freiVERS | Marc Glund
falle
mein blick geht in die tiefe.
atme schwer.
befinde mich am abgrund
einer felsbarriere.
wasser fällt dem blick voraus.
zwei äste, knorrig,
dazwischen
verlassen
fast?
ein spinnennetz.
mehr nicht.
keine tiere in sicht, ich
kommentiere: #keinetiere?
er fühlt sich unentdeckt an, dieser
ort, am rande eines kleinen dorfes,
eins zu zwei, die ratio zwischen
mensch und kuh.
in dem ich nie war, dem
ort, dem wasser, dem felsen, dem
view und in dem ich auch nicht bin,
nun bloß nicht versinken,
das wasser,
es fällt
voraus
läuft aus, aus meinem handy,
im stream der äste, der ängste,
der träume, der kacheln, der
netze, der orte,
so fern.
der einsame versuch:
ich atme aus.
ein grund ist nicht
in sicht, ich sinke,
sinke immer weiter
verfallen
in nichts als
dem fall
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freiVERS | turtle kollektiv
| efeuschwestern |
eine einladung:
pack das auto voll wilder frauen,
das kleine beil,
den spaten,
fahrt zu seinem zerfallenden haus,
seinem wuchernden-nachbarn-dorn-im-auge-wald,
denn
dort
neigen sie sich mir entgegen,
strecken ihre holzarme in den regen,
schirmen mich ab, wie ich
hier auf kiefernnadeln und moos liege,
mich anschmiege an sie, die unter mir atmet.
waldboden zittert.
straßenlärm trotzdem.
efeu wächst durch mich, durch haus, an haus lang,
kleine ärmchen mit saugnäpfen an unserer haut.
starre in wolken, sehe haus nicht mehr vor lauter grün.
papa mochte efeu.
ich mag efeu jetzt.
unkraut baum, ungeziefer gefahr, unkraut ist der garten.
un. ungehalten, unbeschnitten, ungeordnet, ungemäht.
ungeheuerlich.
dieses geschrei.
gras: abwesend.
efeu. moos. wald.
wald werden.
es knistert & krabbelt,
er kräht –
da ist
wald hinter meinen ohren –
da spazieren
ameisen auf haut
und
irgendwo in der brust pulsiert ein klammer, dunkler klumpen,
ich atme tief,
ich schlucke,
tief versunken
sackt er richtung erde, verschiebt sich in mir,
verdrängt organe, gräbt sich durch rippen –
da ist
bloß eine dünne schicht –
da trennen
lediglich ein paar zellen
meinen puls
von ihrem.
eiche. zur straße.
laub gehäuft auf bürgersteigen. buchtenblätter.
fegen. kehr. kehr. feg. streich. weg.
blätter jetzt braun: eingeeist.
eiche streckt arm über straße, über grundstücksgrenze hinaus.
ich würde gerne auf ihm liegen.
im rascheln der bäume
rasen autos,
rennen menschen
durch meine adern,
es ist laut, richtig laut,
mama, frag mich ab:
birke?
gezähnt.
buche?
gewellt.
eiche?
gebuchtet.
heinrich?
ausgeblutet.
immer noch viel zu laut
in mir,
also
drehe ich mich auf die seite, ich
drücke mein ohr auf knorrige haut,
dumpfer heart.beat. da unten
in ihr.
mein blut
pulsiert,
ächzt, stöhnt, quietscht, schlagt mit dem wind,
murmelt,
summt,
grieft,
heult,
kreischt –
ein schwarm kampfwespen.
an den fingern
meiner fäuste
um den spatengriff,
in der erde
ein loch,
ein letztes mal
die anzeige,
keine antwort,
ein grab.
wie es wäre, würden zellen die form verlieren,
würden grenzen verschmieren und
haare in den boden wachsen,
nägel zu blättern, haut zu moos, knochen zu rinde werden –
heimlich,
den heinrich,
haut von efeu überzogen, durchdrungen, zersetzt.
unsere inneren kammern geöffnet für fremde und freunde und innerstes in container, innerstes in taschen, lieblingsfilm, bob marley CD, MVV ausweis 1979.
innerstes ins außen gestülpt, verkehrt.
die tapete ist weiß-grün-braun-gelb-rohfaser-schimmelpilz-gesprenkelt.
schhhhhh
mach ich, zu uns, zum haus und zu mir, zu unserem gemeinsamen körper,
sonne geht unter.
gehe
einen fuß vor den andern
entlang des efeupfads.
schhhhhh
mach ich zu den hühnern,
den heinrich
an den füßen
im dunkel
aus dem stall.
stimmen verschwinden.
beil fällt.
musik geht aus. frieden für die nacht.
wie es wäre
ohne dieses hasten in der blutbahn,
leise,
ohne den heinrich,
ohne dieses ständige wollen und wollen und sollen.
die kinder wollten unbedingt
fifty-fifty pro ei.
na gut, sagte der opa.
für den dorn-im-ohr-nachbarn
löschen der anzeige: hahn abzugeben.
ich frage das haus:
was fühlst du dabei?
du stehst.
bücherstrom versiegt nicht, quillt, drückt, füllt papiercontainer.
du spuckst weiter sein leben aus. und meins. unseres.
38 tonnen,
federn,
geschichten schon,
tropfen –
haus werden.
ich habe vergessen, wer durch wen geistert.
dieser text ist im turtle kollektiv entstanden
geschrieben von lara wüster, anna job und katharina wulkow.
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freiVERS | Simone Steger
vulven wie fliegen
Schopenhauer liegt auf dem fensterbrett
ich habe die fliege mit ihm erschlagen
der eiweißbrei klebt
zur hälfte an der ästhetik
zur hälfte an der scheibe
jetzt schreibe ich nackt ein gedicht
damit ich mich nicht aus versehen
am fenster zur welt erschlage
so kurzsichtig
ich manchmal gern wäre
ich sitze nackt auf dem sessel
mein leib versinkt im stoff
ich habe angst
so zu sitzen
noch von früher
und von der ästhetik
keine sprache über vulven
ich kann nichts darüber sagen
außer
vulven wie fliegen
eine last im zuhause des körpers
genauso wie Schopenhauer
in unseren zellen
obwohl ich kostbar bin
sitze ich das erste mal so
etwas in mir platzt auf
licht prallt auf die scheibe
Schopenhauer wäre verstimmt
ich lasse den eiweißbrei kleben
(ebenfalls veröffentlicht auf Pigeon Publishing)
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freiVERS | Jaqueline Isabell Grosser
Steinbeeren
Leuchtdioden
im Weihnachtsgrün
der Tundra,
Girlanden
aus Knochenfrost,
lautlos gelöst.
Was wir finden,
nährt das Vergehen.
Wir streifen
Rucksäcke ab
wie Häute,
reißen Wurzeln
aus der Erde
wie Nähte.
Totenrosen,
schwer
in Menschenhänden.
Milchzahnzeit —
blass, brüchig,
im Permafrost.
Wir schöpfen,
bergen Samen
aus dem Schlamm.
Geschenke
aus der dunklen Zeit.
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freiVERS | Sophie Steger
Ich schreibe keine Regionalliteratur
Ein Naturwasser bestellen
und dumm angeguckt werden
sich entschuldigen
sagen, dass man ein stilles gemeint hat
In den Kindergarten gehen
und nur Hochdeutsch können
aber für dich gibt es kein Hochdeutsch
sondern nur Deutsch
Die Deutsche sein
Dialekt sprechen lernen
aber immer noch die Deutsche sein
In der Oberstufe
einen anderen Dialekt sprechen lernen
weil die Schule
eine halbe Stunde entfernt ist
von da, wo du wohnst
oder von da, wo du kommst
Sprache nuancieren
Richtiges Hochdeutsch
nur mit deiner Mutter sprechen
Südtiroler Hochdeutsch
mit Südtirolern
Sich ärgern
Sprache nuancieren
bis man nicht mehr sprechen kann
Meine Stimme klingt tiefer im Dialekt
Ich verstehe die Leute nicht,
die sagen, Deutsch klinge hart
Deutsch ist weich
Gesagt bekommen,
man hätte eine österreichische Pronunciation
Sagen,
dass dein Vater Österreicher ist
obwohl er Italiener ist
Es nicht zu kompliziert machen wollen
Sag doch mal was auf Italienisch
Nein
Sprache verändern
Sätze verändern
650 km fahren
und für 100 Euro bei Rewe einkaufen
Nach einem halben Jahr
Papageienkuchen und rote Grütze essen
und sich fühlen,
als wäre das Essverhalten
stecken geblieben
als du mit vier weggezogen bist
Freitags in der Fastenzeit
Wurst im Schulbrot haben
Skandal auslösen
Ich bin eine Deutsch-Italienerin
Ich bin eine deutsche Südtirolerin
Ich bin auch Südtirolerin
Ich bin Deutsche
Ich bin eine
deutsch–südtirolerisch–italienische Österreicherin
Ich bin eine
italienische deutsche österreichische Italienerin
Ich schreibe Regionalliteratur
ausschließlich
gegen meinen Willen
Einen Pass von beiden Ländern haben
fuck you all
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freiVERS | Gawan Mehić
Nichts für fremde Wände
Entspannung folgt Erregung,
behauptet die Ebbe,
bevor sie geht.
Sehnsucht und Zärtlichkeit,
Wörter, die wir benutzen,
wenn nichts mehr antwortet.
In Augenblicken bewegter Dichtung
zeichnet Zeit
in kreisender Dauer,
die trägt,
ohne zu urteilen.
Ich muss nicht erscheinen.
Ich bin kein Bild
für fremde Wände.
Ich will begegnet werden
wie Fenster bei Nacht:
Ein Durchlass
für Herzschläge
im Takt fremder Leben.
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freiVERS | Alexander Köffel
mia homs imma gsogt
net mit die fremdn redn
ob und zua hob i schon
grüßgott und so
oba amol wor i allan daham
lei i und die kotz
do leitets
i moch die tia auf
gonz nervös
mit a poor euro in da hond
steht a dicke liabe fremde vor da tia
i bin die brotfrau
vom berg oba
i bring eich des brot
is die mutti do
na
oba i bin do
jo
des sig i
sogt sie
und locht
und gibt ma
des brot
wos noch worm is
und a horte krustn hot
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freiVERS | Jutta Schüttelhöfer
Formen
manchmal lege ich mich zum Quadrat
einfach aus Spaß
oder nein eher aus Experimentierfreude
nur um zu sehen ob ich vollständig bin
geboren wurde ich als Ellipse
aber verstanden hat das nie jemand
lange Zeit bin ich beinahe
als Trapez durchgegangen
: ich war nicht gerade genug
aber das haben sie in ihrer Oberflächlichkeit nicht bemerkt
bloß zum Rechteck hat es nie gereicht
das haben wir alle eingesehen
draußen ist der rechte Winkel der Sonderling
aber vermutlich haben sie auch das nie kapiert
(und ich betrachte mich inzwischen mit elliptischer Gelassenheit)
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freiVERS | D. A. Merlin
Kontinuum
Was immer wir tun, an welchen Lebensbaum auch immer wir
unsere Lichter hängen, es kommt der Moment,
da wir zu dem werden, womit wir begonnen haben –
Regen, der eine ganze Kindheit lang
aus klarem Himmel herab fällt, ein lautes Knacken ab und an,
bei dem ich nicht anders kann als an einen Geist zu denken,
Wind auf der Straße, sein Geräusch
im Ohr, als käme es von woanders her;
Regen, der sich einen ganzen Sommer lang
im Sonnenlicht dreht,
Wellen von Winter, die durch die warme Stille des Sommers fahren,
leere schattige Zimmer, die vor etwas warnen,
was außerhalb der Reichweite ist,
uns aber immer wieder streift.
Was immer wir tun, das womit wir begonnen haben,
schimmert irgendwann in der Dunkelheit,
an deren Oberfläche wir bleiben, in Wärme und Tageslicht,
Sommernacht im Zimmer wie in einer dunklen Zelle,
das Tier, das ich immer noch weit draußen vermute,
entgegen aller Wahrscheinlichkeit, und mir wünsche,
wie dieses namenlose Tier im Geheimen verschollen zu sein.
Als ich glaubte, ich hätte über das Verschwinden nachgedacht,
war es meine Angst, die mich aus ihren Verstecken betrachtete:
Ein kühler Schatten, der auf meiner Kindheit liegt,
ein schwindelerregender Strudel,
ein freier Fall unter schwarze Blätter vom Abend zur Nacht.
Die Verkleidungen der Kindheit, in ihren eigenen Nähten ruhend,
die mein Herz auftrennen, ein wenig mehr jeden Tag.
Was immer wir tun, das Leben zieht sich von uns zurück,
und ein Sommer beginnt dem anderen zu ähneln:
Ein Himmel wie Wasser,
Wälder in ihrem schweren, angeschwollenen Grün,
niedergedrückte blaue Welt, voller Sanftheit und Kummer,
Sonnenlicht nicht ganz wie eine glänzende Folie auf den Wiesen,
nicht ganz wie leuchtender Staub, aber fast so auf allen Dingen;
Himmelsblau, das uns nicht rettet, selbst wenn etwas
in den verschiedenen Tönen von Hell und Dunkel mich immer noch
an Rettung denken lässt, eine Bewegung am blauen Rand der Welt,
die unscharf bleibt, etwas, das nicht wirklich ein Aufleuchten ist,
aber wie eine Geschichte von Aufleuchten,
die wir über einen fernen Sommer erzählen,
etwas, das nicht wirklich der Schatten eines Tieres ist,
aber sein Durchs-Licht-Huschen, wenn man weit genug gegangen ist,
eine dumpfe Eintrübung, die das Sichtbare läutert,
ein scharf konturierter Schatten, der das Verborgene läutert,
eine Kinderzeichnung, die darauf wartet, endlich wirklich zu werden,
aber vielleicht nie Wirklichkeit wird; die Jahre
zugleich entblößt wie verdunkelt.
Kein Ende, das wir festlegen könnten, nichts, was mit einem Schlag
zerfällt. Keine flüchtig erblickte Erlösung.
Alles einseitig und ohne Antwort.
Alles erstaunlich schwer zu erinnern und zu vergessen.
Meine Angst hat sich nie geändert, meine Frage hat sich nie geändert,
immerzu der schwarze Engel, der in meiner Kehle schläft,
immerzu die Zunge aus Staub, die geteilt in bleichen Fenstern hängt.
Ein Leben der Ränder, Weiß des Auges,
geschwärzt von Zeit.
Weiß des Himmels wie feiner Sand, gebleicht von Zeit,
zugleich trüb wie kristallklar für einen Augenblick,
dann überhaupt nichts mehr.
Wie die Wahrheiten, denen wir untreu werden, wenn wir versuchen,
sie zu erfassen. Erinnerungen wie Schläge aus der Ferne,
wogegen auch immer der Wind sie schlägt und schlägt.
Dieser Spätsommer verlässt seinen Kokon aus Wärme
und geht seiner Arbeit nach, was immer seine Arbeit ist.
Was wir unausgesprochen lassen, ist wie die gefallenen Blätter der letzten Nacht,
vereinzelte kühle Flammen im wieder grünen schattigen Gras,
die etwas lichten und lüften in uns, was immer es ist.
So oder so, nichts von diesen Dingen kümmert sich um uns,
Eins mit einem namenlosen Ganzen
dessen, was nicht gewusst werden kann
Und zu dem wir nicht zurückkehren können,
Eins mit dem Unfertigen,
das wir nicht loslassen können.
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freiVERS | Lea Matusiak
superbomber
du fährst mir einen panzer vor die tür
fahre ich dir einen panzer vor die tür
irgendwo sprengst du ein haus darin
eine familie, ein kind, eine oma, ein leben
eine frau die war schwanger die stirbt
aber es passiert nicht nur hier es
passiert überall
es trifft die dächer aus blech, es trifft die demokratie
was bleibt ist die frage was bleibt und
was halt gibt
was wir brauchen ist halt, ist menschlich sein
und menschlichkeit
was ich brauche ist ein superbomber
und einen triftigen grund
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