freiTEXT | Katherina Braschel

fragment.

An erleuchteten Fenstern in dunklen Gassen steht ein Mensch und rührt in Tassen, die aus bleihaltiger Tonerde geformt, durchsichtig sind.
Er gießt die Topfpflanze vor seinem Fensterbrett mit Fäden seines Speichels, die er aus Taschen zieht, welche außen angenäht, falsch wirken.
Mit gleitenden Bewegungen seiner geschärften Fingerkuppen kratzt er Windmühlen in sein Fensterglas. Der Wind pfeift durch sie hindurch. Moll. Fis.
Es geht die Legende, der Mensch fresse Kinder. Und als Kinderersatz, weil diese so schwer zu kriegen sind, lässt er sich Kinderattrappen aus Kaugummi anfertigen. Kleine, süße Kirschen sind die Augen, welche er, so sagt man, mit einem Zeh belegt.
Der Mensch am Fenster hat seine Zähne verloren. Er wollte ein Mosaik legen und die gelblich-weißen Eckchen mit Rostlöser fluten. So weit kam es aber nie, denn mitten in seinem Schneidezahn fand er kleine Käferlarven, welche ihn so zum Nachdenken brachten, dass er auf Tage vergaß, an etwas anderes zu denken. Als die Larven geschlüpft und in seine Ohrmuschel eingezogen waren, kehrte er mit seiner Schaufelhand die restlichen Zahnecken unterm Teppich hervor und streute sie wie Oregano über seinen Bauchnabel. Dort wachen sie über seinen Schlaf, den er gewissenhaft um 13:52 einzunehmen pflegt. Der Mensch schläft mit der gleichen tonlosen Konzentration, mit der er täglich die Zeitung zerschneidet. Von links unten bis rechts oben braucht es genau neun dunkelgrüne Blutstropfen, die mit einem leichten Knarren auf den Griff der Heckenschere fallen, wenn der Mensch zum nächsten Schnitt ansetzt. Das Grün des Blutes vermischt sich mit der Druckerfarbe der Zeitung und färbt seinen Morgenkaffee petrol. Mit dem Auge eines alten Teddybärs, das der Mensch vor langer Zeit im Körper einer toten Bettwanze fand, schabt er den Kaffeesud aus der Tasse und in seinen Schritt. Und wenn er nun an den Fenstern in den dunklen Gassen steht und rührt, zieht er manchmal ein kaffeesudgebräuntes Schamhaar zwischen seinen Beinen hervor und pflanzt es in seine Topfpflanze. Dort formt es mit seinen Vorgänger_Innen ein drahtig-weiches Bett für die langen Speichelfäden aus den Taschen.
Der Mensch bohrt seinen Ringfinger in die Taschen, bis er seine zernarbten Knie fühlt, an die er Christbaumkugeln gehängt hat. Den Glitzerstaub, der eine Schneelandschaft darstellen sollte, hat er vorher abgeleckt und unter seinen Zehennägeln verstaut, wo der Mensch auch einen Vorrat an Antipasti aufbewahrt.

Katherina Braschel

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