14 | Nils Langhans

Il Postino

Es war ungefähr 20 Uhr, ich aß eine in Küchenrolle gewickelte Salsiccia, einige grobe Fettstücke verfingen sich zwischen meinen Backenzähnen, es roch eigentümlicherweise nach Marzipan, und einen halben Meter neben mir starb eine Taube. Sie kauerte, ein Flügel stand schräg aus ihrem Gefieder heraus, gebrochen, ihr Kopf kreiste, kreiste immer langsamer. Es war windstill. Ich stieß auf. Unter ihrem Körper breiteten sich jetzt einige Tropfen Blut aus, kaum eine Lache, höchstens ein größerer Fleck, den spätestens der nächste Regen hinwegwaschen würde. Noch immer roch es nach Marzipan. Die Taube atmete schwer, Versuch eines Aufbäumens, doch keinen Zentimeter wollte die Schwerkraft weichen, der Körper längst zu schwach. Ich blieb bei ihr, biss in die Salsiccia, kaute und versuchte mit meiner Zunge, das Fett aus den Zahnzwischenräumen zu entfernen. Die Taube gurrte, ich warf ihr das letzte Stück Wurst vor die Füße, keine Regung, noch zwei Atemzüge, und es war geschehen. Sie fiel geräuschlos in sich zusammen. Ich zündete eine Zigarette an und schaute auf das Meer, die See war ruhig, sie schimmerte preußenblau, kein Marzipan mehr in der Luft, stattdessen Kindergeschrei in der Ferne, ich blickte hinab und zu meinen Füßen setzen sich die ersten Fliegen auf die glasigen Augen der Taube.

Später am Abend saß ich in Annas und Viviannas Wohnung, kostete einige Schokoladenplätzchen und trank ein Peroni aus der Flasche. Viviannas Großeltern, die inzwischen zu uns gestoßen waren, empfahlen mir, Il Postino anzuschauen, den berühmten Film. Ich nickte. Vivianna war in etwa so alt wie ich, doch uns unterschied, dass sie schiefe Zähne hatte und ihr Zahnfleisch so künstlich, so gedunsen aussah, so als trüge sie eine Vollprothese, hellrosa, wie ein Babyschwein. Einmal sei sie in Miami gewesen, weil sie ein 6-Monats-Arbeitsvisum gewonnen hatte. Da habe sie in einem Geschäft Sonnenbrillen verkauft und Englisch gelernt. In Miami sei alles so groß gewesen, und erst recht in New York. Ich kaute und Vivianna bot mir weitere Kekse an. Ihre Mutter lugte unter ihrer Brille zu mir herüber, im Fernsehen lief ein Fußballspiel, die Großeltern saßen auf einem Sofa, starrten in den Fernseher und hielten einander die Hand, und ich dachte wie schön es wäre für immer hierzubleiben, Vivianna zu heiraten, zur Marine zu gehen, eines Tages würde ich ihr von meinem Lohn eine Zahnkorrektur spendieren, und in 50 Jahren würde ich auf Procida sterben und das Letzte, was ich hören würde, wäre die Kirchglocke schräg gegenüber, während ich in meinem Schaukelstuhl mit einem Glas Limoncello in der Hand einschlafe.  Plötzlich sagte Vivianna, dass es morgen regnen solle. Kurz darauf verabschiedete ich mich.

Auf dem Balkon lockerte ich den Tabak in einer der starken American-Spirit-Filterzigaretten. Dem Tabakfachgeschäft waren die Lights ausgegangen, sodass ich unweigerlich die stärkeren American Spirit kaufen musste, deren hellblaue Kartonage mir jedoch ausgezeichnet gefiel. Die Kirchglocke läutete ein paar Mal. Nach dem sechsten Gong hörte ich auf mitzuzählen. Ein einzelner Wassertropfen fiel auf meine rechte Schulter. Morgen würde es regnen.  Später ging ich noch einmal auf den Balkon, lockerte noch einmal den Tabak einer American-Spirit-Filterzigarette und entzündete ihn. Wieder läutete die Kirchglocke. Diesmal fing ich erst gar nicht an mitzuzählen. Ein weiterer Wassertropfen fiel auf meine Schulter. Es war so langweilig, dass es schon fast wieder langweilig war. In der Nacht versuchte ich Il Postino, den berühmten Film, auf einer Streamingseite anzuschauen, doch die Internetverbindung war außerordentlich schlecht. Ich schlief zu dem Standbild der Titelsequenz ein und träumte von frittiertem Brokkoli. Am nächsten Morgen fühlte ich mich äußerst ausgeschlafen.

„Als ich in deinem Alter war, Anfang der Achtziger war das, da bin ich einmal nach Stockholm geflogen, weil ich so verrückt nach Peter Weiss war“, erklärte mir der ältere Herr, der das Nachbarappartement bewohnte, während ich zum Frühstück ein Glas Orangensaft auf dem Balkon trank. Er verständigte sich in jenem Sprachgewirr aus Italienisch und Englisch, das entstand, wenn man einen Neapolitaner für ein halbes Leben in die klinische Sterilität Londons verpflanzte. Ich betrachtete seine fleischige Nase, die porige Haut, auf der die roten geplatzten Äderchen wie Wegmarken einer geheimnisvollen Schatzkarte erschienen, und er sagte, dass es damals ja noch kein Internet gegeben habe, damals, als er Peter Weiss in Stockholm gesucht hat.

„Aber ich wusste, dass er da wohnt. Das hatte ich rausgefunden. Und dann bin ich nach Stockholm geflogen und habe ihn fünf Tage lang gesucht. Fünf Tage, weißt du, fünf verdammte Tage. Peter Weiss war damals mein Gott, ich habe alles gelesen, wirklich alles, am besten war Marat/Sade, und ich wollte ihn unbedingt treffen. Fünf Tage habe ich ihn gesucht, fünf Tage, aber ich habe ihn einfach nicht gefunden.“ Sein weißes, kurzgeschorenes Haar gab ihm die Aura eines alternden Schneelöwen, der nach Ewigkeiten im Exil zum Lebensabend wieder in gewohntem Lande unter seinesgleichen ist, und ich hatte das Bedürfnis ihm mit meiner Hand über seine roten Wangen zu streichen und ihm ins Ohr zu flüstern, dass ich verstünde, dass es wohl eine Zeit gegeben hat, in der das Leben gut zu ihm war. Er pellte eine Orange und sagte mit vollem Mund, dass Warten auf Godot inzwischen sein Lieblingsstück sei. Seine Tochter rief aus dem Appartement in schaurigem Oxford-Englisch „Daaaaad?“, er häutete ungerührt eine zweite Orange, steckte sich ein Stück in den Mund und reagierte nicht, bis sie schließlich nach zwei weiteren Daaaaads herauskam und ihn nach der Sonnenmilch fragte. Er schob das Weiße der Orangen zu einem Haufen zusammen, sagte zusammenhangslos „Ach, Peter Weiss“, seufzte dann, seine Tochter kullerte mit den Augen und nasalierte „He’s always doing that“ in meine Richtung, bevor sie über die Balkontür wieder ins Appartement verschwand.

Es regnete den ganzen Tag über nicht. Nach dem Mittagessen ging ich zum Strand. Auf der Straße hinab zur Bucht spielten zwei Jungen mit Wasserpistolen. Dem Kleineren der beiden fehlte ein Schneidezahn.  Im Strandcafé bestellte ich Espresso und hörte dem Kellner zu, der mir erklärte, dass genau hier Il Postino, der berühmte Film, gedreht worden sei, und dass es später regnen solle. Anschließend schlief ich für eine Stunde in der Sonne.

Unweit des Strands – ich war bereits auf dem Rückweg – hingen an einer Mauer einige Käfige mit Wellensittichen, daneben ein Preisschild: 35 Euro. Ich betrachtete die Vögel und hörte ihrem leisen Piepsen zu. Eine junge Frau kam aus dem Geschäft gegenüber und erkundigte sich, ob ich einen der Wellensittiche kaufen wolle. Ich nickte. Sie öffnete den mir nächsten Käfig, nahm meine Hand und bedeutete mir, den Vogel zu berühren. Ich zog die Hand zurück und raunte ihr ein strenges „No!“ entgegen. Sie zuckte mit den Schultern und fragte, ob ich zusätzlich noch einen Käfig benötige. Ich verneinte, sie verschwand wieder in das Geschäft auf der gegenüberliegenden Seite, eilte dann mit einem ReebokSchuhkarton in der Hand zurück, öffnete den Käfig, lockte den Wellensittich mit einem Brotkrumen in den Karton, verschloss ihn und drückte ihn mir in die Hand. Ich bezahlte 35 Euro. Die anderen Vögel piepsten jetzt etwas lauter. Ich bog mit dem Karton in eine Seitengasse ein, der Vogel klopfte gegen die Pappe, ich streichelte über das leicht exponierte ReebokEmblem an der Oberseite der Schachtel, öffnete den Deckel und ließ den Wellensittich wegfliegen. Den Karton schmiss ich auf die Straße.

Gegen Nachmittag saß ich wieder auf dem Balkon. Ich trug ein Leinenhemd von Valentino, die Sonne brannte auf meinen Unterarmen und Vivianna reichte mir ein gefrorenes Glas mit selbstgemachtem Lakritzlikör, der kotbraun schimmerte. Ich probierte einen Schluck, Vivianna lächelte, ging zurück in ihr Appartement und ich goss den restlichen Likör in einen Blumenkasten. Er versickerte äußerst langsam in der ausgetrockneten Erde.  Die Rollläden des Nachbarappartements waren verschlossen. Auf dem Balkontisch lag noch immer der kleine Haufen mit dem Weißen der beiden Orangen. Ich ging in mein Appartement, legte mich bäuchlings auf mein Bett und schlief kurze Zeit später ein. Etwa zwei Stunden später wachte ich von den bittersüßen Lakritzablagerungen in meinem Zahnfleisch auf. Im Nebenzimmer lief SOS von ABBA und draußen vor der Tür schlug jemand mit einem Hammer monoton gegen eine Wand. Ich ging ins Bad und suchte in meiner Kosmetiktasche nach einer Tablette, nach irgendeiner Tablette.

Im Hafen von Marina Corricella las ich die Speisekarte eines Restaurants, das Il Postino sul Mare hieß, und der herbeieilende Kellner sagte zunächst, dass das Restaurant wegen des Films so heiße. Il Postino, der berühmte Film. Anschließend fragte er mich, ob ich etwas essen möchte. Ich nickte. Auf seinem T-Shirt stand Fashionman und ich bestellte Gnocchi alla Sorrentina.  Am Nebentisch aß ein Ehepaar schweigend ein Dessert. Die Frau trug ihre Haare mit einer großen Haarklammer zusammengekniffen, vermutlich, um ihren Spliss zu kaschieren, und ihrem Mann fiel das dünne Haar über die Stirn hinweg aus. Ein buschiger Schnauzbart thronte als letzte Bastion einstigen Testosterons über seiner wurstigen Lippe. Er trug ein Trikot des 1.FC Nürnberg.  Der Kellner mit dem Fashionman-T-Shirt verabschiedete sie kurz darauf mit Handschlag, blickte der Frau ganz tief durch ihre randlosen, nicht entspiegelten Brillengläser in die milchigen Augen und hauchte ihr ein „Signora, Grazie Mille“ entgegen. Sie lächelte unbeholfen, hakte sich bei ihrem Mann unter, er legte seine Hand auf ihren Po und sie entschwanden in eine Nacht, in der sie den deutschen Traum von Italien träumten. Sie und alle anderen glaubten die Geschichte der grün-weiß-roten Flaggen, des sonoren Singsangs, des überkandidelten Charmes, die Geschichte von Ferrari, Pizza und Pasta, sie glaubten so gerne, dass alles eins war, was blieb ihnen auch anderes übrig als zu glauben, zu glauben an die Illusion Italien, an den Kunststaat, der nie ein Staat sein wollte, an das Schelmenstück Garibaldis. Insbesondere in den Wintermonaten tröstete es die Deutschen, dass es Italien gab, und spät am Abend nach getaner Arbeit wälzten die Mitvierziger die Alltourskataloge, stießen mit einem Glas Chianti, den der Vater für 3,99 EUR bei den italienischen Wochen eines großen Discounters erstanden hatte, auf den anstehenden Sommerurlaub in der Toskana an, und später hatten sie noch drei oder vier Minuten Sex in der Missionarsstellung, das erste Mal seit drei Wochen. Danach glitten sie unter der Last ihrer zerborstenen Existenz in den Schlaf und träumten den deutschen Traum von Italien.

Inzwischen hatte es angefangen zu regnen. In der Ferne blitzte es und der Donner hallte einige Sekunden später über den Fischerhafen von Marina Corricella. Vivianna hatte Recht behalten. Das Wasser platschte vom Rand des Sonnenschirms in zapfengroßen Tropfen auf die weiße Tischdecke, schwemmte sie auf und der nasse Baumwollstoff glich einem adipösen Damenbauch, so wie er kleine, geschwulstartige Falten warf. Die Gäste rannten unter das Vordach, die Kellner sammelten eilig das Geschirr ein und zurrten die im Wind wankenden Schirme fest. Es blitzte taghell. Ich blieb sitzen und starrte in den Regen, der auf die Fischerboote prasselte. Die Lampe unter dem Sonnenschirm wog sich quietschend im Gewitterwind und ich trank einen Schluck Aperol Spritz, der inzwischen wässrig schmeckte. Ein Junge stellte sich in einem Verschlag rechts des Restaurants unter. Er hatte blaue Augen, daran erinnere ich mich genau.  Schließlich ging ich in das Restaurant und ließ mir ein Tiramisu bringen. Es war kreisrund, mit Kakaopulver bestreut und leicht rechts der Mitte auf einem viereckigen Teller platziert. Es schmeckte unaufdringlich. An der Wand gegenüber hingen gedruckte Filmausschnitte von Il Postino in sargbraunen Rahmen. Il Postino, der berühmte Film.

In der Nacht stand ich draußen auf dem Balkon und rauchte. Die Kirchglocke läutete zwei Mal. Neben meinem Aschenbecher kopulierten zwei Nacktschnecken, die der Regen angelockt hatte. Die Wolken zogen in kleinen Häppchen am Mond vorbei und es sah aus als würden sie mir eine Fratze schneiden.

Nils Langhans

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freiTEXT | Nils Langhans

Lichtschutzfaktor

Das Gästehaus lag einige Passstraßen oberhalb der Cinque Terre. Von meinem Zimmerfenster aus sah ich über die Hügelketten. In der Dämmerung verschwammen die Gipfel mit der steingrauen Wolkendecke zu einem bedrohlichen Klotz, der düster über der Welt thronte und mich grimmig anstarrte. Ich starrte zurück. Nichts regte sich. Das einzige Geräusch, das sich der vollkommenen Stille widersetzte, war der Gesang einiger männlicher Ammern. Ich war mir zumindest sehr sicher, dass es Ammern waren, und dachte darüber nach, wie praktisch es wäre, wenn es ein Shazam für Vogelstimmen gäbe. Über den Gedanken schlief ich kurze Zeit später ein.

Am nächsten Morgen klopfte Francesco an meiner Zimmertür und weckte mich sehr freundlich. Wir würden in einer halben Stunde losfahren, sagte er durch den Türspalt.

Zum Frühstück aß ich einen Apfel. Francesco hatte ihn sicher am Morgen von den pensionseigenen Apfelbäumen gepflückt, war auf eine klapprige, dreistufige Holzleiter gestiegen, hatte den Baum gerüttelt, die Äpfel waren zu Boden gefallen und es ward Frühstück. Ich hätte seinen Namen stundenlang aufsagen können. Francesco, Francesco, Francesco, so sonor wie ein Eichendorff-Gedicht, immer Francesco. Wäre er Deutscher und sie hätten ihn Franz genannt, ungläubig staunend hätte die Standesbeamtin seinen Vater angeschaut, ob er noch bei Trost sei, ein Kind Franz zu nennen, und das in den Achtzigern. Franz wie Strauß, wie Beckenbauer, wie antiquiert das klänge, ein Kind Franz nennen, nein, bitte, vielleicht im Zweitnamen, aber als Rufname wäre Franz eine Bürde - so würde sie reagieren als pflichtbewusste Beamtin, die sich dem paternalistischen Staat verpflichtet sah, der denen, die noch nicht ihrer Handlungen eigener Puppenspieler sein konnten, den Weg ins Gute wies. Franz, Franz, Franz. Man könnte es niemals vor sich hin summen oder gar singen. Man könnte es bloß salutieren. Franz Göring, jawohl, zu Befehl. Die Härte der deutschen Sprache war der wachste Erinnerungsruf, der einen jeden mit jedem Wort der Verbrechen mahnte, die von deutschem Boden ausgegangen waren. Die Härte des Deutschen machte zu allem fähig.

Wir fuhren in einem Fiat Skudo etwa zwanzig Minuten bergab, bogen uns um windschiefe Kurven, links, rechts, links, die Wipfel der Korkeichen schwangen erhaben im Rhythmus unseres 4-Zylinders, Francesco fuhr mit einer Hand am Steuer und ich studierte auf dem Beifahrersitz einen Bericht des Merian über den ökologischen Landbau in Ligurien. Die Sonne schien. Ich wühlte in meiner Strandtasche nach einer Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 25, denn die Septembersonne fräste sich nicht mehr so hemmungslos durch die Hautschichten wie die Augustsonne. Lichtschutzfaktor 25 würde ausreichen.

Francesco hielt an am Ortseingang von Riomaggiore und wünschte mir einen schönen Tag. Im Autoradio lief der Refrain von Grenade und ich dachte darüber nach, ob Bruno Mars wohl am Morgen seine Wimpern zupfte. Francesco fuhr weg und hupte zwei mal, während sich neben mir ein Mittvierziger in cargobrauner Dreiviertelhose beherzt mit der flachen Hand in die Arschritze griff, der Vertikalen entlang einige Sekunden hin und her rieb, schließlich anstandshalber flüchtig über die Schulter schaute und dann unbehelligt weiter ging.

Das eigentliche Riomaggiore erreichte man von der Stelle, an der Francesco mich abgesetzt hatte, durch eine Unterführung, die genauso gut zwei Bahngleise eines Provinzbahnhofs hätte verbinden können. Sie war eine denkbar schlechte Vorbereitung auf die Explosion, die sich – just da man aus dem Tunnel ins Licht ging – auf diesen paar winzigen Quadratmetern auftat. Mich überfiel ein Farbschauer, ein Zittern, die sorgfältig abgeblätterten Pastelltöne, das Preußenblaue Meer, einige Fischerboote, die Frauen beinahe versengt, Espresso auf Beistelltischen. Es war Zusatzversion der Realität, als würde man ein frühes Bild von Bernardo Bellotto auf LSD anschauen. Die Schönheit hier war kaum auszuhalten.

Ich stieg linkswärts der Bucht eine Treppe hoch, glaubte einen alten Schulkameraden im Gegenverkehr zu erkennen, traute mich aber nicht ihn anzusprechen, ging weiter, setzte mich auf die mit roten Ziegeln überzogene Mauer auf der Anhöhe und betrachtete einige Männer, die von den Felsblöcken ins Meer sprangen und wie junge Delfine im Wasser tollten. Ich zitterte noch immer. Die Sonne stand irgendwo im Westen. Am Nebentisch bat ein ergrauter Mann mit dunkelblauem Gaastra Polo die Kellnerin in perfektem Deutsch um die Rechnung.

Ich versuchte die Bucht von Riomaggiore auszuhalten, aber die Kulisse war zu perfekt, eine Superrealität, zu fein gearbeitet war, zu detailreich und zu gleißend. Ich ging die Stufen wieder hinab und bog in die Unterführung - erst jetzt fiel mir der bröckelnde Spritzputz auf, der sich an der Decke durch das Tropfwasser des Bergmassivs über Jahre in einen algigen Camouflagematsch gewandelt hatte.

Ein Zug fuhr in den Bahnhof von Riomaggiore ein. Die Klimaanlage sog die Menschen vom Bahnsteig in den Innenraum, sie würde sie wenige Minuten später in Monterosso wieder ausspucken, frierend und schlimm erkältet. Ach wer da mitreisen könnte in der prächtigen Sommernacht. Eichendorff konnte es ja nicht besser wissen. Damals gab es noch keine Klimaanlagen und keine Linoleumfußböden. Zum Glück musste er all das nicht mehr miterleben. Die Ästhetik der Moderne war ein einziger Irrtum.

Ich stieg in ein Taxi, ließ mich zu meiner Unterkunft fahren, packte eilig meinen Koffer, Francesco war nicht anzutreffen, ich stieg ins Auto und fuhr weiter Richtung Süden.

Nils Langhans

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