Hákarl

Tag drängt in den Raum, grau.
Ich schaue raus, mein Nachbar steht auf dem Balkon,
er ist auf Hüfthöhe abgeschnitten.
Er raucht und kratzt sich den Bauch, bohrt mit einem Finger im Nabel.
Ich ziehe den Vorhang zu, bleibe noch einen Moment so stehen,
dann setze ich mich zurück auf das Bett,
wische ein paar Krümel beiseite,
Pistazienschalen,
greife nach meinem Laptop.
Das Computerlicht scheint mir ins Gesicht, blau.

Ich fahre mit dem Mauszeiger über die Seiten von eben,
nutze dafür den spröden Gummiknopf auf der Tastatur.
Er fühlt sich an wie etwas, das einem Tier unter den Pfoten wächst.
Ich scrolle zu dem Abschnitt, bei dem ich eben noch war, lese:
Die Fischerin sagt, einen Grönlandhai als Beifang haben,
das sei wie in einen Hundehaufen zu treten.

Es gibt Bilder von Grönlandhaien,
auf denen liegen sie mit offenen Mäulern auf dem Rücken,
haben die Farbe von Beton, der lange Witterung ausgesetzt war.
Ich stelle mir vor, dass sie sich anfühlen wie Steine, die man in einem Flusslauf findet,
kalt,
dumpf,
gebrochen
und überzogen mit einer feinen Schleimschicht.

Neben ihnen stehen und hocken meistens strahlende Männer mit Spießen in der Hand,
halten schlaffe Flossen in die Kamera
und jedes Mal sieht es aus, als würden sie mit ihrem Penis posieren –
Schaut her,
er ist sehr groß.

Der Grönlandhai schwimmt so langsam, dass unklar ist, wie er es eigentlich schafft zu jagen.
In seinem Magen fanden Forscher:innen
Robbenreste,
große Fische,
ab und zu auch Teile von Eisbären.
Es wird vermutet, dass er sich an seine Beute anschleicht,
wenn sie schläft,
dass er auf verendete Tiere wartet,
die vom Rand des Polareises ins Meer
hinabsinken.

Oft leben Parasiten auf den Augäpfeln des Grönlandhais, die aussehen wie eine Mischung aus Mücke und Wurm.
Sie bringen die Iris des Hais zum Leuchten.
Es gibt Mythen und Sagen, die beschreiben das grüne Leuchten des Grönlandhaiblicks.
Manche behaupten, er hypnotisiere damit seine Opfer,
mache sie gefügig
und führe sie ganz gemächlich in seinen Schlund.

Grönlandhaie leben im arktischen Meer,
sie sind noch nicht besonders gut erforscht.
Besonders rätselhaft war lange Zeit ihr Alter.
Auffällig ist, dass sie nur sehr langsam wachsen,
aber trotzdem sehr groß werden.
Ich öffne einen weiteren Tab und google:
18 feet in meter
In einem Kasten erscheint die Antwort:
5,4864
Ich kann mir nicht vorstellen, wie groß das ist,
18 Füße hingegen schon.
Forscher:innen kamen zu dem Ergebnis,
dass die Haie vermutlich sehr alt werden.
Nur beweisen konnten sie es lange nicht.

Irgendwann entwickelte ein Physiker ein Verfahren,
durch das es möglich wurde, das Alter von Lebewesen anhand ihrer Augen zu bestimmen.
Die Linse wächst nach dem ersten Lebensjahr kaum noch,
vakuumiert stattdessen einen Teil der Atmosphäre vom Tag der Geburt.
Sie wird so zur Zeitkapsel.
Misst man den Kohlenstoff-Gehalt im Linsenkern und
vergleicht ihn mit der Kurve des Kohlenstoff-Gehalts,
lässt sich das Geburtsjahr bis auf drei Jahre genau ermitteln.

Einem Studenten der Meeresbiologie fiel ein,
dass der Grönlandhai manchmal unfreiwillig Beifang wird,
erinnerte sich vermutlich an das Gleichnis des Hundehaufens
und beschloss, die Häfen am Polarmeer abzufahren.
Sein Ziel war es, möglichst viele Linsen zu ernten, um mit ihnen das Alter der Haie zu ermitteln.

Ich stelle mir den Studenten vor,
wie er über toten Grönlandhaien kniet,
ihnen mit einem Eisportionierer die Augäpfel aus den Köpfen gräbt,
sie in einen Gefrierbeutel gleiten lässt und
dann mit federnden Schritten verschwindet.
Ich stelle mir die Fischer:innen vor,
die das Ganze beobachten,
stelle mir vor, wie sie mit den Schultern zucken und murmeln:
Wissenschaft.

Nach fünf Jahren hatte der Student genug Linsen gesammelt,
insgesamt achtundzwanzig Paare,
und die Meeresbiolog:innen verkündeten die Sensation:
Der Grönlandhai könne bis zu 500 Jahre alt werden.
Er sei damit das älteste bekannte Wirbeltier der Welt.

Das wachsende Interesse an der Erforschung des Grönlandhais
hat viel zu tun mit dem Interesse an entlegenen Meeresregionen generell,
mit dem Wunsch, den Klimawandel besser zu verstehen,
vor allem aber auch mit einem Kampf,
hinter dem Rohstoffe stehen.
Faszinierend ist für manche auch das Potential des Grönlandhais,
Sinnbild zu werden für die Relativität der Zeit:
Stell dir vor, du schwimmst im Eismeer und wirst 500 Jahre alt und niemand weiß es.
Bist du dann alt?

Eine Fliege landet auf meinem Unterarm, ich versuche sie zu fangen,
als ich vorsichtig die Hand öffne, ist sie schon längst weg.

Ich frage mich:
Wie entsorgt man einen unfreiwillig gefangenen jahrhundertealten Hai ohne Augen?
Die Frage klingt wie ein Witz,
bei dem die Pointe politisch unkorrekt ist.
Die Antwort lautet:
Man isst ihn.

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Das Fleisch des Grönlandhais ist eigentlich giftig.
Sein Blut besteht zu großen Teilen aus Harnstoff.
Um das Fleisch essbar zu machen wird es fermentiert.
Dazu wird es in groben Kies vergraben,
mit Felsstücken beschwert und so bis zu drei Monate gelagert.
Dann wird das Fleisch getrocknet,
bis es fest ist und mit Hverabrauð gegessen,
einem Brot,
dass man nahe heißer Quellen vergräbt und dort einige Stunden dünstet.
Dazu trinkt man Brennivín,
isländischen Brandwein,
der auch Schwarzer Tod genannt wird.

Ich gehe nochmal zum Fenster,
mein Nachbar sitzt inzwischen auf einem alten Gartenstuhl,
hat sich tief in die Lehne zurücksinken lassen
und seinen Kopf in Richtung Himmel gedreht.
Die Wolken sehen aus,
als hätte jemand über ihnen Tinte verschmiert.

Zwei Norweger sind ein Jahr im Schlauchboot unterwegs gewesen,
haben den Kadaver eines schottischen Hochlandrindes
über das Eismeer gezogen
und versucht einen Grönlandhai zu fangen.
Einer von ihnen hat ein Buch über die Expedition geschrieben.
Auf die Interviewfrage,
ob er das Meer nun besser verstünde,
ihn die Suche nach dem Grönlandhai Weisheit gebracht habe,
antwortete er:
Nicht im Geringsten.
Das Meer zu verstehen hieße,
den Ursprung der Welt zu verstehen.
Und das Meer sei unendlich.

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Angie Volk

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