freiTEXT | Özden Gülcicek

Elisa

Sie würde ihm ein Notizbuch kaufen, dachte sie, mit geschlossenen Augen, die Hände auf den Ohren der Tochter, die wie durch ein Wunder noch auf dem Bauch der Mutter weiterschlief. Das gleiche Notizbuch, das er ihr vor einiger Zeit überlassen hatte, obwohl er dann zu verstehen gab, dass er es eigentlich lieber behalten hätte. Sie hatte gespürt, dass er nur widerwillig zustimmte, als sie ihn fragte. Ihr eigenes war gerade vollgeschrieben. In diesem Moment pochte der Drang, weiterschreiben zu können, stärker als das Unwohlsein darüber, in seine Schuld zu geraten. Sie würde ihm ein neues kaufen und dann mit Mina verschwinden.
Er liebt es, wenn sie spricht, fließend in einer Sprache, die nicht seine ist, wenn sie Witze macht, ohne zu zögern. Er versteht genug, um zu begreifen, dass es Witze sind, und es erinnert ihn an das, was er an ihr nicht begreifen kann. Sie sitzt am Sekretär, telefoniert mit Kunden in Spanien, vor sich das Notizbuch, von dem sie ihm ein neues gekauft hatte, nach der Sache neulich. Er hatte gesagt, es täte ihm leid, aber eigentlich war sie selbst schuld gewesen.
Ich werde diese Schlampe für alles bezahlen lassen, sagt er, als sie mit dem Telefonat fertig ist. Ich werde ihre ganze Familie hineinziehen und sie leiden lassen.
Dir ist klar, dass ich zur Polizei gehen muss, wenn du solche Dinge sagst, entgegnete sie.

Damals hatte Elisa die Polizei gerufen, und er hatte es ihr nicht verziehen.
Geh zur Polizei, deine besten Freunde. Du bist so eine verdammte Ratte, so eine Verräterin.
Ich hatte Angst vor dir.
Warum solltest du Angst vor mir haben? Du kennst mich doch. Ich habe dich nicht angefasst. Das machst nur du, denk dran.
Du hattest Mina im Arm. Ich musste sie dir wegnehmen. Das ist keine Misshandlung, das ist Notwehr.
Natürlich, wenn du es tust, ist es Notwehr. Wenn ich nur rede, weil du mich verrückt machst mit deiner ständigen Missbilligung von allem, was ich tue, ist das Missbrauch. Aber dass du mich schlägst, ist kein Missbrauch? Du hast mich terrorisiert. Du hast mich zerstört. Und ich habe nie die Polizei gerufen. Habe ich jemals die Polizei gerufen?
Sie will sich nicht wieder hineinziehen lassen, will nicht, dass ihr Blut schneller arbeitet als ihr Verstand. Sie hatte sich versprochen, es besser zu machen, besser für Mina. Die war jetzt in der Tagespflege.
Wir müssen ein paar Entscheidungen treffen, wie wir Mina gemeinsam erziehen wollen.
Ich treffe keine Entscheidungen mit dir. Ich bin jeden Tag mit meiner Tochter, jeden Tag. Das ist meine Entscheidung. Ich treffe keine anderen Entscheidungen.
Wieder dasselbe Lied.
Also gut. Wie du willst. Sie schafft es, sich zusammenzureißen und souverän zu reagieren. Sie ist zufrieden mit sich. Doch irgendwie hat sie ihn trotzdem provoziert.
Oh oh, wow wow, wie du willst, wie du willst. So sprechen wir jetzt also. Du bist so raffiniert, hysterisch! Hörst du? So hysterisch.
Er nennt sie immer hysterisch, wenn er so ist. Aber er hört auf und setzt sich aufs Sofa, als wäre nichts.
Ist es so, wie er behauptet? Ist Elisa schuld an allem? Ist nicht sie es, die ihr ins Gewissen redet, die ihn schlecht macht bei jeder Gelegenheit? Die sagt, sie müsse mehr erwarten, sich nicht so klein machen lassen, darauf bestehen, dass er mehr macht? Was soll ich noch machen, fragt er dann immer. Was denn noch? Und als sie ihn zum hundertsten Mal auf die Details hinweist, kocht er auf und nennt ihre Bitten lächerlich. Schleudert sie und Mina ins Bett mit seinem Getöse, dessen Wucht Sahar in die Matratze drückt, in Bewegungslosigkeit verharren lässt, lediglich ihre Finger in Bewegung, um Elisa anzurufen und still mithören zu lassen.
Sie greift nach dem Kochlöffel in der Schublade, tut so, als wolle sie ihn in der Küche benutzen, braucht aber nur etwas, woran sie sich festhalten kann, während sie eine einfache Frage stellen will, im richtigen, sanften Tonfall.
Ich muss noch etwas arbeiten, kannst du Mina heute abholen?
Ja klar, sagt er. Die Chancen dafür standen siebzig zu dreißig. Sie hat Glück.
Er verlässt das Haus, schreibt ihr eine halbe Stunde später, dass es draußen so schön sei und sie etwas Zeit miteinander verbringen sollten. Komm, lass uns im Park essen, wir kaufen Sandwiches und Limonade. Lass uns heute eine gute Zeit haben. Das ist wichtig.
Sie weiß, dass sie die Zeit zum Arbeiten nutzen sollte. Doch ein Bild von Mina mit Frank im Gras bleibt in ihr hängen. Es ist schön und flüchtig. Sie will es verdrängen, vor sich die Seite, die sie noch nicht zu Ende geschrieben hat.
Sie zieht ihre Sandalen an, streicht Sonnencreme auf die Haut. Sie muss ohnehin essen, kauft zwei Sandwiches, dazu Chips. Roastbeef und Reuben für ihn, Chicken Piccata und Reuben für sich. Mina wird jeweils eine Hälfte von jedem Elternteil essen.
Im Park bleibt sie stehen, als sie die beiden von Weitem erblickt. Die Tochter auf der Schulter des übergroßen Vaters, der wie ein Koloss hinausragt in die Krone der Kastanie, unter der sie nach den stacheligen Früchten greifen. Sahar nähert sich den beiden und entgegnet, obwohl niemand etwas gesagt hat: Kastanien darf man nicht vom Baum pflücken, man muss warten, bis sie im Herbst abfallen. Franks Blick, als er zu ihr runter sieht, ist in seiner Zornesfalte vergraben. Er legt eine Hand in ihr Hohlkreuz, gleitet, sie schiebend, sanft zur Wiese, wo er Mina von der Schulter nimmt und sie sich hinsetzen. Unbemerkt teilen sie die Sandwiches untereinander auf.
Sie will jemanden in ihrem Leben haben, jemanden, für den sie sich anstrengen könnte, jemanden, dem man nicht zeigen will, dass man aufgibt. Aber, denkt sie, es ist einfach, sich das auszumalen. Nicht so einfach, das zu finden. Vielleicht sollte sie einfach das Beste aus dem machen, was sie hat: ihre Familie, die da ist, wie sie ist, aus Fleisch und Blut, greifbar, sichtbar.
Sie merkt, dass er nur erschöpft ist. Als sie seine Hand greift, lässt sein Körper die Anspannung los. Er legt sich hin und schließt die Augen. Ihr Kopf beginnt zu kreisen. Elisa, denkt sie, Elisa.

 

Özden Gülcicek

 

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