freiVERS | Mareen Bruns

unsere beine haken sich so schwer in kanalwände
da ist wieder diese augenahnung, sezierte verwunderung
vielleicht glück - ich möchte das du anheben
vielleicht das Ich aus seinen verstellungen lösen
wieder am fluss sitzen
so meine daumen lebenslinien in deine handteller reiben
können wir später lebendiges daraus essen

Mareen Bruns

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freiVERS | SAID

fische von jenseits des meeres

sie sammeln sich und sind bestrebt, nicht aufzufallen. die hand halten sie vor den mund, als könnte sie das stottern verdecken.
man munkelt von einem virus; er wird unter flüchtenden verbreitet und verursacht stottern.
hier treffen sie sich und schweigen. sie warten auf olleg, den mann mit dem weißen hut. dem vernehmen nach hat er selbst auf der flucht seinen hut aufbehalten.
nach einbruch der dunkelheit zahlen sie eintrittsgelder und gehen gemeinsam in den park. dort hängen die fische in den bäumen und spenden gerüche.
hinter gazeschleiern beten sie dann. die fische schnappen nach luft, als wollten sie sich bedanken für die gebete.
beim abendessen bleibt ein platz leer. der des zurückgewanderten zwischenrufers –
der einzige, der die sprache der fische verstand.
sie sitzen im restaurant, dessen lichter sich im meer spiegeln.
ihre hände verscheuchen das licht – doch das licht ist stärker als die flüchtlinge. diese sind erregt, sehen die ankommenden schiffe und warten auf neue nachrichten.
jemand schüttelt eine kleine glocke. dann erzählt olleg von dem anderen land, von der langsamen zeit –
die anwesenden beginnen zu schluchzen.
olleg gestikuliert und beschwört sie auf einheit:
„jede berührung mit den reisenden wäre verrat.“
er deutet an, daß die fische dann nie mehr zu ihrer sprache zurückfinden würden.
„die von jenseits des meeres kommen, bringen neuigkeiten mit sich und einen geruch“,
dann warnt er vor diesem geruch und seiner wirkung.
vom gemäßigten schweigen ausgehend, fragen einige der anwesenden, warum sie längere zeiten brauchen für eine neue farbe.
„wir müssen an die fische denken. seit der zwischenrufer zurückgekehrt ist, schweigen sie“,
er räuspert sich und spricht weiter:
„wer weiß, was alles unter den reisenden ist, hörgeschädigte, spitzel, künftige verbrecher. sie alle haben aussagen unterschreiben müssen, damit sie ausreisen durften. ihr erkennt sie an dem trübe gewordenen blick.“
schließlich warnt er:
„wer glaubt, eine berührung mit den reisenden, heilt das stottern, irrt sich.“
olleg kennt die furcht der flüchtenden. für gewöhnlich überwinden sie sie mit dem wort, mit dem rufen.
doch jetzt, angesichts der ankommenden schiffe, brauchen sie einen halt. olleg weiß das:
„ihr müßt lernen, unbequem zu leben in der fremde –
sonst zerstört sie euch.“

SAID

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freiVERS | Markus Prem

Zaungast

Endlich
die Ankunft

in diesem
Land

so schmerzlich
fremd

wie ein
verbogener

Stachel
im Fleisch.

Markus Prem

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freiVERS | Karin Posth

vatersprache. mutterland

sage: sprache. sage: mutter, vater.
und nun setze die wörter zusammen. du sagst:
muttersprache. vatersprache gibt es nicht.
obwohl dein vater alleinerziehend ist?
wie sollen kinder sagen, die eltern aus
zwei ländern haben?
und flüchtlingskinder,
geflohen aus dem heimatland, in dem sie längst
keine heimat mehr haben.

sage: land. sage: mutter, vater.
und nun setze die wörter zusammen. du sagst:
vaterland. mutterland gibt es nicht.
weißt du nicht, dass der engländer von
motherland spricht?
sollten wir nicht lieber mutterland
sagen, um nicht noch einmal zu beklagen,
dass der mensch durch nichts
so leicht, so schnell
zum mörder wird
wie durch sein vaterland.

Karin Posth

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freiVERS | Simone Scharbert

aufräumen I, 10:05

(eine schneise schlagen, zögernd)

abgewischte leere auf tischen und bänken haftet
ein übergang eingefasster räume von a bis b wenig
distanz nur ein paar schritte über den schulhof und
wieder zurück zwischen mauern auf betonierten
metern in quadraten mit kleinen kindern auf
rädern später einfach so eine schneise schlagen in
diesen moment in diesen tag oder den zaun die
wenigen stunden bis mittag und zur nächsten reihe
vor biertischen und warmhalteplatten die eigene
anwesenheit spüren

(Die Flucht ins Chaos. Auf der Balkanroute sind derzeit so viele Menschen unterwegs wie nie zuvor. Wegen der »massiven Überlastung« stoppt Österreich den Zugverkehr zwischen Wien und Budapest. SZ, 11.9.15)

Simone Scharbert

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23 | Andreas Haider

Der Weihnachtsbaum

Dem Wald entrissen,
der lange schon keinen Schnee mehr sah,
ins Wohnzimmer gestellt,
geschmückt mit Glitzerzeug und Kerzen,
und Süßem in Alufolie.

Da steht er nun,
eingeschraubt ins Christbaumkreuz,
quasi gekreuzigt,
so, als ob es zwischen Weihnachten und Karfreitag
einen Zusammenhang gäbe.

Schon brennen die Kerzen,
die Lichter erhellen Raum und Baum.
Und während das Lied ertönt,
weinen die Kerzen ihre Wachstränen.
Oh Tannenbaum, Oh Flammenbaum.

Andreas Haider

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen.


22 | Martin Piekar

Wintersonnenwende

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
und Schatten der Erde?
(Friedrich Hölderlin)

Amour, Amour
Alle wollen nur dich zähmen
(Rammstein)

In meinem Kopf: Ameisenrennen
Oder Blizzard –  wie du willst
– ziemlich dunkel jedenfalls. Und
Alles um mich herum hat zum Gegenteil
Den Kittel der Jahreszeit so
Abweisend und vertuschend angenommen.
Ich knittere ihn bald. Mit Spuren ins
Weiße, hinein
Ins Caspar David Friedrichsche – tief, tief
Schlafen meine Versuchungen
Und Vermutungen noch. Unter Frösteln.

Mein Herzblut, es ist meine Zeit
Des Erwachens. Aber ich will
Noch gar nicht, nur noch
Ganz kurz… bitte. Ich weiß um meine Furcht. Sie
Gurgelt schon. Jetzt. Lasse ich’s doch
Noch schlummern. Ich steige allein.
Aus dem Höhlengleichnis
Unserer Liebe. Dem Bett.
Mon Amour… Alte Minne.
Verkriech dich, glaub mir.
Verkriech dich vor mir.

Ach Herz. Reife nur, aber
Reif nicht zu viel; es ist Winter-
Sonnenwende: die Schatten fallen
Über ihre Lichter her. Wir sind,
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben.

Schlaf einfach winters. Wir
Sehen uns wieder.
Schlaf einfach durch.

 

für Benjamin Lebert

bereits veröffentlicht in Bastard Echo (Verlagshaus Berlin, 2014)
Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
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21 | Claudia Wallner

Ein harter Winter.

Früh
dunkelt mein Tag
sich zum Abend

Lang
verbleiben eisige
Schattennächte

Wo
durchzitterte Lippen
erblaut sind

Sich
da zu erwärmen
fällt schwer

Und
dünne Haut friert
schutzlos dahin

Wo
mehr und mehr
Eiskristalle

wuchern

Weil
nichts mehr da ist
um sie zu

schmelzen.

Claudia Wallner

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20 | Gundula Maria von Traunstein

Eisverkrustetes Zweiggewirr

Von eisverkrustetem Zweiggewirr
tropft es.
Ich bin gegangen,
hab dich zurückgelassen,
alleine.
Im Schein der Straßenlaterne
steh ich jetzt
und weine.
Von eisverkrustetem Zweiggewirr
tropft es.

Gundula Maria von Traunsee

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19 | Andreas Schumacher

Hymnen an die Weihnacht

Welcher überarbeitete, feierabendfixierte Familienvater
fürchtet nicht vor allen Verpflichtungen des Kalenderjahres
den – Jesus Maria! – frustrierenden Einkauf der Weihnachtsgeschenke –
mit seinen hieroglyphischen Wunschzetteln und unausgesprochenen Erpressungen,
der heillosen Hektik und Schnäppchenpreisjagd.
Wie ein zwischenmenschliches Wundermittel kittet er
familiäre Spannungen,
mildert Vernachlässigungen,
radiert verletzende Worte.
Seine zuverlässige Erledigung allein
garantiert eine friedvolle Stimmung
am Abend des Herrn.

Einst da ich astronomische Summen verpulverte,
da in ein Nichts sich auflösend meine MasterCard zerbröselte,
in ein phänomenal schwarzes Loch
sich ohnehin längst verflüchtigt hatte mein Kontoguthaben
und ich mit lausig-lächerlichen einhundertsiebenunddreißig Euro in der Tasche
im SATURN stand, einsam wie kein Mensch zuvor,
zahlen nicht konnte und auf Raten finanzieren nicht,
und an den von meinen Geliebten begehrten Warengütern
mit unendlicher Sehnsucht hing,
ein Waschlappen wie kein Mann zuvor,
da besann ich mich eines alten, verbotenen, geheimnisvollen Kunstgriffs –
du, Kleptomanie, Triebabfuhr gelangweilter Aufsichtsratsgattinnen,
kamst über mich, und mit einem Mal
schwand meine kleinkarierte, bürgerliche Rechtschaffenheit.
Zum Staubwölkchen wurde das Preisschild.
Tütenweise mopste ich, und erst seitdem fühle ich
die schwitzende Hand des allmächtigen Vaters.

Wie dumm und überaus unnötig
dünkt mir das ordnungsgemäße Bezahlen der Ware an der Kasse nun –
wie königlich-würdig der Ausgang am Drehkreuz.
Gern will ich die fleißigen Flossen rühren,
überall einstecken, was man grad so braucht,
entfernen die kleinen versteckten Sicherungsetiketten.

Die Kinder werden strahlen,
ich schiebe alles ein.
Ich werde nicht bezahlen
und Superdaddy sein!

Muss denn immer dieser Hansel, der Ladendetektiv, wiederkommen?
Endet nie seine Schicht?
Gottverdammter Motherfucker,
verzehrt den himmlischen Anflug der Weihnacht.
Kann denn nie einfach mal dieses ganze
elektronische Überwachungsdingens ausfallen
und dann am Eingang bitte freundlichst darauf hingewiesen werden?

Längst weiß ich, wann die letzte Bescherung sein wird –
wenn, in Handschellen gelegt, ich einst heimgeführt werde.

So komm ich – mit dem blauen Bus
und leerem Sack – nach Haus am Schluss.

Gnad Gott, dass ich die Schuld begleich’,
umsonst ist nur das Himmelreich.

Andreas Schumacher

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