freiTEXT | Christian Lange-Hausstein

Die schwarzen Löcher gegenüber

15. August 2020 - Eine Push-Notification meiner Corona-Tracing-App poppte auf:

„Sie haben sich in den letzten 48 Stunden länger als 15 Minuten in unmittelbarer Nähe einer Person aufgehalten, die soeben den Status COVID-19 positiv gemeldet hat.“

Ich war schon fast eingeschlafen. Ich hätte neben der COVID-19-Notification auf „Mehr“ drücken können aber ich schaltete das Handy mit einer Art gespielter Gleichgültigkeit aus. Gespielt? Vor wem?

Ich tat es, wie wenn ich eine Nachricht als unwichtig einstufte, bevor ich ihren eigentlichen Inhalt zur Kenntnis nahm - schon aufgrund der Meta-Informationen. <Bruder + Familienchat + Foto> Niemand erwartete in einem solchen Fall eine Antwort von mir.

Aber ich tat es eben doch nicht exakt so gleichgültig. Ob die Menschen hinter den schwarzen Löchern in der Hauswand gegenüber den Unterschied bemerkt hatten?

Ich aktivierte den „Darkmode“. Ich spürte, wie der schwarze Bildschirm zur Entspannung von Muskeln in meinen Augen führte. Das Ehepaar in der Wohnung neben mir schrie wieder. Ich regelte auch die Helligkeit der Buchstaben herunter und hielt mit einer Hand die Bettdecke hoch zwischen mich und die Möglichkeit der Blicke aus den schwarzen Löchern.

15 Minuten in unmittelbarer Nähe. War es im Lidl? Als Apple Pay nicht funktionierte und ich mit Bargeld an der Plexiglasscheibe vorbei zahlen musste? War es im Treppenhaus? Als der alte Mann aus dem vierten OG mir entgegenkam und wir kurz austänzelten, ob wir rechts oder links aneinander vorbeigingen? Die Joggerin, die mich schnaufend überholt hatte? Alles Kontakte, die mich beunruhigt hatten. Aber keine 15 Minuten - zu kurz für die App.

Plötzlich brauste für einen Moment der Bürger in mir auf. Aber er beschränkte sich, wie das in den Zeiten des Akzeptierens der Pandemie im „April-Mai“ üblich geworden war, auf das Stellen von Fragen: Wann werden diese Kurz-Kontakte von den Machern der Tracing-App für relevant gehalten? Wird die App automatisch upgedatet, um kurze Kontakte auch zu erfassen? Werde ich die Nutzungsbedingungen akzeptieren müssen, um das Handy weiter nutzen zu können? Ich hielt das Symbol der Corona-Tracing-App lange gedrückt und dann begann sie zu wackeln und ich hätte nur das „X“ drücken müssen, um sie zu löschen. Aber dann hörte ich die anderen sagen, „Aha, sie haben also die App nicht freiwillig installiert, aha!“

Dass ich 14 Tage in Isolation bleiben müsste, würde angezeigt werden, wenn ich neben der COVID-19-Notification auf „Mehr“ drücken würde. Was sonst. Dann zog ich die Decke ganz über mich.

14 Tage Isolation. Sei ehrlich, flüsterte ich in die Dunkelheit des Displays. Wie lange war das alles her? War das nicht...? -

Mir war das Lotterleben der anderen kurz vor Sommeranfang zu viel geworden. Entweder hatten wir eine Pandemie oder nicht, hatte ich zu meiner Frau gesagt, als der Berliner Senat Ende Mai die Maßnahmen lockerte. Wie viele Menschen hatte ich denn in den letzten 48 Stunden gesehen? Ich spürte, wie sich mein Atem unter der Decke um das Gesicht legte. Feuchte Wärme legte sich auf meinen Wangen ab.

In den Wochen davor hatten meine Frau und ich ohnehin so viel gestritten, dass sie nicht mehr... - Sie sagte, „Das überrascht mich jetzt auch nicht mehr“, als sie meine Argumentation zum Anlass nahm, um mit den Kindern zu ihrer Schwester nach Prenzlauer Berg zu ziehen.

Ich öffnete die Kalender-App und musste eine Weile scrollen, bis ich den letzten Tag mit einem Eintrag fand. Ich zählte. In Wahrheit hatte ich bereits die letzten 64 Tage niemanden gesehen. Ich hörte das Ehepaar in der Wohnung nebenan wieder schreien. Ging Bluetooth auch durch Wände? - 64 Tage. Niemanden. Nichtmal in den schwarzen Löchern gegenüber.

 

Christian Lange-Hausstein

 

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Wenn ein Plan funktioniert

Ich kann außerhalb unserer Sitzungen halt nur mit niemandem darüber reden. Das ist das, was es schade macht. Es gibt nur die wenigen Tagebucheinträge, ich habe sie nicht einmal verschlagwortet, deshalb muss mein Biograph, aber das ist auch erst, wenn ich schon tot bin, deshalb muss mein Biograph da auch erstmal draufkommen, also in welchem Zusammenhang diese Tagebucheinträge stehen. Da steht ja nirgendwo Volksbühne oder Lederer oder, wie heißt sie, die kleine Maus, die jetzt einen auf Sprecherin mit großgeschriebenem "I" macht, als wäre sie keine Frau – die Deutschen sind wirklich krass – mit ihrem devoten Schmusi da neben sich, das konnte ich ja damals, als das Konzept entstand, da war ich fünfundzwanzig, sowas in dem Dreh, da konnte ich das doch nicht wissen, dass das jetzt genau dieser Lederer ist und diese Maus und ihr Schmusi. Damals war nur abstrakt klar, wenn man etwas Neues haben will, dann muss es einen Knall geben, die Leute sind zu faul, um sich einzubringen, wenn alles schon irgendwie okay ist. Alles irgendwie schon okay, das akzeptieren die, da lehnt sich keiner gegen auf.

Ich meine. Also mir tut das ja auch leid. Schauspieler entlassen, Bühnenpersonal. Das sind ja Existenzen, die da dranhängen. Nicht nur materiell, auch ideell, die haben sich ja alle miteinander und mit ihrer Intendanz identifiziert. Das war ja gewachsen. Da zerstören sie ganze Leben, wenn sie die entlassen, ganze Familien. Die eine hat ihren Mann verloren, meine Assistentin hat mir davon berichtet. Die hätte jetzt ein Engagement in Bochum haben können und da hat der Mann gesagt, sowas macht er nicht, der Sohn kommt in einem halben Jahr in die Schule, da kann man auch nicht nochmal die Kita wechseln und dann ist es doch besser, konsequent zu sein. Und buff. Da war er draußen, ein Kunstsammler, im Brotberuf Radiologe. Der hatte natürlich auch einen guten Anwalt- wegen dem Sohn. Und verheiratet waren sie auch nicht, sondern immer so so-ein-Behördenakt-macht-meine-Liebe-auch-nicht-echter-mäßig. Schauspielerin und Kunstsammler in Mitte halt. Und dann hat das mit dem Engagement in Bochum doch nicht geklappt und dann stand sie da. Da schlucken sie natürlich, wenn sie von so einem Schicksal hören. Da bekommen sie auch Zweifel. Da muss man dann schon auch nochmal, how do you say, tief in die Argumentenkiste greifen, damit man da nicht schwach wird und sagt Hey, ihr seid alle Teil einer Inszenierung, sondern dichthält und weitermacht. Aber im Ernst, wenn du schon Künstler sein willst, dann kannst du dich nicht mit so lapidaren Fragen wie deiner Existenz aufhalten. Ich meine. Bis zur Selbstverleugnung.

Ich leide ja auch. Dieser silberne Bart. Dieser Künstlerschal. Jeden Morgen dieser Scheitel, meinen sie, der sieht von allein so dynamisch geworfen aus? Verzeihen sie die Frage, das ist übergriffig, beim Recap unserer letzten Sitzung ist mir aufgefallen, dass ich das öfter mache, ich will das verbessern. Aber wirklich: Haben sie das Interview mit mir bei Kulturzeit in 3sat gesehen? Können sie sich vorstellen, sowas zu sagen und dann nicht zu sagen, Hey, nur ein Spaß, haha, sondern mit "Ich danke ihnen" das Gespräch zu beenden und dann denken die Zuschauer das alle. Kamera aus, die Moderatorin macht einfach mit Flüchtlingskrise weiter, die Leute schalten ab und denken, der Typ macht da jetzt echt einen auf Disney Land, Dance Performance, ich meine, schon das Wort, Dance Performance.

Jedenfalls von den Lebenden, die zwischen jetzt und dem Aufschrei meines Biographen, wenn er die Erkenntnis hat, sterben, von diesen Lebenden wird niemals einer erfahren, dass das eine Installation ist, dass diese Inszenierung einem Plan folgt, dass ich mit alledem die Bande links und rechts auf dem Lebensweg der sogenannten Bevölkerung so sehr verengen will, dass die, wie heißen die Mitglieder von einem Volk auf Deutsch, jedenfalls dass die Menschen wieder in Fahrt kommen, das Heft selbst in die Hand nehmen, aufstehen, besetzen, eigene Spielpläne erstellen, an sich selbst, an den Mitgliedern ihrer Gruppe lernen, wie schwer es ist, in Abstimmungsprozessen zu bestehen, sich auf Stücke zu einigen, Schauspieler zu finden, die allen entsprechen, ein Bühnenbild zu bauen, den Vertrieb unter Gästen zu organisieren, die kein Geld haben und den Beteiligten irgendwann doch etwas zu zahlen, damit sie sich konzentrieren können, darauf Kunst zu machen, die aus dem Volk heraus, dem Volk das lahm geworden ist, auf die Bühne gekotzt wird, als Abwehrreaktion, bevor das Schlimmste passiert, rosa, Glitzer, Musical, und zwar ernst gemeint.

Das alles abzuwenden wird sie Kraft kosten, man wird den Schweiß riechen, die Hitze der Scheinwerfer wird ihn in den Zuschauerraum tragen. Und dann: Man konsolidiert sich, alles wird bleiben, wie es war, bis ich kam und den Leuten zeigte, dass sie es so wollen, und sie werden nicht mehr müde sein, sondern voller Eifer mit sich selbst und dem Erhalt dessen, was sie immer schon hatten und aufs Neue lieb gewonnen haben, so sehr beschäftigt sein, dass sie die einsame Stimme des FAZ-Feuilletonisten, der geleitet von dem Motiv, dem ganzen Klamauk etwas entgegenzusetzen, darauf kommt, dass man mir doch Danke sagen müsste, sie werden diese Stimme überlesen, ich werde nirgendwo twittern, dass ich es liebe, wenn ein Plan funktioniert und irgendwo zwischen unendlichem Glück, dass mein Plan funktioniert und dem Hass der Welt, die doch meine ist, die Welt der Kunst, die mich verachten muss, dort werde ich verweilen, verlassen von denen, die mich auf der letzten Stufe der Umsetzung meines Plans gegen sich ausgetauscht haben, werde ruhiger werden, ein bisschen traurig sein, und froh.

Christian Lange-Hausstein

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