freiVERS | Stéphanie Divaret

Die Liebenden

Abends standen sie, im Winter,
achteten auf Gleichmaß in den Atemstößen,
setzten den Dolch nur etwas tiefer.

Mit jedem Intervall, das sich verkürzte,
stieg eine Spannung in den Sehnen,
dass die Faust sie nicht mehr hielt.

Aus roten Wänden fiel ein frostiger Befehl,
bis einer aufhorchte, dann beide.

Eine Saite riss, schnalzte in ihren Untergang
und wippte nach als Material.

Wie kleine Tiere fielen letzte Töne
aus dem Korpus einer Weite, die es plötzlich
nicht mehr gab. Nur noch

ein paar Kristalle fügten sich in großer Höhe,
zwei Atemlängen,
auf denen irre Schwärze lag.

 

Stéphanie Divaret

 

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19 | Stephanie Divaret

Die Welt ist alles, was der Fall ist.
Ludwig Wittgenstein

Die besten Momente hatte der Friedensstifter
in seinem Rattenloch.
Unversehens sprang er aus dem Licht :
Berühre meine Seele nicht! : ins Dunkel.
Wochenlang umkreiste er die Frage
nach dem richtigen Moment.
Fatale Hilfsarbeiter schwirrten wohl herbei,
flüsterten ein, brachten ihm Spezereien.
Dann rief die Menge: Holt ihn!
Bunte Hüte flogen, Licht floss und wogte
auf goldnen Dächern.
Geblendet hob er also mählich seine Hand
(ob er sie segnen sollte?).
Stille. Bis er sprach.
Der Trost kandierte ihre Herzen,
ein süßes Meer aus Zuversicht.
Bis jener, mit dem schwarzen Hund,
Hand vor der Brust, kurz, trocken, zischte:
Fass!
Die Schwerkraft tat ihr Übriges.

Stephanie Divaret

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