freiVERS | Christl Greller

und sind wir frass

und holt der fuchs das süße kitz im gras,
der böse fuchs.
nein, mutterfähe,
wir lernen: und füttert sie im bau.

und adler holt den fuchs,
ist böse. nein,
wir lernen: adlerjunge brauchen fraß.
naturgesetz ist: eines lebt vom andern.

mein liebes, mein geliebtes kind.
und lebt in deinem kopf etwas, das
von dir frisst und
wächst in deinem hirn auf deine kosten.
dein streichel-lieber kopf. und lebt darin
und frisst und wächst was,
nicht zu tilgen mehr, im kopf auf
deine kosten.
wir lernen - naturgesetzlich, eines lebt
vom andern.

ich habe es gelernt.

will’s nicht verstehen.

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Christl Greller

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freiVERS | Christl Greller

fjord-fälle

kippt das wasser über die kanten zu tal,
bei glätte grünlich. aber zerschellt
weiß an steinen, stetig stürmend, strömend.
ob regen und prasselt: unbeirrt vorwärts in
volten, voluten.
über den gipfeln nebel wie dampf.
und stürzen vom berg
dünne fäden in weiß, senkrecht oft,
zwischen sonnenflecken,
scheinen wie weiße haare im tann, oder.
das wasserschwert eingeschnitten im fels, tiefe
rinne schwarz im gestein.
quell und schmelzwasser, gletschergeboren,
senkrecht zum fjord, oder.
schwarzklares strömen zwischen moosen. brocken
hineingewürfelt vom berg. und wallt
und aufkocht in weiß.
wasserstaub wolkt über stein.
zwischen schwarznassen felsen
schäumend,
rückwirbelnd und überschlägt sich, vielfach gebrochen.
sprühnebelfülle.

nass, verwittert, am rand
ein hölzernes kreuz und vermoost.

 

Aus ‚und fließt die zeit wie wasser wie wort‘, Edition Lex Liszt 12, Oberwart, 2019

 

Christl Greller

 

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