freiVERS | Thomas Ballhausen

Versuch über das Rauschen

„Veränderung durch Wörter ist Dichtung.“
Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2

Das Rauschen kann in seinem Naturzustand nicht beobachtet oder beschrieben werden, die Sprache geht ihm voraus.

Für das Rauschen gibt es keine Erklärungen oder Gebrauchsanweisungen, bloß warnende Empfehlungen hinsichtlich Verhaltensweisen, Ausbreitungsgrad und Formen der Übertragung.

Im Rauschen findet sich etwa ein Hundertstel eines länger zurückliegenden sehr lauten Beginns.

Rauschen und Raum stehen in einer schwierigen Beziehung. Das Rauschen findet deshalb vor allem zwischen Zeilen und in Pausen statt.

Rauschen kennt keine Handlungen oder Absichten, es löst sie aber wie beiläufig aus.

Es ist nicht ratsam, das Rauschen zu verdünnen.

Das Rauschen hat keine Farbe. Gerüchten nach ist es vielleicht weiß.

Es gibt bislang keine vollständige Auflistung der im Rauschen enthaltenen Allergene. Das Rauschen kann Spuren von Nüssen, Spänen und Dornen enthalten.

Das Rauschen ist nicht geeignet, um Katzen zu trocknen.

Je nach Dosierung können alle Sinne vom Rauschen kurzfristig beeinträchtigt oder auch dauerhaft verändert werden.

Man kann natürlich versuchen das Rauschen zu imitieren, aber bestenfalls wird man es ein wenig nachahmen. Alle bislang unternommenen Versuche waren lächerlich.

Vom Rauschen muss man sich erfassen und eine Zeit lang tragen lassen.

Das Rauschen ist keine Entschuldigung für irgendetwas. Vielleicht gibt es hin und wieder eine schlechte Erklärung ab.

Das Rauschen kennt keine Wehmut für das Ende des vergangenen Jahrhunderts. Das Rauschen kennt nur Immer und Überall.

Das Rauschen ist Gegenwart und Wirklichkeit.

 

Thomas Ballhausen

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One Comment

  • dagmar falarzik Antworten

    Hallo, bin entzückt, dass auch andere, z.B. der Thomas, das Rauschen würdigen. Hier ist ein älterer Versuch von mir:

    Niemand achtet auf’s Rauschen.
    Auch die Wissenschaften untersuchen das Rauschen nicht.
    Und doch ist das Rauschen ein Konstruktionsmerkmal des Planeten:
    Stürme, Winde oder ein Lüftchen im Blattwerk, ein Fluss, ein Wasserfall, Meereswellen,
    eine Autobahn in der Ferne, die Klospülung, die leeren Kurzwellenkanäle, alte Fernseher.
    Selbst das Universum durchzieht ein Rauschen – das Echo des Urknalls.

    Was geschähe, wenn alles Rauschen gelöscht würde? Nur akustische Verarmung
    oder würde gar das ganze Sein kollabieren und aufhören?

    Viele Grüsse
    Dagmar

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