Gedanken in die Hand nehmen oder was Sprache für mich bedeutet

Teil I: ein (An-)Trieb

Ich spüre wie meine Sprache sich hochziehen muss. Wie auf diesen Klettergerüsten, bei denen man sich von einer zur nächsten Stange hangeln muss, mit Steigung. Immer höher. Ich bin damals nach der Hälfte abgesprungen.

Wenn mir heute die Worte fehlen, fühlt es sich auch so an. Wie loslassen müssen. Sprache ist ein Kraftakt.

Ich sehe die nächsthöhere Sprosse, aber ich erreiche sie nicht. Ich hänge.

Dabei will ich das Wort ergreifen und fließend elegant durch das Gerüst schwingen. Leichthändig.

Ich habe ein Verlangen nach Sprache. Ich giere danach alles zu beschreiben.

Das Innerste, die Freunde, mich, die Momente dazwischen, denn

schreiben heißt sehen machen.

Der größte Genuss ist Selbstbefriedigung durch Ausdruck. Mein Höhepunkt auf Papier.

Teil II: ein Ort

Zu Hause. Es gibt hier nicht viel Sprache. Nicht viele Fragen, noch weniger Antworten.

Hast du schon gegessen?, Was?, Und Mama?

Auch auf Lao. Mein Bruder wird jeden Abend von meiner Mutter gefragt, ob er schon geduscht habe: ອາບນ້ ຳ ແລ້ວບໍ (abnaamlabaw) Schatz?

Manchmal vergesse ich, dass Laotisch gar nicht die Muttersprache meiner Mutter ist. Sie lernte Lao als Zweitsprache neben Deutsch. Jedoch im Gegensatz zu Letzterem nicht bewusst mit Lehrbuch, sondern das Gegenteil davon und ins Gesicht: Als Vietnamesin, die bei ihrer laotischen Schwiegerfamilie einzog.

Sie eröffnete mit meinem Vater ein Restaurant. Er kochte mit seinem Cousin und sie bediente mit seiner Schwester während seine Mutter, meine Oma, auf mich aufpasste.

So verständigten sich meine Eltern irgendwann auf zwei Sprachen. Lao wurde zur Geheimsprache meiner Kindheit.

Zum Beispiel wenn ich vor meinen Freunden von Mama ermahnt wurde bloß nicht in den Waschraum zu gehen, der als Abstellkammer diente. Meine Mutter schämte sich für die messiartigen Zustände  zu Hause. Ich mich auch. Deshalb nickte ich gehorsam und ging mit mit den Freundinnen direkt in mein vorzeigbares Zimmer. Manchmal übersetzte ich ihnen dann was mir eben zugezischt wurde, weil sie diese Sprache vielleicht befremdlich fanden. Weil ich damals noch nicht so stolz darauf war, dass meine Eltern eine andere Sprache sprechen.

Und doch habe ich als Kind mehr Lao gesprochen. Laotische Verben mit deutschen Nomen verbunden und von meiner Mutter „ນອນ (nawn) Bauch“ eingefordert. Ausdrücke wie dieser gehören uns. Sie existieren nur an diesem Ort, wo ich meinen Kopf auf ihren Bauch legen konnte. Nur dort konnte ich ohne Scham weinen, wenn sie arbeiten ging.

Es war mir peinlich, dass ich meine Eltern vermisste. Ich war mir sicher das konnten meine Freunde nicht verstehen.

So viel spielte sich nicht auf deutsch ab oder überhaupt in irgendeiner Sprache.Bis heute. Es fällt mir schwer lao-viet Wirklichkeiten bzw. den zu Hause Kosmos, den ich mit meiner Familie bewohne, meinen deutschen Freunden oder meiner englischen Liebe zu erklären.

Und umgekehrt fühle ich, dass auch meine Eltern etwas Grundlegendes vielleicht nie verstehen werden. Es hat etwas damit zu tun, dass ich weiß, sie haben ein Leben in ihrer Herkunftssprache gelebt. Eine Kindheit lang. Sie waren vietnamesische und laotische Kinder. Jetzt sind sie deutsche Staatsbürger. Doch wenn ich höre wie Mama laut mit ihren Schwestern lacht oder wie Papa mit seinem Cousin telefoniert, dann sehe ich wie frei sie sind, wenn sie ihre Sprache sprechen.

Meine Sprache ist diese Sprache, in ihr bin ich frei. Ich bin ein deutsches Kind.

Teil III: eine Wahrheit

Wir sind toxische und zugleich heilsame Wesen.

Wir verfügen über das Gift, das uns lähmt und das Gegengift, das uns bewegt.

Beides dringt tief ein. Beides ist Sprache.

freimütig       liebend         verbittert           sondern wir sie ab

in Schrift oder Schall

treffen Worte

einen Nerv             den Gedanken            mein Herz

Wegen dir komme ich noch in die Klapse!

traf mich der giftige Pfeil meiner Muttersprache.

In der Fremdsprache schmeiße ich mir die lindernde Droge ein,

wenn ich in seinen Liebesbriefen lese:

I need you in my life

und heile.

Teil IV: die Freiheit

meine Gedanken in die Hand zu nehmen

sie abzuwägen zu besehen

sie zu fahren und zu steuern auf Papier

die Welt zu beschreiben

zu zeigen wie ich sie sehe

Menschen zu sagen wie ich für sie fühle

zu sehen wer ich glaube zu sein

to be a writer

 .

Lyli Chin

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