freiTEXT | Franziska Neef
Windlotse
Am Himmel ist einiges los: Geschichtete, appetitliche Wolken überlagern einander wie Blätterteig, dazwischen hängt grauschwarz gestauchte Luft. Keine Schicht bleibt lang auf der andern. Der Wind verschiebt das Bild ständig. Er windet stark, schon seit Tagen, löst illegale Versammlungen von Schwüle und Bräsigkeit auf, lässt ungute Gedankenkonstrukte zerstieben und feixt Richtung Haarlack und Klämmerchen. Wind, das weiß ich, macht alles besser, wenn man an seiner Bodenhaftung nicht hängt. Das tue ich heute kein bisschen. Ich setze mich aus, heißt, ich sitze auf und lasse mich tragen, hoch hinauf und mittenrein, in eine Pause, ein Panorama, einen windigen Überblick.
Die Einsturzstelle ist ein aufgeräumtes Zimmer: kein offenliegendes Erdreich, für das man sich schämen müsste, kein Sand, keine Steine, kein Grund. Dem Anschein nach sehe ich eine Baustelle wie viele andere, mit, vielleicht, etwas geordneteren Platzverhältnissen: hier der Stapel von soundso, dort das Gerüst mit dem und dem, rechtwinklig zueinander ausgerichtet. Alles sieht merkwürdig sauber aus, als würde hier jeden Tag durchgefegt. Ein gelber Kran überwacht den Bestand. Sein Arm schweift durch den geschichteten Himmel. In Konfrontation mit dem Wind hört man seine Stimme: ein langes, metallisches Pfeifen. Im Kranwärterhaus sitzt scheinbar kein Mensch. Vielleicht kann der Kran die Arbeit nach sechzehn Jahren allein, so somnambul sicher, wie er da schwenkt.
Ein Stück weiter hinten, kurz vor der Kirche, stehen untätig eingezäunt Lotsenpunktpfosten. Nicht weit dahinter, die Straße runter, liegt die Schule, durch deren Tür ich vor dreizehn Jahren das letzte Mal ging. Mich hat, glaube ich, nie ein Lotse geleitet. Ich erinnere mich nur, wie ich den Arm in die Richtung streckte, in der ich die Straße queren wollte. Diesen Trick hatten sie uns in der Grundschule beigebracht. Wenn er funktionierte, fühlte ich mich sehr mächtig. Ich konnte die Autos anhalten! Sie stoppten, und ich ging meines Weges und erreichte irgendwann das Backsteingebäude, das ich jahrelang bauchschmerzig aufsuchte. In den Pausen saß ich in der Schulbibliothek, auf der kaputten Tischtennisplatte im Hof, auf den Heizungen im dritten Stock, überall da, wo die anderen nicht waren. Auf dem Klassenfoto, das im Klassenzimmer an einer Styropor-Pinnwand hing, wurde mein Gesicht mit Edding geschwärzt. Wenn ich mich meldete, sagte ich immer das Falsche, das merkte ich an dem tuschelnden Lachen. In der Schule habe ich gelernt: Wenn jemand lacht, muss man misstrauisch werden. Ich begann, genau aufzupassen auf meine Sätze. Ich fing an zu spiegeln und wurde belohnt. Irgendwann konnte ich bei den anderen stehen und mit ihnen eine rote John Player’s teilen, die wer für 20 Cent einzeln am Kiosk gekauft hatte. Ein Großteil meiner Wortmeldungen kam zu den Akten. Die runde Metallbrille wurde ersetzt. Die Streublumenbluse snackten die Motten. Ich entwickelte eine luftdichte Körperspannung und wurde oft gefragt, warum ich so stierte. Ja vor Anstrengung, stupid. Unauffälligkeitsanstrengung. Ich stapelte Verabredungen, Einladungen, Nagellacke, Fast-Fashion-Tüten, Smirnoff Ice und Glätteisen über die Streublumenbluse, die Wortmeldungen, die Metallbrille. Ich stapelte Kante auf Kante und richtete die Stapel rechtwinklig aus. Ich träume noch heute von einer verpatzten mündlichen Abschlussprüfung: wie ich mit einem Permanentmarker unmögliche Matrizen ans Whiteboard zeichne, und wie ich infolgedessen ein weiteres Jahr in der Schule sein muss.
Aber ich gehe nicht wieder dorthin. Ich wehe rüber zum Waidmarkt. Dort steht ein zeitweiser Pavillon, von einer Künstlergruppe aus Rotterdam. Der Pavillon ist ein hölzernes Nest. Durch den Spalt zwischen Korpus und Dach sieht man einen Ausschnitt der Wolkenschichten. Es riecht nach Holz und nach trockenen Händen. Es lugt der Wind durch die Ritzen. Es gibt eine Chronik, beginnend am 3. März 2009. Es gibt eine Festschrift meiner alten Schule, anlässlich der Eröffnung des Anbaugebäudes. Es gibt eine fahrige Hummel, die von meinem Riegel nichts essen will. Draußen sagt jemand, er finde das scheiße, mit heller, eindringlicher Stimme. Jemand andres antwortet, sei doch nicht so. Und die kleinen Ereignisse scheren sich nicht um die großen. Noch immer haschen sich trockene Blättchen und Plastikfetzen andeutungsvoll knisternd im Kreis. Immer noch schnaufen die Busse, mit ihren Ziehharmonikarümpfen, angestrengt durch die Straßen. Immer noch scheint die Sonne und weht der Wind, und immer noch riecht es nach Mensch und Holz und Scharnier: nach den leeren Buden des im Aufbau begriffenen Weihnachtsmarkts, wo ich mit meinen Nicht-Schulfreundinnen alljährlich spielte. Einmal knallte eine Budentür hinter mir zu und ließ sich partout nicht mehr öffnen. Einer der Aufbauhelfer musste geholt werden. Er machte ein großes Tamtam, rasselte mit seinen Schlüsseln und palaverte rüde op Kölsch. Schlussendlich versprach er uns Prügel, für den Fall, dass wir noch einmal wagen würden, auf seiner Baustelle Spökes zu machen. Als er weg war, rümpften wir die Nasen. Baustelle! Am nächsten Tag kamen wir wieder, vorsichtig und mäuseleis. Hier, im Pavillon, wird sich nie jemand einsperren können. Es gibt zu viele Türen, und der Wind sorgt dafür, dass sie offen bleiben. Eine von ihnen, die dunkelste, würde ich zu gerne abmontieren und zuhause an meine Wand lehnen: als eingefrorenes, duftendes Aquarium, voll vertikal blasiger Holzaugen.
Gegenüber, auf einem Balkon der neuerrichteten Wohnanlage, dreht sich ein purpurnes Windrad, aufgedreht, beinahe burnt-out. Der Wind ist schuld, gibt mir nie eine Pause, ruft es mit fischdünner Stimme, dabei würde ich doch so gerne mal stehen! Ich antworte nicht. Es wäre umsonst. Wenn wer schon etwas so falsch versteht... denn es ist doch gar nicht der Wind! Es ist das Rad, in seiner Radhaftigkeit, das gar nicht anders kann, als voranzurennen. Ich dagegen sitze hier und weiß, es gibt nichts zu rennen. Ich habe noch Zeit. En masse. Jeden gegenteiligen Gedanken schiebe ich nach draußen und kicke ihn mit dem Fuß in den Wind, wo er sich drehen und drehen muss, bis er zu Boden sinkt.
Ich kontrolliere vieles, aber niemals den Wind. Ich kontrolliere niemals den Traum, wie ein solcher der Einsturz gewesen sein muss. Ein geteilter Traum, ein Augenzeugentraum. Der gespensterhafte Riss, der in der grauen Schießschartenfassade erscheint. Man kann verfolgen, wie er breiter und breiter wird. So berichtet es eine Zeugin. Der Riss wird breiter und breiter, und irgendwann bricht das Gebäude entzwei. Das ganze, große Gebäude. Das vollzieht sich in ein paar Sekunden. Glattes und Festes, das Eckiges, Raues, Herumfliegendes wird. Staub, wo vorher Luft war. Statt Oberflächenspannung ein Mont Klamott. Ohrenbetäubend, und dann alles still. Davon berichten alle.
Mittlerweile ist Ordnung gemacht. Die Toten begraben. Der Schaden kartiert. Die Trümmer beseitigt. Menschen therapiert. Schulen ausgebaut. Der Zukunft gehuldigt. Die Inbetriebnahme der Nord-Süd-Bahn auf Anfang der 2030er Jahre terminiert. Steuergelder versenkt. Arbeitsplätze geschaffen. Der Schulkiosk von Frau Yalcin geschlossen. Der Matthiasgrill an der Ecke geschlossen. Die Shishabar auf dem Blaubach geschlossen. Ein Rewe City an neuralgischer Stelle eröffnet. Das Abizeugnis verloren. Die beglaubigte Zufallskopie beinahe verloren. Das Verfahren beendet. Der Raum parzelliert. Neubauten errichtet. Chroniken geschrieben. Die Leerstelle der Einsturzstelle als Baustelle kaschiert. Nein, der Kran auf der Baustelle ist nicht somnambul, sondern bloß still und entschlossen. Er steht da schon lange und er kennt seinen Task: transportiert, von Hier nach Dort, auf dass weiterhin Ordnung herrscht. Denn nur wenn Ordnung ist, kann es weitergehen. Und also geht es dann weiter.
Während Menschen, Tauben und gelockte Hunde mit Onkelgesichtern vorbeiwehen, sitze ich hier und bewege mich nicht. Ich kann noch weitermachen, und also mache ich weiter, am selben Ort, in beinah derselben Zeit. Es ist kaum vorstellbar, dass ich etwas zu tun haben soll mit der Schulbibliothek, der kaputten Tischtennisplatte und den kalten Heizungen, und ebenso unvorstellbar ist, dass ich mich nicht kurzerhand dazu entschließen kann, wieder einmal den Erdkundeunterricht beim bärtigen Wollpullover oder die Sportdoppelstunde bei Mr.-Hopserlauf-und-chilenische-Gitarrenmusik zu besuchen, ohne, dass jemand die Augenbrauen hochziehen würde, wenn er denn noch im Schuldienst stünde, so er überhaupt noch lebte. Die Möglichkeit, dass die Erkunde- und Sportstunden bloß in einem entfernten Land liegen, das sich mittels einer wenn auch beschwerlichen Reise erreichen lässt, scheint mir um ein Vielfaches plausibler. Die Reise begänne an einem der Lotsenpunkte, neben der Einsturzstelle, innerhalb des Zauns. Dorthin käme ein bewarnwesteter Wind, holte mich ab, und wüsste genau, wohin.
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