freiTEXT | Katharina Ganss

Café Ursula

Ein Fleck, rund und braun, zieht sich über den Boden der Espressotasse. Ursula hebt sie gegen das Licht. Der Fleck sieht aus wie ein Auge. Sie greift zum Tuch, reibt. Der Fleck bleibt. Das Porzellan ist alt. Sie hat es vom Vorgänger übernommen.
Draußen, am Balneario 6, hängen die Balkone der Hotelblöcke wie Schuhkartons übereinander. Aus einem Radio dringt spanischer Pop, irgendwo scheppert Geschirr. Auf dem Gehweg schieben Touristen in Badelatschen ihre Sonnenbrände spazieren, daneben ein paar wenige Einheimische, um diese Jahreszeit noch in Winterjacken.
Ursula lächelt. Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, wofür sie ihr Erbe ausgegeben hat. Aber sie muss ja nicht alles wissen.
Die Luft im Café steht, aus der Ecke das leise Brummen des Kühlschranks. Sie öffnet ihn, prüft die Kälte mit der Hand. Genug für die Coca-Cola-Flaschen. Daneben der Zapfhahn. Nur der Bier-Lieferant war noch nicht da. Sie schaut auf ihr Handy. Nichts.
In den Regalen hinter der Theke die Gläser, sortiert nach Größe. Daneben eine Reihe Teebeutel in kleinen Holzkästen, mit Fähnchen nach vorne: Kamille, Pfefferminz, Fenchel, Schwarzer Tee.
„Trinken die da nicht nur Bier?“, hatte Achim gefragt.
„Eben nicht. Das nennt man Marktlücke“.
Sie atmet durch. Einmal. Dann noch einmal.
Auf den Tischen die leeren Vasen, daneben der Karton mit den Kerzen. Zwei Stühle sind nicht ausgeklappt, die Sitzkissen nicht ausgepackt. Die Musikanlage blinkt grün, aber es kommt kein Ton. Ein Kabel hängt lose von der Decke.
Ursula stützt eine Hand am Tresen ab. Holt ihr Handy heraus, wischt über das Display.
Immer noch keine Nachricht vom Bier-Lieferanten.
Ihr T-Shirt klebt am Rücken. Sobald der Sommer erst richtig da ist, wird sie um eine Klimaanlage nicht herumkommen. Draußen Gejohle. Ein Moped knattert vorbei. Beschützend streicht sie über die zwei Porzellanfiguren vor ihr auf der Holzplatte: eine dicke Köchin mit Tablett und ein lachender Bäcker mit ausgestrecktem Arm. Die hat sie aus Deutschland mitgebracht. In diesem Moment klopft es an die Glastür. Ursula zuckt zusammen, streift sich die Hände an der Hose ab.
Sie geht zur Tür, das Schild genau vor den Augen: „Cerrado“.
Durch das Glas sieht sie eine Frau, etwa gleich alt, gebräunt, weiße Bluse, die Sonnenbrille baumelt an einer Kette um den Hals. Die Frau winkt.
Ursula öffnet einen Spalt.
„Ich wollte wirklich nicht stören“, sagt die Frau und lächelt breit. „Aber ich hab gesehen, dass Sie neu sind, und da dachte ich mir: Ach komm, klopf einfach mal.“
„Ich eröffne erst morgen.“
„Ja, ja, klar. Ich wollte eigentlich nur kurz Hallo sagen. Ich bin Gudrun. Ich wohn hier gleich um die Ecke, die kleine Straße hoch, bei der Tankstelle, wissen Sie? Gegenüber vom Mercadona.“
Ursula nickt.
„Ich hab draußen das Schild gesehen und dachte gleich: endlich mal was Gemütliches hier. Wissen Sie, so was für die Seele.“
Ursula steht noch immer halb hinter der Tür. „Wollen Sie kurz reinkommen? Ich wollt grad sowieso…“, sie lässt den Satz offen.
„Ach wie nett. Nur wenn’s wirklich passt. Ich will Sie ja nicht aufhalten.“ Gudrun tritt ein, ohne zu zögern, schaut sich um, bleibt mitten im Raum stehen, die Tasche in der Armbeuge. „Schön haben Sie’s hier.“
„Einen Eistee?“, Ursula geht zur Theke, greift zur Karaffe.
Gudrun setzt sich an einen der noch nicht eingedeckten Tische. Schiebt eine Vase ein Stück zur Seite, richtet den Blick auf Ursula. „Ich liebe so was. Ich hab ja selber lange im Service gearbeitet, damals noch in Deutschland. Aber das ist ja heute auch nicht mehr das gleiche Land, oder?“
Ursula antwortet nicht sofort. Sie lässt Eiswürfel in die Gläser gleiten, langsam, es klirrt leise. Mutter hat auch immer so viel geredet.
„Schön warm heute, oder?“, Gudrun greift nach dem Glas. „Ich hab vorhin schon die ersten Verrückten im Meer gesehen. Bald ist hier wieder die Hölle los.“
Ursula nickt.
„Ich find’s toll, dass Sie das hier machen. Wirklich. So mutig. Schmeißen Sie den Laden ganz allein?“
„Fürs Erste ja.“
„Super. Die Leute werden’s lieben. Und wie kommt es, dass Sie hierhergekommen sind? Wenn ich fragen darf?“
Ursula bückt sich, stellt den Karton mit den Kerzen auf den Tisch, löst das Klebeband mit dem Schlüsselbund. Innen liegen die Kerzen in zwei Lagen, getrennt durch dünnes, weißes Papier. Sie zieht das erste Blatt zur Seite. Der Wachsgeruch steigt ihr in die Nase, süßlich, mit einem Hauch Vanille. „Ich wollte mal was Anderes.“
„Ja. Klar. Wer nicht?“ Gudrun lehnt sich zurück. „Ich hab jahrelang gesagt, ich zieh weg. Und dann kam, naja, dann kam der Punkt. Ich konnt nicht mehr. Man hält’s einfach nicht mehr aus, da drüben.“
Ursula nickt. Sie nimmt eine Kerze, dreht sie kurz in der Hand, setzt sie vorsichtig in den Kerzenhalter vor ihr. Sie wackelt. Ursula drückt sie leicht an, dreht sie, bis sie steht. „Ich hab es auch nicht mehr ausgehalten.“
„Ich mein, ganz ehrlich. Man darf doch gar nichts mehr sagen. Alles wird zensiert oder gleich falsch verstanden. Und wenn man dann mal was Kritisches sagt, ist man sofort in der falschen Ecke.“
Ursula hält die Kerze einen Moment zu lange zwischen den Fingern.
Das Gleiche hatte sie Achim erklärt. Oder versucht zu erklären.
Er hatte sie ausgelacht. „Wart´s ab, in einem halben Jahr bist du wieder zurück in Deutschland.“
Die Kerze, die sie in der Hand hält, rutscht ab, prallt vom Halter ab, rollt über den Tisch, landet auf dem Boden. Ursula bückt sich, hebt sie auf. Ein kleiner Riss zieht sich über die Seite, fast unsichtbar. Sie schiebt die Kerze in den Halter, richtet sie gerade. „Man wird nur noch verwaltet.“
„Genau. Nur noch Regeln, nur noch Vorschriften. Da wird doch jeder zum Duckmäuser.“
„Und dann die Preise“, Ursula zieht das Handy aus der Hosentasche. Kein Anruf, keine Nachricht. Sie zieht einen weiteren Karton hervor. „Alles teurer.“ Im Karton liegen die Kissen in zwei Reihen, säuberlich gestapelt, jedes in eine dünne Plastikhülle eingeschweißt. Dunkelgrüner Stoff. „Und nur miese Stimmung. Misstrauen überall.“ Sie nimmt das oberste heraus, reißt die Folie auf
„Aber hier ist’s anders, Sie werden´s sehen. Hier hat man noch Ruhe. Und Platz. Und Sonne.“
„Deswegen bin ich hier.“ Ursula kniet sich vor den ersten Stuhl, legt das Kissen auf die Sitzfläche. Sie zieht die Bänder nach unten, verknotet sie mit schnellen Fingern. Der Knoten rutscht. Sie zieht fester.
„Sie verstehen also, was ich meine. Sie haben die Konsequenz gezogen. Ich find das stark. Wirklich. Und dann gleich was Eigenes aufbauen.“
Ursula greift zum nächsten Stuhl, streicht über die Sitzfläche.
„Was Eigenes aufbauen“, endlich mal jemand, der das versteht. Mutter hatte damals eh nur noch genickt, egal, was man ihr erzählte.
Und Achim hatte gelacht, als sie ihm von der Café-Idee erzählt hatte. „Du?“ Dann war er zum Fenster gegangen, hatte eine seiner Zigaretten angesteckt.

Ursula legt das nächste Kissen auf, zieht die Bänder durch die Streben, knotet. „Ich wollte immer ein eigenes Café. Schon als Kind.“
„Na, sehen Sie. Dann war’s doch genau richtig. Ich mein, irgendwann muss man doch einfach raus. Aus dem ganzen Zeug. Aus diesem System da.“ Gudrun strahlt. Sie sieht sich um, zeigt auf die Fensterscheibe. „Und der Blick! Und das Licht! Und das Meer! Das kann einem jedenfalls keiner nehmen.“
Ursula richtet sich auf, folgt ihrem Blick.
Draußen flimmert der Asphalt. Das Meer ist von hier aus nicht zu sehen, aber der Kiosk auf der anderen Straßenseite hat bunte, aufblasbare Schwimmringe in der Auslage.
Ursula wirf einen Blick auf ihr Handy. Keine neue Nachricht. Sie öffnet ihren E-Mail-Account, aktualisiert. Nichts. Der Bier-Lieferant hätte längst da sein sollen.
„Ist was?“, fragt Gudrun.
„Die Lieferung der Bierfässer. Der Fahrer hat sich gemeldet, dass er gleich da ist. Vor über einer Stunde. Jetzt: Funkstille.“
Gudrun verdreht die Augen.
„Ich eröffne morgen, und hab nicht mal die Getränke.“
„Spanier?“
Ursula nickt.
„Na dann. Das wundert mich überhaupt nicht. Hier läuft alles ein bisschen anders.“
Ursula nimmt das Handy. Dreht es einmal in der Hand, legt es wieder hin. Legt beide Hände vor sich ausgestreckt auf den Tisch. Die Tischdecke hat eine Falte, diagonal unter dem Platzset. Draußen grölt wieder jemand „Atemlos“.
Sie nimmt das Platzset vom Tisch. Darunter ist der Stoff dunkler, unberührt. Sie streicht die Falte glatt, legt es zurück, genau auf die Falte.
Morgen würden die ersten Gäste kommen.
Die Falte bleibt.

 

Katharina Ganss

 

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