See der grünen Erinnerungen

Der Wind streichelte sanft ihre leicht gerötete Wange, strich ihre Haare aus dem sonst blassen Gesicht, blies sie sacht nach hinten über ihre Schulter, wo sie sich wiederfanden und ineinander verschlangen. Goldene Seide in einem fast gänzlich aufgelösten Knoten.
Glitzernd tanzten die Pollen in der bewegten Luft, kitzelten sie in der Nase und verschwanden in dem Wald, der sie umgab und der stetig neue Samen freigab, um im nächsten Sommer ein prachtvolles Blütenmeer zu gestalten.
Wasser umschloss ihre Knöchel, kühl, nass. Es bewegte sich kaum, schlug keine Wellen, nur ab und zu zogen kleine Kreise ihre Bahnen im See, wenn ein funkelnder Fisch auftauchte und wieder in der Tiefe und Dunkelheit des Wassers verschwand.
Das Wasser war nicht klar, nicht türkisblau, es war grünlich, etwas trüb. Kein Bild aus einem Märchen, das sich einem bot. Und doch war es wunderschön. Es war ehrlich, verwundbar.
Das Mädchen mit den goldenen Haaren bewegte sich vorsichtig tiefer in den See, spürte den Schlick zwischen den Zehen, die kleinen Steinchen, die sich in ihre Fußsohlen bohrten, die Kühle des Wassers, die sich um ihre elfenbeinfarbenen Waden schloss. Immer höher stieg die Kälte an ihrem zierlichen Körper empor. Das birkengrüne kurze Kleid schmiegte sich eng an ihre Haut, wickelte sich um ihre Taille, zog sie mit dem Gewicht leicht nach unten.
Das Wasser umspülte ihren Hals, der seidige Knoten löste sich ganz auf. Aus flüssigem Gold wurde ein Teppich aus Kupfer, der an der Oberfläche trieb und sich mit der Umgebung verband.
Ihre Füße wagten sich weiter vor, gruben sich in die nasse Erde. Und plötzlich war da nichts mehr. Kein Schlick, der ihr Halt bot, keine Steine, auf denen sie ihre Zehenspitzen platzieren konnte. Das Wasser brach über ihrem Kopf zusammen, verschluckte das Mädchen, das einer Waldfee glich, leise, heimlich, viel zu schnell.
Aber genau dort wollte das Mädchen sein. Sie ließ sich nach unten gleiten, vom schweren Kleid in die Tiefe ziehen, näher zur Dunkelheit, weiter in die Stille, die so friedlich war. Sie schloss die Augen, beruhigte ihren Puls, der sich instinktiv erhöht hatte, sie dazu drängte zu schwimmen, Sauerstoff zu suchen und nach oben zu gelangen.
Mit dem grünen Kleid, das im Wasser schwebte, als sei es schwerelos, sah sie aus, wie ein Teil des Sees, ein Teil dieser eigenen kleinen Welt. Die Fische schwammen nah an ihr vorbei, umspielten sie, hießen sie willkommen.
Mit geschlossenen Augen genoss sie die Stille, den Frieden, der sich einem bot, wenn man allem entfliehen konnte. Sie wollte nicht sterben, eigentlich wollte sie auch vor nichts fliehen, dies war bloß ein willkommener Bonus ihrer Besuche.
Tief im Wasser, wenn sie nichts hören und nichts sehen konnte, wenn nur das Rauschen ihres Blutes in den Ohren und das dumpfe Pochen ihres Herzens ihre Begleiter waren, fühlte sie sich ihren Liebsten nahe, die sie schon lange verlassen hatten. Sie konnte sie spüren, tief in ihrem Innern und im Wasser um sie herum. An der Oberfläche war es zu laut, zu schnell, zu wuselig, zu voll mit Dingen, die verhinderten, dass man sich ganz auf eine Sache konzentrieren konnte. Vor allem war es zu laut, um Menschen zu hören, die nicht mehr da waren und um in sich selbst zu horchen.
Hier spürte sie ihre Anwesenheit. Sie fühlte die Liebe ihrer Mutter, die es geliebt hatte, am See zu picknicken. Sie hörte das Lachen ihrer Tante, wenn sie mit ihr in das Wasser sprang. Sie sah das Gesicht ihrer Großmutter mit dem Lächeln, das ihre Augen zum Funkeln brachte, wann immer sie ihre Tochter und Enkel erblickte. Sie hörte die leise verschwörerische Stimme ihres Großvaters, der ihr Geschichten von Waldfeen, Elfen und Kobolden erzählte, die bestimmt gerne mit ihr spielen würden, wenn die Erwachsenen nicht dabei wären.
Je kälter ihr wurde, je mehr ihre Lungen brannten, desto lauter wurden ihre Stimmen, ihr Lachen und umso klarer ihre Umrisse. Wenn sie das Gefühl hatte, sie beinahe anfassen zu können, wusste sie, dass es Zeit war aufzutauchen. Zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante, ihrer Großmutter und dem Flüstern ihres Großvaters stieß sie sich vom Boden ab, schwamm empor, der funkelnden Sonne entgegen, die ihr ihre Liebsten wieder nehmen würde, bis sie wiederkam.
Ihr Kopf durchstieß die Oberfläche, ihr Haar klebte ihr im Gesicht. Die geflüsterten Feen lösten sich auf, das Lachen verhallte und ihr Atem erklang viel zu laut in ihren Ohren.
Wassertropfen glitzerten auf ihren Wangen, liefen an ihrem Hals nach unten, kitzelten sie, munterten sie auf. Ihre moosgrünen Augen öffneten sich, fanden die Stelle am Ufer, an der ihre Familie immer gepicknickt hatte, fokussierten den kleinen Vorsprung, von dem sie mit ihrer Tante immer in den See gesprungen war. Ein Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus, ähnlich dem ihrer Großmutter, als sie auf diesen zuschwamm.
Sie kletterte auf den kleinen Felsen, schaute hinunter auf das Wasser, in dem sich ihr Gesicht spiegelte. Blinzelnd musterte sie das Bild, bildete sich ein, neben sich die blauen Augen ihrer Mutter zu entdecken, die Hand ihres Großvaters auf ihrer Schulter zu spüren. Ihre eigenen Finger zuckten nach oben, berührten dort ganz sacht ihr Schlüsselbein, bevor sie drei Schritte zurücktrat.
Mit einem leisen Lachen sprang sie in den See.

 

Johanna Schramm

 

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