07 | Sebastian Sauer
Killer.
6 Uhr. Busfahrt durch die Eifel. Das klingt so friedlich. Wir haben die Gewehre auf der Schulterstütze zwischen die Beine gestellt. Ein Kamerad sinkt fast mit der Stirn auf die Mündung, schreckt kurz auf, lehnt sich ans Fenster, pennt dort ein. Der Bus, eine surreale Blechbüchse, schwebt für mich irgendwo im Nirvana, zeitlos hoffentlich, Ankunft bis auf weiteres gecancelled. Hier auf dem staubigen Sitz könnte ich ewig vor mich hindämmern, während draußen Unmengen deutschen Mischwalds vorüberziehen.
Stattdessen Aufruhr im Hippocampus. Unwillkürlicher Gedankensprung. Sie sehen nun, was zuvor geschah: Vor mir erstreckt sich grell erleuchtet die rudimentäre Darstellung eines langen Kiesbetts. „5 Schuss, Feuer frei.“ Das prozedurale Gedächtnis übernimmt. Waffe ziehen, Kimme und Korn in eine Linie bringen, Augen aufs Korn scharfstellen, das Ziel verschwimmt zum formlosen Klecks auf der Netzhaut, Druckpunkt suchen, ausatmen, einatmen, abkrümmen (d. h. Peng!). In der freien Wirtschaft bezahlen Leute viel Geld für diese Ausbildung sagen sie. „Übung, Ende.“ Dann Auswertung: „Besonders gut war der Funker Sarras. Dreimal genau ins Schwarze.“ Warmes Bauchgefühl. Verlegenes Lächeln.
In der sehr realistisch dargestellten Eifel hat die Blechbüchse aufgesetzt, auf dem Boden der Tatsachen möchte man fast sagen, es dann aber doch lieber verdrängen. Stimmen werden laut. „Absitzen“ und „Dritter Zug, in Linie antreten.“ Als erstes Pistolenschießen. Bevor es losgeht ein bisschen Schikane: „Funker Marscheider, nennen Sie mir mal die technischen Daten der P8.“ „Äh…“ „Dritter Zug in den Liegestütz fallen! Eins, Zwo…“ Marscheider ist um seine Nachlässigkeit zu beneiden. Ich werde die technischen Daten der Pistole Modell P8 nie vergessen können: Kaliber 9mm, 15 Schuss, 750 Gramm ungeladen, 985 Gramm geladen, Mündungsgeschwindigkeit 360 Meter pro Sekunde, maximale Kampfentfernung 50 Meter. Das ist mein Mantra, während sich vor mir der sandige Boden hebt und senkt. Habe aufgehört zu zählen, für einen endlosen Moment schwebe ich als staubiger Bus durch die Eifel und sorge mich nur um die Popel unter den Sitzen. Es ist ein schönes Leben.
„Zwanzig!“ Alles wieder auf. Das Kiesbett rückt näher. Fünfzehn Meter davor stopfe ich mir auf das Kommando „Gehörschutz!“ die grünen Schaumstoffstöpsel tief in den Gehörgang. Alles wird dumpf. Irgendeiner reißt einen nervösen Witz. Ich kann das Lachen nur sehen, lache wahrscheinlich selbst mit, so genau hört man das nicht. Dann Übungsbeginn. Die ersten Schüsse sind nur ein Vibrieren in den Hoden. Grinsend kehrt der Schütze zurück, hält prahlend Finger in die Luft. Marscheider ausgerechnet, Dumm trifft gut. Ich sehe allgemeines Gelächter. Habe ich das laut gesagt?
Kameraden munitionieren auf, munitionieren ab, treten vor, reihen sich ein. Rücken um Rücken verschwindet, bis vor mir nur noch Kies in Sicht ist. Feuchter, matter, vor allem wirklicher Kies. Der Obergefreite übergibt mir fünf Schuss, schaut dann spöttisch dabei zu wie ich sie betont ruhig ins Magazin drücke.
-Are those… live rounds?
-Nine millimeter. Full metal jacket.
Der Hippocampus meldet sich zurück. Gedankensprung. Zwei Wochen zuvor: „Ich gelobe bla bla, treu zu dienen bla bla zu verteidigen. Zu verteidigen.“, höre ich mich sagen und sehe mich jetzt mit der Aufgabe betraut, zu verteidigen: die freiheitlich demokratische Grundordnung gegen einen Pappkameraden. Das sollte zu machen sein. Zu Hause im Bad ging es doch auch. Vorm Spiegel, mit der Ein-Kilo-Hantel, etwa so schwer wie die geladene P8, in den Händen. Alles ruhig, keine besonderen Vorkommnisse, Herr Feldwebel. Und jetzt? Die Angst des Schützen beim Elfmeter: Man könnte einen treffen. Neben mir spüre ich wie der Feldwebel etwas fragt. -Why did you join my beloved corps, Private?
-Sir, to kill, sir.
-So you’re a killer?
-Sir...
„Erst auf harte Kerle machen und jetzt geht Ihnen der Stift? Und solche Leute sollen wir nach Afghanistan schicken?“ Wenn ich mich um 90 Grad nach links drehe und „abkrümme“ ist der Feldwebel futsch. Das folgt schon rein physikalisch/biologisch. Ich habe keine Angst vor Afghanistan, die hat mir die Anne Will-Gesprächsrunde vom 20.05. genommen. Afghanistan ist auch so weit weg. Ich habe Angst vor 90 Grad nach links. Man könnte einen treffen.
Sebastian Sauer
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06 | Andy Haider
Weihnachtn auf Gut Aidabichl?
„Weihnachten auf Gut Aiderbichl“
haums im Fernsehn,
am vierazwanzigstn auf d'Nocht.
Owa, denk ma i,
waun ma schau de Geburt
vo an kloan Buam feian,
der unta ormsöligste Vahötnisse
aufd Wöd kemma is,
und der glei noch da Geburt
hod flüchtn miassn,
noch Ägyptn,
damit eam da Herodes net okraglt;
tat do net eigantlich
„Weihnachten in Traiskirchen“
bessa passn?
Andy Haider
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05 | Dennis Hannemann
Tapete
Kerzenlicht die Tapete glänzt türkis
tropfender Zapfhahn abgegriffenes Holz
Bestellungen treiben den Kellner vor zurück
ich höre das Pochen der angehaltenen Zeit
ich sehe die Risse im weißen Fensterrahmen
ich will es öffnen stechender Schweißgeruch
von irgendwo Tattoos Gespräche kippen
Diesseitsbucht der eine steht wie ein Fels
Dennis Hannemann
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04 | Luca Manuel Kieser
nimm den Job
oder das Blut das in den Ohren am schönsten rauscht
und damit war Aber berufen
zu vermitteln im Streit
zwischen Blätter und Meer
und also rannte Aber
um den das Gerücht geht er sei schon bei seiner Geburt gerannt
den lieben Tag lang
zwischen Waldrand und Küste
hin und her
unermüdlich
ging es von Waldrand
zu Küste
zu Waldrand zu Küste usw und stand
Aber der Küste gegenüber ging sein Text
ich Blätter rausche schöner als du Meer
und stand Aber dem Waldrand gegenüber ging sein Text
ich Meer rausche schöner als du Blätter
und immer wieder hieß es für Aber Kehrtwende zurück mit der Antwort nein
ich Blätter rausche schöner als du Meer
nein
ich schöner als du
nein ich
nein ich
und immer hörte Aber aufmerksam zu prägte sich die Antwort ein (nein) und drehte (kehrt) um zurück
gerade aber da die Sonne untergegangen war
blieb Aber auf einmal auf der Stelle
von der erzählt wird sie sei die Mitte zwischen Waldrand und Küste
stehen
und wollte mit der Auszählung (einmal Blätter einmal Meer) beginnen
aber da Aber
vom hin und her dermaßen außer Atem war dass da
wo die Sonne untergegangen war
der Horizont im selben Rot wie in seinem (also Abers) Innern glühte
brach der Horizont wie durch seine (also Abers) Brust
und Aber schnappte nach Luft HALT
STOP
Aber stand ja gar nicht
Aber stürzte
und auch brach der Horizont nicht
sondern da war Kainer
der mit einem Stein blabla wie ihr alle wisst und weswegen IHR
seither
RENNT
noch heute rennt
bis an den Horizont rennt nämlich jenen
wie wir alle wissen
ZAUN
an dem der unter euch der
den Satz darüber schafft
gewinnt
heißt
wenn Kainer gestorben ist
Luca Manuel Kieser
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02 | Johann Wiede
Es herrschen Schulden in der Musik, zurück
bleiben die Ringe der Mutter, bleibt der Motor
und kreist in Sirenen über die gelbe Stadt, alle Gewinner
zielen auf das Radio, sie bringen Papier mit, horchen aus,
mit der Drehbühne inszenieren sie die letzten dreißigjährigen
Frieden, beinahe auswendig, fast bedauerlich,
wie lose Daten aus dem Casio das Gegenteil schlachten,
ein offenes Gesicht vielleicht, Einzelfälle, was anderes
als sparen, wenn nur eine Bleistiftskizze erlaubt
den Sprecher aus Groll für tot zu erklären.
Johann Wiede
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01 | Sigune Schnabel
Frostgrenze
In deinen Worten fliegen Zugvögel.
Der Fluss rauscht lauter als sonst,
sammelt Schnee von den Bergen.
Alle Sätze müssen sterben.
Am Fuß der Kastanie
liegen die toten.
Zwischen Blättern
sitzt du und brichst mir
das Jahr von den Lippen,
trägst letzte Silben
verwittert in ein Gedicht.
Sigune Schnabel
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freiVERS | Peter Paul Wiplinger
Nada und France
Über die teller
gebeugt essen wir
jeder unsere suppe
wie schmeckte sie
damals in Dachau
wie in Mauthausen
einen langen weg
seid ihr gemeinsam
im leben gegangen
jetzt seid ihr müde
aber ihr erzählt mir
von euren Erinnerungen
Nada bringt das fleisch
France schenkt wein ein
wir hören die Nachrichten
noch immer dieser krieg
dieses mal in eurem land
auch wenn er weit weg ist
das letzte sonnenlicht
leuchtet noch glutrot
in das zimmer herein
dieser verdammte krieg
sagt France verbittert
und Nada nickt stumm
Peter Paul Wiplinger
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freiTEXT | Katharina Rios
Funkelnde Scherben
Der Forstweg schlängelt sich den Berg hinauf, hinter einer Kurve verliert er sich zwischen den Tannen. Ich gehe mit festem Tritt, den Kopf gesenkt. Die Kieselsteine bohren sich durch die Schuhsohle, wenn ich den Fuß abrolle. Bei jedem Schritt knirscht es, das Geräusch der sich aneinander reibenden Steine dröhnt in meinen Ohren. Laut. Es ist zu laut.
Ich bleibe stehen, lausche in den Wald. Nur der Pulsschlag in meinen Ohren. Der flache Atem, der kleine Dunstwolken vor mir in die Luft malt. Der Himmel hängt tief, die Spitzen der hohen Tannen verstecken sich im Nebel. Ich sehne mich nach Vogelgezwitscher, nach einem Igel, der durch die Bäume raschelt, irgendwas. Es ist zu still.
Ich laufe weiter den steilen Forstweg hinauf, atme im Rhythmus der Schritte. Leichter Nieselregen setzt sich auf meine Haut. Ab und zu vermischt er sich mit Tränen. Ich wische sie weg, sehe nach vorn. Da ist niemand. Niemand außer mir.
Du solltest jetzt nicht allein sein, sagen sie. Du kannst das nur verarbeiten, wenn du darüber sprichst.
Worte. Ich suche nach ihnen. Benutze sie, um zu beschreiben, wie es mir geht. Doch während ich bei Freunden sitze, sie an meinen Lippen hängen und mich aufmunternd ansehen, fallen leere Hülsen aus meinem Mund.
Der Forstweg gabelt sich. Rechts schlängelt sich der Hauptweg durch die Bäume nach unten. Ich gehe nach links, auf einem schmalen Pfad weiter bergauf. Der Boden wird weicher, an manchen Stellen ist er von Wurzeln durchzogen. Meine Lungen brennen vor Anstrengung. Neben mir fällt der Hang steil ab, je höher ich komme, desto lichter wird der Wald. Ich gehe schneller, Schweiß rinnt den Rücken hinab. Ich fühle die Muskeln in meinen Beinen, die Schwere des Rucksacks auf den Schultern. Der Geruch nach feuchter Erde und Nadeln hängt in der Luft, ich atme tief ein, schließe für einen Moment die Augen.
Er hat dich nicht verdient, sagen sie. Er lässt an dir aus, womit er selbst nicht klarkommt.
Ich höre ihnen zu, kann sie nicht verstehen. Er und ich, wir sind etwas Großes. Etwas ganz Großes, das zu Boden fällt. Ich will es auffangen, aber es gleitet mir aus den Händen, zerschellt. Die Scherben liegen vor mir. Langsam gehe ich in die Hocke, beuge mich über sie. Mein zerbrochenes Gesicht erscheint in den dunkelroten Glasstücken.
Ich könnte versuchen, sie zusammenzukleben.
Als ich wieder aufblicke, steht ein Fuchs am Wegrand. Ich bleibe stehen, halte die Luft an. Ein paar Meter entfernt, zwischen den Bäumen, beobachtet er mich. Mein Herz schlägt ruhig, ich stehe da, spüre den Boden unter den Füßen, die feuchte Luft auf meiner Haut. Der Fuchs macht zwei Schritte auf mich zu, streckt die Schnauze in die Luft, sieht mich noch einmal an und verschwindet im Dickicht.
Langsam gehe ich weiter. Nach einer Kurve komme ich an ein Viehgatter, an dem ein schmaler Pfad vorbeiführt.
Dahinter erstreckt sich eine Hochebene. Das Gras sieht weich aus, wie ein riesiger Teppich. An manchen Stellen ragen Felsbrocken aus der Erde, vereinzelt stehen Tannen auf der Wiese. Es ist heller hier oben. Ich kann die Sonne nicht sehen, und doch streicht sie sanft über mein Gesicht.
Es tut mir leid, hat er gesagt. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich fühle nichts mehr.
Ich hebe die Scherben vorsichtig auf. Sie haben scharfe Kanten.
Auch nicht für mich?, habe ich gefragt, konnte ihn dabei nicht ansehen.
Nein, hat er gesagt.
Die Scherben schneiden mir in die Hand.
Ich stapfe durch den Matsch auf die Berghütte zu, vorbei an den Kühen, die mit halb geschlossenen Augen Gras kauen. An der Tür zur Stube lehnt die Bäuerin, die mir mit zusammengekniffenem Mund zunickt. Ich bestelle mir Kaffee setze mich auf eine der Holzbänke, die von der Witterung fast schwarz geworden sind.
Die Berge erheben sich in dunklem Grün, hinter ihnen ragen die steinigen Gipel der Alpen in den Himmel. Das Glockenläuten der Kühe durchbricht die Stille, hinter mir höre ich Hühner gackern. Ich wühle im Rucksack, fische die Schachtel Zigaretten heraus und zünde mir eine an. Als ich von der Glut aufblicke, sehe ich die Landschaft nur noch verschwommen.
Die Bäuerin zuckt zusammen, als sie aus der Tür tritt und mich sieht. Sie stellt den Kaffee vor mir ab, betrachtet mich einen Augenblick. „Hier“, sagt sie und hält mir ein weißes Taschentuch aus Stoff hin. Der Rand ist blau bestickt – kleine Schnörkel, die mich ans Meer erinnern. „Behalten Sie es.“ Sie verschwindet wieder in der Hütte.
Er und ich, das war etwas Großes. Jetzt bin ich klein. Fast unsichtbar.
Ich lasse die Tränen laufen. Sitze auf der Bank, schluchze, ziehe mit zitternden Lippen an der Zigarette, stoße den Rauch aus und sehe dabei zu, wie er sich vor mich auflöst.
Immer wieder tupfe ich mit dem Taschentuch mein Gesicht ab. Der Stoff kratzt und riecht nach Holz.
Hinter mir höre ich die schweren Schritte der Bäuerin. Sie läuft durch die Stube, ich stelle mir vor, wie sie über die gestärkten Tischdecken streicht und aus dem Fenster sieht. Ich falte das Taschentuch zusammen und stecke es in meine Jackentasche.
Langsam atme ich den Schmerz ein und wieder aus. Er lässt nach. Ich bin froh, dass der Moment vorüber ist. Habe Angst, dass er bald wiederkommt.
Auf dem Weg zurück ist der Himmel milchig, ein leichter Wind weht. Ich verstaue meine Regenjacke im Rucksack, kremple die Ärmel hoch. Auf der Hochebene setze ich mich mitten auf den Grasteppich und sehe in die Ferne.
Hinter mir ertönt Glockenläuten. Ich drehe mich um. Ein paar Meter weiter steht eine Kuh mit ihrem Kalb. Es ist hellbraun und hat einen dunklen Fleck auf seiner linken Flanke. Es hebt den Kopf und sieht mich an, die Mutter rupft mit dem Maul Gras aus dem Boden. Das Kalb kommt auf mich zu. Langsam stehe ich auf und gehe rückwärts in Richtung Wanderweg. Ich behalte die Kuh im Auge, mein Herz schlägt schneller. Doch sie scheint sich keine Sorgen zu machen. Sie sieht ihrem Jungen hinterher und widmet sich wieder dem Gras.
Ich bleibe stehen. Die Sonne wärmt meinen Körper, in dem Baum neben mir zwitschert ein Vogel. Das Kalb macht noch einen Schritt. Und noch einen. Als es genau vor mir steht, senkt es den Kopf. Drückt seine Stirn an meinen Bauch. Ich setze einen Fuß nach hinten, um die Balance zu halten. Vorsichtig hebe ich die Hand und lege sie zwischen die Ohren des Jungtiers. Es schnauft. Ich kraule es, spüre das borstige Fell, den Druck seines Kopfes an meinem Bauch. Die Wiese leuchtet unter der Sonne hellgrün. Nichts scheint sich zu bewegen, die Luft ist weich. So weich. Ich lächle. Schaue auf das Kalb hinunter und wünsche mir, dass es noch eine Weile hier stehen bleibt. Nur eine kleine Weile.
Auf dem Parkplatz lehne ich am Auto und verschränke die Arme vor der Brust. Der Himmel färbt sich orange, die schräg durch die Bäume fallenden Sonnenstrahlen werden blasser. Mein Blick fällt auf ein paar Scherben, die neben einem Mülleimer liegen. Sie funkeln im Licht der untergehenden Sonne.
Katharina Rios
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freiVERS | Helmut Glatz
Meine Einsamkeit
Jetzt im Herbst hat die Einsamkeit
die Strickweste an und den langen geblümten Rock
Sie schlurft um das Haus und versucht
die Blätter zu dressieren
Sie rascheln schon und machen Männchen im Wind
Ich liebe Menschen die Schatten werfen
für die zwei mal zwei nicht vier ist
sondern fünf minus eins
denke ich während ich am Fenster stehe
und sie beobachte
Es ist meine Einsamkeit da unten jetzt legt sie
den Besen weg und geht die Straße hinunter
Ich hätte sie nicht gehen lassen sollen
jetzt im Spätherbst denke ich
auch zwanzig durch fünf hätte ich gelten lassen sollen
denke ich während sie die Straße hinunter schlurft
mit ihrem Schatten der immer länger wird
Helmut Glatz
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freiTEXT | Kai Bohnert
Die Fischsuppe
Gestern hat es Fischsuppe gegeben. Heute allerdings ist F. unwohl, und zunächst ist er versucht, es dem Stress zuzuschieben, denn seit geraumer Zeit plagen ihn ins Stocken geratene Geschäfte; dann aber erscheint ihm doch die gestrige Fischsuppe durchaus verdächtig. Morgens begann es in seinem Magen zu gären; gleichsam als flöße Schaum durch die Eingeweide blähte sich sein Bauch auf, stieße man eine Nadel hinein, er würde die Haut an der Oberfläche sogleich von Innen aufreißen und herausquellen, wie bei einem Plüschtier – schnitte man es der Länge nach auf – das Futter. Reglos liegt F. seither im Bett, zwischen Tür und Fenster.
Die Sonne scheint fahl und kalt hinter dem Glas; wo ihr Licht über seine Wangen fließt, färbt es sie blass, wie der Bauch eines Fisches, wenn er leblos auf dem Wasser treibt; F. wäre über diesen Morgen sonst zornig gewesen, nun aber ist er nicht einmal dazu imstande; einmal versucht er sich herum und aus dem Bett zu werfen, gelangt jedoch kaum auf die Seite, fällt stattdessen sogleich am ganzen Leib zuckend auf das Bett zurück, als habe ihn jemand in den kleinen Zeh gezwickt. Danach regt er sich noch weniger, als schon zuvor nicht.
Mit trüben Augen starrt er zur grauen Decke. Warum hat er auch die Fischsuppe essen müssen? Wo doch schon der Anblick des Marktes vor dem Fenster ihm Übelkeit bereitet! Dorthin nämlich war der Bedienstete gegangen, um die Zutaten für die Suppe einzukaufen; was für ein elender Ort dieser Markt ist: Jedermann brüllt, auf Anfrage werden einem die Waren ohne Prüfung in den Korb geschleudert, ja man weiß zuweilen nicht einmal, was man überhaupt eingekauft hat. Und selbst wenn man – allen Erwartungen zum Trotz – doch einmal die richtigen Zutaten erhält, so bleibt doch das größte Übel der Fisch selbst.
Zwar wird er gewissermaßen frisch aus dem Fluss geangelt, aber was bedeutet dies schon im Falle des Flussfisches, dieses armseligsten aller Fische? Sein ganzes Leben hängt er nur in der Strömung – zwischen Oberfläche und Flussbett – herum, sogar die Fischer ermüdet es, ab und an schlafen sie beim Angeln ein; beinahe genügte es schon, wenn man den Eimer nur am Ufer abstellte, der Fisch spränge dann nahezu von selbst hinein. Wenn er nur zum Springen in der Lage gewesen wäre! Wo aber doch nichts lächerlicher erscheint, als ein Flussfisch, der springt!
Aus solchen Fischen hat nun also der Koch die Suppe zubereitet. Und F. sieht ihn im Geiste vor sich, wie er, bei dem Gedanken, diese Suppe nicht selbst essen zu müssen, teils erleichtert, teils schadenfroh lächelt. Zunächst ist F. daher versucht, schlichtweg dem Koch die Schuld zu geben, dann dem Bediensteten, endlich sich selbst, da er immerhin die Suppe, obwohl genau Bescheid wissend, gegessen hat.
„Du bist auch Schuld“, sagt F. bewusst vorwurfsvoll.
Auf dem Stuhl neben der Tür, sitzt an einem Tisch sein Vater; aber er macht ein Gesicht, als sei allein in dieser Ecke Winter. Dann schließt F. die Augen und lehnt sich zurück: Während seiner Kindheit hatten sie am Meer gewohnt. Und jeden Tag war sein Vater zum Fischen hinunter an den Strand gegangen, wo die See schier ohne Ende erscheint. Wenn der Wind Regen und Gischt gegen das Fenster peitschte, starrte F. in den Sturm hinaus. Würde der Vater sicher wieder nach Hause kommen? Schlussendlich tauchte der gelbe Regenmantel vor der Tür auf, er trat ein und schleuderte ein Bündel Fische wortlos auf den Tisch. Dieser Meeresfisch bebte selbst noch in Gefangenschaft, würfe man ihn in einen Eimer Wasser, so schwämme er sogleich herum.
Wie anders hingegen der Flussfisch!
Ob er reglos im Flussbett hängt, ob er im Eimer die graue Wand anstarrt – es ist völlig gleich; ja, vor allem im Eimer bewegt er sich noch weniger, als er es ohnehin schon nicht tut. Wo der Meeresfisch selbst auf dem Schlachtbrett noch vor Leben geradezu strotzt, da trifft einen aus dem trüben Auge des Flussfisches nur dieser – gegen sich selbst mehr als gegen den Fischer gerichtete – vorwurfsvolle Blick.
Schon als Kind hatte F. dies nur allzu gut verstanden.
Er öffnet die Augen – und der Stuhl am Tisch neben der Tür ist leer. Das hat er nun also davon noch in der übelsten Fischsuppe einen Fingerzeig auf das Meer finden zu wollen. Während die aus Meeresfisch zubereitete Suppe durchaus vergangene Geschichten über die Kindheit und noch vergangenere über das Meer zu erzählen vermag, macht diese hier unweigerlich krank. F. kann nicht einmal aus dem Fenster sehen.
Dort draußen angelt soeben ein Fischer einen Fisch aus dem Fluss. Er wirft ihn auf den Tisch, schlägt ihn ein paarmal gegen die Kante und betrachtet ihn dann eingehend, woraufhin sich aber seine Stirn in Falten legt. Schließlich wirft er ihn in hohem Bogen zurück ins Wasser. Der Fisch kommt mit dem bleichen Bauch nach oben zurück an die Oberfläche und leblos auf dem Wasser treibt er davon.
Kai Bohnert
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