freiTEXT | Frederike Schäfer

Eine Babykatze

Meine Freundin Sophie sitzt neben mir. Ihre Hände beschreiben Kreise. Wieder und wieder fahren sie durch die Luft, sind aufgeregt, wollen sich mitteilen. Waschbärhände, denke ich. Mit kleinen, spitzen, diebischen Fingern, die sich jetzt in meinen Unterarm krallen. Schwitzig sind sie. Und feucht und kalt. Ich sehe mir diese Finger an und denke, wie gut sie zu ihr passen, zu meiner Freundin Sophie. Meine Freundin Sophie, sie hat gesagt, sie muss mir etwas erzählen, sie hat gesagt, es ist dringend. Und wie gesagt, jetzt sitzt sie neben mir. Und sie sagt, ja, sagt sie, dann ist sie zu ihm gegangen. „Zu ihm?“, frage ich. „Ja, zu ihm“, sagt sie, und ihre Augen blicken mich an, und um ihren Mund zuckt ein Lächeln, ein kleines, diebisches Lächeln. „Aber du kanntest ihn doch nicht“, sage ich. „Ja“, sagt Sophie, „aber die Katze.“

„Die Babykatze“, sagt sie. „Rabans Babykatze.“ Sie lacht und fährt mit ihren Waschbärhänden über meinen Arm. Rauf und runter.

Ja, die Babykatze. Damit hat sie eben begonnen. Bei der Babykatze, die sie, meine Freundin Sophie, ja unbedingt sehen müsse, habe Raban gesagt. Bei der Babykatze, die ja auch erst drei Monate alt sei, die müsse sie sehen. Und Sophie sagte, dann sei sie eben mitgegangen, bis zu seiner Wohnung sei das auch gar nicht so weit gewesen, sie seien einfach zu Fuß gegangen, ihren Regenschirm habe sie auch nicht gebraucht, nein, geregnet habe es nicht. Sie sei also zu Raban gegangen, hoch, in den dritten Stock, hübsche Wohnung, und da waren Jacken und Schuhe und eine Handtasche, und Raban habe nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, die sei von seiner Ex-Freundin, dass die hier noch wohnen würde, bis sie beide eine Lösung fänden, aber so schlimm sei das gar nicht, eigentlich sei die noch eine ziemlich gute Freundin, und das hier, habe er dann mit einer Geste nach rechts gesagt, das sei also sein Zimmer, und sie könne es sich ruhig gemütlich machen, und ob sie ein Problem hätte, wenn er sich kurz umzöge, und wo denn die Katze sei. Sophie habe sich also auf den Gymnastikball gesetzt und sich umgesehen, und Raban, der habe sich ausgezogen, bis auf seine Calvin-Klein-Shorts. Da habe sie sich plötzlich ganz angespannt gefühlt, irgendwie unter Strom, und sie habe dann da auf ihrem Ball gesessen und ihn beobachtet und sich gedacht, das macht er extra, sich da einfach so ausziehen, und sie habe erst auch gar nicht gemerkt, wie sie auf seine Shorts gestarrt habe, irgendwann dann doch, und sehr lange sei das so gegangen, wie er da so in Shorts in seinem Zimmer stünde und sie am starren. Und starren. Es prickelt.

Ja, und dann habe er sich wieder angezogen, sei in Jogginghose und frischem T-Shirt aus dem Zimmer raus und habe angefangen, die Katze zu suchen. Und sie habe gedacht, vielleicht gäbe es ja gar keine Katze, aber da sei Raban auch schon wiedergekommen mit einer kleinen pechschwarzen Katze auf dem Arm mit weißen Pfoten. Und Raban habe sich auf das Bett gesetzt und sie dann daneben und dann beide die Babykatze am streicheln. Ziemlich lange sei das gegangen, und es sei immer später geworden und Sophie immer müder. Sie glaube, sie sei dann auch kurz eingeschlafen, jedenfalls sei Raban plötzlich weg gewesen, die Babykatze auch. Und sie habe Stimmen aus dem Flur gehört, da sei eine Frau gewesen, und die habe gesagt, dass Raban ein Idiot sei, dass sie es nicht fassen könne, was er hier veranstalte, ob er sich nicht schäme, aber Raban habe nur gesagt, sie sei selbst schuld, sie habe die Nacht schließlich unterwegs sein wollen, und überhaupt habe sie doch mit ihm Schluss gemacht, es sei nicht sein Problem, wenn sie nicht mit der Situation zurechtkäme, sie könne ja gehen. Aber die Katze, habe sie gesagt. Ja, die Katze. Sophie habe sich dann wieder auf den Gymnastikball gesetzt, und Raban sei zurück in das Zimmer gekommen, ohne Katze, und da habe Sophie dann entschieden, sie wolle jetzt gehen, auch als Raban sie gebeten habe, noch etwas zu bleiben, sie könne auch hier übernachten, er würde auch noch einmal nach der Katze sehen, aber, nein, habe Sophie gesagt, netter Abend, danke, und überhaupt, die Katze, aber nein, sie müsse jetzt wirklich gehen, und erst, als sie schon draußen war, sei ihr aufgefallen, dass sie ja den Regenschirm habe liegenlassen. Und sie habe noch überlegt, ob sie nicht doch zurückgehen solle, den Schirm holen, aber sie sei dann einfach nach Hause gegangen, es habe schließlich nicht geregnet. Aber jetzt sei ihr Lieblingsregenschirm weg, zu Raban, zu dem könne sie nicht gehen, den wolle sie nicht noch einmal sehen, und überhaupt, die Babykatze. Und Sophie sieht mich jetzt wieder an, sieht mich mit ihren kleinen, runden Murmelaugen an und sagt: „Mir ist richtig schlecht, wenn ich an ihn denke. Ich habe manchmal das Gefühl, ich muss kotzen.“

Und ich sage „Babykatzenraban“, wir sagen jetzt überhaupt nur noch „Babykatzenraban“, und ich denke, es fällt leichter, die Dinge zu verzerren.

Sophies Finger krallen sich wieder in meinen Unterarm, und sie sagt: „Aber darum ging es nicht.“ „Nicht?“, frage ich. „Nein“, sagt sie.

Und da ist wieder so ein Funkeln. Sie sieht mich an, rückt ein Stück näher, mit diesem Funkeln in den Augen und einem Zucken um ihre Mundwinkel. Und ich kann nicht sagen, ob da Freude oder Tränen hinter diesem Vorhang aus Gesicht warten, hinter diesem Gesicht mit den Murmelaugen. Sophie rückt noch weiter an mich heran, legt sich meinen Arm über ihre Schulter und schmiegt sich an meine Achselhöhle. „Manchmal“, sagt sie, „manchmal stelle ich mir vor, mein Leben wäre ein Film und ich die Hauptdarstellerin mittendrin. Das ist, als wäre ich gar nicht ich, als würde ich durch eine Kamera mich, die ich ja in dem Moment nicht bin, beobachten.“

Sie verstummt.

Ich sage nichts.

Ich spüre das Gewicht ihres Kopfes, ihre Haare kitzeln mich am Arm. Es ist warm. Es ist schwitzig.

„Mir ist so langweilig.“

Und Sophie erzählt. Sie erzählt. Babykatzenraban, die Wohnung, die Katze, das Bett. Wie sie eingeschlafen, wieder aufgewacht sei. Und Raban neben ihr, sein schwerer Atem, seine Hand in seiner Hose, in der Shorts, die sie sich doch so genau angesehen habe. Diese Hand, die habe sich auf und ab bewegt, schnell, rhythmisch. Und Raban habe sie angesehen, habe gestarrt. Gestarrt, so wie sie seine Shorts angestarrt habe. Und da habe sie gedacht, ja, habe sie gedacht, wenn ich jetzt mein Shirt ausziehe, meine Hose, wenn ich ganz langsam den BH öffne, meinen Slip abstreife, mich auf ihn setze, ihn küsse, ihn mich berühren lasse, sein Shirt ausziehe, seine Hose, seine Shorts, seine verdammten Shorts, wenn ich ihn machen lasse, was er mit seiner Hand gemacht hat, dann, dann vielleicht. Und mir, mir ist nicht langweilig. Und Sophie sagt, sie habe sich dann wieder angezogen, sei eingeschlafen, wieder eingeschlafen. Und als sie aufgewacht sei, Stimmen, Ex-Freundin, nein, sie wolle nicht bleiben, nein, wirklich nicht, aber es sei wirklich schön gewesen. Und wie sie dann auf der Straße gestanden habe, sei ihr wieder eingefallen: der Regenschirm. Ihr Lieblingsregenschirm. Aber nochmals hochgehen habe sie nicht wollen, trotz des Regens sei sie dann nach Hause, und wie sie die Tür geöffnet habe, sei ihre Schwester auch schon herbeigestürtzt, wo sie gewesen sei, sie habe sich solche Sorgen gemacht, und warum sie so nass sei, und überhaupt. Und Sophie habe gesagt, sie müsse erst mal duschen und dass sie danach alles erzählen werde. Und wie das heiße Wasser alles von ihr abgewaschen habe, habe sie es sich überlegt, und sie sei dann zu ihrer Schwester gegangen und habe gesessen, mit ihren nassen Haaren im Nacken und Tränen im Gesicht, und habe erzählt, wie sie da war, bei Raban, die Wohnung, und überhaupt, sie habe doch nur die Babykatze sehen wollen, aber dann sei sie eingeschlafen und dann wieder wach, und Raban habe einfach, habe einfach, und der Regenschirm, ihr Lieblingsregenschirm, den habe sie einfach da gelassen, ihr sei so übel gewesen, sie habe geglaubt, sie müsse kotzen. Und die Tränen hätten nicht mehr aufgehört, da seien nur noch Tränen gewesen, und dann, dann habe sie den Arm ihrer Schwester genommen, ihn sich über ihre Schulter gelegt, sich an ihre Achselhöhle geschmiegt. Habe gesessen, habe gesessen. Wir sitzen. Mein Arm um Sophies Schulter, sie an meine Achselhöhle geschmiegt. Es ist warm. Es ist schwitzig. Und es ist nass. Langsam aber stetig breitet sich der Fleck aus Tränen auf meinem T-Shirt aus. Kurz denke ich, ich bin Sophies Schwester, und sie sitzt da, an mich geschmiegt, und weint. Ich blinzle. Ihre Schwester bin ich nicht. Aber nass ist es trotzdem. Ich fahre also mit meiner Hand ihren Arm hoch und runter. Hoch und runter. Ich lege meine Hand auf diesen Kopf, ihr Gesicht kann ich nicht sehen, aber ich stelle mir vor, wie sie ihre Augen schließt, wie sich ihre Atmung beruhigt, die Tränen immer weniger werden und irgendwann ganz aufhören zu fließen.

Aber Sophies Atmung beruhigt sich nicht. Unter meiner Hand bebt sie, sie zittert, bewegt sich, löst sich aus meiner Umarmung, aus der Umarmung ihrer Schwester, und steht auf, weg von uns, weg vom Sofa, in die Mitte des Raumes, ihren kleinen Kopf erhoben. Sie wendet sich um, sieht mich an. Ich sehe: ein Funkeln in den Augen, Murmelaugen, zuckende Mundwinkel, kleine, diebische Finger, die sich die Tränen von den Wangen wischen, ein Grinsen, das sich auf diesem Gesicht ausbreitet, ein Grinsen, ein Lächeln, ein Lachen, ein schallendes Lachen, das aus Sophie herausbricht. Sie krümmt sich, lacht und lacht und lacht. Und bleibt die einzige. Und lacht weiter und richtet sich auf und hebt ihre Arme, reckt ihre kleinen Waschbärhände zur Decke und ruft „Tadaaa!“ und verbeugt sich. Sie verbeugt sich, lässt ihre Arme sinken, setzt sich wieder neben mich, legt sich meinen Arm um ihre Schulter, schmiegt sich an meine Achselhöhle. Es ist warm. Es ist schwitzig.

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Frederike Schäfer

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freiTEXT | Frederike Schäfer

Hugo

1

Ich stehe in einer überfüllten Küche und versuche, gelassen am Kühlschrank zu lehnen. Ich bin Studentin, ich bin auf einer Party. Ich finde das toll, ich muss das toll finden, mich wohlfühlen. Der Kartoffelsalat suppt vor sich hin, das warme Bier in der Wanne mit abgestandenem Wasser, vor einigen Stunden bestimmt frisch und kühl, jetzt den steigenden Temperaturen der Dachgeschosswohnung mit undefinierbarem Teppichboden ausgeliefert. Ich tippe auf Olive. Mit lilafarbenen Tupfen. Und piksen tut er auch. Ein bisschen wie Schmirgelpapier unter den nackten Füßen.

„Sockenparty“, hat Judith gerufen, als wir im fünften Stock ankamen.

„Jaa“, habe ich gesagt und nur gedacht, lustig, ich trage gar keine Socken.

Ja, denke ich, Party. Im Flur sitzen die anderen in einem großen Kreis, die Beine in die Mitte gestreckt. Sieht ein bisschen aus wie eine große, triste Blume, die morgen ihre Eltern besuchen wird und erzählt, wie wahnsinnig toll doch diese Party war. Und ihre Eltern werden sagen: „Jaja, diese Studenten. Als wir noch jung waren ...“ Ich will nicht Teil der Blume sein, aber in der Küche will ich eigentlich auch nicht sein. Um ehrlich zu sein, möchte ich überhaupt und gar nicht auf dieser Party sein. Es ist mittlerweile so eng, dass ich mich kaum rühren kann. Mein Kopf ragt unnatürlich weit in den Raum, weil sich hinter mir ein Gewürzregal befindet und ich meinen Kopf schlichtweg nicht anders halten kann.

Ich nehme mir ein zimmertemperaturwarmes Beck's Holunder und denke nur: Idiotenapostroph.

„Hat jemand einen Flaschenöffner“, fragt mein nach vorne gereckter Kopf.

„Klar“, sagt der Typ neben mir und öffnet meine Flasche mit seiner. Er braucht sechs Anläufe.

„Ich bin Hugo“, sagt er.

„Ich bin Frida“, sage ich.

„Hallo, Frida“, sagt er.

„Hi“, sage ich.

Wir trinken jeder einen Schluck, und irgendwie kommt es dazu, dass Hugo mir Fotos von Kleinkindern zeigt.

„Weißt du“, sagt er, „nur, weil ich ein Mann bin, kann ich Kinder ja trotzdem süß finden, so gar nicht sexuell, meine ich. Aber man muss sich immer irgendwelche perversen Witze anhören. Ist zum Kotzen.“
„Ja“, sage ich. „Ist echt beschissen.“

„Dabei“, sagt Hugo, „ist das doch voll okay. Ich meine wegen Frauenquote und so. Da darf ich doch wohl in einem Kindergarten arbeiten, oder nicht?“

„Ja“, sage ich. „Klar.“

Hugo packt sein Handy weg. Ich sage Handy und nicht Smartphone.

Hugo fragt: „Wollen wir vielleicht woanders hingehen? In Ruhe quatschen?“

„Ja“, sage ich. „Klar, gute Idee.“

Wir gehen in Judiths zehn-Quadratmeter-Zimmer und setzen uns auf die Matratze, die versucht, ein Bett zu sein, aber einfach nur eine harte Matratze auf einem kratzigen Teppichboden ist. Aber es ist ruhig, „zum quatschen“.

„Ich trinke ja keinen Alkohol“, sagt Hugo.

„Ach so“, sage ich, „wie kommt's?“, und trinke einen Schluck von meinem Beck's Holunder.

Hugo zuckt mit den Schultern. „Ach, war 'ne schwierige Zeit, also in der Schule. Alkohol und so. Hab dann entschieden, dass ich das nicht mehr brauche.“

„Ja“, sage ich. Mehr fällt mir nicht ein.

„Ja, auch mit Mobbing und so. Ich war auch richtig fett. War dann erst mal im Kindergarten und jetzt halt hier.“

„Wow“, sage ich. „Super, cool“, sage ich bestimmt auch noch. Hugo ist doch ganz in Ordnung.

2

Wir liegen auf einem neunzig-Zentimeter-Kinderzimmerbett im Haus seiner Eltern. Es müffelt. Irgendwie nach dreckigem Mann mit einer Spur Axe irgendwas.

Wir sind nackt. Ich liege unten. Meine Beine sind gespreizt, er auf mir drauf. Er schwitzt, und sein Rücken ist haarig. Wir küssen uns. Mit Zunge. Eigentlich mag ich das nicht, weil ich es nicht schaffe, meinen Speichelfluss zu kontrollieren, aber gut. Jetzt ist seine Hand zwischen meinen Beinen und versucht allem Anschein nach, seinen Penis in meine Vagina zu befördern. Irgendwie.

„Warte mal.“

Das war ich. Ich drücke Hugo von mir weg und wische mir schnell mit der Hand über den Mund.

Hugo sagt: „Äh.“

„Äh“, sage ich nicht, sondern: „Ich hab dir doch gesagt, dass ich nicht mit dir schlafen will. Also, nicht so, zum ersten Mal, meine ich. Ich will mit niemandem zum erstem Mal schlafen, der nicht mein Freund ist, das habe ich dir gesagt. Also, also richtig, meine ich, ein richtiger Freund, mein richtiger Freund.“

„Ja ...“, sagt Hugo. Mit drei Punkten am Ende, ohne zu erklären, wofür die drei Punkte stehen.

„Und ohne Kondom schon gar nicht“, sage ich.

„Ja, äh“, sagt Hugo, „also, es ist so, mit ist das für mich einfach nicht gut. Ich spür da nichts.“

Ich sage nichts.

Hugo sagt: „Ich hab ja auch keine Krankheit oder so. Ehrlich.“

Ich sage nichts.

Hugo küsst mich. Mit Zunge. Ich küsse ihn auch. Ich weiß nicht, wie lange wir uns küssen. Und ich liege immer noch so da, mit gespreizten Beinen. Alles andere würde auch keinen Sinn machen, wenn ich meine Beine lang ausstrecken würde, oder so. Oder wir nebeneinander lägen. Keinen Sinn. Und so ist das ja auch okay. Ich meine damit, Hugo ist schon okay. Lecken ist okay, und ich habe ihm auch einen runtergeholt. Das war in Ordnung. Und jetzt das Küssen, das ist auch in Ordnung. Er mit seiner Zunge, wie ein raues, kleines Tier in meiner Mundhöhle. Und jetzt bewegt er sich ein wenig. Sein Körper ist meinem so nahe, und ich merke erst gar nicht, was da passiert, da ist plötzlich nur so ein Schmerz, so ein Schmerz irgendwie in mir drinnen. Und ich realisiere: Okay, dann habe ich jetzt wohl Sex. So zum ersten Mal. Das ist scheinbar in Ordnung. Und es fühlt sich in mir ein bisschen so an wie beim Schulsport, wenn man durch die Halle rennt und stolpert und mit seiner nackten Haut über den Hallenboden rutscht. Und diese Haut, die gibt nach, und die reißt und die brennt, und gleichzeitig ist da dieses Gefühl von Kälte, das mit dem Schmerz kommt. Und ich, ich liege ganz ruhig da und bewege mich nicht und hoffe, hoffentlich sieht er den Schmerz nicht und die Kälte. Hoffentlich sieht er das nicht. Stattdessen sage ich: „Das tut weh.“ Und Hugo bewegt sich nicht mehr.

„Mann, tut mir leid“, sagt er. Und er küsst mich. Ich weiß nicht, ob ich das will.

Ich küsse ihn auch. Und Hugo bewegt sich jetzt, er wird richtig schnell und stößt und macht Geräusche. Und je länger er sich bewegt, desto weniger spüre ich den Schmerz. Und plötzlich bricht Hugo einfach zusammen, als wäre er bewusstlos. Er rollt sich neben mich, aber er ist nicht bewusstlos. Sein Augen sind zwar geschlossen, aber er lächelt. Ein seliges Lächeln ist das. Und aus mir, aus mir suppt eine warme, klebrige Flüssigkeit. Und mir wird übel, mir wird richtig übel. Und ich sage: „Ich muss mal auf die Toilette.“ Und irgendwie tut es jetzt wieder weh, so richtig weh. Ich pinkel, und es brennt, und da ist Blut. Aber das ist schon okay, das mit dem Blut, so beim ersten Mal.

Und ich komme zurück in sein Zimmer, und Hugo sitzt am Schreibtisch an seinem Computer, und er sagt: „Hey, kann ich eine Runde zocken?“

Und ich sage, „klar“, und lege mich auf das Bett.

„Du bist echt super“, sagt Hugo.

„Dann sind wir jetzt wohl in einer Beziehung“, sagt Hugo.

„Ja“, sage ich, „dann sind wir wohl in einer Beziehung.“

 

3

Ich nenne Hugo nicht mehr Hugo. Ich sage „Ügó“, französisch.

 

Frederike Schäfer

 

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