5. Branco, der Beschützer

Als Branco klein war, wuchsen Katzen auf den Bäumen. Es gab kleine Bäume mit roten und gefleckten Katzen, es gab große Bäume mit länglichen, dunkelgrünen Blättern, die schneeweiße Katzen trugen und es gab Büsche mit schwarzen Katzen, die im Wind wild fauchten. Branco war kaum vier Jahre alt, als er mit seiner Familie sein Dorf verließ. Aber nicht nur das: Er und seine Familie zogen nicht nur in ein anderes Dorf oder einen anderen Landesteil, sondern sie zogen in ein anderes Land. Dort sah er Katzen wie Hunde durch die Straßen laufen, aber keinen einzigen Katzenbaum. Langsam vergaß er die Landschaft seiner Kindheit, vergaß die Menschen, die Gesichter, die Gerüche, die Autos, die Süßigkeiten im Geschäft und an der Tankstelle und schließlich auch die Katzenbäume. Die Welt um ihn herum schien einzuschlafen. Mit neunzehn Jahren begann Branco zu studieren. Er wollte Arzt [1] werden. Da er nicht sehr reich war, suchte er nach Arbeit, um dem Träumen ein Ende zu setzen. Da entdeckte er eine Anzeige am Schwarzen Brett der Universität: Suche Beschützer. Sehr gute Bezahlung. Branco war ein Beschützer, dass wusste er von sich. Er wählte die Nummer auf dem Zettel und wartete gespannt mit dem Telefon am Ohr. Nachdem es dreimal geläutet hatte, wurde das Telefon am anderen Ende abgehoben und eine Stimme, weder männlich noch weiblich, aber sehr alt, fragte: Bist du mein Beschützer? Branco antwortete: Ja. Die Stimme holte tief Luft und sagte: Dann komm heute kurz vor Sonnenuntergang zu mir, ich werde dir deine Aufgabe erklären. Nimm nichts mit was dir lieb ist, aber bring mir eine Sache, die du nicht entbehren kannst. Dann hörte Branco nur noch ein Klicken und das Gespräch war beendet. Er wollte noch nach der Adresse fragen, aber aus einem unbestimmten Grund wusste er sie ohnehin. Seltsam, dachte Branco.

Mit dem Gefühl, einen schweren Stein um seinen Hals zu tragen, fuhr Branco mit seinem Fahrrad los. Der Wind strich ihm durch die Barthaare. Je näher er dem Hügel am Rande der Stadt kam, desto mehr veränderte sich die Umgebung, die Häuser wurden schöner, größer und vor allem älter. Als er sein Fahrrad vor der schönsten, größten und ältesten Villa abstellte, trug er das Gewicht der ganzen Welt um den Hals. Kaum hatte er sein Rad versperrt, öffnete sich die Tür der Villa einen schmalen Spalt und Branco meinte ein leises Schnurren zu hören. Doch dann trug der Wind diese fort und Branco wurde von einer Hand, ganz versteckt im Türrahmen, näher herangewunken. Hast du mir etwas mitgebracht, was du nicht entbehren kannst?, fragte die Hand. Doch bevor Branco antworten konnte, schob die Hand die Tür auf und ein freundliches Gesicht gesellte sich zu ihr. Vielen Dank, sagte das Gesicht, du bist jetzt mein Beschützer. Mit einem Mal hoben sich Brancos Schultern vor Leichtigkeit.

Komm nur herein, sprach das Gesicht weiter, ich werde dir deine Arbeit erklären. Es ist nicht viel, was du tun musst. Es ist eigentlich nur eine Kleinigkeit. Branco spitzte seine Ohren. Das Gesicht zog plötzlich seine Augen zusammen und die Hand griff nach etwas im Dunklen. Branco wich zurück und versuchte, er wusste nicht warum, sich zu entspannen. Ohne Übergang wanderten die Augen wieder an ihre übliche Stelle und die Hand tänzelte ruhig. Der Moment schlicht lautlos um die Ecke. Du musst die Katzen aus meinem Garten vertreiben, hörte Branco schließlich. Sie sind eine Plage. Sie verwüsten alles und machen vor nichts Halt. Wenn ich noch eine Katze in meinem Garten sehe… Der Satz blieb unvollendet, stattdessen verschwand der Schlaf aus Brancos Welt. Die Menschen, die Gerüche, die Bäume fielen ihm wieder ein. Wo ist der Garten, fragte er. Hinter dem Haus, bei dem Bäumen, dort wo die Katzen sind, antwortete er sich selbst. Als er in den Garten blickte, für alles bereit, hatte er das Gesicht bereits vergessen, nur die Hand reichte ihm noch sein Werkzeug.

Im Garten öffnete sich der Himmel plötzlich und ein letzter Sonnenstrahl vor der tiefen Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht richtete sich auf eine bestimmte Stelle. Als Branco seinen Blick dem Licht folgen ließ, sah er die Sonne in den Augen einer jungen Katze leuchten. Er hob sein Werkzeug, das er erst in diesem Moment als Hammer erkannte, und schleuderte es in Richtung der funkelnden Augen. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Tagen und Wochen immer und immer wieder. Sobald die Sonne durch die Wolken brach, erschien eine Katze und Branco schützte das Haus und seinen Bewohner. Das Denken fiel Branco leicht in dieser Zeit. Die Dinge fügten sich ineinander und auf jeden Tag folgte eine traumlose Nacht. [2] Er hatte aufgehört die Katzen zu zählen und war erfüllt von seiner Aufgabe.

An einem Abend, der nahende Herbst lag bereits in der Luft, fand Branco einen Zettel im Garten. Er lag im hintersten Winkel, an einer Stelle, an der Boden bis zum Ende des Frühlings noch vom Winter feucht blieb. Er hob den Zettel, der von oben bis unten mit kleinen, sehr feinen Buchstaben beschriftet war, auf und begann zu lesen: An den Wächter des Hauses und an den Überbringer der Taten: Ich sehe dir bei deiner Aufgabe jeden Tag zu. Du bist sehr mutig und gewissenhaft, das ist zu loben. Du bist aber auch ungerecht und vorschnell, das ist zu verurteilen. In einer Woche wird deine Arbeit enden und was du geborgt hast, obwohl du es nicht entbehren kannst, wird dir für immer genommen. Nur ich kann dir helfen, es wieder zu finden. Lasse die nächste Katze, die den Garten betritt, passieren und ich werde dir ein Beschützer sein. Branco hatte den Zettel kaum fertiggelesen, da erfasste ihn ein Windstoß und mit leisem Fauchen flog er davon.

In den folgenden Tagen ließ sich keine Katze im Garten blicken. Weder morgens, noch mittags, noch abends. Jeden Tag ging Branco unverrichteter Dinge nach Hause. Mit jedem Tag wurde er angespannter. Der Garten hatte sich bereits auf den Winter eingestellt und der Wind trug die Kälte in Brancos Gesicht. Plötzlich saß eine Katze im Garten. Sie hatte ein dunkles Fell und ihr fehlte eine Pfote. Branco vertrieb sie aus dem Garten. Im selben Moment öffneten sich die Tür in seinem Rücken und der Himmel. Eine Hand und ein Vogel schossen heraus und fassten Branco am Kopf und am Hals. Die Tür schlug wieder ins Schloss und der Vogel verschwand in der Hand samt Brankos Gleichgewicht. Der Boden unter ihm und der Wind neben ihm vermischten sich, die Luft bestand aus Federn. Die Tür öffnete sich abermals und das Gesicht trat heraus, nahm Brancos Augen und verschwand damit. Er spürte Katzen um seine Beine. Seine Haut war nicht mehr vom Fell zu unterscheiden. Er wollte nach den Katzen fassen, aber sie hatten seine Finger und Hände genommen. Zwischen all dies schob sich ein leises Geräusch, ein Summen und Pochen. Langsam formte sich daraus eine Stimme, Worte und Sätze. Als Branco die Worte, die Sätze, die Stimme verstand, konnte sie keiner außer ihm noch hören.                                                                                            , sagte die Stimme. Dann wurde die Welt wieder still und Branco begann zu träumen. [3]


[1]

Arft W, burd) D0ftor erie$t (aber itt Wult1tbar;t, Xi et a ròt 110&) Vovutàr gebliebett); id)01t im 16. òûf)tf). Itillttllt 2 0 C t O r bie •S2tr3t‘ alt (1561 30c 1616 126 20C to r e Ì) fiir CS2)tebicirt i , bellifd) 127 alld) 2 octor filt ’21?3f ; id)01t im 17. òabrf)S. b er b o c te ril („id) fiabe (o biel berboctert“ )ìic. Xolcflttar, 40 Dialogi 1625 21, 162 b). 21 lilliere arzât, arÀt SIR. : tilt ipe;ififd) btllt ill horse-leeell ‚Tierar3t‘; bd31t Itbb. (Sigeltltalltc d) It e r làehentere (bei. ‚fili inti$er eeifrdl’it‘). ealttlilf)t at)b. arzât mit arzïter areiàtor archiâter filt bCV111ittef11 jillb Ilitf)t Xed)lt. gtiecf). iriif) illS (bgl. r), ftetà*erillittlltltg. Ciliâtge medico, mire, f13. médecin, òie freitid) iillb ;l’iber arz- Z!ertrettr At. c;ezt-i. 2ie Illittelrtyeitt. abi. arzâttat. artista ilt (diltlid) mirò Ilttat. artista fili‘ YAebi3i1tcr artiste vétérinairej ; dltd) iit òCllt [iltevell treiietl archiatri bereite bei belli •tQ1tfe11fi11ig (Sl)ilüfreri bei (Sh•ofitlt. — E. i. Arzyenei.

 

[2]

Europa III

Meine Eisenbahn fährt:
Von Dundee bis nach Sarajevo,
nicht ganz.
Vom Polarlicht bis zum Bosporus,
nicht ganz.
Sie ist blankgeputzt,
freundlich besichtert.

Sie ist:
rot wie die Liebe,
blau wie die Liebe,
grün wie die Liebe,
gelb wie die Liebe.
Und weiß, natürlich.

 

[3]

 

Mario Huber

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>