freiTEXT | Lisa Gollub

Angst

Zuerst habe ich aufgehört mit dem Autofahren, denn Autofahren ist bekanntlich gefährlich. Mein Auto habe ich einfach stehengelassen. Es wird mich überleben, denn es hat aufgehört, gefahren zu werden. Noch in hundert Jahren wird es wie konserviert dort stehen und bewundert werden für seine archaische Unberührtheit. Dann habe ich aufgehört, mit Fähren zu fahren, obwohl es in meiner Umgebung keine Fähren gibt. Ich habe mir gedacht: Besser schon in Gedanken damit aufhören, falls man in Versuchung kommt, es bei Gelegenheit doch zu tun. Als ich einmal meine Oma besuchte, die in einer mittelgroßen Gemeinde an der Donau wohnt, stellte ich fest, dass ich zwei Möglichkeiten hatte: mit der Fähre den Fluss überqueren oder über die Brücke gehen. Ich bin über die Brücke gegangen, allerdings nur ein zweites Mal, denn dann beschloss ich: Ich gehe nicht mehr über Brücken. Als ich nach Hause kam, betrachtete ich eine Landkarte und stellte fest, dass ich nun wortwörtlich in Transdanubien lebte, nämlich begrenzt von Donau, March und Thaya, ein Gebiet, das, wie ich mir sagte, groß genug war für meine Bedürfnisse. Ich genoss die Aussicht auf lange Radtouren durch Wein- und Waldviertel, aber dann wurde ich Zeuge eines Unfalls, bei dem zwei Autos kollidierten, als eines einen Radfahrer überholen wollte. Zu allem Übel wurde ich auf die Polizeistation geladen und musste gegen einen der Autofahrer aussagen. Da dachte ich bei mir: Nie wieder den Verkehr beobachten! Und um Gottes Willen nicht mehr Radfahren. Am Abend schrieb ich auf einen Zettel das Motto meines verkleinerten Lebens: Je geringer die Möglichkeiten, desto unendlicher die Welt. Ich machte mich zu Fuß auf. Zu Fuß ging ich einkaufen und zu Fuß ging ich zum Arzt, denn auch Busfahren ist gefährlich, und mit meiner Oma telefonierte ich nun regelmäßig. Sie erzählte vom Jahrhundert-Hochwasser, das die Brücke unterspült hatte, Fahrzeuge und Fußgänger seien ins Wasser gestürzt, aber niemand sei gestorben. Ein Wunder!, dachte ich. Ein Wunder!, sagte meine Oma. Als wir das nächste Mal telefonierten, stand das Wasser schon bis zum Tür, sodass sie das Haus nicht mehr verlassen konnte. Helfer der Feuerwehr brachten ihr Lebensmittel auf einem Schlauchboot, und ich machte mir jetzt wirklich Sorgen. Ich beschloss, meine Oma zu retten. Ich packte alles Notwendige ein, überprüfte meinen Personalausweis, meine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, behob Geld. Aber dann kam mir in den Sinn: Ich fuhr nicht mehr mit dem Auto, nicht mehr mit dem Bus, nicht mehr mit der Bahn, über Brücken ging ich nicht mehr und mit einem Schlauchboot die Donau zu überqueren erschien mir gefährlicher, als selbst ein Flugzeug zu steuern. Ich rief bei meiner Oma an und sagte: Oma, ich kann dich nicht retten! Retten, was heißt, warum willst du mich retten?, fragte sie. Sie habe Gummistiefel, das Schlauchboot der Feuerwehr komme jeden Tag mit frischer Milch, alles sei halb so schlimm. Ich beendete das Telefonat desillusioniert. Dann dachte ich: Ich muss aufhören mit dem Aufhören. Deshalb rief ich meinen besten Freund an und wir verabredeten uns für den Nachtclub. Ich rang mich dazu durch, mit dem Bus zu fahren, er wankte ein bisschen nach allen Seiten, einmal streifte er mit den Reifen den Randstein, aber sonst blieb die Fahrt ereignislos. Im Nachtclub genoss ich das Leben wie ein Lebemann, kippte Spritzwein wie Wasser und entschied mich für eine Frau. Der scheinbar vorbestimmte Ablauf beruhigte mich. Ich war ihr immer einen Schritt voraus, um die nächste Aktion erwarten zu können. «Du weißt», sagte sie auf der Fahrt nach Hause immer wieder, «du weißt». Aber ich wusste es erst morgen früh, als ich aufwachte und feststellte, dass neben mir ein Mann-in-Frau lag. Ich konnte mich an nichts erinnern. An diesem Tag beschloss ich, nicht mehr in Nachtclubs zu gehen, denn das schadet Ruf und Gesundheit. Ich entwickelte eine längst überfällige Lebensphilosophie: Jedes Element aus unserem Alltag ist hinsichtlich seiner Gefahr für Leib und Leben zu bewerten und sofern Gefahr besteht zu vermeiden. Die beste Prophylaxe ist Voraussicht. Das heißt, sich am besten immer schon vor der Welle auf den Berg retten, oder besser zur Prophylaxe der Prophylaxe von vornherein dort ansiedeln. Insofern fiel es mir nicht schwer, nicht mehr über Brücken zu gehen oder mit Fähren zu fahren, denn ich wusste: So bin ich sicher vor den Gefahren des Lebens. Zu dieser Zeit entdeckte ich im Fernsehen eine Dokumentation über Superflüssigkeiten, welchen das Kunststück gelingt, ihre Reibung zu minimieren. Sie fließen einfach über alles hinweg, was sich ihnen entgegenstellt. Wie einen Gedanken, den man noch nicht greifen konnte, erschien mir in großer Ferne die Vorstellung einer reibungslosen Welt. Hüftgelenke, die sich nicht zerreiben. Motoren, die ewig dahinpumpen. Menschen, die ihrem Schicksal entfliehen. Und dann dachte ich an Ozeane, die im Zerfließen Menschen ertränken. Reibung und Reibungslosigkeit sind Fluch und Segen, dachte ich. Und auch Leben und Tod sind äquivalent in der Gefahr, die von ihnen ausgeht. Muss man nicht den Tod fürchten, dann das Leben. An diesem Tag beschloss ich: Ich gehe nicht mehr vor die Tür. Ich legte den Wohnungsschlüssel in die Schatulle der Reserveschlüssel, die ich erst lange suchen musste, dann aber doch fand. Die Vorstellung, ihren Ort noch einmal zu vergessen, beruhigte mich, sodass ich mich bewusst anstrengte, es aber bald aufgab. Mein Kosmos war zu klein geworden. Auf meinen 52,75 Quadratmetern war nichts mehr zu übersehen oder zu verdrängen. Alle Möbel sprangen mir ins Auge, als hätte ich sie neu gekauft. Ich putzte montags und samstags, bald montags, mittwochs und samstags und als ich bloß die Schlieren des letzten Putztages beseitigte, stellte ich fest, dass ich mich drehte. Mein Leben hatte an Form und Struktur gewonnen, aber an Inhalt verloren. Es war, als würde ich mich rückwärts gehend fortbewegen. Aber ich bewege mich fort, dachte ich, denn alle Veränderungen hatte ich mit dem Gedanken vollzogen, jedes Hindernis schon zu erahnen, bevor es zur Gefahr wird. Prävention ist die beste Gesundheitsvorsorge, sagt der Hausarzt und ich nahm es mir zu Herzen. Bald dachte ich wieder an die Dokumentation über Superflüssigkeiten. Sie stimmte mich nachdenklich wie alles, was man nicht so recht versteht. Ich betrachtete meinen Körper, setzte an zu einer Kniebeuge, verrenkte den Kopf ein wenig, und tatsächlich: Ich spürte Reibung. Ich spürte wie Knorpel über Knorpel glitt, dann ruckte und im nächsten Moment schon rumpelte. Mein Körper machte mir Angst. Wie konnte trotz aller Enthaltsamkeit ein Knorpelschaden entstanden sein? Ich wollte –, aber nein, ich verließ das Haus nicht mehr. Ich wollte –, aber nein, ich telefonierte nicht mehr. Was tun? Ich legte mich ausgestreckt auf mein Bett, das mir wie eine dünne Pritsche vorkam, und atmete, atmete ruhig vor mich hin, bis sich mein Herzschlag verlangsamte. Ich versuchte Gedanken zu fassen, ja, ich beobachtete mich beim Denken und griff immer wieder in mein Bewusstsein hinein, und da fiel mir auf, wie sehr mich das Denken beanspruchte. Ich spürte geradezu die Reibung der Gedanken, wie sie sich aneinanderzwängten und aneinanderrieben, und unwillkürlich dachte ich an den nicht mehr ganz intakten Lack meines Autos, der bei jeder Berührung abblätterte. Ich muss aufhören zu denken, dachte ich, aufhören! Da vernahm ich ein lautes Geräusch. Es kam aus dem Vorzimmer. Ich hörte es noch einmal, also hievte ich mich vorsichtig hoch, um die Gelenke zu schonen und bewegte mich in den winzigen Vorraum. Hey!, hörte ich durch die Tür, bist du zu Hause? Da rauschten an mir die vergangenen Wochen vorbei, die Pein der vermeintlichen Sicherheit, die Angst vor Brücken und Fähren, die Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Mit zittrigen Händen öffnete ich die Schatulle, die auf der Kommode neben der Tür stand, und fingerte den Schlüssel heraus. Ist alles in Ordnung?, fragte mein bester Freund, als wir uns gegenüber standen.

 

Lisa Gollub

 

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18 | Lisa Gollub

nehcasnebeiS

Ich packte meine Siebensachen und verließ die Post, nachdem ich – endlich – den Brief nach Weißrussland aufgegeben hatte. Zur Sicherheit klatschte ich mit der Hand auf die Tasche, denn ich wollte nichts vergessen haben, blickte wie beim Autofahren über die Schulter in den toten Winkel der Postfiliale und schaute eine Sekunde später in das Gesicht eines Fußgängers. Wird schon passen, dachte ich und machte mich auf zur Nordsee, um das Mittagessen einzunehmen.

Gewissenhaft bestellte ich einen mit Siegel ausgestatteten Fisch aus Norwegen und setzte mich an einen Tisch beim Fenster. Ich beobachtete die Menschen, wie sie vorübereilten und fragte mich, was sie antrieb. Ich erinnerte mich an die Weisheit, einen Menschen nicht nach seinem Motiv zu fragen, sondern sein Verhalten zu analysieren. Man muss wissen, woraus man Schlüsse zieht, dachte ich.

Draußen ging ich ein wenig spazieren, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte. Ich sah mich völlig frei von Verpflichtungen, fast unabhängig von Raum und Zeit. Tja, ich fühlte mich ein wenig wie gesundes Gewebe, aus dem ein Tumor entfernt wurde. Es klaffte ja doch ein Loch in mir, das ich momentan nicht füllen konnte. Was tun?, fragte ich mich.

Da kam ich an einer Parkbank vorbei. Ein Kind versuchte sich bäuchlings auf die Bank zu robben. Ich sah, dass es mit aller Kraft alles versuchte, ja, ich fieberte ein wenig mit und war versucht, ihm den entscheidenden Ruck zu geben. Ich blickte mich um. Keine Mutter in Sicht. Also half ich dem angestrengten Kind. Und als es vollbracht war, konnte ich nicht umhin. Schon hielt ich es im Arm wie ein Eigenes. Wie beruhigend war es doch, ein Kind zu haben!

Glückselig streifte ich durch die Straßen und ließ keine Gelegenheit aus, meinem Glück Ausdruck zu verschaffen. Ich strahlte jeden beliebigen Fußgänger an, während das an die Hüfte gestemmte Kind bei jedem Schritt abhob und wieder landete. Wie alt ist es denn?, fragte mich ein alter Mann auf der Straße. Das dürfen Sie mich nicht fragen!, lachte ich ihn an und bestieg den nächsten Bus.

Einen Kinderwagen brauche ich jetzt!, dachte ich. Also schnappte ich den Zwillingskinderwagen, der neben einem anderen im Bus stand, setzte mein Kind hinein und stieg bei der nächsten Station aus. Erst als wir zehn Minuten später das Tor zum Prater passiert hatten, entdeckte ich das zweite Kind, das ruhig im Kinderwagen schlief. Umso besser!, dachte ich und machte mich wagemutig auf in die Menge, die sich jedes Jahr zur Eröffnung der Saison versammelt.

Von der Ferne hörte ich plötzlich vertraute Musik. Ich fühlte mich in meine Jungscharzeit zurückversetzt, als wir auf der Reise nach Tirol Stunden über Stunden Volkslieder sagen, dieselben, die ich allen meinen Kindern beigebracht habe. Schon standen wir vor einer Schießbude und ein trübsinniger Bub reichte uns Stoffbälle.

Warum bist du traurig?, fragte ich ihn, als die Kinder alle Bälle ins Off geschossen hatten. Ich muss jeden Tag hier arbeiten und darf nicht in die Schule gehen, sagte er. Das kann nicht sein!, dachte ich, griff seinen Oberarm, zog ihn über die Theke und lächelte ihn willkommenheißend an. Komm mit uns!, sagte ich mehr zu mir als zu ihm. Und schon waren wir eine fast vollzählige Familie.

Wir bahnten uns den Weg durch die Menschenmenge. Ich ließ den kleinen Buben vom Schießstand zur Entschädigung Motocross fahren, die beiden anderen setzte ich ins Kleinkindkanufahren und verspeiste währenddessen, wie ich es aus Jugendjahren kannte, Pommes frites mit Mayo.

Ebenso einfach wie man Kinder verliert, kann man Kinder auch wieder aufklauben. Denn als wir uns auf den Weg nach Hause machten, fix und foxi waren die Kinder, wie der kleine Bub immer wieder für alle anderen sprechend sagte, da sah ich in der Menge ein gestrandetes Kind. Es stapfte plärrend im Kreise, schrie nach Mama und Papa, obwohl es längst zu groß war, um zu schreien. Da platzierte ich mich mit dem Zwillingskinderwagen unmittelbar vor ihm, zumindest einen Halbkreis ausfüllend, und lächelte es ganz unscheinbar an, in etwa wie eine Vertrauensperson. Im nächsten Moment sah ich, wie ihm die ganze Szene Einhalt gebot, wie es seine Entscheidung fällte und auf uns zukam, als wären wir immer schon seine Familie gewesen. Schön!, sagte ich, schön! Und wir umarmten uns allesamt in Verklammerung mit dem Zwillingskinderwagen.

Endlich auf dem Weg nach Hause!, dachte ich, als wir mit der Rolltreppe abwärts fuhren. Und wie eine einsame Prinzessin sah ich ein Mädchen, das aufwärts fuhr, winken. Durch trübe Schichten der Erinnerung tauchte ich in die Gegenwart und erkannte schließlich eines meiner Kinder, meiner Kinder! Ich wollte es wiederhaben, dachte ich, ich wollte es wie eine Sache wiederhaben. Es erschien mir im Moment der Begegnung wie ein Edelstein in einer Mineraliensammlung. Dabei war es wahrscheinlich den ganzen Tag Rolltreppe gefahren, und ich fühlte mich schuldig wie eine Rabenmutter, die ein Kind ins Heim gibt und kurze Zeit später wieder abholen will. Da kam der Rolltreppenabsatz, ich musste schnell reagieren, beiderseits fuhr die U-Bahn ein und schon war alles, was gerade geschehen war, längst wieder Vergangenheit.

Ich nahm einen Umweg über die Schule, die sich in der Nähe meiner Wohnung befand. Schon oft hatte ich mich am Eingang platziert, um den Kindern allerlei Süßigkeiten zuzustecken. Ich hatte immer schon ein Bedürfnis nach Wohltätigkeit gehabt und in dieser Geste sah ich sie realisiert. Also stellte ich mich mit meinen vier Kindern, die ich rückwärts durchzählte, als würde ich vorwärts zählen, mit einer Packung Werther’s Original vor den Eingang des Musikgymnasiums. Die Glocke schrillte, Kinder gingen vorüber, bedienten sich ohne ein Dankeswort, bis die Packung mit dem Erklingen der Stundenglocke fast leer war. Ich nahm die verbliebenen zwei Bonbons in die Hand und dachte: Der Wohltätigkeit genug, aufs Ganze gehen! Wie gerufen kamen zwei Mädchen durch die Doppeltür, das Schicksal erfüllt sich selbst, dachte ich, denn sie nahmen mir die Bonbons aus der Hand und schauten mich erwartungsvoll an. Ich war ein wenig überrascht, dann sagte eines der Mädchen, etwa zwölf Jahre alt mit Zöpfen: Gehen wir?

Auf dem Rückweg wunderte ich mich ein wenig. Ich fragte mich, warum meine Kinder mich ohne jeden Zweifel an der Mutterschaft annahmen, dass sie mir geradezu in die Arme liefen, als wäre ich in der Tat eine Mutter. Was hatte das zu bedeuten? Vor vielen, vielen Jahren, dachte ich, habe ich in der Schule gelernt, dass bei einer Reaktion ein Teilchen von A auf B übergeht. Niemals kann aber ein Teilchen in der Luft hängen. Alle meine Kinder waren auf mich übergegangen und deshalb mussten sie an anderer Stelle fehlen. Ich empfand Glückseligkeit, aber was empfanden die Eltern? Was würde ich empfinden bei der rückwärtigen Übertragung? Faxen, dachte ich dann, soweit wird es nicht kommen. Verbissen pfügte ich wie schon einmal durch die Straßen, vorne die beiden Mädchen aus dem Musikgymnasium, die ich im Singen gar nicht anzuleiten brauchte, dahinter der Bub, der Händchen hielt mit dem verweinten Kind aus dem Prater, und dann ich – mit dem Zwillingskinderwagen.

Kurz vor der Wohnung drehte ich meinen Kopf ein wenig in den Nacken, um die Verspannungen des Tages zu lösen, und da erblickte ich das Sorgenkind, wie es mit traurigem Blick dahinbummelte, immer mit ein wenig Abstand zu uns. Und ich wusste nicht zu sagen, ob es dasselbe Kind war, das ich heute als erstes verloren hatte. Da winkte mir vom Hauseingang die Nachbarin zu und rief mir entgegen: Vorbildlich, eine vorbildliche Familie! Ich zählte durch. Es waren ihrer sieben. Positive Bilanz!, dachte ich und schüttelte der Nachbarin beim Eintreten noch energisch die Hand.

 

Lisa Gollub

 

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freiTEXT | Lisa Gollub

Als die Leiter fiel

Der erste Fall von der Leiter geschah Mitte August. Niemand hätte es vorhersehen können außer die Person, die fiel, und das war der Vater. Er stieg mit klobigen Straßenschuhen auf die Leiter, holte etwas aus der Kammer oberhalb der Garage, ließ den Gegenstand von oben auf die Wiese plumpsen und stieg dann verkehrt von der Leiter. Auf einer der unteren Sprossen blieb er mit dem Absatz seiner Schuhe hängen, sprang ab und landete mit Kopf, Händen und Knien auf den unebenen Fliesen. Er richtete sich mühevoll auf, hielt eine Hand an den Kopf, die andere ans Knie, beide waren blutig. Geht schon, dachte er sich und holte die Gartenschere aus der Garage. Auf dem Rückweg in den Garten tropfte schon Blut von der Stirn übers Kinn auf sein Arbeitshemd. Papa, was ist los?, rief der Sohn, als er ihm begegnete. Und da war es schon geschehen. Der Vater klappte auf dem Rasen zusammen. Ruf den Notarzt!, rief der Sohn zum Nachbarn, der zu Gast war, schnell!

Geht schon, sagte der Vater wieder bei Bewusstsein, als der Notarzt eintraf, aber der Sohn hielt ihn auf dem Boden. Geht nicht, sagte der Arzt dann, Sie haben eine Platzwunde am Kopf und Abschürfungen auf Händen und Knien, Verdacht auf Gehirnerschütterung, wir nehmen Sie jedenfalls mit. Alle Beschwörungen des Vaters gingen ins Leere. Es sei alles nicht so schlimm, er sei nur von der Leiter gehüpft, weil es nicht anders ging, es sei ja eigentlich nicht viel passiert, jeden Tag fallen Leute von der Leiter. Der Notarzt hörte ihn an und bereitete dann die Liege vor, denn beim Aufstehen schwankte der Vater ordentlich.

Die Tochter war gerade auf der Autobahn unterwegs, als der Bruder anrief. Der Papa ist umgekippt!, sagte er, wir fahren ins Landesspital. Was passiert sei, wollte sie fragen, aber da war die Leitung tot, und sie dachte: Schlaganfall oder Herzinfarkt. Sie änderte die Route und fuhr geradewegs zum Landesklinikum. Die Fahrt dauerte quälend lange. Und der Bruder war nicht mehr zu erreichen.

Die Rettung brachte den Vater in die Notfallambulanz des Landesspitals. Er wurde geröntgt und genäht und sollte zur Beobachtung über Nacht bleiben. Die Tochter stürzte herein, als der Vater die Dokumente entgegennahm. Auf seinem Gesicht lag ein mildes Lächeln, und der Bruder sagte erleichtert zu seiner Schwester: Fast nichts passiert!, worauf der Vater entgegnete: Hab ich doch gesagt!

Am nächsten Tag wurde der Vater entlassen. Verkrustetes Blut überzog einen Teil der Stirn und auch Arme und Beine. Ich bin komplett schmerzlos, sagte der Vater wie zum Spaß zur Mutter, die ihn besucht hatte. Die Mutter rügte ihn mit Blicken und Worten. Wie so etwas passieren könne, rückwärts die Leiter heruntersteigen, herunterspringen! Man müsse auf ihn aufpassen wie auf ein Kind. Sie verließ das Wohnzimmer und holte aus dem Medizinschrank Ringelblumensalbe. Dann sagte sie zu ihm: Dass du sie auch verwendest!

Einen Tag später taten sich Mutter und Sohn zusammen und verräumten die Leiter umständlich in der Garage. Auf die an der Wand befestigte Vorrichtung steckten sie zusätzlich zur Leiter Ketten und Seile, davor stellten sie den Rasenmäher und die Autoreifen. Als die Mutter vorschlug, sie könnten die Leiter versperren, antwortete der Sohn: Der Papa ist erwachsen. Es vergingen einige Tage, ehe der Vater wieder ordentlich hantieren konnte. Bald wurden die Nähte gezogen und die Abschürfungen schienen gut zu verheilen. Nicht kratzen!, ermahnte der Sohn den Vater, wenn er an den Krusten kratzte. Dann erheiterte der Vater sich zu sagen: Das weiß ich schon.

Bald bekam die Tochter von der Mutter einen Anruf. Sie lebte in der Stadt und war nur alle Zeiten mal am Land. Im Grunde konnte man sagen, sie hatte sich vollkommen von ihrer Familie emanzipiert. Die Mutter trug vorwurfsvoll vor, was sie über die Verhältnisse zu sagen hatte. Dass der Vater meistens ganz allein sei, dass sie zu selten nach ihm sehe, dass es gar nicht hätte passieren dürfen, dass der Vater von der Leiter fällt. Die Tochter hörte sich das an und antwortete, dass das nicht in ihrer Macht stehe.

Bald war der Vater wieder fit. Er setzte gemeinsam mit dem Gärtner Blumen, grub Wurzeln verdorrter Bäume aus, montierte einen Sichtschutz am Maschendrahtzaun. Er war ganz in der Tat. Anfang September stieg er zum ersten Mal seit seinem Unfall auf die Leiter. Mühevoll hatte er sie aus der Garage hervorgeräumt, geputzt und aufgestellt. Zur Demonstration seiner Gesundheit hatte er den Nachbarn bestellt, der ihm zusah, als er die Leiter erklomm. Von oben winkte er herab, und der Nachbar sagte händeringend: Seien’S bloß vorsichtig! Kaum war er wieder am Boden, lachte er wie ein Kind, das sich freut, eine Aufgabe gemeistert zu haben. Alles halb so schlimm, sagte der Vater.

Als er zum zweiten Mal von der Leiter fiel, war der Vater allein. Er platzierte die Leiter an einer anderen Stelle der Hausmauer, um die Satellitenschüssel zu justieren, denn der Fernseher hatte ausgesetzt. Als er ganz oben war, überkam ihn Schwindel. Er hielt sich fest, aber trotzdem schien sich alles zu bewegen. Er bemühte sich, so schnell wie möglich herunterzusteigen, und dann, fast war er da, stürzte er rücklings auf die Wiese. Wie eine umgedrehte Schildkröte lag er auf dem Rücken, die Wiese war hart und hatte den Sturz kaum abgefedert, und als er aufstand sagte er sich, wie immer, wenn etwas passiert war: Nichts passiert!

Am Wochenende kam die Familie zusammen. Der Vater saß mit steifem Rücken auf der Wohnzimmer-couch und trank seinen Kaffee. Die erste, die Verdacht schöpfte, war die Mutter. Sie beobachtete ihn einige Zeit, und dann sagte sie nicht ohne Vorwurf: Warst du wieder auf der Leiter? Der Vater verneinte, wie man eine Frage verneint, die man nicht gestellt bekommen will. Wortlos ging die Mutter hinaus und holte die Kette aus der Garage und das Vorhängeschloss vom Gartentor. Damit kettete sie die Leiter an die Winterreifen. Genauso wortlos setzte sie sich zurück ins Wohnzimmer.

Als er im Laufe des Nachmittags in die Garage kam, entdeckte der Vater die angekettete Leiter. Er stand einen Augenblick da und betrachtete das Werk. Dann griff er in die Schlüsselschublade, in der sich alle Zweitschlüssel des Haushalts befanden, probierte mehrere von ihnen, bis einer passte und machte die Leiter frei. Bald stand sie wieder an der Wand, fern von Satellitenschüssel und anderen Gründen, auf eine Leiter zu steigen.

Er hielt Ausschau und entdeckte hinter dem Fenster, über das die Leiter reichte, seine beiden Kinder. Sie standen einander gegenüber. Der Sohn schien etwas zu erzählen, über das die Tochter schon erwartungsvoll lachte. Dann lachten beide. Und dann lagen sie einander vor Lachen in den Armen. Der Vater war versucht, ebenfalls zu lachen, aber es blieb bei einem Lächeln. Mit Bedacht stieg er auf die Leiter, er hatte wieder die Straßenschuhe an und das Arbeitshemd mit rosa Flecken auf Brust und Bauch, in Richtung der Schwerkraft, dachte er, als er an sich herabblickte. Dann hörte er die Terrassentür, und im selben Moment rafften seine Kinder im Haus die Vorhänge und blickten ihn ungläubig durchs Fenster an. Es ist die Zeitspanne, in der man versucht, aus der gegebenen Information Schlüsse zu ziehen, und, kann man es nicht, zu handeln, ganz gleich, ob es hilft oder nicht. Die Mutter stürzte in den Garten, die Kinder öffneten die Fenster und versuchten den Vater wie die Feuerwehr von der Leiter ins Haus zu hieven. Indes stand die Mutter hilflos vor der Leiter, schrie, wedelte mit den Armen, flehte den Vater an, er möge herabsteigen. Aber der Vater stand mit einer Festigkeit und Sturheit auf der Leiter, knapp eineinhalb Meter über dem Boden, und ließ sich nicht bewegen, auf den Boden zu kommen. Stattdessen lächelte er seiner Familie wie aus einem Passfoto entgegen und umklammerte die Leiter umso mehr.

Zuerst hielt die Tochter inne. Ruhig stand sie am Fenster und schaute ihren Vater an. Sie sah die Furchen auf der Stirn, die jetzt geglättet waren, das arglose, halb schadenfrohe Lächeln, das sie manchmal selbst nach dem Zähneputzen aufsetzte. Was wollte der Vater sagen?, fragte sie sich. Da hielt auch er Bruder inne und blickte sie an. Die Mutter hatte sich inzwischen in die Hosenbeine des Vaters verkrallt und versuchte ihn unter noch größerer Gefahr auf den Boden zu ziehen. Aber still war es geworden. Die Kinder schwiegen und der Vater stand unverändert starr und wortlos auf der Leiter. Die Mutter schnaufte, hing mit den Fingern noch an der Hose, kämpfte mehr mit sich selbst, als mit dem Vater, und letztlich, als sie auf den Boden plumpste, musste sie einsehen, dass es allein dem Vater oblag, von der Leiter herunterzukommen oder nicht.

Die Fenster wurden geschlossen. Der Vater stand noch einige Zeit auf der Leiter, aber ohne Publikum macht auch das größte Kunststück keinen Spaß. Er drehte sich um hundertachtzig Grad, nahm Sprosse um Sprosse, sprang von der letzten ab und landete sicher er auf dem Rasen. Im nächsten Augenblick sauste die Leiter an ihm vorbei und fiel klirrend auf die Wiese. Nichts passiert!, dachte sich der Vater heiter und saß bald wieder auf der Wohnzimmercouch.

 

Lisa Gollub

 

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