen nichts von Ziel. Nur von Ort.
Ich habe gesehen, was passiert, wenn man den Deckel schließt. Wenn alles im Inneren plötzlich funktioniert. Wenn Zweifel verschwinden, nicht weil sie geklärt sind, sondern weil sie keinen Platz mehr haben. Es ist effizient. Es ist überzeugend. Und es ist endgültig.
Manchmal reicht schon eine Richtung.
Eine Linie, die sich nicht mehr biegt.
Ein Weg, der nichts mehr fragt.
Er führt weiter.
Ohne Abzweigung.
Ohne Rücksicht darauf, ob jemand mitkommt.
Und irgendwann steht man daneben.
Ohne Gepäck.
Ohne etwas, das man zurücklassen könnte.
„Es hat funktioniert“, sagt man sich.
Und meint damit nicht, dass es richtig war.
Draußen dauert es länger.
Draußen ist nichts sicher. Dinge bleiben unfertig, selbst wenn man sie lange genug betrachtet. Gespräche enden nicht, sie lösen sich nur auf. Und manchmal sitzt man neben etwas, das man nicht mehr öffnen will, nicht aus Angst, sondern weil es nicht mehr nötig ist.
Und irgendwo dazwischen spannt sich etwas, das trägt.
Für einen Moment.
Wie etwas, das hält, solange man nicht zu viel davon verlangt.
Nicht für immer.
Man greift danach.
Zieht sich ein Stück vor.
Zwischen zwei Seiten, die sich nicht decken.
Ein Übergang, der möglich ist —
bis er es nicht mehr ist.
Dann bleibt nur noch das Wasser.
Und die Entscheidung, wie weit man darin steht.
Einige gehen weiter.
Ohne sich umzudrehen.
Andere treten zurück.
Nicht aus Schwäche.
Sondern weil der Boden noch da ist.
Und es gibt die, die bleiben und trotzdem arbeiten.
Die Dinge ordnen könnten.
Glätten.
Schließen.
Richtig machen.
Aber irgendwann hält etwas inne.
Die Linie ist nicht perfekt.
Und sie muss es nicht sein.
„Es wäre einfacher zu gehen“, denkt man manchmal.
Aber einfacher ist nicht dasselbe wie richtig.
Und schneller ist nicht dasselbe wie wahr.
Ich weiß nicht, ob man ankommt.
Ich weiß nur, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was funktioniert —
und dem, was bleibt.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man aufhört, sich tragen zu lassen.
Nicht, weil man angekommen ist.
Sondern weil man nicht mehr weg muss — und auch nicht mehr so tun kann.

 

Andreas Zabel

 

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