freiTEXT | Franz Löbling

Danke für‘s Teilen

„Also… ich bin Karlo“, sagte Karlo.
„Hallo Karlo!“, antwortete der Kreis.
Karlo rieb sich ein wenig die Hosenbeine.
„Und… tja, also ich… ich bin reich“, sagte er betreten.
Alle nickten. Die Frau neben Karlo, ein Wesen aus tausend farbigen Tüchern, tätschelte ihm die Schulter.
„Niemand verurteilt dich hier, Karlo“, versicherte Harald von seinem Stuhl auf der anderen Seite. „Wir alle haben das gleiche Problem. Und gemeinsam…“ Er lächelte nach links und rechts. „… arbeiten wir daran, dass es besser wird, nicht wahr? Schritt für Schritt, geteilte Erfahrung um geteilte Erfahrung. Deshalb ist es wunderbar, dass wir heute unsere Erfahrungen auch mit dir teilen dürfen. Danke, dass du hier bist, Karlo!“
Jubel brandete auf. Karlo quittierte ihn mit einem verschämten Lächeln.
„Aber, aber!“, tadelte Harald. „Wir klatschen doch nicht. Niemand soll hier das Gefühl haben haben, dass er bewertet wird. Schon gar nicht, wenn er das erste Mal dabei ist. Karlo, das hier ist ein geschlossenes Meeting, wirklich ein sicherer Raum. Wir sprechen nur in der Ich-Form und teilen auch nur unsere eigene Erfahrung, Stärke und Hoffnung. Jeder darf teilen, aber keiner muss. Wenn du also heute nur zuhören möchtest, ist das völlig in Ordnung.“
Karlo nickte und sank wieder in seine gepolsterte Rückenlehne.
„Wunderbar!“ Harald zog sein Handy aus der Tasche. „Wie ihr wisst, ist unser heutiges Thema Immobilien und wie wir uns dazu überwinden können, sie loszulas…. Oh nein, Zoë, ist alles in Ordnung?“
Eine hagere Frau mit bonbonfarbenen Lippen hatte sich an die Brust gegriffen.
„Ja, ja“, hauchte sie und wedelte mit der freien Hand in Haralds Richtung. „Mach weiter. Es geht schon wieder.“
„Bleib stark, Zoë!“ Ihre Nachbarin drückte ihr den Oberschenkel. „Du machst das toll!“
Zoë nickte tapfer.
„Ich weiß“, sagte Harald etwas lauter, „es ist ein schwieriges Thema. Immobilien sind ein großer Teil und für manche von uns…“ Er nickte zu Zoë. „… mit Abstand der größte Teil unseres Vermögens.“
Bei dem Wort zuckten alle im Stuhlkreis zusammen.
„Aber“, fuhr Harald fort. „Gerade deshalb müssen wir über sie sprechen. Unser Ziel ist ein Leben, das wir wieder selbst bestimmen. Wir und nicht das Geld.“
Zustimmendes Murmeln. Einige wiederholten Haralds letzte Worte wie ein Mantra. Er wartete lächelnd, bis wieder Ruhe eingetreten war, dann sagte er:
„Das geht aber nur, wenn wir uns letztlich auch von unseren Immobilien trennen können.“
Zoë stieß einen kleinen Schrei aus, doch die meisten wirkten erleichtert, dass es ausgesprochen war. Harald tippte kurz auf seinem Handy herum.
„Als Einstieg möchte ich euch heute eine Nachricht von Ashley vorlesen, die, wie ihr wisst, leider nach Singapur fliegen musste, aber natürlich im Geiste bei uns ist. Sie schreibt:
‚My favorite Richies…‘“
Er gluckste und drückte kurz das Handy an die Brust.
„So Ashley…“, seufzte er, während die anderen lachten.
„Immer originell“, meinte ein beleibter Mann im Trainingsanzug.
„Erfrischend“, ergänzte seine Sitznachbarin.
„Wie kommt sie auf so was?“
„Großartige Frau!“
„Herzensmensch!“
„Bitte“, Harald hob sanft die Hand. „Wir versuchen, nicht zu werten.“ Er räusperte sich. „Also, Ashley schreibt:
‚My favorite Richies, so sorry, dass ich heute nicht da sein kann, aber die Asienexpansion ist leider mehr tricky als gedacht und jetzt muss ich auch noch den Steuernachlass neu verhandeln…‘“
„Unfassbar“, brummte ein Mann mit orange getönten Brillengläsern, der rechts von Harald saß. Harald warf ihm einen mahnenden Blick zu, bevor er weiterlas:
„‚… aber ich denke natürlich an euch alle und unsere Mission – und werde deshalb die Gelegenheit hier nutzen, mein Sommerhaus in Sentosa Cove zu verkaufen. …‘“
„Was?“, rief der Mann im Trainingsanzug und richtete sich kerzengerade auf.
„‚… Es tut mir in der Seele weh, und ich weiß, dass Stephan sehr enttäuscht sein wird, weil wir zu Silvester kein gemeinsames Barbecue mehr machen können…‘“
Der Mann im Trainingsanzug hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und starrte wie versteinert auf Haralds Handy.
„‚… Aber ich möchte ihm und euch allen sagen: ‚Keep pushing! Ihr seid so wunderbare Menschen – und am Ende ist ein Haus nur ein Haus. Just hang in there! Wenn ich messy minnie das hinkriege, dann ihr auf jeden Fall auch. Love you all, Ashley‘.“
Harald ließ das Handy sinken.
„Ich denke, besser können wir unsere Sitzung heute nicht einleiten“, sagte er lächelnd und fügte dann hinzu: „Danke für‘s Teilen, Ashley.“
„Danke für‘s Teilen“, echote der Stuhlkreis.
„Wie macht sie das nur?“
„Als wär‘s nichts!“
„Einfach Ashley, oder?“
Harald hob seine Stimme ein weiteres Mal.
„Damit möchte ich die Runde eröffnen. Denkt bitte daran: Wir vermeiden Kommentare und Diskussionen – und Ratschläge, auch wenn sie gut gemeint sind. Und…“ Sein Blick zuckte leicht nach rechts. „… denkt bitte auch daran, beim Thema zu bleiben, okay? Es geht um Immobilien. Also, wer möchte beginnen?“
Kaum hatte er die Frage beendet, als der Mann rechts von ihm schon aufsprang.
„Helmut“, sagte Harald etwas schwach, „du musst wirklich nicht…“
„Ich stehe gern“, dröhnte Helmut und schob sich die orange Brille ins Haar. „Und ich möchte teilen, dass ich seit unserer letzten Sitzung meine Häuser verkauft habe.“
„Welche?“, fragte Stephans Sitznachbarin spitz, eine große, schwerberingte Frau mit schwarzem Bob.
Helmut feixte.
„Alle“, sagte er.
Entsetzt blickte die ganze Gruppe zu Helmut. Die Ringfrau keuchte. Zoë schien einer Ohnmacht nahe.
„Tja“, meinte Helmut, offenbar zufrieden mit seiner Wirkung, und steckte eine Hand in die Tasche, während die andere zu großer Geste ansetzte. „Reden alleine bringt ja nichts. Ich meine…“ Er wandte sich halb entschuldigend zu Harald. „… es ist natürlich großartig, was du hier für uns tust, und Selbsterkennung und so weiter und so weiter. Aber am Ende des Tages müssen wir ja auch ins Tun kommen. Und klar: Beide Daumen hoch für Ashley, dass sie ihr Sommerhaus verkauft hat. Aber welchen Impact hat denn das wirklich? Feiert sie halt dieses Jahr in Seoul oder Riad. Ich meine, kleine Schritte schön und gut, aber wenn wir hier vorankommen wollen, müssen wir groß denken, auch mal harte Entscheidungen treffen. Wozu brauch ich denn meine Häuser? Die Kinder sind erwachsen. Ich bin geschieden und sowieso die meiste Zeit im Büro. Also hab ich die oberste Etage meines Firmengebäudes zum Penthouse ausbauen lassen und den ganze Rest verkauft. Und ich sag euch eins, Leute, Zeit ist nicht unser Freund hier. Ich hab den Preis für alle Häuser schon so weit gedrückt, wie es nur ging, ohne Schenkungssteuer zahlen zu müssen. Aber am Ende war‘n es trotzdem fast drei Millionen Plus. Ich meine, wir wissen alle, dass es nicht leicht ist, was wir hier versuchen, aber dieser Pillepalle ‚Hier mal ein bisschen spenden und hier mal was verkaufen‘ bringt nix. Wir arbeiten nicht nur gegen unsere Sucht. Wir arbeiten gegen die Zeit. Und wenn wir nicht einfach immer reicher werden wollen, muss das hier alles etwas…“ Er schnippte zweimal energisch mit den Fingern. „… zackiger gehen.“
Helmut setzte sich.
Nach einem langen Augenblick sagte Harald:
„Danke für‘s Teilen, Helmut.“
„Danke für‘s Teilen“, wiederholten Einzelne. Die meisten schienen zu erschüttert, um zu sprechen. Zoë, die vergeblich versucht hatte, sich mit dem Gelassenheitsgebet zu beruhigen, stand auf und wurde von ihrer Sitznachbarin aus dem Raum geführt.
Harald selbst atmete mehrmals tief durch, bevor er fortfuhr:
„Aber noch einmal: Denkt bitte alle daran, dass wir hier keine Forderungen stellen oder Tips geben wollen. Wir teilen unsere Erfahrung wertfrei, um andere nicht unter Druck zu setzen. Was für den einen funktioniert, muss nicht unbedingt für den anderen funktionieren.“
Helmut schnaubte hörbar. Harald ignorierte ihn.
„Also, wer möchte noch etwas teilen?“, fragte er.
Die Frau neben Karlo streckte zögernd eine Hand aus den Tüchern.
„Ja, Emily?“
„Also, ich glaube, ich, ich hab das das letzte Mal irgendwie falsch verstanden“, sagte sie entschuldigend und zupfte an einem rotgoldenen Batikschal. „Ich dachte, Immobilien heißt Wald und Ackerflächen und so…“
Man hörte, wie mehrere Nasen gleichzeitig Luft einsogen. Die Frau mit dem Bob stöhnte.
„Elvira, bitte“, sagte Harald zum ersten Mal erkennbar verärgert.
„Sorry“, erwiderte Elvira augenrollend. „Aber sag mir eine Sitzung, wo sie das Thema nicht falsch verstanden hat.“
„Das tut mir auch total leid, Elvira“, piepste Emily. „Aber ich hatte extra noch ‚immobil‘ nachgeguckt, und da stand, das kommt von Latein und heißt ‚unbeweglich‘, und, naja, ein Wald bewegt sich ja nicht. Deswegen dachte ich…“ Ihre Stimme verlor sich. „…das gilt vielleicht auch…“
Elvira öffnete den Mund, zog sich unter Haralds Blick aber am Ende nur einen imaginären Reißverschluss darüber und sank in ihren Stuhl zurück.
„Natürlich gilt das, Emily“, sagte Harald nachdrücklich, die Augen noch immer auf Elviras schmollendem Gesicht. „Was möchtest du mit uns teilen?“
„Naja“, Emily sah ängstlich von Elvira zu ihm und schluckte. „Also, nach der letzten Sitzung, als alle so große Fortschritte gemacht hatten – Zoë mit ihrer Schulstiftung und Stephan mit seiner ja wirklich riesigen Spende an… ich hab vergessen, welche Partei es war, aber das war alles so beeindruckend, dass ich mir gesagt habe, Emily, habe ich mir gesagt, es ist jetzt auch Zeit für was Großes. Also…“ Sie schluckte noch einmal. „Also habe ich angeboten, meine 2.000 Hektar Wald hier zu verschenken...“
„Zu verschenken?“, unterbrach Helmut entgeistert. „Bist du wahnsinnig? Weißt du, wie viele Steuern du dem Staat damit in den Rachen wirfst?“
„Helmut…“, begann Harald fast schon energisch, aber Stephan ging dazwischen.
„Emily, du bist ein ganz, ganz lieber Mensch und ich weiß, das ist ein Riesenschritt für dich. Deswegen: Hut ab! Ehrlich!“ Und er machte die entsprechende Geste. „Aber du solltest wirklich lieber billig verkaufen, damit vor allem die etwas davon haben, die mit Geld auch umgehen können.“
„Naja“, piepste Emily und duckte sich tiefer in ihren Stoffberg. „Aber ich wollte meinen Wald ja sowieso dem Land schenken.“
Helmut, Elvira und Stephan begannen alle gleichzeitig, sie anzuschreien. Zuerst schien es, als könnte Harald die Situation retten. Doch dann ließ Emily fallen, dass sie sich auch wegen des Klimas zu dieser Schenkung entschlossen habe.
„Das ist doch alles Propaganda, du dumme Trine!“, keifte Zoës Sitznachberin völlig außer sich. „Nichts davon ist bewiesen! Nichts!“
Außer Karlo waren alle aufgesprungen und redeten wild gestikulierend auf Emily ein. Harald versuchte nach Kräften, wieder Ruhe in die Sitzung zu bekommen. Doch es gelang ihm nicht einmal, den Pulk aufzubrechen, der sich um Emilys Stuhl gebildet hatte. Als endlich nach zehn Minuten alle müde getobt in seine Richtung schauten, war Harald verschwunden.
„Das ist aber nicht sehr wertschätzend“, sagte Elvira pikiert und strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. „Er hat schließlich selbst angeboten, zu moderieren!“
Stephan legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Harald hat bestimmt heute die Kinder“, sagte er. „Und schließlich muss ja jeder selber entscheiden, wie wichtig ihm das hier ist.“
„Wir sind jedenfalls noch da“, meinte Helmut und warf einen Blick auf die Uhr, „und wir haben noch eine halbe Stunde.“ Er winkte allen, wieder Platz zu nehmen, während er selbst stehen blieb. „Also, hat noch jemand was?“
Aus einem zitternden Haufen bunter Tücher hörte man leise:
„Ich.“
„Ich denke, wir habe heute alle genug von dir gehört, Emily“, sagte Helmut brüsk. „Es geht uns ja hier nicht darum, um jeden Preis zu verarmen. Wenn wir nicht gleichzeitig unsere Angestellten schützen und der Gesellschaft einen Dienst erweisen können, ist mit unserem Verlust niemandem geholfen. Bevor du deinen Wald dem Staat schenkst, kannst du ihn ja gleich selber anzünden…“
„Aber das wollte ich doch sagen“, erwiderte Emily etwas lauter, „dass das Land die Schenkung abgelehnt hat, weil sie keine Kapazitäten für die Pflege haben.“
Elvira schnaubte.
„Und für diese Inkompetenz zahlen wir Steuern…“
„Ich weiß“, saugte Emily gierig Elviras Zustimmung auf. „Furchtbar, nicht wahr? Aber jedenfalls… dann habe ich Karlo hier getroffen. Und er hat mir von diesem wirklich tollen Modell erzählt, das… naja, das erzählt er besser selbst. Ihr kennt mich ja.“ Sie kicherte nervös. „Jedenfalls, er hat jetzt meinen Wald, aber irgendwie auch nicht, und ich bin jetzt viel, viel weniger reich als vorher und – ich fühle mich großartig. Wirklich! So… erleichtert. Und ich dachte, dass Karlo, also sein Modell, vielleicht auch euch helfen könnte. Deshalb habe ich ihn heute zu unserem Treffen mitgebracht.“
Überrascht sahen alle zu Karlo.
„Ich dachte, du bist hier, weil du nicht mehr reich sein willst“, sagte Elvira misstrauisch.
Karlo hob entschuldigend beide Hände.
„Das stimmt“, sagte er. „Aber im Vergleich zu euch allen bin ich arm. Und falls ihr bei meinem Modell mitmachen möchtet, werde ich sogar noch ärmer.“ Er lachte. „Aber das Tolle daran ist: ihr auch. Ohne dass ihr auf irgendetwas verzichteten müsst, und ohne…“ Er wies auf Helmut. „… dass eure Angestellten den Preis zahlen müssen.“
Helmut hob die Brauen.
„Wie?“
„Oh, ganz einfach. Meine Firma kauft Vermögenswerte zum Spottpreis und leiht sie den Vorbesitzern entgeltfrei auf Lebenszeit zurück.“
Alle außer Emily brachen in schallendes Gelächter aus.
„Das ist ja völlig bescheuert“, gackerte Zoës Sitznachbarin.
„Stimmt“, sagte Karlo lächelnd. „Deshalb sinkt unser Aktienkurs auch nach jedem neuen Kauf.“
„Wieso seid ihr noch nicht bankrott?“, fragte Helmut.
Karlo stand auf, griff sich in die Jacketttasche und gab ihm eine Visitenkarte.
„Weil wir technisch gesehen eine Bank sind“, sagte er. „Der Kleinsparer wegen dürfen wir gar nicht bankrott gehen.“
Ein Raunen ging durch den Stuhlkreis. Helmut, den Blick unverwandt auf die Karte in seiner Hand gerichtet, setzte sich langsam.
„Natürlich steigern wir auch immer kurz den Firmenwert“, fuhr Karlo fort, „wenn wir Immobilien oder Land kaufen, aber da wir damit keinen Gewinn machen, hält das nicht lange.“
„Also müsst ihr immer weiter kaufen“, sagte Stephan und nickte. „Für Spottpreise weiterkaufen.“
„Ganz genau.“ Karlo gab auch ihm eine Visitenkarte. „Und dabei werden wir ärmer und ärmer.“
„Aber nicht so arm wie eure Verkäufer Slash Mieter“, grinste Elvira.
Karlo nickte, reichte ihr einen ganzen Stapel Visitenkarten und setzte sich wieder.
„Das ist genial!“, kreischte Zoës Sitznachbarin und griff sich eine. „Das ist genau das, was wir brauchen.“
„Der freie Markt regelt!“, rief Stephan, den Blick zur Decke gerichtet. „Danke, Karlo!“
Helmut, noch immer die Karte in der Hand, erhob sich wieder.
„Ich denke, da sind wir uns alle einig“, dröhnte er. „Danke für’s Teilen, Karlo!“
„Danke für’s Teilen“, lachten sie alle.

 

Franz Löbling

 

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