Die Klavierlehrerin

Ludwigs Hobbys waren Straßenverkehr und tote Tiere. Das waren überhaupt die einzigen Dinge, für die sich Ludwig wirklich interessierte. Seine Mutter Christel machte sich deswegen Sorgen. Sein Vater Michael schenkte ihm deswegen zu Weihnachten ein Straßenschilder-Set für Kinder. Darin enthalten waren:

1 x Vorfahrt gewähren
1 x Beginn eines verkehrsberuhigten Bereichs
1 x Achtung! Zebrastreifen!
2 x Stoppschilder
1 x Rote Ampel
1 x Grüne Ampel
1 x Verbot für Fahrzeuge aller Art
1 x Verbot der Einfahrt
6 x Pylonen

Die grüne Ampel und das Vorfahrt-gewähren-Schild ließ Ludwig in der Garage seiner Eltern stehen. Mit den Stoppschildern spielte er ausgiebig. So wurde die verkehrsberuhigte Zone vom Kalkofen 19 bis zum Kalkofen 67 bald zum Verkehrsparkours für die autofahrenden Nachbarn. Sobald Ludwig Autos kommen hörte, stellte er ein Stoppschild, alle Pylonen und eine rote Ampel am Anfang der Straße auf. Das Andere behielt er in der Hand und lief damit vor die Motorhaube des Verkehrssünders. Wenn der dann hupte, oder vorbei fahren wollte, starrte Ludwig ihn einfach nur an. Er starrte mit seinen alpinblauen Augen durch die dicken Brillengläser in erbeerroter Fassung und dem Autofahrer wurde kalt.

Manchmal verteilte Ludwig auch Strafzettel. Geschrieben auf den gelben Post-ist seines Vaters. Da standen dann Dinge drauf wie: „Sie standen im absoluhten Halteverbot!“ oder „Sie solten ihren Fahrstiel überdenken“ oder „Ist Ihnen das Leben ihrer mit Menschen egal? Schämmen sie sich.“

Die Post-its fanden die Nachbarn dann regelmäßig in der Post. Manchmal eingeklemmt unter den Scheibenwischern ihrer Windschutzscheiben. Wenn Christel Göbel-Moser beim Abendessen vorsichtig anmerkte, dass man doch die Nachbarn nicht so terrorisieren könne, sagte Michael Göbel-Moser: „Warum denn nicht? Wenn die doch alle fahren wie ’ne gesenkte Sau? Die sollen froh sein, dass sich hier mal jemand um Ordnung kümmert. Das Taschengeld aufstocken, sollte man dem Jungen.“ Dann versank Christel regelmäßig im Kartoffelbrei, den sie immer per Hand zehn Minuten länger stampfte, als eigentlich nötig gewesen wäre. In Ludwigs Gesicht fand man dann so etwas wie Zufriedenheit, nur steifer.

Frau Göbel-Moser tat sich überhaupt sehr schwer irgendwelche Gefühle in dem milchigen Gesicht ihres Sohnes zu erkennen oder sogar zu deuten. Obwohl die Haut des Kindes beinahe durchsichtig schien, war das, was dahinter lag für sie nicht zu erreichen. Ein Junge aus hellblauem Marmor und nur der Vater hatte einen Meißel.

Was wollte sie da schon mit ihrem Seifenwasser ausrichten.

Was Christel Göbel-Moser aber nicht wusste, war das, was letzten Samstag passierte. Ludwig hatte Verkehrskorrektur gespielt und ein Nachbar hatte sich zweimal überlegt, ob er heute wirklich noch einkaufen gehen müsse. Auf der Ecke Kalkofen – Tomborn hatte Ludwig auf der sauberen Straße ein braunes Häufchen entdeckt. Als er sich näherte bemerkte er, dass es eine überfahrene Kröte war.

Plötzlich begann Ludwigs Herz zu schlagen. Das Blut pumpte aus der Körpermitte in seine Gliedmaßen, in seinen Kopf. Beinahe konnte er es rauschen hören. Als er vor der toten Amphibie stand, spürte er sowas wie Glück, nur härter. Er beugte sich über sie. Sah ihren weichmatschigen Fadendarm, der sich am unteren Bauch herausquirlte. Er wollte ihn berühren, daran ziehen, wollte das Tier aufribbeln an seiner Laufmasche, wie einen Pullover. Bis es nicht mehr war, als schleimiger beiger Faden in seinen Händen. Die Augen waren nicht beschädigt, sie guckten so dunkel, dass es Ludwig interessiert hätte, einmal in den Raum dahinter zu sehen. Er wollte es machen wie in seiner Straße. Aus seinem Kinderzimmer beobachtete er immer, wie in den Zimmern das Licht ausging. Die Mädchen von gegenüber zogen sich immer um zehn Uhr ihre Schlafanzüge an. Er liebte die kurzen Momente, in denen sie da standen, in ihren Unterhemdchen. So sah man sie auf der Straße nie. Es war ihm dann, als wäre nur er eingeladen, sie so zu sehen. Dann ging das Licht aus und das war Ludwigs Lieblingsmoment. Er guckte dann noch eine Weile in die dunklen Zimmer und bewegte sich nicht. Er blinzelte nicht mal. Er lag im Dunkeln mit kalten Augen und starrte in die Richtung, in die man tagsüber nicht starrt. So wie die Kröte hier jetzt in den Himmel starrt. In ihrem Krötenleben hat sie das sicher nie getan.

Wieso auch, wenn die Erde viel weicher ist.

Ludwig hatte eine Idee. Er lief in den Garten seiner Eltern und brach einen weichen Ast aus dem Weidenkätzchen. Hart und biegsam. Mit einem spröden Ast ließ sich nichts anfangen, das wusste er schon.

Die Spitze des Astes führte er ein, in den leicht geöffneten Mund der Kröte. Da zuckte es in ihm, wie es in anderen Kindern zu Weihnachten zuckt. Dann spürte er einen Widerstand und fragte sich, was das wohl sei, aber er drückte fester. Und fester. Es knackte. Eine Membran riss. Jetzt ließ sich das spitze Weidenkätzchen tiefer einführen. Mit dem Ast in der Kröte fühlte es sich an, als lebte dort noch etwas.

So weich, so beweglich. Die Darmschlingen wanden sich wie ein Nest junger Schlangen um das geschmeidige Kätzchen. Manchmal drückte er eine Windung beiseite, manchmal durchstach er sie. Dabei mochte er das eine nicht weniger, als das andere. Beim letzten Widerstand, beim letzten Stoß, rief Christel ihn mit ihrer brüchigen Sägestimme. Er hasste seine Mutter. Er schämte sich für sie. Er stieß den Stock durch das weiche Tier. Die vom Gedärm eingeschmierte Spitze erblickte ruckartig das Tageslicht. Er ließ den Stock fallen, hoffte, dass niemand die Kröte wegräumte und rannte zu seiner Mutter. Der Nachbar hatte Ludwig beobachtet und entschied heute wirklich nicht mehr einkaufen zu gehen.

Im Hausflur der Göbel-Mosers stand Christel und guckte blödglücklich wie ein Lamm. Neben ihr stand das Nachbarmädchen, das Ludwig schon im Unterhemd kannte. Sie trug ein Sommerkleid und lächelte wie eine Sonnenblume. Wahrscheinlich wusste sie, dass sie schön war. Ludwig konnte den linken Träger ihres Unterhemds erkennen.

„Das ist Charlotte“, sagte Christel als würde nun endlich alles gut werden. Ludwig starrte auf den Träger ihres Unterhemds. Charlotte sah auf den Boden. „Charlotte wohnt gegenüber und hat sich bereit erklärt dir ein paar Klavierstunden zu geben“, strahlt Christel mit ihrem so bemühten Hausfrauengesicht.

„Hallo Ludwig. Ich freue mich schon darauf.“

Charlottes Stimme war ganz anders, als Ludwig sich das vorgestellt hatte. Tiefer irgendwie. Nicht so schrill wie die seiner Mutter. Ludwig starrte auf die beiden Schwellungen unter dem Sommerkleid unter dem Unterhemd. Charlotte sah Frau Göbel-Moser an: „Wann sollen wir denn anfangen?“

„Na, wie wärs mit jetzt gleich? Das Klavier steht im Arbeitszimmer. Die sieben Euro gebe ich dir, wenn ihr fertig seid.“

„Gut. Ludwig, kommst du?“

Er lief Charlotte hinterher und versuchte dabei so dicht hinter ihr zu bleiben wie möglich. Er konnte den Flaum in ihrem Nacken sehen und roch ihren frischen Mädchenschweiß. Ob die Kröte wohl noch da war, wenn er zurückkam? Charlotte rückte zwei Stühle ans Klavier. Aber sie standen zu weit auseinander.

Ludwig rückte seinen Bürostuhl näher an ihren. Sie lächelte komisch, setzte sich und stellte eine Reihe merkwürdiger Fragen. Ob er wisse, was Oktaven sind oder wie die Tasten heißen. Die Tasten hießen wie Buchstaben und er wusste nicht was Oktaven sind. Charlotte drückte auf den Buchstaben rum und rückte näher ans Klavier. Dabei schob sich ihr Sommerkleid so hoch, dass man fast sehen konnte, was darunter war.

Ludwig hätte es gern gesehen. Es war etwas Weiches. Das wusste er. Er hätte gerne einen biegsamen Stock gehabt, um ihn darunter zu schieben.

„C, D, E, F, G, A, H, C“, sagte Charlotte. Sie drückte fest und machte Töne und bemerkte dabei nicht, dass Ludwig nicht auf ihre Hände sah, sondern in ihren Schoß.

„Kannst du das nochmal machen?“, fragte Ludwig.

Charlotte freute sich, dass es so einfach gewesen war, Ludwig für das Klavierspiel zu begeistern. Bei anderen Kindern war das oft viel schwieriger.

Sie drückte auf die 8 Tasten und tat im Anschluss direkt nochmal. „Durch Wiederholung prägen sich Kinder alles besser ein“, hatte ihre Mutter einmal gesagt.

Dass Charlotte Ludwig scheinbar für begriffsstutzig hielt, gab ihm genau die Zeit, die er brauchte, um sie ganz genau zu betrachten. Ihre weichen Schenkel und das Geheimnis, das darunter lag. Ihre entspannte Ober- auf ihrer dicken Unterlippe. Da hätte Ludwig gerne mal einen Stock reingeschoben, um die Lippen zu öffnen, um sie voneinander zu trennen und zu sehen, was sich darin verbirgt. Und dann würde er den Stock tiefer schieben, um zu sehen ob eine Charlotte so weich ist wie eine Kröte.

Oder ob sie aus etwas Anderem gemacht ist.

Es zuckte in Ludwigs Hose. Er wusste, es war sein Penis. In manchen Nächten war das schon einmal passiert. Er langte hin. Aber durch die Hose war das nichts. Er zog seine weiche Hose ein Stück runter und spürte, dass sein Penis schon so geschmeidig hart war wie ein Ast vom Weidenkätzchen aus dem elterlichen Garten.

„…G, A, H, C“, sagte Charlotte ein letztes Mal. Dann sah sie rüber. Ludwig starrte sie an und hatte seinen halberigierten Kinderpenis in der Hand. Plötzlich wurden ihre Augen groß und dunkel. So groß und dunkel, wie die eines überfahrenen Tieres.

Ludwig dachte daran, wie jede Nacht in ihrem Zimmer das Licht ausging. Dann griff er mit der linken Hand zwischen ihre Beine. Er tat es so schnell und so fest, als wollte er eine unsichtbare Membran durchstoßen.

Seine Finger waren kalt. Charlotte schrie schrill und sprang auf. Sie rannte raus. Ihr Schrei erinnerte Ludwig an die Stimme seiner Mutter. Er ekelte sich. Dann ejakulierte er auf das Klavier seiner Eltern.

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Katrin Krause

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