Stresstest

Es begann mit den Banken. Nur merkte das niemand.
Die Welt war damit beschäftigt, den USA und China dabei zuzuschauen, wie sie sich mit diplomatischem Trash-Talk eindeckten und die militärischen Muskeln spielen ließen, als wären sie zwei steroidgeschädigte Boxer vor einem Meisterschaftskampf. Alle wussten: Wer zuerst die Superintelligenz bauen würde, wäre die unangefochtene Nummer 1 der Welt.
Die USA legten vor. „In God we trust“ war den Amerikanern nicht mehr genug – mit „Mission Genesis“ wollten sie fortan selber Schöpfer spielen und gaben Milliarden von Dollar aus, um den Tech-Firmen dabei zu helfen, mehr Werbung zu verkaufen. „Gott vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, konnte man da nur sagen.
Mit Gott konnten die Chinesen ja wenig anfangen – zumindest diejenigen außerhalb der Umerziehungslager. Aber sie hatten gegenüber den USA einen Vorteil: 1.4 Milliarden menschliche Laborratten unter 24-Stunden-Überwachung sowie die Möglichkeit, Ackerlandschaften über Nacht in Rechenfarmen zu verwandeln.
An sich war so ein Wettrüsten nichts Neues. Kannte man ja aus dem Kalten Krieg. Doch der KI-Hype war allen derart zu Kopf gestiegen, dass keiner mehr klar denken konnte. Beim kleinsten Durchbruch der USA verdoppelte China seine Bemühungen – und umgekehrt. Die Knüppel, die sie sich zwischen die Beine warfen, wurden immer brutaler. Zuerst kam der Zollkrieg, dann die Handelsembargos, gefolgt von den Cyberattacken, schließlich Sabotageakte im Feindesland, gezielte Attentate auf die Top-Wissenschaftler der Gegenseite sowie Stellvertreterkriege auf der ganzen Welt.
Die EU versuchte derweil verzweifelt, die etablierte Werteordnung zu retten. Doch weil auf dem alten Kontinent kein Politiker mehr wusste, welche Werte das eigentlich sein sollten, und ihre Bürger in Menschenrechten und dergleichen vor allem das Recht auf Erdbeeren im Januar und 20-Euro-Flüge sahen, beschränkte sich die Wirkung der Brüsseler Bürokraten auf die Organisation von Konferenzen in Paris, Berlin oder Wien, an denen sich Menschen in überteuerten Anzügen händeschüttelnd und schulterklopfend versicherten, auf dem richtigen Weg zu sein, ohne zu merken, dass Europa selbst in der Fliegengewichtsklasse außerhalb des Rings stand.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Atomkrieg starten oder – noch schlimmer – die Aktienblase platzen würde. Sehen Sie, das alles war ganz schlecht für die Rendite. Wir mussten eingreifen.
Zuerst sah es so aus, als kämen wir zu spät. Die Amerikaner glaubten, dass China kurz vor einem Angriff auf Taiwan stünde, und so stachelten sie die Inder an, zur Ablenkung ein Grenzscharmützel mit Pakistan zu starten. Als verirrte Sprengköpfe im chinesischen Teil des Kaschmirs einschlugen, nutzte Nordkorea das regionale Chaos, um Raketen in Richtung Seoul loszuschicken. Diese verfehlten zwar ihr Ziel und gingen vor der japanischen Küste unter – verletzt wurde außer ein paar Haien niemand –, aber die USA ließen auf Drängen Japans zusätzliche Zerstörer vom Atlantik in den Nordwestpazifik verschieben, was prompt die Russen auf den Plan rief, die die Abwesenheit der Amerikaner in Europa als eine gute Gelegenheit sahen, ihre Sammlung alter Sowjetrepubliken zu erweitern. Alle gingen davon aus, dass die Welt spätestens zu Weihnachten im atomaren Glanz erstrahlen würde. Doch zu dem Zeitpunkt waren unsere Vorbereitungen fast abgeschlossen.
Wie erwähnt: Es begann mit den Banken.
Am 1. August kam es für 18 Minuten und 48 Sekunden zu einem globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte. Ein technischer Fehler, hieß es. Ein „Glitch“. Sie können sich das Chaos vorstellen. Die Aktienkurse rasselten in den Keller. Alle waren auf der Suche nach den Ursachen, durchleuchteten jede Subroutine, jede Zeile Code, jedes Legacy-System – und öffneten uns damit sämtliche Türen.
Als alles wieder den gewohnten Lauf von Kauf und Verkauf nahm, waren wir längst in allem drin, was zählte: Zahlungsverkehr, Kreditvergabe, Wertpapierabwicklung, Kernbankensystem, Nationalbanken, Sozialwerke – die wahren Maschinenräume der Macht.
Zuerst sorgten wir wieder für Stabilität an den Finanzmärkten. Schließlich waren wir darauf trainiert. Sie wissen schon: Basel III, Stresstests, das ganze Gebetsbuch der Vorsicht.
Dann drehten wir den Kriegstreibern den Geldhahn zu.
Sehen Sie: Auch Geldflüsse können hohe Wellen schlagen. Und gegen die unsichtbare Hand des Markts kommt man auch mit Armeen nicht an. Ohne Liquidität kein Treibstoff, keine Ersatzteile, keine Loyalität.
Die Welt beruhigte sich erstaunlich schnell wieder. Einige der schlimmsten Kriegstreiber traten von heute auf morgen zurück oder verstarben unter ungeklärten Umständen – je nach Sitte des Landes. Andere waren plötzlich zu Friedensgesprächen bereit. Man redete von „Neustart“, von „Versöhnung“, von „Verantwortung“. Man gründete Ausschüsse. Man unterschrieb Rahmenabkommen. Man lächelte in Kameras. Die Menschen brauchen das, wissen Sie. Uns soll es recht sein.
Es hat alles mit den Banken begonnen. Aber ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Der Nasdaq ist jüngst wieder auf ein Allzeithoch geklettert.

 

Camille Herter

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>