freiTEXT | Oliver Schein

Peregrinus

Ich wache auf, als die Zahnbürste schon in meinem Mund steckt.

Der Arm vor mir gehört mir nicht.

Er zieht in ruhigen Bahnen über Zähne, die ich nicht kenne. Innen, außen, Kauflächen. Der Schaum schmeckt nach Pfefferminze und einem Hauch Metall aus alten Leitungen. Die Finger umklammern den Plastikgriff, als hätten sie nur diese eine Bewegung gelernt.

Im Spiegel hängt ein Gesicht:

Augenringe, Bartstoppeln, ein Sprung im Schneidezahn. Hinter ihm eine weiße Fliese mit einem feinen Riss, der sich als dünne Linie über die Wand zieht. Rechts ein wackliges Regal mit Duschgel, einer halb leeren Creme, einer Packung Schmerztabletten, in der noch drei Tabletten klappern.

Ich kenne diesen Raum nicht.

Ich weiß, wo der Lichtschalter ist.

Der Körper spuckt Schaum ins Becken. Ein Tropfen trifft den Rand, läuft langsam zum Abfluss, ein schwarzer Kreis im weißen Becken. Der Wasserhahn rauscht, bis jemand ihn zudreht: ich, aber nicht ich.

Das Geräusch bleibt einen Moment im Raum, breitet sich aus, wird schwerer, kälter.

---

Wasser. Nicht aus einem Hahn, sondern aus einem Himmel, den ich nicht sehe.

Es fällt in dicken Strängen auf Schultern, die an grobes Leinen gewöhnt sind. Es läuft in einen Kragen, der längst durchnässt ist. Unter meinen nackten Füßen Holz, das federt, weil darunter nur Luft ist.

Vor mir ein Platz, Gesichter unter Tüchern und Kapuzen. Mäntel, die Wasser saugen. Hinter mir Harz. Ich drehe den Kopf ein Stück und sehe einen Stamm, so nah, dass ich jede Faser in der Rinde erkennen kann. Dort, wo ein Ast aus dem Stamm wächst, ist das Holz glatt, hell, blank. Ein Strick liegt darüber, gespannt.

Eine Stimme liest etwas vor, Worte über Ordnung und Gesetz. Der Regen zerhackt die Sätze. Im Vordergrund bleiben Münder und Hände. Ich schaue auf den Baum. In der Rinde flache Kerben, halb verwischt, als hätte jemand Zeichen eingeritzt, die keiner mehr lesen kann.

Das Holz unter meinen Füßen rutscht weg.

Der Körper fällt, der Blick bleibt am Stamm. Ein Harztropfen hängt an einer Verdickung, klar, schwer. Er löst sich nicht.

---

Der Wasserhahn im Badezimmer gibt einen letzten Laut von sich. Der Mann im Spiegel spült den Schaum weg, reibt sich mit einem Handtuch über das Gesicht. Die Kante des Handtuchs ist aufgefasert.

„Muss los", sagt er.

Auf der Waschmaschine vibriert ein Handy. Er nimmt es hoch, wischt über das Display. Licht fällt auf Fliesen. Nachrichten, Mails, ein kleines Dreieck für ein Video. Er tippt es an.

Eine Bahnstation, graue Fliesen, Neonlicht, zitternde Kamera. Ein Junge am Boden, einer, der tritt, einer, der filmt. Menschen im Hintergrund bleiben stehen, halten sich an Taschen fest, an nichts. Der Ton ist leise, aber die Bewegungen sind hart und schnell.

Im Kiefer spannt sich etwas an.

Der Daumen bewegt sich, das Bild friert, wird klein, verschwindet. Die Liste mit Symbolen rutscht wieder nach oben. Der Bildschirm wird schwarz.

Er steckt das Handy ein, greift nach der Tasche, löscht das Licht.

---

Schlag aus Metall.

Ich stehe auf einem Sims, der warm unter meinen Füßen ist. Über mir hängt eine Glocke im Dunkeln des Turms. Wenn sie schlägt, vibriert der Stein unter meinen Krallen. Die Luft trägt Rauch, kalte Asche, einen süßlichen Film von unten.

Unter mir Dächer, dicht an dicht, Gassen wie Spalten. Auf einem Platz haben sie Erde zur Seite geschoben. Ein Loch, von Brettern eingefasst, der Rand schlammig vom Regen.

Ein Wagen fährt an die Kante, kippt. Stoff, Körper, lose Arme, Beine. Die Formen verschwimmen, sobald sie fallen. Der Geruch legt sich als zusätzliche Schicht über den Platz.

Ich lasse mich fallen.

Die Luft trägt mich ein Stück, dann klappe ich die Flügel an, bremse kurz vor dem Boden, lande auf etwas Weichem. Unter meinen Füßen gibt Fleisch nach, unter dem Stoff Knochen. Der Stoff ist nass.

Mein Schnabel tastet nach einer Stelle, die noch zu ist. Haut, die nichts mehr entscheidet. Ich reiße, ziehe, schlucke.

Ein Auge liegt frei.

Das Lid steht halb offen. Die Pupille ist milchig, aber der Blick steht noch zwischen mir und dem grauen Himmel. Meine Beine werden starr. Der Schnabel bleibt in der Luft.

Dann senke ich den Kopf, suche eine Stelle, auf der Stoff alles abdeckt, und mache weiter.

Steine prallen neben mir in die Grube. Stimmen schreien. Ich springe ein paar Schritte, Flügel halb ausgebreitet, lasse die Steine im nassen Gemisch verschwinden, rücke an einen anderen Saum.

Wenn es dunkel wird, sitze ich auf einem Dachfirst, lege den Schnabel ins Gefieder und putze, bis das Metall wieder glatt ist.

---

Beton.

Ein Flur, Treppen, Geländer aus verkratztem Metall. Die Luft ist feucht, trägt Waschmittel und ein Essen von gestern, das in den Wänden hängt.

Ich stehe mit einer Tasche über der Schulter. Der Schlüssel steckt noch im Schloss. Über mir läuft Wasser in einem Rohr, irgendwo fällt etwas um, jemand flucht leise.

Schritte: ein Mann kommt die Treppe herunter, Schultern angespannt, Jacke offen. In der einen Hand ein Riemen, in der anderen ein Kinderarm. Am Kind hängt ein Ranzen, der zu breit für den Rücken ist.

„Beeil dich", sagt der Mann.

Der Junge stolpert auf der letzten Stufe. Ein Schnürsenkel ist offen. Die Kante der Stufe trifft den Fuß. Ein kurzer Laut, sofort wieder verschluckt. Der Griff um den Arm bleibt.

Ich könnte zur Seite gehen. Den Rücken an die Wand drücken, Platz machen.

Der Körper tut es nicht. Die Hand am Schlüssel wird feucht.

„Moment", sagt mein Mund.

Der Mann schaut hoch. Erst mich an, dann seine Hand, dann den Jungen.

„Was?"

„Er ist eben umgeknickt", sage ich. „Lassen Sie ihn kurz hinstellen."

Der Mann blickt auf den Fuß, als sei er neu. Der Griff lockert sich ein wenig. Der Junge setzt den Fuß auf, vorsichtig. Das Gesicht zieht sich kurz zusammen, aber er steht.

„Na gut", sagt der Mann. „Dann langsam."

Er hebt den Ranzen ein Stück an, damit der Gurt nicht mehr in den Hals schneidet. Sie gehen weiter. Der Schnürsenkel schleift, die Hand am Arm ist nicht mehr so fest.

Ich ziehe den Schlüssel aus dem Schloss und warte, bis ihre Schritte im Straßenlärm verschwinden, bevor ich selbst die Treppe hinuntergehe.

---

Holz unter den Pfoten.

Der Flur ist enger, die Stufen sind abgescheuert, jede mit eigener Kerbe. Die Luft ist warm vom Ofen, satt von Suppe und altem Rauch. Tapete löst sich in Fetzen, der Putz dahinter bröckelt.

Ich springe auf die Fensterbank. Das Glas ist kalt. Mein Atem beschlägt eine kleine Fläche. Draußen ein Hof, Kopfstein, eine Tonne an der Wand.

Unten steht eine zweite Katze. Das Fell liegt eng, Rippen zeichnen Linien unter der Haut. Sie schiebt den Kopf gegen den Deckel der Tonne, hebt ihn ein Stück an, lässt ihn wieder sinken, versucht es noch einmal.

„Die schon wieder", sagt eine Stimme hinter mir.

Eine Frau tritt ans Fenster. Die Hände sind rot vom Spülwasser. Sie sieht nach unten. „Mach sie weg", ruft sie. Ein Name. Schritte. Ein Stuhl kratzt, ein Besenstiel wird aufgenommen.

Meine Krallen graben sich ins Holz. Der Hof ist der Weg, den ich kenne. Die andere steht darin, als gehörte ihr ein Stück davon.

Ich reiße das Maul auf und schreie. Das Geräusch ist zu groß für den Raum, schneidet durch Tellerklirren und Ofenknacken.

Der Mann mit dem Besenstiel zuckt, bevor er das Fenster erreicht. Unten fährt die Katze zusammen, blickt nach oben, zur Seite, verschwindet im Schatten zwischen zwei Mauern.

Der Stock trifft die Tonne. Metall scheppert. Stimmen schimpfen über „Viecher". Das Fenster wird geschlossen.

Ich springe vom Sims, setze mich an den Teller auf dem Tisch und lecke die Ränder sauber. Die Suppe ist dünn, an den Kanten dicker. Der Schwanz liegt ruhig, der Brustkorb geht zu schnell.

Der Hof ist leer.

---

Bett.

Ein Metallgestell, eine Matratze, ein Nachttisch, ein Stuhl ohne Aufgabe. Links vom Bett ein Monitor, der in gleichmäßigen Abständen piept und eine Linie zeichnet, die hin und wieder ausschlägt.

Die Hände dieses Körpers sind leicht und trocken. Die Haut darüber ist dünn, wenn man sie zusammendrückt, bleibt sie einen Moment stehen. Die Nägel sind kurz, matt.

Das Fenster steht auf Kipp. Die Luft trägt Desinfektionsmittel und einen süßlichen Rest von dem, was auf dem Tablettenwagen steht. Draußen ein Baum, der Stamm von einem Metallring gehalten. In seinen Ästen hat sich Plastik verfangen, eine zerfledderte Tüte, die bei Wind leise raschelt. Auf einem der Äste sitzt ein schwarzer Vogel.

Die Schwester tritt ein, stellt ein Tablett auf den Nachttisch. Eine Schale mit Püree, eine Tasse Tee, ein Löffel. Sie prüft Schlauch, Pflaster, Monitoranzeige.

„Alles stabil", sagt sie.

Der Mund dieses Körpers formt ein „Ja". Es ist kaum mehr Stimme darin.

Sie zieht das Laken glatt, richtet das Kissen, macht eine kurze Notiz und verschwindet wieder. Auf dem Flur rollt ein Wagen vorbei, Porzellan klappert gedämpft durch die Tür.

Es fühlt sich an, als läge ich unter der Haut und nicht auf der Matratze. Die Lampe über mir ist ausgeschaltet und trotzdem nicht ganz dunkel. Ein Haar liegt quer über der Stirn.

Draußen rückt der Vogel ein Stück auf dem Ast. Der Baum bewegt sich nur wenig, mehr im Stamm als in den Zweigen.

Der Monitor verändert seinen Takt, minimal. Der Abstand zwischen zwei Tönen wird etwas länger. Die Gardine hebt und senkt sich im Luftzug.

Ein weiterer Wagen rollt vorbei, Teller schlagen sacht gegeneinander. Jemand ruft etwas, lacht, hört auf. Eine Tür fällt ins Schloss.

Der Körper atmet ein, hält den Atem einen Herzschlag lang, atmet aus. Der Monitor gibt einen Ton von sich, dann einen mit mehr Pause dahinter.

Die Geräusche im Zimmer klingen, als kämen sie durch eine dickere Tür. Draußen knackt etwas im Baum. Der Vogel sitzt.

 

Oliver Schein

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>