Nachtruhe!

Der Sonntag hängt noch in den Knochen, ist es wirklich schon Montagabend? Augenblicke zuvor lief der Abspann des Tatorts, wieder nicht richtig hingesehen, das Warten auf diese eine Nachricht geht schließlich schneller, wenn man immer wieder die zuletzt gewechselten Worte liest, analysiert, liest, den Fehler in den eigenen Worten sucht, im Hintergrund ermitteln Boerne und Thiel. Sicher macht ihnen meine Unaufmerksamkeit nichts aus, doch hin und wieder spüre ich ermahnende Blicke, die sich über den großen Bildschirm in meinen Kopf telepathieren. Sie verurteilen meinen Blick auf den kleinen Bildschirm in meiner linken Hand, ein Versuch von „Mir doch egal“, der kläglich scheitert, denn mir ist viel egal, aber nicht die Finger, die diese Nachricht tippen. Welche Nachricht?, fragt Thiel mit heiserem Lachen und für einen mikroskopisch kleinen Moment starren wir uns an. Ich kneife die Augen zusammen. Mistkerl, was fällt dir ein, dich lustig zu machen über eine Liebeskranke. Geht’s hier überhaupt schon um sowas Großes wie Liebe oder die Angst nicht herausfinden zu können, ob dieser Zustand hätte eintreten können? Wann genau wurde der gemütliche Sonntagabend mit Verbrechen und Schnittchen auf dem Sofa von diesem Trauerspiel aus Starren und Seufzen abgelöst?

Montag, es ist Montag, nein es war Montag, aber er ist ausgefallen. Diese Woche gab es keinen Montag. Was wie Musik in den Ohren der meisten Menschen klingt, die ein halbwegs geregeltes Leben führen, habe ich einfach verpasst. Schuld ist eine Sonntagnacht, die keine war. Nächte sind entweder ruhig oder berauschend, per Gesetz, doch diese war einfach nur laut und gleich in welchem Rhythmus ich sie auch abzuschütteln versuchte, sie blieben. Bilder, Stimmen, Gedanken, Szenen, von denen ich mir nicht mehr sicher bin, ob sie wirklich so geschehen oder das Produkt meiner Geisteskrankheit sind. Eine rauschende Party, Rotkäppchen-Korken knallen zu schlechter Musik, sie feiern, als gäbe es kein Morgen.

Nachtruhe!, schreie ich, es ist Nachtruhe! Ich erschrecke selbst davor, wie kleinkariert ich klinge, aber ich will doch nicht mehr als Ruhe. Stattdessen schweißgebadete Tumulte in zart geblümter Bettwäsche, nicht die von der guten Sorte. Ich gebe auf, Position Fünfundneunzigeinhalb erzielt nicht den gewünschten Effekt. Ein Seufzen, ich richte ich mich auf, schiebe den Vorhang zur Seite und wickle die Decke um die Schultern. Salz aus Schweiß und Tränen vermischt sich mit Aprilfrisch-Wäscheperlen-Duft. Nicht ein Licht im Plattenbau gegenüber. Ein Gefühl der Unmöglichkeit macht sich in mir breit, wie kann es sein, dass diese Stadt schläft? Ich möchte sie wachrütteln und weine ihr ins Ohr, du hast mich vergessen, wie kannst du einfach schlafen ohne mich! Das ist nicht real, diese Situation kann nicht echt sein. Ich träume. Es ist nur ein böser Traum, gleich mache ich die Augen auf und sehe Lichter in den Fenstern gegenüber, höre eine Autotür im Parkhaus unter meinem Fenster, gleich… tiefschwarze Stille. Das Einzige, was eingeschlafen ist, sind meine Beine, ich knie seit zwei Stunden auf dem Bett vor meinem Fenster und starre nach draußen, wo nur der Fernsehturm sein rotes Nachtlicht in die Dunkelheit sendet.
Ich werde wütend auf meinen Nachbarn, der immer, wenn ich schlafen könnte, viel zu laut ist und jetzt möchte ich ihn wecken und ihm sagen, er soll verflucht nochmal seine hässliche Musik einschalten, damit ich nicht verrückt werde. Morgenrot erwärmt meine rechte Gesichtshälfte. Licht und Schatten passieren wieder. Mülltonnen werden unsanft über den Hof gezogen, das penetrante Piepsen eines Rückwärtsgangs lässt mich erleichtert in die Kissen sinken. Endlich Ruhe.
Montagabend, Panik macht sich breit. Was erwartet mich in der Nacht nach einem Tag, der nicht stattfand? Melatonintabletten, abgelaufen, also lieber eine mehr mit zimmerwarmem Leitungswasser in den Körper schicken, mit True-Crime und buntem Flimmern für Ruhe sorgen, das Beste hoffen.

 

Sarah Veronika Niklowitz

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