In einem anderen Land

Kleine Fingerspitzen klauben peripher am großen Wattebausch der Gedanken,
wenn ich ihn so zu bündeln versuch‘, dass er schweigt;
zuerst halte ich ihn statisch, dann schwebend, dann vollflächig.
Ich verkaufe mir die alten als neue Gedanken.

Ich betrete deine Domäne hoch oben im Wald,
wo du einen neurotisch-psychotisch reinigenden Trank vorbereitest.
Der Dampf steigt dir wohlriechend zu Gesicht,
du spiegelst dich in deinem Werk.
Es ist das, worauf du immer gewartet hast
und das, worauf du immer warten wirst.
Ich werfe dir Selbstbetrug vor,
du verbannst mich dafür aus dem Kreis des Waldes.

Der Anflug eines Gespenstes
stößt mich über die Kante eines hohen Felsens
ins stachlige Dickicht der Föhren hinab.
Auf dem Weg nach unten, hab‘ ich mich zahlreiche Male verwandelt:
Engel scheren an meiner Kontur aus,
hartes Gefieder flackert wie Lederriemen in der konzentrieren Sturzluft.
Mit dem Plastik-Zauberstab taktet klein Oona meine Metamorphose:
Sie sitzt im Schoße Gottes, dieser wiederum sitzt im Schoße eines anderen Gottes.
Alle sind sie sich einig, dass das Kleinkind die Pforte zur Unendlichkeit sein soll,
aber keiner mag entscheiden, wo diese ihren Endpunkt finden wird,
wie in einem Exzess, der sich im Übermut endlos verkettet.

Oona zaubert weiter und schaut mich mit meinen eigenen Augen an.
Ihr Glitzern erfüllt mich von innen,
wie Champagner-Bläschen steigt Liebe in mir hoch.
Der Rohbau der Zukunft steht irgendwo weit entfernt,
in einem andern Land.

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David Howald

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