freiTEXT | Anna Wonde

Die Häuser

Ich weiß noch genau, wie die Häuser riechen.
Das Haus mit den beiden blonden Jungs – süßlich und nach vielen kleinen Regeln.
Das Haus am Ende der Straße – nach dem Wald, der sich in Richtung des Hauses ausstreckt.
Ich höre das Klappern der Pantoletten an den Füßen der Mütter. Mit Peeptoe und Keilabsatz aus Kork und damals schon frage ich mich, wie die Mütter darin eigentlich den ganzen Tag umherlaufen. Klack-klack-klack über die terracottafarbenen Steinfliesen in der Küche. Klack-klack-klack über die Pflastersteine in der Einfahrt. Geräuschlos durch die Gärten, über den Rasen, den die Väter samstags mähen. Einer nach dem anderen, vorne in der Straße fängt es an und wenn der erste fertig ist, fängt der nächste erst an, als gäbe es einen unsichtbaren Staffelstab, den sie sich übergeben.
Woher kommen all die Häuser? Früher waren das alles Felder, sagen die alten Tanten. Sie sitzen auf einer Holzbank, der einzigen in der ganzen Straße, und erzählen von den Häusern, die nach dem Krieg gebaut wurden. Wie ihre Väter zurückkamen, innerlich und äußerlich versehrt, wie sie weinten unterm Weihnachtsbaum oder schrien in den Nächten. Wie sie dann begannen, Häuser zu bauen. Stein für Stein und ihre Alpträume darin einmauerten.
Sie reden mit den Kindern. Spiel nicht am Fluss, sagen sie, da wohnt ein Mann mit einem Haken und damit zieht er die Kinder ins Wasser und sie müssen dann für immer bei ihm leben und ihm dienen.
Bleib nicht in der Dunkelheit draußen, sonst kommt ein Mann, der aussieht wie eine Krähe, und der fliegt mit dir weg.
Und die Kinder werden größer und sie glauben den Tanten nicht mehr. Du lügst, sagen sie, deine Nase ist schon ganz lang. Aber sicher sind sie sich nicht, und wenn es dunkel wird, beschleunigen sie ihre Schritte und werfen Blicke über die Schulter, aber da ist nur das Echo ihrer Sohlen auf dem Pflaster.
Und die Kinder werden größer, aber sie haben jetzt Angst vor der Dunkelheit. Mehr Angst als früher. Sie ist bedrohlich und real. Sie gehen nicht mehr allein zur Bushaltestelle, wenn es Nacht ist, und Nacht wird es schon um 17 Uhr.
Zur Sicherheit haben sie eigene Häuser gebaut, mit großen Terrassen und Kieselsteinen im Vorgarten. Sie vergraben die Sehnsucht unter einem Steingarten, da muss man sie nicht gießen.
Alle sind zu Hause. Sie schließen abends die Türen zu und lassen die Fensterläden runter und trinken noch zwei Gläser Wein, allein in der Küche. Taking off the edge.

 

Anna Wonde

 

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