freiTEXT | Baltasar Kaufmann

Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst (auch wenn es noch nicht dazu kam)

– Drei Fragen wollte ich dir noch stellen.

Erinnerst du dich an Silvester, als du schwanger warst und ich mich in meinem Text verlor. Als du mir den Film über die jungen Griech:innen zeigen wolltest, der dich sehr berührte, ich aber lieber meinen Pulli flickte. Erinnerst du dich, wie du mir diesen Pulli schenktest und ich ihn erst komisch fand, weil ich damals nur zu große Kapuzenpullis trug. Erinnerst du dich, als ich dich bat, mir mehr Raum zu geben und du mir keinen Zentimeter geben konntest. Wie du durch Groningen liefst und dich verloren fühltest, während ich Bier und Schnaps vor der Fakultät trank. Ich erinnere mich an deine Tränen am Bahnhof, die ich nicht verstehen konnte. Weißt du eigentlich, dass ich sie verstehe, seit ich auf dem Weg ins Bad das Licht im Gang anmachte und der Schein auf dein weiches schlafendes Gesicht fiel. Erinnerst du dich an deine Tränen, als ich dich anschrie und auf den Tisch schlug, weil ich deinen Widerstand nicht mehr ertragen konnte. Du erinnerst dich nicht, du konntest gerade erst sprechen. Vielleicht erinnert sich dein Körper später einmal, wenn dein Mann oder deine Frau oder jemand anderes auf einen Tisch schlägt. Weißt du eigentlich, dass ich weinte, nachdem du mir von deinen Diagnosen erzähltest. Erinnerst du dich, wie ich sagte, dass ich Therapie brauche. Wie danach das Ekzem um meinen Mund verschwand. Wie ich 20 Jahre später weinend an deinem Tisch saß, weil ich es wieder nicht aushielt. Weißt du eigentlich, dass das Ekzem an den Händen verschwand nach den Monaten am Mittelmeer. Erinnerst du dich, wie ich über dich schrieb und du dich nach dem Lesen vor allem darüber ärgertest, dass ich verwechselte, dass du die Rohrstöcke nicht selbst holen musstest, sondern dein Vater es tat. Was glaubst du, wann die Musik dich rettete. Als du mit 18 zum ersten Mal Kontrabass spieltest. Oder als du den Tinnitus bekamst und endlich in Rente gehen durftest.

– Erstens: Wie gehst du damit um, dass uns der Sand durch die Finger läuft?

Und erinnerst du dich, wie du als Kind im dunklen Keller eingesperrt warst. Ich erinnere mich, wie ich Weihnachten zu Besuch war und du mit einem Schrei aufwachtest und wir uns im Gang der kleinen Wohnung trafen. Erinnerst du dich, wie wir nach unserem Gespräch auf dem großen Balkon in Lindenthal erzählten, dass wir gemeinsam beschlossen hatten zu heiraten, was alle irgendwie enttäuschte. Weißt du noch, wie du aus dem Käfer stiegst und heiratetest, nur um das Haus in der guten Siedlung mieten zu können. Und wie nur du dich freutest, obwohl du deinen Vater nicht kennst und du ausgebombt wurdest und die sowjetischen Soldaten deinen Mann mitnahmen und er nie wieder kam. Erinnerst du dich, wie ich dich auf dem Küchenboden liegend fand, aber die Nudeln auf dem Herd noch nicht einmal al dente waren. Erinnerst du dich an das Essen beim Italiener nach meiner Promotion. Wie du mit diesem erfolglosen Toten deine Rede über meinen Erfolg begannst, und ich dir das Wort abschnitt, weil ich keine alten Familiengeschichten mehr hören konnte. Weißt du eigentlich, wie gerne ich die Rede heute hören würde. Ich wusste, dass ich einen Teil deiner Kindheit hergab, als ich das Haus verkaufte. Doch ich tat es, teilte das Geld und schenkte dir die Hälfte davon, um Unrecht, das ich nicht begangen hatte, aufzuheben. Scheint es dir auch so, als wäre es mir sogar geglückt. Freust du dich, dass du jetzt ein eigenes Zimmer hast, in dem du nicht schläfst. Zwischen Crosstrainer und Beistellbett richte ich mir einen Schreibtisch ein. Du weißt, wie ich es finde, dass statt meinem Laptop darauf meist Bilderbücher und halb gegessene Bananen liegen.

– Zweitens: Was taten wir gerade, als wir uns zum letzten Mal sahen?

Und erinnerst du dich, als du mir den Keks mit dem Schützen darauf gabst, als mir nach dem Unfall mit dem geparkten Auto eine Platzwunde am Kopf genäht wurde, obwohl ich eigentlich Skorpion bin. Weißt du noch, wie wir Boef Bourguignon schmorten, aber der Abend nicht schön wurde, weil du immer so angespannt bist, wenn er dabei ist. Ich erinnere mich, wie du die Kinder ins Bett brachtest und ich am Tisch saß und versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen. Doch du redest nicht gerne. Erinnerst du dich, dass das anders war, als ich dich aus dem Kindergarten abholte und dir Kartoffelbrei mit Spiegelei und Erbsen kochte. Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst, auch wenn es noch nicht dazu kam. Erinnerst du dich, wie sie sagte, nimm das Bein hoch und du in das Wasser geboren wurdest. Wie du schlaff und stumm dalagst und ich zum ersten Mal deinen Namen rief und deine Arme rieb. Weißt du noch, wir wir später darüber sprachen und du meintest, du hättest es gar nicht so dramatisch erlebt. Erinnerst du dich, wie du in Freiburg an der großen Kreuzung einfach mit deinem kleinen Rad losliefst und der Lastwagen im selben Moment vorbeifuhr. Wie sie dich aufhielt mit einem sanft ausgestreckten Arm. Weißt du, dass du mich fast jedes Mal, wenn wir uns sehen, daran erinnerst, dass der Sinn deines Lebens sich erst auftat, als du von mir weggingst. Ich erinnere mich daran, wie ich deine Postkarte mit dem Eichhörnchen, das einen Wagen mit Nüssen hinter sich herzieht, zerknüllte in unserer schäbigen Küche, weil nicht du da warst, sondern nur ein Stück Papier. Erinnerst du dich, als du zum ersten Mal ein Gesicht maltest und ich nicht glauben konnte, dass auch du schon so groß bist. Erinnerst du dich, als ich nicht schlafen konnte aus Angst, dass ein Brief käme und ich in den Krieg müsste und du so etwas nicht gebrauchen konntest, weil du wieder schwanger warst. Weißt du noch, wie ich unbedingt die Militärhose haben wollte, aber du sie mir nicht kauftest. Erinnerst du dich, wie ich nach der Schule mit dir vor dem Fernseher stand, und gerade der zweite Turm einstürzte und du sagtest, das gibt Krieg. Wie ich danach zu dir lief, in den Zeitschriftenladen am Pasinger Bahnhof, damit du mich beruhigtest, so wie du es schon immer konntest. Wie ich dann zurückkam und du einfach weiter gekocht hattest und wir zu Mittag aßen. Erinnerst du dich, wie ich Angst vor der Zukunft hatte und du mir sagtest, nun sieh mal zu mein Junge, obwohl du selbst gerade in einem Krankenhausbett lagst. Erinnerst du dich, wie du mich auf der Schaukel anschubstest und immer, wenn ich am höchsten Punkt war, riefen wir Marmelade, Toastbrot, Kakao oder ähnliches. Wie das Käuzchen auf Korsika rief und die Nacht so schön kühl war.

– Drittens: Wie denkst du heute über dieses Durcheinander?

Und die Regenrinne war löchrig und voller Laub, das schon zu Erde zerfiel. Regnete es, lief das Wasser aus beiden Enden der Rinne auf den Boden. Zuerst entfernte ich Erde und Laub. Den fehlenden Ablauf fand ich zwischen Teichfolie, Betonfundamenten und Ziegelsteinen, dem Müll, mit dem ein Hochbeet gefüllt war, und montierte ihn an das Ende hinter der Hütte. Darunter stellte ich das 500-Liter-Fass, das uns ein Nachbar schenkte. Das Brett, das ich an das andere Ende schraubte, dichtete die Rinne nicht vollständig ab. Wo es tropfte, stellte ich Eimer unter die Rinne. Dann fehlte mir wochenlang die Zeit, um in den Garten zu gehen. Die Tonne lief voll und die Eimer über. Als ich wieder in den Garten kam, hatte ich Klebeband dabei, mit dem ich die Löcher in der Rinne flickte. Für das Ende mit dem Holzbrett kaufte ich einen Verschluss, obwohl ich schon ahnte, dass er zu klein war. Da er nicht passte, montierte ich wieder das Brett und ließ den Eimer am Boden stehen. Das Klebeband über den Löchern hielt.

– Und eines wollte ich dir noch sagen: Ich öffne die Hände. Damit zweitens: Ich sie dir reichen kann. Und wir drittens: Muster im Sand suchen.

 

Baltasar Kaufmann

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>