freiVERS | Thomas Mulitzer

Eine Krume für die Vögel

Immer wenn ich
nicht schreibe,
bin ich unsichtbar
für meine Nachwelt,
also setz ich hier und da
ein Zeichen,
streue Krumen auf dem Pfad,
ein Spickzettel im Mauerspalt,
eine Botschaft auf obskuren Blogs,
ein Graffito hinterm Hochaltar,
ein als Leserbrief getarntes Manifest,
ein Brandzeichen am Arsch der Queen,
graublaue Bojen auf See,
und die Literaturwissenschaftler der Zukunft
werden Antiquariate durchforsten,
Recherchereisen unternehmen,
den Boden abtragen und Schatzkarten erstellen,
oh ferne Germanisten,
filzt meine Möbel und huldigt meinem Staub,
ich tu euch den Gefallen und schreib einen Reim
auf die Wand über meinem Klo,
oh Nobelkomitee, oh Akademie,
ich teile meinen Ruhm mit euch,
oh Gleichgesinnte, Schwärmer,
sammelt rege Raritäten
und riecht an meinem Schweiß,
oh zukünftige Biografen,
suchet und findet,
aber ich mach es euch nicht leicht,
ich wünsche viel Erfolg
bei der Jagd nach den
Meisterwerken
meines frühen Schaffens.

Thomas Mulitzer

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