freiTEXT | Lisa Rehm
Blau
Es fing an einem Dienstag an, vielleicht auch Montag, da war es nur ein Schimmer, ein Schatten, aber Dienstag war es dann ein Fleck, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück vielleicht. Jeden Tag wurde er ein bisschen größer, heute ist Donnerstag und er ist so groß wie meine Hand. Wenn ich auf ihn draufdrücke, tut er nicht weh. Der Arzt meinte, es sei ein Hämatom, aber so fühlt es sich nicht an, es ist auch nicht das richtige Blau. Hämatome haben ja mehr so ein Meeresblau, habe ich auch zu dem Arzt gesagt, mein blauer Fleck hat eher so ein Himmelsblau. Der Doktor hat mich mit einem Soll-ich-dich-zum-Psychiater-überweisen-Blick angeguckt. Ich fühle mich unverstanden.
Ich hatte da immer schon ein kleines Muttermal, nordwestlich von meinem Bauchnabel, der Sollbruchstelle der Menschen, das war die Wurzel, der Ursprung der Erblauung. Jetzt war ich zwar besorgt, aber hätte ich heute gewusst, wie blau ich noch werden würde, wäre ich vom Balkon gesprungen.
Natürlich tat ich das, was jeder erst einmal tun würde: „Ich werde blau“ tippte ich in die Internetsuchmaschine. Ich wurde mit den unterschiedlichsten Artikeln über Krankfeiern, Blutvergiftungen und Hämatome belohnt. Ein paar Erwähnungen von Betrunkenheit schafften es, und dann fand ich den Artikel, der mich nicht mehr loslässt. Was passiert, wenn ein Mensch stirbt? Es geht um die sogenannte „Finalphase“ bei sterbenden Menschen, irgendwann werden sie blau, bevor sie sterben. Weil der Sauerstofftransport eingestellt wird.
Also war ich gestern noch mal beim Arzt. Aus Angst zu sterben oder von chronischem Sauerstoffmangel betroffen zu sein, bestand ich darauf, Blut abgenommen zu bekommen. Morgen muss ich kommen, um die Ergebnisse zu besprechen. Er hat übrigens jetzt auch große Augen gemacht, als er gesehen hat, wie groß der Fleck geworden ist. Er spricht immer noch von einem Hämatom, mir ist aber nicht entgangen, dass er versucht hat, den Fleck mit Alkohol zu entfernen, als ob ich ihn anschwindle.
Aus meinem privaten Umfeld habe ich niemandem von dem Fleck erzählt, er bereitet mir ja auch Sorgen, und ich möchte nicht, dass jemand diese verstärkt.
Es sind zwei Wochen vergangen seit der Blutabnahme, die keine nennenswerten Ergebnisse mit sich brachte. Der blaue Fleck ist weitergewachsen und hat mittlerweile 38 cm Durchmesser. Ich führe eine Tabelle, in die ich den täglichen Durchmesser eintrage. Der Fleck wächst um die zehn Zentimeter in der Woche. Er hat sich ausgebreitet in meinen Schambereich, auf mein linkes Bein, über meine Brüste bis in meine linke Achselhöhle. Ich sitze in einem Zug in die größere Stadt mit dem Uniklinikum, in das mein Arzt mich überwiesen hat. Seit der Fleck 35 cm groß ist, nimmt er ihn auch ernst. Entschuldigt hat er sich natürlich nicht. Auch meine Mutter habe ich mittlerweile eingeweiht und Lydia, meine Jugendfreundin. Beide haben irgendwie nicht angemessen reagiert, obwohl ich auch keine Ahnung habe, wo auf dem Reaktionsmaßstab die Angemessenheit liegt. Die Landschaft zieht an mir vorbei, ich habe mich damit abgefunden zu sterben. Ich habe mir das zwar immer anders vorgestellt; später, schmerzhafter, dramatischer. Ich fasse mit meiner Hand unter meinen Pullover und streichele vorsichtig meinen Bauch. Der Fleck tut nicht weh, juckt nicht, ich habe auch keine anderen Symptome, es geht mir soweit gut. Eine Hitze schlägt in mir hoch und ich spüre die Tränen in die Augen steigen. Ich schaue mich um, der Zug ist voll mit berufstätigen Menschen. Ein Mann in orangener Regenjacke beobachtet mich. Ich schlucke die Tränen runter, hier möchte ich jetzt nicht weinen.
Die Teetasse umklammert mit beiden Händen sehe ich den Fruchtfliegen zu, wie sie die Birne besetzen, die ich nicht schaffe zu essen. Seit der Erblauung habe ich neun Kilo abgenommen. Fünf davon im Krankenhaus, vier Tage lang habe ich Nahrung bekommen, die, wie ich vermute, Menschen dazu bringen soll, das Krankenhaus so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Tot oder lebendig. Mein Gefrierfach ist voll mit Gerichten, die meine Mutter mir vorgekocht hat, als sie zwei Tage hier war, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin. Im Krankenhaus haben sie alles mit mir gemacht: geröntgt, in die Röhre, mit Kontrastmittel, von dem ich mir die Seele aus dem Leib gekotzt habe, Ultraschall, Blut abgenommen, noch mehr Blut abgenommen, Haut entnommen, in meine Augen geleuchtet, und sie haben mich zu einer Psychologin geschickt. Ob ich einen Todeswunsch verspüre, wollte sie wissen. Eine Sehnsucht, dachte ich. Jetzt warte ich auf einen Termin bei einer örtlichen Psychoanalyse. Meine Mutter musste nach dem Wochenende wieder fahren. Ich bin jetzt erstmal zwei Wochen krankgeschrieben. Der blaue Fleck geht jetzt bis zu meinem Hals und meinem Knie, ich habe aufgehört, die Ausbreitung zu dokumentieren, und mich damit abgefunden, ganz blau zu werden.
Ich schaue in den Spiegel, ich warte darauf, dass mir die Tränen kommen, aber sie kommen nicht. Ich habe keine Substanz mehr, ich bin ganz leer und komplett blau. Ich drehe mich. Jeder Quadratzentimeter meines Körpers ist blau. Ich hänge den Spiegel ab und drehe ihn um. Dann breche ich zusammen und bleibe so lange auf dem Boden liegen, bis die Sonne wieder untergeht.
Alle starren mich an. Eine hat gesagt, das ist super für ein Avatar-Cosplay. Ich bin in einer psychosomatischen Klinik für Menschen mit Essstörung gelandet, nachdem ich endlich einen Termin bei der Psychoanalyse bekommen habe. Ich sei magersüchtig, sagte man mir da. Hier hat man mir gesagt, ich bin depressiv. Niemand hat gesagt, ich bin blau. Wir sitzen in einem Kreis in der Gruppentherapie und alle warten darauf, dass ich was sage. Aber ich möchte nicht mehr reden. Niemand hört mir richtig zu, alles, was ich sage, hat kein Gewicht. Ich stehe auf, verlasse den Raum und verschwinde.
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