Federballreste

Wir haben ihm den Bart abrasiert. Alle zusammen, jede:r einen Bereich der Gesichtsbehaarung, mit einem elektrischen Rasierapparat am letzten Schultag nach der Zeugnisverteilung, siebenundzwanzig Schüler:innen. Er auf einem Stuhl im hinteren Bereich der Klasse. Wir eine pulsierende Traube, die sich unruhig stieß und zur Seite drückte, weil wir sehen und rasieren wollten. Ich habe nicht rasiert aus Angst ihn zu verletzten, hielt den Rasierer bloß nah an seinen Bart, bevor ich ihn weitergab und nach hinten gedrängt wurde, nur Hinterköpfe und Arme sah zu leisem Surren, lebhaftem Kichern und Ausrufen von Staunen.
Einen Monat zuvor waren wir am Fluss, am unregulierten Abschnitt, denn in Wirklichkeit sind Flüsse nicht gerade, sondern mäandern, bilden Arme, Haufen und Werde, die bleiben oder verschwinden, und neue entstehen, werden weggefegt und überspült mit der nächsten Eisschmelze, dem Starkregen und den Fluten. Wir folgten ihm über Sandbänke, Schotterstrände und durch mangrovengleiche Wälder. Zwischen den nassen, ins Wasser ragenden Wurzeln glitten Schwimmkäfer rudernd über die Oberfläche und Wasserläufer schlugen konzentrische Wellen. Aus der Ferne sahen wir einen Reiher und hörten die Frösche im Schilf, und von Mücken zerstochen, uns gegenseitig kratzend aßen wir die Hopfensuppe, die er uns gekocht hatte, an jenem Feuer, an dem er später eine letzte Zigarette rauchte und versprach, wir können ihm den Bart abrasieren, sollte er rückfällig werden.
Als er verunglückte, hatte ich meinen ersten Kuss. In Irland mit einem sommersprossigen Jungen, der aussah wie gutes Fladenbrot. Unsere Köpfe bewegten sich unbeholfen aufeinander zu, zweimal von der falschen Seite, unterbrochen von verlegenem Lachen, erst beim dritten Versuch in korrekter Spiegelung. Die Zungen berührten sich. Glitschige Fremdkörper, pelzig und ungewohnt im Geschmack, und höflich verschwieg ich die Irritation, ging stumm neben ihm her, bemüht einen seligen Eindruck zu machen, wie ein flauschiges Lamm, das die landschaftliche Schönheit genießt. Sattgrüne Weiden, steile Klippen. Dabei fehlt mir der pastorale Sinn.
Ketchup klebt an den Rändern unserer Münder, und ich frage mich, wie das geht, dass wir kaum atmen können vor Lachen, der Bauch schmerzt, wir immer bescheuertere Szenen und Szenarien erfinden, die wir endlos aneinanderreihen, und eben noch am Grab mit sanften Bewegungen Erde auf den Sarg streuten, als bestäubten wir ihn mit feinem Zucker. „Leichenschmaus“, flüstert mir Yvonne ins Ohr, die Kenntnis hat von Ritualen und Riten, und ich höre das erste Mal davon und stelle mir Hinterbliebene vor, die sich am Leichnam laben. Der Leichnam auf Salatgarnitur mit Endivien und faden Tomaten im Bierzelt umgeben von Menschen, deren fleischige Arme große Gabeln umgreifen.
Wir streifen das Kindliche ab, starren auf den braunen Boden mit den runden Kacheln und erinnern uns, die Köpfe auf die Hände gestützt, vor den leeren Tellern, an die Blutegel, die wir uns ansetzen ließen. Blutegel haben zehn Augen und drei Kiefer, mit denen sie die Haut aufsägen. Sie sogen sich voll, eine Stunde lang, mit vierzig Millilitern nährstoffreichem Blut, bevor sie abfielen, und er sie ins Biotop zurückbrachte, wo sie sich ein ganzes Jahr ernähren konnten von der in ihren Därmen eingespeicherten und durch Mikroorganismen haltbargemachten Kost.
Die Teller werden weggetragen und wir gefragt, ob es noch etwas sein darf. Ein Dessert, vielleicht? Ein Kakao? Ich bestelle einen Becher Zitroneneis mit Schlag und Yvonne streicht sich den langen Pony aus den Augen und erzählt von tagelang auf uns herabstürzenden Regenmassen. So gewaltig, dass der Bach über das Ufer trat, und der Schlamm, durch den wir zu unseren in sich zusammenfallenden Zelten wateten, sei knöcheltief und zäh wie Teer gewesen. Wir bewarfen uns mit Gatsch, stürzten uns aufeinander und drückten uns entzückt in die nasse Erde, Haut an Haut, während er im Dickicht nach Walderdbeeren und Pilzen suchte. Fotos am Tisch: Ich auf einem Bein stehend beim Ausleeren eines Gummistiefels. Wir wuschen uns im Bach und aßen die Walderdbeeren.
Auf Luftmatratzen liegen wir im Aufstellpool in Yvonnes Garten, sie am Rücken, ich das Gesicht im Plastik vergraben, es klebt an meiner Wange. Ich spiele mit der Poolfolie, streiche an ihren Falten entlang und quetsche sie. Eine unreife Kastanie fällt ins Wasser, und sinkt, ein giftgrüner Morgenstern. Er treibt am Grund, neben Blatt- und Federballresten.

 

Eva-Marie Hanser

 

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