freiTEXT | Avy Gdańsk

Nach-t-wuchs

In den Schatten unter deinen Augen lese ich: Der Schlaf war wieder zu dünn, eine Schicht Eis auf dem See, schnell eingebrochen. Immer fräst sich der Lärm durch die Traumwände, rückt von allen Seiten unerträglich nah. Ein Erwachen wie das Einschalten der Maschine, Wiegegriff und drohende Beruhigungslaute einer nicht weit entfernten Böschung. Die Erschöpfung bringt dich an den Rand des Guten.

In den Dachbodentagen waren wir der Lärm, ein springender Laut wie Gebälk, gegen die Nischen anbrüllendes Tiersal, eine Tapete aus Gegröl. Wir waren augsam auch, schaulustige kleine Geschöpfe mit Bast an den Wimpern, die Blicke flochten sich beinahe von selbst, wir griffen ins Sichtfeld hinein und pflückten die Ansicht, aßen die Hügel auf, bis unsere Bäuche sich wieder verdünnten.

Wir waren entsetzlich bedürftiges Faultier, ein Schnappen der Luft waren wir, ein Vergreifen an grünenden Zweigen. Eigentlich gebaut als Hoffnungsträger, zum Schultern von Erwartung. Knickten darunter ein, weil wir aus Fleisch waren und nicht, wie erfordert, aus Marmor.

Jeder Raum von uns: angefüllt bis unter die Gestirne, die unsere rohen Hände verließen, durch die Nagelspitzen leuchteten. Wir, gegen die Decke, Verlängerung der Endlichkeit. Ein Warenhaus, ein Sindhaus, Wirdshaus, zerschlagen von uns, Abrissbirnenteile waren wir, Verwirklichung, Verwirung.

Und das willst du alles zurück? Willst Wanzenwänste, die in Westen stecken, willst auf den Kniepferdchen reiten den saftigen Wolken hernach, willst die gewellten Scheren halten, Meere aus Karton.

Wackersteinschlieren willst du, Blubbern unter gesenkter Hand, und dann so tun, als sei es ein Quell aus dem Erdreich. So lernt jeder auf andere Weise, dass es zum Oben ein Unten gibt. Die Blasen, lustig anzusehen für den Tunkenden, waren die Angstschreie dessen, den er zur Tiefgründigkeit zwang. Danach gab es kein Zurück an die Oberfläche, man hatte die Unterseite der Welt gesehen und erkannte sie überall wieder. So wurden wir verschieden, dadurch, wie lange wir uns einander dem Schatten aussetzten, einander das Licht entzogen. Ich konnte mich immer schon besser an die Dunkelheit anpassen.

Dein Nachwuchs, mein Nachtwuchs. Weil du im Hellen lebtest, trafst du andere Entscheidungen. Die Sonne aber wandert, und der Schatten macht dir Angst. Willst dich absichern gegen die Kühle, die du nicht gewohnt bist. Vermisst das Kirschkernspucken gegen fremde Knie. Was willst du wirklich, die früheren Wunder, die alten Wunden? Suchst nach erneuter Verkleinerung, um wieder Zugang zu finden zu den Wichteltüren, zur Schneckenpost, zum Kürbislächeln. Ich finde ihn noch, jenen Eingang, nicht unentwegt, aber oft, drum lass dir eins gesagt sein:

Was du jetzt nicht mit Herzfingern greifen kannst, die rot sich um Luftburgen schlingen, kommt auch durch Vereinfältigung nicht zurück. Siehst du jetzt nicht die gebräunten Buckel der Trauben, die Käppchen der hageren Butten, was hilft dir ein zweites Paar Augen? Du suchst eine füllende Masse, die dein Lächeln drückt bis an den Lidrand, formbar soll sie sein, ein haltbares Kunstwerk. Dein eigener Hoffnungsträger, da du sie selbst nicht mehr halten kannst in deinen schwachen Händen.

Willst wieder reden mit wirbelndem Mund, möchtest dein Singen erfinden, die Muster unterm Regenteppich sehen, mit der Laterne durch die allererste Nacht, verborgene Botschaften aufspüren.

Zuerst aber musst du dein Leben verlieren.

Die sägende Saite spielt dich, ein Geigenbogen gegen deine Kehle ist der Schlaf, zu dünn, er schneidet ein, er zieht sich zu, der Atem dünne Klingen, die Luft rasiert den Rachen, die Lider dünn, die Nerven dünn, die Lippen. Wann werden die Wangen voller, fragst du dich, horten wie Hamsterbäckchen das Lachen? Auf Stroh – weißt du noch? – schliefen wir einmal und es wurde nicht zu Gold, auch wenn wir daran glaubten, im Schlaf es fest uns wünschten. So mag es nun wieder sein, oder Gold aber macht dich doch nicht froh.

Denkst heimlich daran, es zurückzurollen ins Wasser, die strampelnde Kugel zu tauschen gegen einen zauberhaften Prinzen. Doch alles sind falsche Versprechen, Wasserfall ist keine Möglichkeit, zwischen deinen blonden Strähnen erste Grausamkeiten.

Treffen wir uns, bekomme ich nichts als Fassade. Ist das die Strafe für die Opfer, die ich nicht bringen wollte? Dein Himbeerlächeln, extradick aufgeschmiert: Zucker, der zusetzen soll. Dein ganzer Stolz – hüfthoch – reicht, um dich damit zu schmücken, solange wir uns sehen. Es ist niemals lang. Kann dies, kann das, tut dies, tut jenes, wird aber fremder Tag für Tag, die Entwirung beginnt schon allmählich – das spüre ich, obwohl du es versteckst.

Du wieder oft im Alleingang, arbeitsame Hände, wir ziehen tolle Formen aus der Leere, du und ich, sie folgt unseren Gesten nach Hause. Hat man nichts zu tun, ist man dem Sein so ausgesetzt, nicht wahr, man muss sich dem Ich übergeben, also bewegt man die Finger, um es zu vertreiben.

Ich brauche deine Beweismittel nicht, die verzweifelten Superlative, die Fotos, deren Strahlen etwas überblenden soll. Ich sehe dich hinter den Gardinen auch schimpfen, weinen, müde an die Wand starren. Neide mir nicht die Bewegungsfreiheit, die Zeitlosigkeit und dass ich verfügen kann, wo du verfügbar bist.

Einmal treffen wir uns unterwegs auf der Straße, du siehst aufgegeben aus, und weil es keinen Ausweg gibt, stellst du dich mir. Als wolltest du flüstern: Los, spotte doch schon. Da sage ich es dir: Schluss mit dem Wettkampf. Wir müssen uns nichts vormachen, müssen nicht drum eifern, welcher Lebensentwurf der bessere ist. Entwürfe sind Linien, um das Weiße des Blatts zu bedecken. Und füllst du es bis an den Rand, ist es zu dunkel. Lass das Nichts durch, oder verzichte aufs Licht. In jedem Fall verlieren wir.

Da schlägt deine Lebenslinie dankbar aus, rutscht auf meine Seite der Welt, seit langem überkreuzen sie sich wieder. Geben wir sie zu, die Einsamkeiten, gegen die nichts gewachsen ist, nicht mal das, was wir selbst aufgezogen haben.

Unsere Freuden sind anders geworden, betretbar, die Trauer unverhüllt, beschaulich, wir lassen die Vergleiche sausen, wo es geht.

Manchmal, wenn ich drüben bei dir eingeladen bin, betrachte ich die Abspaltung deines Selbst, rasch heranwachsend, beim Zeichnen auf der Terrasse. Der Stift schlittert hinter der Vorstellung her, die Hände tappen im Dunkeln.

.

Avy Gdańsk

.

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

05 | Avy Gdańsk

Alle davon

Rührendes Gemehlde: Teiggesichter in Scheiben, Halbmondgrübchen, Lächeln auf Blechen. Firmament aus Stroh festgesteckt an wohlriechenden Nadeln – Voodootanne. Und Licht von einer Wärme, die den Gehsteig nicht erreicht. Wie auch von den Stimmen – helle Mehlstimmen – nur das gedämpfte Beschlagen bleibt, Staubschicht gegen die Fenster, inhaltsleeres Krakeelen.

Die schwarzen Stiefel eines Backwarenverächters knirschen auf der Straße. Lukas mit dem unwahrscheinlich blonden Haar, strubbelige Geistermähne, unsichtbare Augenbrauen. Ein Mehlwurm in der Vorratskammer der Gesellschaft, getarnt in Schnee und nachtschwarzer Jacke. Vor sich den kreischenden Weg zum Dorfrand, wo der Schnee nie stillgibt und die Festtage ihr hässliches Antlitz in den Christbaumkugeln nicht ertragen können. Die Glocken läuten hier nur zur Mette, um daran zu erinnern, dass es eine Außenwelt gibt.

In Jonnys Kellerwohnung steht kein Baum, und die Glocken gehen unter in den schweren Riffs aus der Anlage. Lukas klopft zweimal gegen das Fenster, es öffnet sich, Qualm entsteigt. Jonnys Stimme, sanft und hell trotz jahrelangen Kettenrauchens. „Warte, ich komm hoch, muss den Aschenbecher ausleeren.“ Sie treffen sich im Hof.

„Weißt du überhaupt noch, wie frische Luft riecht?“ Gehustetes Lachen, Rücken werden geklopft, Lukas am ledernen Arm die Treppe mit herunter gezogen. Neblichtes Zimmer, die Schwaden ziehen durch die gekippten Fenster, die schmal unter der Decke kauern. Rauchzeichen formieren sich in der Winterkälte zum Mittelfinger gegen die Besinnlichkeit. Im Zimmer wird es langsam kühl.

Der kühle Vorraum damals hinter der Haustür, am anderen Ende des Dorfes, wo Lukas sich Stiefel und Mantel auszog und das traurige Lächeln von Jonnys Mutter sich auf seine eigenen Mundwinkel übertrug, als wäre die schale Wohnungsluft zwischen ihnen Pauspapier und er selbst wüsste den Grund der Trauer nicht. Wie froh er ist, nicht mehr an ihr vorbei zu müssen.

Sie hat auch den Namen ausgesucht, diesen braven und biblischen Namen, für den sich Jonny geschämt hat, Jonah, weil er ihn mit einer unerfüllbaren Hoffnung belastete. Den Spitznamen hat er in der Schule bekommen und ist dabei geblieben, obwohl die anderen Kinder sich damit über ihn lustig machen wollten. Jonny, der trottelige Cowboy, der bei einer Kostümfeier über seine eigenen Stiefel stolperte und damit alle zum Wiehern brachte. Der zu still war und zu schüchtern, um den Revolverheld zu mimen, und deshalb so ein lächerliches Bild abgab. Beinahe erleichternd fiel ihm ab da die Rolle der Witzfigur zu, die zu erfüllen ihm keine Mühe bereitete.

„Wenn sie schon über dich lachen, dann gib ihnen wenigstens nen Grund dazu, sonst stehst du noch blöder da“, hat Jonny mal zu Lukas gesagt, in einem der seltenen Momente, wo seine Lippenspitzen nicht wie gewohnt durch Verlegenheit in diese halbe Höhe rutschten, als wäre sein Lächeln von der Klippe gestürzt und verunglückt, als hielte der Ernst sich vor Angst hinterm Herzen zurück und traue sich nicht, ins Gesicht zu steigen.

Jonny fällt aufs Sofa, klopft auf den Platz neben sich, während er mit den Lippen schon eine neue Kippe aus der Schachtel zieht wie für ein einzuübendes Zirkusstück. Hält Lukas die Packung hin, brüderlich geteiltes Gesundheitsrisiko. Grinst, als er Lukas das Ende ansteckt. „Wie früher“, mit gezündeten Augen und hauchdünnen Lippen. Reicht Lukas ohne zu fragen das erste Bier.

„Worauf hast du Bock? Hab noch n paar neue Videos besorgt. Von Nosferatu bis Fright Night.“ Im ewigen Dämmerlicht des Zimmers, im bläulichen Dunst sieht Jonny verschwommen aus, flimmernd. Der Aschenbecher gigantisch, eine Schale aus dickem, rotem Glas, durch das in den Abendstunden die Sonne fällt wie durch ein Kirchenfenster. Dazu die Chöre des Fernsehers, der immer läuft, wenn die Musik aus ist. Lukas betrachtet die grobkörnigen Gardinen, die jedes Mal etwas mehr gilben, als denke er über die Frage nach. Schmeckt irgendwie Süßes durch den Rauch, als hätte Jonny sich eine Zimtstange statt einer Zigarette angezündet.

„Lass uns mit nem Klassiker anfangen“, bringt er schließlich heraus, „vielleicht was mit Bela Lugosi?“ Jonny nickt, mehr im Takt zur Musik denn als Antwort, greift dann aber zur Videokiste, stellt sie auf seinen Oberschenkeln in den abgewetzten Jeans ab und sucht nach dem Band.

Zwischen spitzen Frauenschreien die schwarzweißen Fragen nach Lukas‘ Handelsschule („Ich hasse es“) und Jonnys Job („Ich ertrag die Wichser nur, damit ich die Bude bezahlen kann“). Albträume sind wahr geworden. Lukas Tag für Tag im Anzug und Jonny wöchentlich im Proberaum der Tors, eine „waschechte Scheunenrockband“, als wäre das ein richtiges Genre und ihr Name nicht das dämlichste aller Wortspiele. Eine dieser Lokalbands, die nur anderer Leute Lieder spielt und auf Dorffesten für Stimmung sorgt, wo Pärchen mittleren Alters mit weingeröteten Nasen erst dazu tanzen, später enthemmt mitgrölen und anschließend hysterisch darüber kichern, weil sie sich selbst beim Ausbruch ertappen. Das Erstaunliche dabei ist, dass Die Tors ständig gebucht werden, ob für Hochzeit, Geburtstag, Taufe oder Hauseinweihung und sogar für Beerdigungen. „Das geht nur hier, am Arsch der Welt“, lacht Jonny. „Aber ich bau mir ein zweites Standbein auf. Der Conrad sagt, ich bin gut. Er gibt mir ein, zwei ausrangierte Liegen, für den Rest spar ich, und dann mach ich hier mein eigenes Tattoo-Studio auf.“

Lukas ist skeptisch. „Hier, am Arsch der Welt? Kommt da jemand vorbei?“

Jonny winkt ab. „Con-Man meint, das geht schon. Ich soll mit ein paar Bekannten anfangen und dann spricht sich das rum, sagt er. Die…“, Jonny stockt und kratzt sich im Nacken, Wärme wird auf Wangen sichtbar, wieder liegt ein verunglücktes Lächeln in seinen letzten Zuckungen.

„Ich höre?“ Lukas zieht eine Augenbraue hoch. Jonny druckst herum.

„Also… Die Räuberhauptfrau hat schon gesagt, sie kommt vorbei. Um sich von mir stechen zu lassen. Die Haut, mein ich.“

„Die Räuberhauptfrau? Hat die auch einen Namen?“ Lukas überlegt, ob er seine neue Freundin auch erwähnen oder lieber verschweigen soll. Nur, wenn Jonny bereit für mein Glück ist, hat er sich vorher gesagt.

„Hat sie, aber den sag ich nich. In ein paar Wochen hat sie eh kein Interesse mehr. Hat sich von Conrad nen Violinschlüssel tätowieren lassen, um ihre Eltern zu schocken, bevor sie auf die Uni geht. Die ist aus gutem Hause, sag ich dir. Was will die schon von mir? Sobald die merkt, dass ich keine Ahnung von Beethoven hab und nur ein paar Gedichte von Benn versteh, ist es eh vorbei.“ Jonny setzt die Flasche an und ertränkt den Fortgang des Gesprächs mit einem gewaltigen Schluck.

Plötzlich knurrt Lukas‘ Magen wie Lon Chaney Jr. Er hätte vorher etwas essen sollen – bei Jonny, weiß er, gibt es nur Flüssignahrung. Entsprechend dünn ist sein Freund. Der aber schaut triumphierend hoch und sagt „Ha! Das hätt ich fast vergessen. Ich hab was für uns“, als müsse er selbst nicht essen und tue es nur Lukas zuliebe.

In der Küche – eine alte Küche, früher viel benutzt und heute kaum – das angekündigte Abendmahl: zwei Tiefkühlpizzen und ein Bottich selbstgemachten Glühweins. Zu Feier des Tages. Aus vom Weihnachtsmarkt vor acht Jahren geklauten Bechern. Hier kommt der Zimtgeruch her. Lukas‘ Hände knistern, als Jonny ihm das heiße Gebräu eingießt wie ein manischer Druide. „Zaubertrank. Das einzige, wofür dieses beschissene Fest gut ist. Also dann: Frohe Heilandsgeburt. Wie heißt es bei Benn? Schließlich kommt es, bläulich und klein. Urin und Stuhlgang salben es ein. Prost.“ Sie kennen nicht viele Dichter, die üblichen Handvoll, und Benn nur, weil Lukas Abitur gemacht hat. Es gefällt ihnen, wie verächtlich und angeekelt er über Menschen schreibt. Der wusste Bescheid.

Lukas nimmt einen Schluck, blutwarm und wachsrot, Advent brennt seine Kehle lang wie an einem Docht, er ist die letzte Kerze auf dem Kranz, Lichtgeruch in der Nase, sein Kopf scheint schwer, seine Versprechen werden hochheilig. Der Geist fährt in sie – „Traubengeist“, wie Jonny trocken lacht – befähigt sie, in anderen Zungen zu sprechen, denen des Gefühls, „vielleicht haben die Scheißjünger an Pfingsten bloß gesoffen“, und mit jedem entblößten Eckzahn auf dem Bildschirm spitzt sich diese Sprache zu, die ihnen nicht neu ist, aber zwischendurch immer verschüttet geht und wieder geborgen werden muss – Glück auf!

Und nun geht alles, was unmöglich schien. Jonnys Lächeln kraxelt bis zum Gipfel, bevor es sich hinabstürzt, und dann marschiert der Ernst auf in einer geraden, scharfen Linie vom Nasenflügel bis zum Mundwinkel, schreitet abwärts bis in Jonnys Stimme, die schwer wird und fest, wie auch seine Konturen trotz unablässigem Kippendunst immer schärfer und fester werden. Seine Jugend trägt sich ab, schneller noch als die von Lukas, rasend schnell. Jonny fühlt sich „so runtergekommen, aber dazu muss man erst oben gewesen sein“. Er sieht seinem Vater „viel zu ähnlich“, vielleicht deshalb die ganzen Ringe und Kugeln, um seinem Gesicht eine andere Wendung zu geben, um es gegen die Genetik zu gestalten. Gleich drei Piercings unter dem linken Mundwinkel wie ein Erkennungsmerkmal. Wo andere einen Punkt setzen, lässt Jonny drei davon stehen, jeder Satz ins Leere laufend, ins Nichts… Auf dem Bildschirm blutet jemand aus.

Die Becher nie halbleer, immer randvoll, dafür sorgt Jonny schon mit der Schöpfkelle und der Wein wird nicht weniger, Hochzeit von Kanaan, und das Wort Trunkenheit klingt so viel würdevoller und erhabener als dieses wüste Gelage es ist, dieser erbärmliche Versuch, eingestürzte Minen freizuschaufeln. Was in ihnen wütet, Jonny weiß es zu benennen, „eine Losigkeit“, und weint, weil es wahr ist. „Wie mein alter Herr: hat immer geheult, wenn er blau war“, stößt er voll Abscheu aus, „jeden Abend, bis er einfach umgefallen ist.“ Kommt in Fahrt, kann gar nicht mehr bei sich behalten, was sonst unausgesprochen verkümmert. „Und Toni, die Räuberhauptfrau, was soll ich da tun? Ich weiß jetzt schon, wenn sie mich anschaut und nicht zurückschreckt vor dem, was sie sieht… Wenn sie mich ansieht, mit zärtlichem Lächeln, dann kann ich zwar so zurückgucken, klar, aber ich liebe doch nur die mir zugewandte Seite. Ich kann doch nicht mehr geben, als ich hab.“ Wischt über die roten Augen mit zitternder Hand, die vom Ernst gezogenen Gräben werden tiefer, dort hat sich etwas abgesetzt, drückt die Mundwinkel nach unten. „Ich will das alles nicht, aber ich hab keine Ahnung, was ich stattdessen will. Irgendwas musst du wollen, haben immer alle gesagt. Vielleicht will ich einfach nur ein Ende, vielleicht ist das alles, was ich will.“ Noch ein Schluck, noch ein Schluchzen. „Immer muss es weitergehen und immer muss man das Leben bejahen. Auch wenn jeder weiß, dass es sinnlos ist und beschissen. Aber wenn du es nicht toll findest, sind alle sauer. Dann kommt irgendein Aufbauspruch oder Trost, der keiner ist. Ich will nur in Ruhe aufhören können.“ Krümmung zur Brust, den Hinterkopf in den Händen. „Aufhören zu nehmen, was ich eh nicht halten kann.“ Der Ellenbogen stößt eine leere Bierflasche um, die auf den Fliesen zerbricht. „Für die Unvollständigen gibt es nur Nehmen. Verzehren sich und andere. Nehmet und –“ Lukas, der Scherbenbeseitiger, liest das gläserne Vermächtnis auf und schon fließt Blut über die Handfläche. Der Himmel zieht zu, der Bildschirm wird schwarz, darin Lukas‘ Spiegelbild, die Haare hell wie ein Heiligenschein. Jonnys erstickende Worte hinter seinem Handrücken, er wird rot, während er trinkt, rote Lippen, rote Piercings, rotes Rinnsal übers Kinn. Wo kommen die verdrehten Augen an? Ein Gründonnerstag mitten im Winter, doch Jonny bleibt, obwohl er trinkt, der Ausgezehrte von den beiden. Die Salzreste auf seinen Lippen brennen in der Wunde. Ein Versiegen, ein Versiegeln, der Film läuft weiter, jemand seufzt.

Bei Sonnenaufgang lässt Lukas das Tor ins Schloss fallen. Schiebt sich ein Kaugummi in den Mund und betrachtet seine verbundene Hand. Auf der hellen Seite hält man oft mehr Kummer aus, denkt er.

.

Avy Gdańsk

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at

 


freiTEXT | Avy Gdańsk

Augenwischerei

Wieder wird eine Ladung Süßstoff vom Kuchenschiff abgehoben, verschwindet im Sahnehafen. Der Gabelstapler kehrt leer zurück. Das Schiff schon buglos, eine marzipanerne Galionsfigur sitzt noch obenauf. Ihr geht es als nächstes an den Kragen.

Zwischen der Frachtvernichtung, die Ronja vom ganzen Nachmittag am besten gefällt, plaudert ihr Gegenüber. Sie wünschte, er würde nichts anderes tun als essen und dann gehen, gerne würde sie ihm den Mund stopfen mit Kirschteilchenknebeln oder Ball-Gag-Berlinern. Eine Verstummelung, süßes Verschweigen.

Mit Zucker hat sie nichts zu tun, er sieht das anders. Weil er offenbar blind ist. Sie hat augenblicklich eine Zeile aus einem Mötley Crüe-Song im Kopf:

Well it’s no surprise, ‘cause you’ve got one-way eyes!

Einweg-Augen. In vielfacher Hinsicht.

Sie trinkt ihr Schwarzes und sagt, sie möge Bewegung, vor allem Wandern. Er mampft, meint Hättest du das nicht dazu gesagt, wäre es sexy gewesen.

Er wiederum könnte einfach gar nichts sagen, was ihn für sie sexy machen würde. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold und Taubstumm ist Platin. Aber selbst das würde bei ihm nicht helfen.

Das Gespräch ist keines, vielmehr ein Monolog. Alles daran ist mono, besonders der Ton. Sein Ton. Tonfiguren, er und all diese Männer, sie unterscheiden sich kaum voneinander. Ronja kennt sie schon, die Muster und Maschen, mit denen die Konversation vorgestrickt wurde. Er bedient sie alle. Schade, denn er ist die letzte Chance, die sie dem Sprechen gibt.

Durch kakaokrümelgeschwärzte Zähne bahnen sich Aussagen, und wo sie zu abgekaut sind, bläst die Stimme sie auf. Sätze, die immer beim Ich beginnen, der Versuch einer Selbstverwirklichung durch Worte. Ich denke nicht in Mustern. Und wenige Sätze später Ich bin keiner von diesen Eyeliner-Sensibelchen. Da ist ja schon der erste Widerspruch. Auch dieser Kerl: trampelfad. Erschafft die Welt nach seinen Maßstäben. Ronja aber hat Mehrweg-Augen, die das Seemannsgarn mit Nadelblicken heraustrennen. Wird gerne zum Überzeugungstöter.

Die Allgemeinwissensdusche lässt sie ins Leere rieseln. Oberflächlichkeiten. Außerdem weiß ich das schon alles. Nur das Darunter zählt. Und ehe er einen schlüpfrigen Witz machen kann, wie sie es von seinesgleichen gewohnt ist: Was du weißt, will ich nicht wissen. Was in deinem Kopf hängt, wenn du nach innen sinkst, das schon. Wie du empfindest, wie du wahrnimmst. Nur das Verletzliche zählt. Schäl, wenn du sprichst, das Gefühl.

Der Kuchenverlader, unfähig zum Entkernen, bläst kurz die Gebäcktaschen auf, holt zur Gegenoffensive aus. Eine billige, die Ronja längst kennt – diese Typen gleichen sich wirklich wie ein Schokonikolaus dem anderen: Sie sind alle hohl und brechen nach der ersten bissigen Bemerkung zusammen.

Während ihm aus dem klaffenden Vollmilchschlund schlechte Vergleiche und Reste seiner Zulänglichkeit bröckeln, mit denen er ein unschmeichelhaftes Dessertportrait von ihr hinschmiert, wird Ronja unfassbar müde.

Müde von den Deutungshoheiten, die sich mit eigenen Worten krönen. Ihr Mundwerkzeug nur dazu da, sich die Umwelt untertan zu machen, konsumierbar – während sie Ronja auf Diät setzen wollen. Immer gleiche Schnittbewegungen und Schnittmuster, aber auf Einzigartigkeit pochend: Du wirst mich nie etwas machen sehen, weil es gerade angesagt ist. Es ist die Artigkeit, die bei all diesen Sätzen übrigbleibt. Sprache bleibt nur Trimmaufsatz, reine Oberflächenbearbeitung.

Vom Verborgenen mag Ronja gar nicht erst anfangen, von dem, was sie hinter den Dingen entdeckt. Mit Geheimlehren kannst du mich jagen. Er sieht sofort Esoterik darin. Dabei geht es gar nicht darum. Aber das kann nur erkennen, wer ein feines Gespür dafür besitzt, was unter dem Sichtbaren liegt. Hier ist alles Tunnelblick. Einwegaugen.

Wo sind die Gesprächspartner hin verschwunden, die packenden Zuhörer, denen es nicht darum ging, sich selbst zu inszenieren? Die mit Ronja suchten und irrten, Zugänge zueinander legten mit vorsichtigen Worten, mit zweifelnder, brechender, bewegter Stimme? Mit denen man Gemeinsames erschuf im Reden, unter die Zungen tauchte, wo die Gedankenströme zusammenflossen? Ronja vermisst sie, verzehrt sich danach, wie sie einander die Augen wuschen, jeder Rausch ließ den Blick aufklaren. Ganz anders als jetzt.

Sie wischt gelangweilt mit den Fingern über die Cremigkeit des Tellers, fährt anschließend damit über die Pupillen ihres überraschten Begegners, dreht sie nach hinten. Zwei liegengebliebene Schattenmorellen drückt sie auf das vollkommene Weiß, fruchtig-erfrischendes Weltbild.

Die Gäste im Café erwachen aus ihrem Nachmittagsdösen, als sie mit dem Löffel die Zunge des Kuchenmanns abschabt, um ihr eine neue Glasur zu geben, einen Belag aus Aprikosenaufstrich für schmackhaftere Gespräche.

Blut und Konfitüre, eine noch unverbrauchte Mischung. Der Nachtischler spuckt kleine Töne nun, kauernde Zwischentöne, während Ronja sich den Kehlkuchen schmecken lässt.

 

Avy Gdańsk

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>