Sehr große Zähne
Ich habe sehr große Zähne. Sehr viel größere als die meisten anderen Menschen. Wenn ich den Mund schließe, sieht man, wie sie sich durch die Haut ober- und unterhalb meiner Lippen abzeichnen, in einzelnen hohen Bögen. Öffne ich den Mund, sind die meisten Menschen für einen Moment beinahe erschrocken, wie massiv sie wirken. Groß und porzellanweiß strahlen sie nach draußen, denn ich pflege sie auch gut. Seit meiner Kindheit hat man mir eingeschärft, wie wichtig es ist, sie gut zu pflegen und so verbringe ich jeden Tag Stunden damit sie zu scheuern, zu schrubben, zu wischen, zu säubern.
Nach meinen Eltern fiel als erstes den Lehrern in der Grundschule die Größe meiner Zähne auf. In meinem Kindergesicht wirkten sie noch gigantischer als jetzt: als hätte ich etwas zu Großes in den Mund genommen, das ich wieder ausspucken müsste. Aber ausspucken konnte ich sie natürlich nicht. Stattdessen rieten die Lehrer mir, etwas aus meinen Zähnen zu machen, wie sie sagten und ich erinnere mich, wie begeistert meine Eltern auf den Vorschlag reagierten. Mein Vater klopfte mir auf die Schulter und ließ sich die Zähne, die er ohnehin jeden Tag sah, noch einmal genauer zeigen, nachdem wir bei den Lehrern gewesen waren. Ich riss den Mund so groß und so lange auf, dass meine Lippen spannten und die Zähne ganz trocken wurden an der Luft. Mein Vater nickte und kniff fachmännisch die Augen zusammen. „Sehr schön“, sagte er dann, „daraus muss sich doch etwas machen lassen“
Wir versuchten zunächst, mich als Zahnspangenmodell zu vermarkten, aber nachdem unsere örtliche Kieferorthopädin einige Probeaufnahmen gemacht hatte, nahmen wir davon wieder Abstand. Die Größe meiner Zähne wirkte doch etwas bedrohlich und das metallene Drahtgeflecht der Zahnspange geradezu lächerlich winzig dagegen. Es sah aus, als müsse es vor meinen Zähnen kapitulieren und wäre sicherlich keine gute Werbung gewesen. „Du musst aber wirklich etwas aus diesen Zähnen machen“, riet mir die Kiefernorthopädin nichtsdestotrotz, „wenn man schon solche Zähne von Natur aus hat…“ Eine Weile arbeitete ich daher neben der Schule nachmittags in einer Zahnarztpraxis, wo ich anderen Kindern demonstrieren sollte, wie man sich richtig die Zähne putzt. An meinem übergroßen Gebiss war das Ganze einfach besser zu zeigen. Dann wurde ich an die zahnmedizinische Fakultät der Universität weitergereicht, wo Studentinnen und Studenten meine Zähne begutachten durften und an ihnen lernten. Als ich mit der Schule fertig war, stand fest, dass mein Beruf natürlich etwas mit Zähnen zu tun haben musste. Zahnmedizin zu studieren war mir leider nicht möglich gewesen, da ich aufgrund meiner vielen zahnbezogenen Nebenjobs einfach nicht genug Zeit gehabt hatte für die Schule zu lernen und entsprechende Noten zu ergattern. „Aber es steht außer Frage, dass du etwas anderes mit deinen Zähnen finden wirst“, versicherte mir meine Mutter, „wer solche Zähne hat wie du, wird auch etwas mit Zähnen machen“
Am Ende blieb mir nach langem Suchen nur eine Arbeit als menschlicher Nussknacker. Zuerst zerknackte ich tatsächlich ausschließlich Nüsse. Es war die Geschäftsidee einer Bäckerei in der Weihnachtszeit gewesen, ihre Nüsse für die Lebkuchen von einer lebendigen Person in einem Nussknackerkostüm zerbeißen zu lassen. Als diese Idee derartig gut ankam, dass sie andauernd Andrang hatten, weil die Leute sehen wollten, wie ich selbst die härtesten Nussschalen – Walnüsse, Haselnüsse, Paranüsse etc. pp. – mit spielender Leichtigkeit zwischen meinen Zähnen zerbiss, weiteten sie das Konzept auch auf den Rest des Jahres aus.
Nun knacken zwischen meinen Zähnen nicht mehr nur Nussschalen, sondern alles, was irgendwie hart und groß ist. Zuckerstücke, harte Nudeln, Porzellanlöffel und Bleistifte. Ich lächle, während alles aus meinem Mund heraus sprüht und splittert und ich den Menschen erkläre, wie interessant es sei die verschiedenen Oberflächen und Texturen zwischen den Zähnen zu spüren. Dass man eine Paranuss zum Beispiel anders knacken muss als ein Bonbon; einen Plastikteller anders als einen Pflaumenkern. Dass es auf den richtigen Winkel und die richtige Technik ankommt, die man immer weiter verfeinern muss. Ob ich immer schon gewusst hätte, dass ich etwas Derartiges machen wollte und dass es mir so viel Freude bereiten würde, fragen sie. Und ich lächle noch mehr. Natürlich, sage ich dann, wenn man von der Natur mit solchen Zähnen ausgestattet worden ist, dann muss man doch etwas in der Art machen. Es ist wundervoll, sage ich.
Es ist grauenhaft.
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