St. Marienkirchen

Wie es mir denn gehe, was ich denn so treibe, man höre und sehe ja seit Jahren nichts mehr von mir, stürzte sie bei der Hochzeit eines gemeinsamen Freundes auf mich zu. Vorigen Sonntag erst, sagte ich, sei im Festsaal des hiesigen Kirchenwirts die letzte Vorstellung meines Stückes gewesen. Ausgerechnet der Dernière sei, zum größten Bedauern des Ensembles, nicht der andernorts übliche Publikumsandrang beschert gewesen. Wo das denn zu lesen gewesen sei, sie sogleich, sie habe nichts erfahren. Lobpreisung in jeder Zeitung, auf allen Titelseiten mein Gesicht, ich darauf, wie komme es nur, dass ihr das entgangen sei? Wo sie jetzt wohne, ob in Kopfing, Pimpfing, im Ausland oder gar in St. Aegidi? Sie lachte und erzählte, wie sie vor einigen Jahren mit ihrem Mann ein Haus gebaut habe, hier in St. Marienkirchen, gleich dort drüben, hinter der Kirche stehe es. „Armes St. Marienkirchen“, ich wiederum, „wohin die Post nichts mehr austrägt! Seltsam …“, schob ich um mich blickend noch eins hinterher, „ist da nicht bis vorigen Sonntag überall plakatiert gewesen? Habe ich nicht selbst vor, neben und hinter der Kirche die Werbeständer aufgestellt?“ Kurzes Schweigen. Dann ich, bemerkend, zu weit gegangen zu sein, einen Schritt zurück; dann sie, ich solle ihr nächstes Mal persönlich Bescheid geben, wenn ich wieder etwas veranstalte, unbedingt rechtzeitig, damit sie sich von Kind und Kegel freinehmen könne; dann ich, mich wegdrehend, dass zum jetzigen Zeitpunkt an ein nächstes Mal nicht zu denken sei – ein ganzes Jahr hätte ich sieben Tage die Woche gearbeitet, ich bräuchte nun dringend eine Pause -, worauf sie ein „Aber freilich, jaja!“ erwiderte und dass wir uns nach der Kirche sicher noch sehen würden, auf einen weiteren Plausch, aber genau verstand ich nicht mehr, was sie sagte, der Abstand war schon zu groß.

Drei Jahre später, auf dem Kirtag, sah ich sie wieder. Ob alle die Ihrigen seien, sprach ich sie an und meinte drei kleine Buben, die sie, während sie sich um den vierten im Kinderwagen kümmerte, mit Wasserpistolen und Holzschwertern umkreisten. Gott, nein, sagte sie, der mit der Rüstung gehöre ihrer Schwester. Oha, Katharina – das war, wie könnte ich ihn je vergessen, der Name ihrer etwas jüngeren Schwester –, wie es ihr denn gehe, was sie denn so treibe, wollte ich wissen, und wo sie stecke, sie könne sich doch nicht einfach so aus der Affäre ziehen, während auf ihren Kleinen mit einem Waffenarsenal pausenlos eingedroschen werde, einfach so aus dem Staub machen und alle anderen, die sie brauchen und lieben, sich selbst überlassen. Ganz so schlimm sei es nicht, ich tue ihr unrecht, zumal Katharina heute mit ihrem Mann auf der Baustelle sei, gab sie zurück. Dem einzig Unbewaffneten wurde jetzt ein Häubchen aufgesetzt. „Hinterm Kirchenwirt, das zweite Haus rechts, mit der Doppelgarage, schau’s dir an.“ Außerdem habe „Tante Kathi“ in der Vergangenheit immer auf die Lausbuben aufgepasst, Tag und Nacht auf Abruf. Nun sei es an der Zeit, sich zu revanchieren. Das dürfe sie gar nicht laut sagen, aber dank ihrer Schwester habe sie in den letzten zehn Jahren eigentlich nie aufs Fortgehen verzichten müssen, trotz Kind und Kegel.

Zu alledem schwieg ich. Eine Einladung zum Grillabend lehnte ich ab, dankend, und unter Angabe fadenscheiniger Gründe. Nicht unser Gespräch vor drei Jahren, sondern der Tanzkurs vor zwanzig Jahren, als sich ihre Schwester zu einem Abbruch gezwungen sah, war mir wieder eingefallen.

 

Stefan Reiser

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