freiTEXT | Gloria Ballhause

Warten

Aus dem Nichts taucht der Fuchs neben Raul auf. Er steht auf der Kante des Bordsteins und wartet, dass der Verkehr abebbt. Stille um ihn herum, die sich ausdehnt. Raul wagt nicht, sich zu bewegen. Er gräbt stattdessen seine Hände tiefer in die Manteltaschen.

Es ist ein später Samstagvormittag im Oktober. Auf der anderen Straßenseite stehen schon Leute vor einem Falafel-Imbiss, der Gemüsehändler in dem Laden daneben preist sein Gemüse an. Auberginen, Zucchini, Tomaten. Zweineunundneuzigdaskilowollensieprobieren? Sein Singsang  legt sich über das Rauschen vorbeifahrender Autos, und irgendwo klappern Glasflaschen.

Raul dreht sich leicht zu Seite, um den Fuchs zu betrachten. Müde sieht er aus. Sein Fell ist rostbraun und ein wenig zerzauselt, helles Grau durchzieht Rücken und Schweif, aber seine Statur ist kräftig. Er scheint noch jung zu sein.

Der Fuchs fährt sich  mit einer Pfote über die Schnauze als wolle er seine Müdigkeit wegwischen.

Ein bisschen ausruhen, bevor es weitergeht, denkt Raul. Er bemerkt wie schwer seine eigenen Beine sind. Wie weit er dieses Mal gelaufen ist.

Es ist nicht Rauls Gegend. Obwohl er oft Samstagvormittag spazieren geht, ist er noch nie so weit gelaufen. Wo er wohnt, gibt es keine Geschäfte, keinen Imbiss. Es gibt Hochhäuser mit vielen Menschen darin, davor abgezirkelte Wiesen, die kaum jemand betritt.

Er ist losgelaufen, als es noch dunkel war, als alle noch schliefen. Sein Onkel, seine Tante, die Wohnung im Halbdunkel, das Ticken der Wanduhr in der Küche. Seine leisen Sockenfüße auf dem Laminat.

Du bist wie ein alter Mann, der nicht schlafen kann und  nachts herumwandert, schimpft seine Tante, wenn er von diesen Spaziergängen zurückkommt mit frischen Brötchen in der Hand oder gefüllten Teigtaschen, die Tüte manchmal ein bisschen zerfleddert vom langen Tragen. Sie schimpft nie böse, sondern lächelt dabei, ihr Gesicht eine Sonne, deren Strahlen wärmen.

Raul ist nicht alt, er ist bloß ungeduldig. Er ist dieses Jahr achtzehn geworden, und kommt aus einer kleinen Stadt, sieben Busstunden entfernt.  Und eigentlich kommt er nicht einmal von dort, sondern aus dem letzten Haus vor dem Ortsschild. Hinter dem krummen, verwitterten Haus ein Kiefernwald und sonst nur Maisfelder; es sind fünfundzwanzig Minuten mit dem Bus bis zur Innenstadt, mit dem Fahrrad viel schneller.

Familie ist Familie, hat sein Onkel am Telefon gesagt, der vor vielen Jahren schon, Raul war noch ein Kind, weggezogen ist in die große Stadt. Er sagte es zähneknirschend, nicht zu überhören über den Lautsprecher des Handys, den Raul angeschaltet hatte, anschalten musste, damit seine Mutter mithören konnte. Sie saß neben ihm, kerzengerade wie bei einer Prüfung, die Hände flach auf den Oberschenkeln aufgelegt. Aber gesagt ist gesagt, und Rauls Mutter schrie ihren Dank ins Telefon, über seine Stimme hinweg, als sei sie aufgeregter als er selbst. Es geht aber nur für zwei Monate, sagte sein Onkel dann noch. Das würde reichen, hatte Raul gedacht, um ein Zimmer zu finden und einen Job.

Das Warten nimmt kein Ende. Autos strömen vorbei, als hätte jemand eine Schleuse geöffnet. Als hätten alle gleichzeitig beschlossen, genau jetzt ins Auto zu steigen, um einkaufen zu gehen, zum Friseur oder sonstwohin. Nur los.

Die Stille neben Raul schwindet. Die Beine des Fuchses beginnen zu zittern, unruhig senkt er die Schnauze und tippelt auf der Stelle. Raul weiß, dass die Füchse hier nicht die gleichen sind, wie die in dem Kiefernwald. Sie haben sich angepasst an Straßenkreuzungen und an Bahntrassen, an Falafel-Reste vor Mülltonnen, an Menschen, die eigenartig riechen und überall sind. Sie leben in einem Netz aus Inseln, und bewegen sich zwischen ihnen ohne Angst. Wenn man sie in die Wildnis bringt, laufen sie zurück in die Stadt.

Aber dieser Samstagvormittag ist zu viel für den Fuchs. Es ist der Moment, der sich zum Guten neigt oder zum Schlechten, denkt Raul. Auf welche Seite, weiß niemand vorher. Raul wünscht sich, dass die Zeit still steht, dass der Fuchs noch ein wenig bleibt und dass er nichts tun wird aus Angst. Es gibt doch immer mehrere Möglichkeiten, denkt er.

Die zwei Monate sind an diesem Samstag vorbei. Raul hat immer noch kein Zimmer gefunden, und auch keinen Job. Einmal hat er zur Probe gearbeitet in einem Lager, aber das war nichts für ihn. Er packte nicht schnell genug die Pakete, stand in der Pause allein in der Ecke. Am Ende des Tages ein Händedruck vom Schichtleiter, der seine Kappe kurz zurechtrückte, im Gesicht ein süßliches Lächeln, das hieß: Du nicht.

Auf der gegenüberliegenden Seite bleibt eine Gestalt stehen. Schwarze Kapuzenjacke, silbernes Papier, das in den Händen glänzt, ein Stück Fladenbrot, das nicht ganz mit dem Papier umwickelt ist und von dem abgebissen wird. Eine lilafarbene Strähne sprießt aus der Kapuze, das Gesicht halb verdeckt.

Raul hebt langsam einen Arm, zeigt auf den Fuchs und auf die Straße, mehrmals. Die Kapuzenjacke mampft weiter Falafel als ob nichts wäre.  Dann endlich sieht die Kapuzenjacke auf, blickt sich um, nach ein paar Sekunden, eine Hand, die zurückwinkt.

Der Gemüsehändler ist für einen Augenblick still. Er scheint sein Gemüse zu vergessen, starrt zu Raul hinüber oder besser gesagt, zu Rauls Begleiter. Ein Grinsen klebt in seinem Gesicht. Er kramt ein Handy aus seiner Hose.

Der erste Schritt ist mehr ein Sprung im Inneren, als dass er wirklich springt. Raul schreitet in eine Lücke, ein Auto bremst.  Der Fahrer streckt den Kopf aus dem Fenster.

Alles klar bei dir?, schreit er.

Dann stellt sich auch die Gestalt in der Kapuzujacke auf die Straße, die lilafarbene Strähne bauscht sich Wind. Autos stauen sich,  die Leute vor dem Falaffel-Imbiss drehen ihnen die Köpfe zu. Der Gemüsehändler filmt.

Er filmt, wie der Fuchs über die Fahrbahn läuft, ruhig, und ohne Hast, als hätte er es erwartet, dass man ihm Straße freihält.  Mit einem letzten Satz verschwindet er hinter einer Hausecke.

Als das Hupen beginnt, ist Raul schon längst auf der anderen Straßenseite. Er lässt die Flüche, die im Vorbeifahren gerufen werden, über sich hinwegziehen. Er wirft einen Blick in das Gesicht, das unter der Kapuze steckt. Schwarz funkelnde Augen von lilafarbenen Strähnen umrahmt. Raul weiß nicht, ob er was sagen soll und auch nicht was. Er lächelt bloß. Das Gesicht mit der lilafarbenen Strähne vor der Stirn blickt ihn stumm an. Raul dreht sich schon zum Weitergehen, da hört er, dass jemand etwas sagt.

Hey, Fuchsretter, wo gehst'n hin?

Raul dreht sich um.

Weiß nicht, ich geh' nur spazieren, antwortet er.

Kann ich mitkommen?

Raul erschrickt. Die Frage hat er lang nicht mehr gehört. Er überlegt.

Kennst du einen guten Bäcker?, fragt Raul nach einer Weile.

Er erhält ein Lächeln.

Klar. Soll ich dir zeigen, wo?

Als sie losgehen hebt der Singsang des Gemüsehändlers wieder an.

Raul nimmt ihn kaum aber mehr wahr. Er hält sich an einem Gedanken fest. Er wird es als Fahrradkurier probieren. Er ist immer viel Fahrrad gefahren, vom Ortsschild bis zur Stadtbibliothek hinter dem Kirchplatz. Manchmal mehrmals täglich. Sein Onkel wird ja sagen, wenn er noch ein bisschen bleibt, ganz bestimmt.

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Gloria Ballhause

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16 | Gloria Ballhause

Liebesroboter

Am Tag, als es endlich den ersten Schnee geben sollte, saß Theo im Wartezimmer seines Hausarztes. Husten- und Niesanfälle hatten ihn in der Nacht wachgehalten, vor Sonnenaufgang waren auch noch enorme Kopfschmerzen dazu gekommen. Ein Verdacht wühlte in seinem Kopf: Meningitis. Er hatte die Symptome gegoogelt und war nach einem kargen Frühstück – Kaffee schwarz und eine halbe Zigarette – in die Praxis gefahren.

Theo war der erste Patient im Wartezimmer. Kurz nach ihm betraten zwei Frauen den Raum. Sie setzten sich an die Wand gegenüber und schnatterten, ohne ihn zu beachten oder auch nur zu grüßen. Theo regte solch großstädtische Unhöflichkeit auf, aber so waren eben die Zeiten. Er beließ es bei einem Stirnrunzeln und wandte sich wieder dem Geo-Heft auf seinen Knien zu. Ein Artikel über Nordfriesland zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Nach einer Weile verschwammen die Zeilen vor seinen Augen, er schloss sie für einen Moment. Plötzlich riss ihn ein Satz ins Wartezimmer zurück.

„Schalten sich Roboter, wenn sie Langeweile haben, einfach ab? Wie läuft das bei euch…?“, hatte eine der Frauen gefragt.

Da er die Augen geschlossen hatte, wusste Theo nun nicht, welche der Frauen es gewesen war. Er musterte sie. Die beiden sahen ganz gewöhnlich aus. Sie waren ungefähr in seinem Alter, knapp sechzig. Die eine war groß und schlank, trug ihr blondes Haar zu einer Helmfrisur gefönt und schien Pastelltöne zu bevorzugen. Die andere war eher rundlich, hatte kurzes graues Haar und einen schönen Mund, von dem Theo ausging, dass er gern naschte. Die Augen der Kurzhaarigen erschienen ihm sehr lebhaft, ziemlich blau, nicht so eingetrübt, wie ihm oft seine eigenen vorkamen. War sie etwa diejenige, bei der ein Roboter zu Hause auf dem Sofa saß?

„Naja, Robotern ist nie langweilig, weil sie gar nicht so viele Erwartungen an ihre Freizeit haben“, sagte die Kurzhaarige.

Sehr richtig, pflichtete Theo ihr innerlich bei. Es war grundsätzlich ein Denkfehler, Maschinen menschliches Verhalten anzudichten. Das hatte ihn schon immer geärgert. All diese Filme über Roboter, die einsam und auf der Suche nach Gefährten waren. Das war absoluter Humbug. Wenn jemand einsam war, dann war es der Mensch selbst, der solche blödsinnigen Geschichten erfand, um den Umgang mit Maschinen ertragen zu können.

„Kann er auch weinen?“, fragte die Frau in Pastelltönen hinterher. Also tatsächlich: Die Kurzhaarige hatte einen Roboter zu Hause und die Pastell-Frau hatte immer noch nicht verstanden, dass Maschinen keine Menschen waren.

„Er ist programmiert, an den richtigen Stellen zu weinen, wenn ein trauriger Film im Fernsehen kommt oder sowas, aber Gefühle hat er ja nicht wirklich“, sagte die Kurzhaarige.

Theo war froh, dass sie in der Lage war, Mensch und Maschine auseinanderzuhalten. Allerdings: War es nicht traurig, dass die Kurzhaarige, statt eines richtigen Menschen, einen Roboter zu Hause hatte? Eine Frau, deren Augen leuchteten und die obendrein noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Sie war doch sicher beliebt und viel unterwegs und mit vielen Kontakten gesegnet. Auf welchem Weg war die Menschheit, wenn selbst jemand wie sie einen Roboter brauchte? Und warum wusste Theo nichts von Robotern für alleinstehende ältere Frauen? Er recherchierte viel und las alle wichtigen Zeitungen online. Wenn es so etwas schon zu kaufen gab, blieb es doch nicht geheim. Und warum hatte er noch nichts von weiblichen Modellen für zu Hause gehört? Es war doch unwahrscheinlich, dass es nur männliche Modelle gab. Schließlich waren Männer – und diesen Fakt konnte man nicht ignorieren – die Herrscher der Maschinen. Sie entwickelten und entwarfen zum überwiegenden Teil, was gebaut wurde. Theos Herz polterte in seiner Brust. Er verhedderte sich in einem Husten- und Niesanfall und nahm dankend ein Taschentuch von der Kurzhaarigen an. Nach ein paar Atemzügen gewann er seine Fassung wieder. Er legte das Geo-Heft zur Seite. Als Theo Augenkontakt mit der Kurzhaarigen hergestellt hatte und gerade seinen Mund für eine Frage öffnete, kicherte die Pastell-Frau dazwischen.

„Und wie ist das mit… ich meine, macht er alles, was du willst… na, du weißt schon?“. Die Kurzhaarige lief rot an und fiel ins Kichern ein. Verstohlen sah sie zu Theo, dem seine Frage schlagartig auf der Zunge vertrocknete. Er schloss den Mund und schluckte. Er war nicht ganz sicher, ob er ihre Antwort hören wollte.

„Herr Schliema, bitte in Behandlungszimmer zwei“, rief der Arzt über den Flur in das Wartezimmer. Theo erhob sich.

Im Behandlungszimmer saß einer dieser Jungdoktoren, die an Patienten wie ihm praktische Erfahrungen sammelten, denn Theos Hausarzt hatte seine Praxis als Lehrpraxis umfunktioniert. Das hieß, Theo bekam den richtigen Arzt eigentlich gar nicht mehr zu Gesicht. Jedes Mal, wenn er wegen seines Blutdrucks oder einer Erkältung in die Praxis kam, behandelte ihn eine neue junge Ärztin oder ein junger Arzt. Der Arzt, blond und mit einem derartigen Milchgesicht ausgestattet, dass Theo schon nach dem Ausweis fragen wollte, stellte sich als Herr Hoffmann vor.

„Herr Schliema, wo drückt denn der Schuh?“, fragt er.

Theo fühlte einen Stich in der Brust. Noch so jung und schon voller Floskeln, dachte er. Ihn überfiel eine Müdigkeit, die nicht nur von einer durchwachten Nacht kommen konnte. Es war eine Tonne Müdigkeit, die auf seine Lider drückte und auch auf seine Schultern.

Waren Männer wie er so einfach ersetzbar durch Roboter? Was wusste denn dieses Milchgesicht von Doktor überhaupt? Er behandelte Theo wie einen Idioten, bloß weil er aus seiner Sicht die Altersgrenze, in der man noch für zurechnungsfähig gehalten wird, überschritten hatte. Dabei war er erst sechzig. Er war noch zu gebrauchen, auch als Mann!

„Die Schuhe drücken nicht. Ich habe eine Meningitis!“, sagte Schliema.

„Das wollen wir uns mal anschauen“, sagte der Doktor sanft, was Theo noch mehr in Rage versetzte.

Er erläuterte in einem, wie ihm selbst auffiel, etwas herrischen Ton seine Symptome – Niesanfälle, Rotzbildung, Hustenfrequenz, Stärke und Art der Kopfschmerzen –, das hatte der Doktor nun von seiner Floskelattitüde. Theo übertrieb ein bisschen, auch weil der junge Doktor bei seinen Untersuchungen – Brust abhorchen, Nebenhöhlen abklopfen, Rachen inspizieren – immer mehr die Stirn auf Ärzteart in Falten legte, was er wahrscheinlich in einer Lerngruppe für angehende Hausärzte einmal die Woche geübt hatte. Theo ließ sich davon nicht einschüchtern. Er beendete seinen Vortrag mit der Diagnose Verdacht auf Meningitis und fügte die Frage an, ob er über die Feiertage ins Krankenhaus müsse.

Der junge Doktor schwieg einen Moment, entspannte seine Stirn und lächelte ihn triumphierend an.

„Herr Schliema, das müssen sie nicht, Sie haben einen stinknormalen grippalen Infekt“, sagte er.

Theo brauchte einen Moment, bevor er die Worte richtig verarbeitet hatte.

„Aber das kann gar nicht sein, die Symptome sind doch eindeutig“, wandte er ein, wurde aber sofort wieder unterbrochen.

„Sie können sich freuen“, entgegnete der Arzt, nun seinerseits etwas herrisch. Offenbar war Theo nicht der erste, der eine Diagnose des Milchgesichtes infrage gestellt hatte.

„Die Symptome passen nicht zu einer Meningitis“, sagte der Arzt weiter und setzte zu einem Vortrag über Meningitis an.

Theo sank in den Stuhl. Er war sich so sicher gewesen. Alles hatte so gut zusammengepasst und nun überführte man ihn quasi der Hypochondrie.

Und war er wirklich überhaupt noch ein Mann? Es stimmte ja gar nicht, dass er ohne Hilfsmittel mit einer Frau wie der Kurzhaarigen… Wenn er seine Erektionen ansah, dann war das doch ein Trauerspiel. In den letzten zwei Jahren hatte er es drei Mal mit einer Bekannten versucht, bei der er sich nicht getraut hatte, zu sagen, dass er ihr süßliches Parfüm abscheulich fand. Nachdem er zwei Mal gescheitert war, hatte er beim dritten Versuch eine dieser Pillen, die er ihm Internet bestellt hatte, eingenommen, was ihm zwar eine Erektion bescherte, aber auch Übelkeit und Schwindel, sodass ihm nichts anderes übriggeblieben war, als auf dem Rücken zu liegen und zu warten, bis seine Übelkeit abgeklungen war, mit ihr leider auch die ersehnte Erektion. Die Scham über dieses Ereignis hatte ihm verboten, die Bekannte noch einmal zu fragen und seine Hemmschwelle, in dieser Richtung aktiv zu werden, war enorm gestiegen. Vielleicht sollte er es auch mal mit einem Roboter probieren, beziehungsweise mit einem weiblichen Modell. Mit ihr könnte er üben, und wenn die Richtige dann käme, wäre er vorbereitet auf solch eine Situation. Es konnte unmöglich sein, dass es nur Liebesroboter für ältere Damen gab. Er musste das recherchieren. Theo unterbrach den Arzt.

 

Dicke Flocken sanken herab und ließen sich auf den Wollmützen der Fußgänger nieder. Theo lief, ja rannte fast über den Bürgersteig in Richtung seines Wagens. Als er um eine Hausecke bog, rempelte er jemanden an. Er entschuldigte sich hastig, stockte und blieb dann stehen. Es war die Kurzhaarige. Unter der roten Wollmütze hätte er sie fast nicht erkannt.

Theo sah in ihr Gesicht. Sie hat Augen wie Fenster, dachte er.

„Ach, Sie sind es… ich wollte Sie fragen...“, stammelte er. Sie nickte als wüsste sie, was er fragen wollte. Es schien ihm fast so, als wollte sie seine Worte herbeinicken. Strahlte sie nicht sogar vor Erwartung?

Auf seiner Zunge tat sich jedoch nichts. Die Worte kräuselten sich in seiner Kehle, strebten vor und zurück. Er konnte sie nicht nach einem, beziehungsweise nach ihrem Liebesroboter fragen. Das war zu seltsam und irgendwie auch eine persönliche Sache.

„Ach, nichts“, sagte er.

Das Strahlen erlosch. Vor ihre Augen schoben sich unsichtbare Läden. Sie macht zu, dachte er. So etwas wäre ihm früher nicht passiert. Er war einfach nicht auf der Höhe. Vielleicht würde er es nie mehr sein. Theo schüttelte einen Hustenanfall. Er zog den Kragen seines Mantels enger im den Hals.

„Sie sollten nach Hause gehen und sich ausruhen, Sie sehen müde aus“, sagte die Kurzhaarige.

„Das ist die Erkältung, ich habe kaum geschlafen“, sagte er außer Atem. Er wandte sich mit einem Alsodann von ihr ab.

„Sie wollten fragen, ob ich einen Roboter habe“, rief ihm die Kurzhaarige in den Rücken.

Theo drehte sich um. Die Stille der Flocken landete auf seiner Stirn, auf seiner Nase und seinen Lippen. Die Flocken schmolzen sofort.

„Verzeihen Sie uns, wir sind manchmal ein bisschen böse, Marianne und ich, und spielen Szenen aus unserer Kabarett-Gruppe“, sagte die Kurzhaarige. Ihr Lächeln kam ihm traurig vor. Eine Last fiel von ihm ab, die nicht von der Erkältung kam und auch nicht von der durchwachten Nacht.

„Kann ich Sie ein Stück begleiten? Ich erkläre es Ihnen“, sagte die Kurzhaarige.

Theo und die Kurzhaarige, die Iris hieß, gingen nebeneinander her. Er hörte ihr zu, nieste und hustete in ihre Worte hinein. Sein Kopf fühlte sich heiß an. Morgen würde er wahrscheinlich nicht mal mehr aus dem Bett kommen. Ab und zu lachte er. Sie auch. Das Lachen war warm und kam aus tiefster Kehle.

 

Gloria Ballhause

 

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14 | Gloria Ballhause

Der Tanz

Die Blätter einer Kastanie rascheln über meinem Kopf im goldgelben Schein der Sonne. Überall liegen stachelige Fruchtschalen herum. Die Stacheln sind schön, denke ich und dann patsch, patsch, patsch. Er taucht aus dem Nichts auf. Ich sehe, wie seine geschwollenen Füße auf die unregelmäßig verlegten Steinplatten klatschen, direkt auf mich zu, oder besser gesagt: im Zickzack um die stacheligen Fruchtschalen herum, aber mit einem unmissverständlichen Ziel – die Bank, auf der ich sitze. Er plumpst neben mich. Ohne zu zögern greift er nach dem Becher Automatenkakao, den ich neben mir abgestellt habe.
„Ey…!“, rufe ich.
Keine Reaktion. Der Barfüßige nimmt noch einen Schluck aus dem Becher. Aber wenigstens die Bank verteidigen, denke ich. Ich verschränke die Arme vor der Brust und blicke geradeaus. Minuten vergehen ohne ein Wort. Dann ist meine Pause zu Ende. Als ich aufstehen will, rollt sich vor meinen Füßen ein Satz aus wie ein neu gekaufter Teppich.
„Warum sind die Menschen, wie sie sind…“
Ich drehe mich zu ihm. Der Barfüßige ist jung. Anfang Zwanzig vielleicht, aber nicht viel älter. Sein dunkelbraunes Haar ist akkurat geschnitten. Die Striemen auf seinen Wangen sind frisch.

„Warum trägst du keine Schuhe?“, frage ich. Ein Teppich gewebt aus Menschheitsfragen ist mir zu viel. Der Barfüßige schiebt seine Unterlippe vor, als würde er schmollen. Er bietet mir etwas von meinem Kakao an. Ich schüttele den Kopf. „Behalte ihn“, sage ich. Er trinkt in einem Zug den Becher aus. Um die Kakaoklümpchen vom Boden des Bechers zu erwischen, stochert er mit seinen Fingern darin herum. Als der Becher leer ist, schmeißt er ihn in den Mülleimer neben der Bank.

„Ich tanze jetzt. Deshalb habe ich meine Schuhe weggeworfen. Ich will tanzen“, sagt er abrupt. Vor meinem inneren Auge sehe ich dicht aneinander gedrängte Menschen. Das Licht zuckt. Mittendrin tanzt der Barfüßige gedankenverloren. Von der Decke regnet es Konfetti.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nur, dass ich etwas sagen sollte, aber auch nicht wem. Die Sonnenstrahlen versiegen. Der Geruch von ungewaschenen Hosen und einsam auf den Straßen verbrachten Nächten steigt mir in die Nase. Ich zünde mir eine Zigarette an.
„Kann ich mal einen Zug von deiner Zigarette haben?“, fragt er. Er nimmt sich nacheinander zwei Zigaretten aus der Schachtel, die ich ihm hinhalte. Eine davon verschwindet in seiner Hosentasche.

Wir rauchen schweigend.
Meine Füße gleiten wie von selbst aus meinen flachen Halbschuhen. Ich schiebe sie mit den Füßen ein Stück von mir weg.
„Wie sollten die Menschen sein?“, frage ich.
Der Barfüßige überlegt, „Wie du und ich“ antwortet er. Er bläst Kringel in die Luft und lacht. „Sie sollten wie du und ich sein.“
Ein kleiner Strauß Fältchen ergießt sich von seinen Augen bis zu den Schläfen. Wir rauchen die Zigarette auf und dann noch eine. Die Blätter der Kastanie rauschen in unsere Stille. Nach einer Weile gleiten meine Strumpfhosenfüße wieder in die Schuhe. Ich gehe zurück in die
Bibliothek. Unter meinen Sohlen knacken die Fruchtschalen und ich rede mir ein, dass flache Damenhalbschuhe ihm nicht hätten helfen können.

Gloria Ballhause

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