Die Möglichkeit eines Sommers

Nach dem Wochenende mit Jonas lag eine neue, leise Spannung in der Luft. Die Tage danach waren wie ein langsames Auftauen – ich funktionierte, erledigte meine Arbeit, aber in meinen Gedanken war ich schon bei Freitagabend. Immer wieder malte ich mir aus, wie es sein würde, Lisa wiederzusehen. Ich erinnerte mich an unser letztes Gespräch, an ihre Unsicherheit, an die Worte, die unausgesprochen zwischen uns standen. Ich fragte mich, ob sie sich verändert hatte, ob ich mich verändert hatte – und ob wir es schaffen würden, wieder diese Leichtigkeit zu spüren, die uns am Anfang verbunden hatte.
Am Abend der Lichtshow fuhr ich mit der Bahn in den alten Industriebezirk. Es war einer dieser klaren, kühlen Frühlingstage, an denen die Stadt nach Aufbruch roch. Schon beim Aussteigen spürte ich die besondere Atmosphäre: Das Kopfsteinpflaster glänzte feucht im Licht der Straßenlaternen, irgendwo in der Ferne vibrierte Musik. Ich folgte dem schmalen Weg zum Kunstkraftwerk, vorbei an rostigen Zäunen und alten Mauern, die von vergangenen Zeiten erzählten.
Am Ende des Weges entdeckte ich Lisa. Sie lief auf und ab, das Handy am Ohr, die Stirn leicht gerunzelt. Ihre Stimme klang konzentriert, fast streng. Ich blieb ein paar Schritte entfernt stehen und beobachtete sie. In diesem Moment wirkte sie wie jemand, der zwei Welten gleichzeitig jongliert – die der Arbeit und die des Lebens, das sie gerade mit mir teilen wollte.
Sie beendete das Gespräch, atmete tief durch und kam auf mich zu. Ihre Umarmung war flüchtig, als müsste sie sich erst wieder an meine Nähe gewöhnen.
„Schön, dass du da bist“, sagte sie, ein Lächeln auf den Lippen, das ihre Augen aber nicht ganz erreichte. „Tut mir leid wegen des Telefonats. Die Arbeit lässt mich heute einfach nicht los.“
Ich erwiderte das Lächeln, auch wenn ich einen kleinen Stich in mir spürte. „Kein Problem. Ist alles in Ordnung?“
Sie zögerte, schien einen Moment zu überlegen, wie viel sie preisgeben wollte. „Ja, alles gut. Nur ein paar Dinge, die sich aufgestaut haben. Aber ich möchte den Abend mit dir genießen. Können wir einfach… im Hier und Jetzt sein?“
Ich nickte. „Natürlich. Wenn du reden willst, bin ich da. Wenn nicht, dann lassen wir uns einfach treiben.“
Sie schien erleichtert, hakte sich bei mir unter, und wir gingen gemeinsam in Richtung des Eingangs. Das alte Kraftwerk ragte vor uns auf, die Fassade von sanft wechselndem Licht überzogen, der Bass einer fernen Musik vibrierte unter unseren Füßen.
„Ich bin gespannt, wie es drinnen aussieht“, sagte ich, um die Stimmung aufzulockern.
Lisa lächelte zum ersten Mal an diesem Abend wirklich. „Ich auch. Eine Freundin meinte, es sei wie ein Traum, durch den man spaziert. Ich hoffe, das hilft uns beiden, den Alltag für eine Weile zu vergessen.“
Wir betraten das Kunstkraftwerk, die schwere Tür fiel hinter uns ins Schloss. Die Maschinenhalle lag vor uns, hoch und weit, die Wände von zahllosen Projektoren gesprenkelt. Schon jetzt lag Magie in der Luft: Lichtkegel tanzten über rostige Stahlträger, Muster zogen sich wie leuchtende Adern durch den Raum. Wir fanden einen Platz in einem der Kreise auf dem Boden, jeder auf einem weichen Kissen. Die Lichter dimmten langsam. Für einen Moment war alles still, dann begann die Show.
Farben explodierten an den Wänden, Blautöne wirbelten mit Gold, als würde die Vergangenheit in Schichten von Licht neu erzählt. Massive Zahnräder drehten sich über unseren Köpfen, Dampf stieg auf, irgendwo ratterte eine virtuelle Maschine. Die Musik vibrierte durch den Boden, ließ mein Herz im Takt schlagen. Ich sah zu Lisa. Ihr Gesicht war vom Licht gezeichnet, die Augen weit, das Staunen kindlich und schön. Unsere Hände berührten sich wie zufällig – erst zog einer zurück, dann blieben sie liegen, ineinander verschränkt.
„Fühlst du das auch?“, flüsterte sie.
Ich nickte. „Ja. Es ist, als würden wir für einen Moment alles andere vergessen.“
Die Show wechselte von der Vergangenheit in eine Zukunft aus Lichtbögen und schwebenden Brücken. Lisa zeigte auf die Bögen: „Siehst du das? Als würden sie Welten verbinden.“
„Oder Menschen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst.
Sie sah mich an, und für einen Moment war alles offen. Ich spürte den Drang, sie zu küssen, hielt mich aber zurück. Die Projektionen tanzten weiter, verwoben sich zu neuen Formen, lösten sich auf. Es war, als reisten wir gemeinsam durch ein Kaleidoskop aus Zeit und Gefühl.
„Es ist faszinierend, wie sich alles ständig verändert“, sagte Lisa leise. „Und trotzdem bleibt etwas.“
Ich drückte sanft ihre Hand. „Wie Erinnerungen. Oder das, was zwischen uns ist.“
Sie lächelte, diesmal ehrlich. „Lass uns einfach diesen Moment genießen.“
Als die Show im Sternenmeer gipfelte, saßen wir still nebeneinander, die Hände verbunden, die Welt draußen vergessen. Als die letzten Lichter verblassten und der Raum wieder in sanftes Dämmerlicht getaucht wurde, blieben wir noch einen Moment sitzen, gefangen in der Nachwirkung des Erlebten. Schließlich standen wir auf und gingen langsam hinaus.
Draußen atmete Lisa tief durch, als hätte sie gerade eine Reise hinter sich. „Wow… das war einfach unglaublich“, sagte sie leise, fast ehrfürchtig. „Ich war wirklich fasziniert von den Licht- und Soundeffekten. Es war, als hätten wir eine Zeitreise gemacht.“
Ich nickte, suchte nach Worten. „Absolut. Ich habe noch nie so etwas erlebt. Die Art, wie sie Licht und Klang kombiniert haben… ich fühlte mich wirklich in eine andere Welt gezogen.“
Lisa lachte leise. „Es war, als ob die Vergangenheit und die Zukunft sich für einen Moment berührt hätten. Ich glaube, ich habe noch nie so sehr vergessen, wo ich bin.“
Ich grinste. „Und dabei warst du vorhin noch ganz woanders mit deinen Gedanken.“
Sie schüttelte den Kopf, lächelte. „Jetzt bin ich ganz hier.“
Wir zogen unsere Jacken an, noch ganz erfüllt von der Magie der Show. Ich wollte den Abend nicht enden lassen.
„Wollen wir noch am Kanal entlang spazieren und etwas essen gehen?“, fragte ich.
Lisa nickte, nahm meinen Arm, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg – beide noch ein bisschen benommen vom Zauber des Erlebten. Draußen umfing uns die milde Abendluft. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem Wasser des Kanals, und noch immer vibrierte die Magie der Show in uns nach. Wir schlenderten langsam am Ufer entlang, Schulter an Schulter.
„Weißt du“, begann ich leise, „diese Show hat mich irgendwie an unser erstes Date erinnert. Alles war neu und aufregend, voller Möglichkeiten.“
Lisa lächelte. „Oh ja? Inwiefern?“
„Na ja, beim ersten Date weiß man nie, was einen erwartet. Genau wie bei dieser Lichtshow. Man taucht ein in eine neue Welt und lässt sich überraschen.“
„Stimmt“, nickte Lisa, „obwohl ich zugeben muss, dass ich beim ersten Date nervöser war als heute.“
Ich lachte. „Wirklich? Ich fand dich ziemlich cool. Weißt du noch, wie du den Kellner mit deinem Wissen über Weine beeindruckt hast?“
Lisa stöhnte gespielt. „Oh Gott, erinnere mich nicht daran. Ich habe die ganze Nacht vorher Weinlexika gewälzt, um intelligent zu wirken.“
„Nun, es hat funktioniert. Ich war schwer beeindruckt.“
Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, ließen die Eindrücke wirken. Dann fragte Lisa: „Sag mal, Max, glaubst du an Schicksal?“
Ich zögerte. „Hmm. Schwierige Frage. Wieso fragst du?“
Sie blickte aufs Wasser, das die Lichter in langen Streifen zog. „Die Show hat mich nachdenklich gemacht. All diese Lichter und Formen, die sich ständig verändern und neu zusammensetzen… Es hat mich daran erinnert, wie zufällig und doch bedeutungsvoll Begegnungen sein können.“
Ich lächelte. „Wie unsere zum Beispiel?“
Lisa lachte. „Ja, genau. Was wäre wohl gewesen, wenn einer von uns an dem Tag nicht auf Tinder gewesen wäre?“
„Dann hätte ich nie erfahren, dass es Menschen gibt, die Ananas auf Pizza mögen“, neckte ich.
„Hey!“, protestierte Lisa und boxte mich spielerisch in die Seite. „Das ist eine völlig legitime Geschmackskombination!“
„Wenn du meinst“, grinste ich. „Aber im Ernst, ich bin froh, dass wir uns getroffen haben. Egal ob Schicksal oder Zufall.“
Wir blieben stehen, blickten gemeinsam aufs Wasser. Lisa lehnte sich leicht an mich. „Weißt du“, sagte sie leise, „manchmal frage ich mich, was die Zukunft bringt. Ob wir in einem Jahr noch hier stehen und über Ananas auf Pizza streiten werden.“
Ich spürte einen Hauch von Unsicherheit in ihrer Stimme. Ich drehte mich zu ihr und sah ihr in die Augen. „Lisa, ich kann dir nicht sagen, was die Zukunft bringt. Aber ich weiß, dass ich gerne herausfinden würde, wohin uns dieser Weg führt. Gemeinsam.“
Sie erwiderte meinen Blick, ihr Lächeln war warm, aber in ihren Augen lag ein Schatten, den ich nicht deuten konnte. „Das klingt schön“, sagte sie sanft. Ich spürte, dass ich ihr mehr sagen wollte, doch die Worte blieben unausgesprochen. Es war, als hätte ich eine Tür geöffnet, aber noch nicht den Mut, hindurchzugehen – und Lisa stand auf der anderen Seite, zögernd, aber nicht abweisend.
Um die Stimmung aufzulockern, sagte ich: „Stell dir vor, in hundert Jahren gibt es eine Lichtshow über unsere Zeit. Was glaubst du, würden die Leute über uns denken?“
Lisa lachte. „Oh je, wahrscheinlich würden sie sich über unsere altmodischen Smartphones lustig machen und darüber, dass wir noch selbst Auto fahren mussten.“
„Und darüber, dass wir uns über Dating-Apps kennengelernt haben, anstatt unsere perfekte genetische Übereinstimmung von einem Supercomputer berechnen zu lassen“, fügte ich hinzu.
„Gruselig“, schauderte Lisa. „Ich bin ganz froh, dass wir noch in einer Zeit leben, in der ein bisschen Zufall und Magie erlaubt sind.“
Wir gingen weiter, das Gespräch floss mühelos. Als wir an einem kleinen Café vorbeikamen, blieb ich stehen. „Wie wäre es mit einem Kaffee? Oder willst du lieber was Stärkeres nach all der Kunst und den tiefsinnigen Gesprächen?“
Lisa grinste. „Kaffee klingt perfekt. Aber nur, wenn du mir versprichst, nicht über meine Vorliebe für Ananas auf Pizza zu urteilen.“
„Deal“, lachte ich. „Aber dafür musst du mir versprechen, beim nächsten Date nicht die halbe Nacht Weinlexika zu studieren. Ich mag dich auch ohne Weinkenntnisse.“
Lisa errötete leicht, lächelte aber. „Abgemacht. Obwohl, wer weiß, vielleicht überrasche ich dich beim nächsten Mal mit meinem Wissen über… sagen wir mal, die Geschichte der Quantenphysik?“
Lachend betraten wir das Café. Es war in warmes Abendlicht getaucht, die Atmosphäre entspannt, erfüllt vom leisen Summen der Gespräche. Wir wählten einen Tisch am Fenster, von dem aus wir den Sonnenuntergang beobachten konnten.
„Was meinst du, sollen wir uns einen Absacker gönnen?“, fragte ich.
Lisa nickte begeistert. „Auf jeden Fall! Nach so einem tollen Tag haben wir uns das verdient.“
Wir bestellten zwei Espresso Martinis. Die Sonne tauchte den Himmel in ein atemberaubendes Farbenspiel aus Rot, Orange, Gelb und Violett. Wir saßen da, unsere Blicke wanderten immer wieder zum Fenster hinaus. Ich beobachtete, wie die sanften Lichtstrahlen Lisas Gesicht streiften. Ich genoss die Stille, die zwischen uns nicht unangenehm war, sondern voller Möglichkeiten.
„Siehst du die Farben?“, flüsterte Lisa. „Es ist, als würde der Himmel nur für uns ein Gemälde erschaffen.“
Ich nickte. „Es fühlt sich an, als würde heute alles stimmen. Als wäre das Leben für einen Moment ganz einfach.“
Als die Sonne schließlich hinter dem Horizont verschwand, drehte sich Lisa zu mir um. „Danke“, sagte sie leise, „für diesen wundervollen Tag und diesen perfekten Abschluss.“
Ich hob mein Glas. „Auf viele weitere Sonnenuntergänge“, sagte ich, und unsere Gläser klirrten leise in der dämmrigen Atmosphäre des Cafés.
Wir gingen noch einige Schritte am Kanal entlang. Links von uns pulsierte eine alternative Party über das Gras, Studenten tanzten, Farbbeutel platzten in der Luft. „Oh! Interessant“, bemerkte ich, aber Lisa schien in Gedanken.
Auf der Brücke angekommen, verabschiedeten wir uns mit einer langen Umarmung. Ich drückte sie fest an mich, spürte, dass ich sie nicht loslassen wollte.
Wir lösten uns. Ich sah sie an, sah ihr Lächeln, das Strahlen in ihren Augen.
„Sehen wir uns wieder?“, fragte ich leise.
Lisa nickte. „Ich schreibe dir, wenn es bei mir passt. Komm gut nach Hause und schreib mir bitte, wenn du angekommen bist. Okay?“
„Na klar mach ich das. Komm auch gut nach Hause.“
Eine halbe Stunde später kam ich zu Hause an. Ich überlegte, ob ich Lisa gleich schreiben oder damit warten sollte. Doch sie kam mir zuvor:
„Hey Max, ich bin gut zu Hause angekommen und liege jetzt schon im Bett. Ich lese noch etwas, bevor mir dann die Augen zufallen. Bist du gut angekommen? Wollte dir noch danke für den Nachmittag im Kraftwerk sagen. Ich wünsche dir einen schönen Abend und später eine gute Nacht!“
Ich lächelte. Noch war alles möglich.

 

Thomas Arta

 

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