Anziehen und ausziehen

„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin, mit einem herabwürdigenden Blick den jungen Mädchen hinterherschauend.
Wir waren gemeinsam mit unseren Töchtern auf einem Konzert. Eine Gruppe junger Teenies, vielleicht um die 16 oder 19 Jahre alt, ging an uns vorbei. Sie waren fröhlich, albern und laut, vielleicht sogar ein wenig beschwipst, in glitzernden Pallettenröckchen, knappen Oberteilen, viel Dekolleté, die eine in High Heels und eine andere in Overknee Boots.
Eben der Look, vor dem uns unsere Mütter früher warnten.
„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin unsere Töchter.
Ich sagte nichts und ignorierte ihre Empörung, waren wir eigentlich auch gerade mit dem Anziehen der Jacken beschäftigt. Doch ich spürte deutlich, wie mich ihre Aussage irritierte.
Auch mehrere Tage nach dem Konzert trug ich diese schweigend geduldete Bemerkung mit mir herum. Sie störte mich. Sie bewegte etwas in mir. Sie schien in etwas hineingestochen zu haben.
Nein, es hatte nichts damit zu tun, das sie auch meiner Tochter etwas vorschreiben wollte. Dafür stehen wir uns nah genug. Es war auch nicht der plötzlich real erlebte Altersunterschied zu den jungen Frauen, und die verschobenen Lebensrealitäten. Vor ein paar Jahren waren das doch wir, laut und fröhlich auf Partys, auf Konzerten. In ein paar Jahren werden es unsere Töchter sein, die ausgehen und Spaß haben, ganz ohne uns.
Nein, es war etwas viel verborgeneres in dieser Aussage, das mich beschäftigte.
Etwas, das sich nur ganz allmählich herausformen und mit anhaltender Hartnäckigkeit erkannt, gesehen, benannt, verstanden und ausgesprochen werden wollte.

Mit fünfzehn hatte ich meinen ersten Freund. Ich war natürlich schwer verknallt. Er schmeichelte mir, wie hübsch ich sei, wie gut ich in gewissen Sachen aussähe. Wie gut mir das blaue Kleid stünde. Wie sehr die neuen Jeans meine Hüften betonten. Aber, ob ich wirklich schon die kurzen Shorts anziehen wollte, wo doch meine Beine noch so zu blass waren? Ob der Ausschnitt des Oberteils nicht etwas zu weit wäre? Ob ich wirklich dieses figurbetonte Kleid anlegen wollte, vielleicht wäre es etwas zu unbequem?
Anfangs fühlte es sich noch nach gut gemeinten Modetipps an, ich war sogar dankbar für die guten Einwände. Auch dann noch, als der Ton sich zunehmend änderte − wieso putzt du dich so heraus, wo du doch nur zur Schule gehst? Wieso ziehst du zuhause immer diese schlabberigen Shirts an, aber sobald du raus gehst, stylst du dich für die Anderen so auf? – nahm ich es unkommentiert hin.
Es war doch normal.
„So dürft ihr euch nie anziehen.“
Ich hörte meine Mutter und ihre Freundin über den vulgären Rock der Kellnerin lästern.
Ich hörte meine Tante das bunte Blumenmuster auf dem Kleid der Schwägerin als zigeunerhaft abstempeln.
Ich hörte meine Oma die pinke Handtasche meiner Freundin als luderhaft verteufeln.
Ich hörte sie gemeinsam über den clownhaften Pullover der Schwiegermutter lachen.
Ein Hemd gehörte gebügelt, sonst war es schlampig. Man steckte es in die Hose, wenn man schön schlank war, trug es aber über der Hose, wenn man zu dick war. In diesem Fall musste das Hemd bis zum Oberschenkel reichen, um nicht über dem Bauch abzustehen, sonst wirkte es lächerlich. Eine Hose gehörte über die Hüften, um den Bauch zu kaschieren. Es durfte nicht am Po schlabbern, das wirkte wie volle Windeln drunter haben. Ein Rock gehörte bis oberhalb der Knie, sonst hätte man sich auch gleich nachts runter an die Straßenlaterne stellen können und ging sie aber bis unterhalb der Knie, konnte es sich nur um eine Nonne handeln. Streifen machten dick, Punkte waren für kleine Kinder, Pink war keine Farbe für Frauen über 40. Pink und Rot war eine Farbkombination für Farbenblinde. Grün und Blau trägt die Sau. In Beige sieht jeder aus wie hingekotzt. Zu bunt wäre zu schrullig, zu schwarz zu traurig, zu weiß zu steril.
Es fiel mir also quasi gar nicht auf, das sich noch eine weitere kritische Stimme an den Jurorentisch gesetzt hatte.
Meine Eltern bemerkten das aber sehr wohl – mit großer Argwohn witterten sie gegen den neuen Mitstreiter.
Als heranwachsende junge Frau in Europa hätte ich schließlich das Glück, eigene Entscheidungen treffen zu können; Selbst über mich, meinen Körper und mein Äußeres entscheiden zu können und unabhängig von einer unterdrückenden männlichen Stimme zu leben. Sie haben nicht ihr Leben aufs Spiel gesetzt und waren aus einem islamistischen Terrorregime geflüchtet, damit sich der nächstbeste Macho sein misogynes Weltbild ausgerechnet in ihrem Wohnzimmer aufbaute. Sie haben nicht die Schleier verbrannt und Freiheit ausgerufen, damit ihre Tochter von einem bequemen Pascha herumkommandiert wird.

„So dürft ihr euch nie anziehen“, hatte meine Freundin gesagt und es war ein Echo.
Das Echo eines Urteils, das auch über sie gefällt worden war und ihr einst die Freiheit auszog. In der westlichen Großstadt, geprägt von modernen Hochhäusern, modernen Universitäten, modernen Straßen und modernen Maschinen.
Es war das Echo einer Welt, die überall Frauen und Männer auf ihr Äußeres reduziert und Scham als Maßstab für das eigene Selbstbild setzt. In der Opfer zu Tätern werden, weil sie ungeniert gereizt haben und Täter zu Opfern werden, da sie den Reizen hilflos ausgeliefert wurden. Wo Verbote ausgesprochen wurden, aber keine Erklärungen.
Und nun waren wir auf diesem Konzert, Jahre später, und taten es selbst. Wir zogen unseren Töchtern die Freiheit aus und zogen dieselben Stigmata um sie herum wieder auf. Meine Freundin durch ihre Worte, ich durch mein Schweigen.
Freiheit bedeutet eben nicht nur die Abwesenheit eines Schleiers. Es bedeutet in diesem Fall auch, sich frei von den Urteilen der Anderen zu machen, frei von den Blicken der Anderen und frei, sein eigenes Spiegelbild zu wählen.

 

Mustafskaya

 

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