Der bessere Henrik

Er nahm immer gleich zwei Flaschen aus dem Kasten. Das erste Mal, als er das gemacht hatte, hatte er ein zweites Bier für seinen Begleiter mitbringen sollen. Aber als er zurückkam, war der schon mit den Frauen ab- und dann ewig nicht mehr aufgetaucht. Henrik hatte sich in eine halbwegs bequeme Ecke gesetzt, ein Bier sehr rasch in sich hineinrauschen lassen, dann das zweite geöffnet, das bedächtig in kleinen Wellen hinterdrein wogte. Dann hatte er einen ausreichenden Pegelstand gefühlt, um vielleicht ein paar belanglose Gespräche auf Kurs zu halten.
Seine Entdeckung hatte ihn doppelt gefreut: Griff man zwei Bier mit fließender Bewegung, fragte niemand, weil jeder davon ausging, man brächte jemandem eines mit. Es sprach einen aus demselben Grund dann auch niemand an. Und es bemerkte auch niemand missbilligend, wenn man nach Minuten schon das zweite Bier unauffällig öffnete. Es war dann ja schon am Platz und –
„Hey Henrik!“
Plötzlich hatte sich ein Typ neben ihm auf das Küchensofa geworfen, den er noch nie gesehen hatte. Er grinste Henrik mit einer Vertrautheit an, als wäre er der lang verschollene Co-Küchenchef aller seiner Kindergartenmatschsuppen. Weißblondes Haar hatte der, das in wohlkalkulierter Unkontrolliertheit allenthalben sein Gesicht überspülte wie eine edle Gischt. Seine feine, langfingrige Hand drängte die Sturmflut mit unermüdlicher Routine immer wieder zurück. Henriks Hirn ratterte den kleinen Katalog seiner Bekanntschaften durch. Erfolglos.
„Hab ja schon viel von dir gehört“, setzte der Fremde nun an und streckte ihm eine Hand hin. Henrik griff zögerlich danach, um sie zu schütteln. Der andere hatte wohl eher an ein Einschlagen gedacht. Ein unbeholfener Zwitter der Begrüßungen entstand. Kurze Stille. Neue Haarwelle. Elegantes Wegwischen.
Der andere stellte sich vor und während Henrik sich noch ermahnte, den Namen nicht gleich wieder zu vergessen, war es schon passiert.
„Du spielst Gitarre, hat man mir erzählt?“
Henrik stutzte. Er konnte ein paar Akkorde greifen und sang ein wenig dazu. Er kannte nur die Gastgeberin. Dass sie das wusste, hatte er nicht gewusst. Er konnte nicht gleich sagen, was er davon hielt, also nickte er unsicher.
„Ganz passabel sogar“, mutmaßte der andere jetzt und Henrik musste schmunzeln.
„Man tut, was man kann“, warf er unsicher hin. Dann wurde es kurz still. Neue Haarwelle über das Auge. Nachlässiges Fortwischen.
„Sport mache ich viel“, setzte der Fremde nun an, „Du ja auch, was ich höre?“
Henrik nickte rasch. Er ging manchmal morgens laufen, am Kanal entlang. Nie auf Zeit zwar und er hatte auch noch die Turnschuhe aus der Schulzeit, aber immerhin.
„Ja, laufen“, erklärte Henrik, „man muss ja fit bleiben.“
Jetzt war es an David zu nicken. Stille. Neue weißblonde Brandung. Rasches Fortwischen.
„Naja, dann –“
„Da bist du!“, drängte sich eine verwaschene Frauenstimme in die Situation. Sie war belegt von Rauch und Wein. Mit drei Schritten war die Gastgeberin heran und musterte den Weißblonden mit hochgezogenen Augenbrauen, den Kopf leicht angeschrägt.
„Habe Henrik schon gefunden!“, erklärte dieser, offenbar an eine frühere Unterhaltung anschließend.
In schneller Folge spülten Verwunderung, Überraschung, Erkenntnis, Schreck und dann Erleichterung mit den kleinen farbigen Lichtpunkten der selbstgebauten Discokugel über ihr Gesicht. Danach lachte sie übertrieben und entschuldigend.
„Nein, das ist Hennnnnrik!“, klärte sie auf. Sie zog das n lang, als seien mindestens 15 davon in seinem Namen. Eine Furche bildete sich über ihre Nase und sie streckte ihren Nacken vor.
„Mein Freund“ – Henriks Finger legten einen kurzen Regentanz über den Flaschenhals hin – „ist Hendryk! Der hat noch ein D mehr“, erklärte sie schelmisch. Hendryk. Ein überartikuliertes Ü sprach sie, um auch noch das y, dieses verdammte manifeste Mysterium von einem Buchstaben zu verdeutlichen.
„Wo isser?“, fragte David nun wieder breit grinsend wie vor der Unterhaltung.
„Drüben, im Wohnzimmer“, sie sah zu Henrik und gestikulierte in Richtung der Tür, „macht dir nichts aus, wenn wir –“
Henrik winkte murmelnd ab und blieb, wo er war, tief zusammengesunken wie eine Eigenmarken-Tütensuppe unter einem Dutzend Regal-Etagen von Maggi-Produkten. Als sie den Raum verließen, strudelte das Weißblond noch einmal herein. Mit ermutigender Miene vollführte der Fremde ein rasches Luftgitarrensolo in Henriks Richtung. Henrik zwang sich zu einem schmallippigen Lächeln und schüttelte den Kopf, aber da waren die beiden schon hinaus.

 

Viktor Hoffmann

 

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