Coming-Out

Über vieles spricht man nicht. Darüber, dass man kein Auto hat, dass man einsam ist, dass man kein Geld oder Angst vorm Urlaub hat. Als Anne Theobald von ihren Ersparnissen lebte und nicht wusste, ob sie jemals wieder eine Stelle bekommen würde, hätte sie sich lieber die Zunge abgebissen, als jemandem davon zu erzählen. Über Armut spricht man nicht. Außer, wenn es die Armut von Kindern ist. Kinder dürfen arm sein, Erwachsene nicht. Warum? Weil Erwachsene an ihrer Misere selbst schuld sind, Kinder aber nicht. Anne spricht sowieso eher wenig. Würde man sie fragen, warum, würde sie sagen: Mir fällt oft nichts ein, was ich erzählen oder sagen könnte. Die Kolleginnen wissen immer irgendetwas, besonders Neuigkeiten, aber ich nicht.
Interessiert sich Anne denn für Neuigkeiten? Nein. Die Kolleginnen schon. Sie sind ganz jappelig auf das Allerneueste, und wenn es ihnen nicht von selbst zufliegt, fragen sie danach. Anne weiß nie etwas Neues, weil sie nie danach fragt. Manchmal fällt ihr etwas ein, was man erzählen könnte, ist sie dann aber im Kolleginnenkreis, ist es wieder wie weggeblasen. Wenn es ihr wieder einfällt, ist es meist zu spät. Dann ist der Zug schon abgefahren. Wer nichts erzählt, hat vielleicht etwas zu verbergen, eine Schande oder ein schweres Gebrechen. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Obwohl Annes Kolleginnen immer viel zu erzählen haben, sprechen auch sie nicht über alles. Zum Beispiel spricht niemand mehr über Sophie, die junge Kollegin, die vor einigen Monaten in die Psychiatrie gekommen ist und deren Programm Anne übernommen hat. Sophie hatte nie nein sagen können, hatte sich immer alles aufladen lassen und daher immer ein übervolles Programm.
Dass das niemand bemerkt hat, ist Anne heute noch ein Rätsel. Wieso hatte die Abteilungsleiterin eigentlich nie etwas dagegen unternommen? Einmal in einer stillen Stunde am späten Abend hatte Sophie Anne vom Betrieb ihres Vaters erzählt, der auf keinen grünen Zweig gekommen war, weil er säumige Kunden nie mahnte, ja, manchen sogar das Begleichen der Rechnung erließ. Frau und Kinder versuchten zwar, die Firma zu retten – zwecklos. Mit seiner Nachsicht machte er immer wieder alles zunichte. Die Probleme der Firma zu ihren eigenen zu machen, steckte Sophie im Blut. Eines Tages hatte sie sich endgültig übernommen und war krankgeschrieben. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass Sophie in der Psychiatrie sei. Anne, die keine Berührungsängste mit der Psychiatrie hat, hat sie dort einmal besucht. Aber die Kolleginnen hatten davon nichts hören wollen, obwohl Anne gerne davon erzählt hätte.

Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause fertig mit Aufräumen und schaut gerade noch den Schluss eines Krimis. Bevor sie sich von einer Liebesszene zwischen dem Kommissar und der ursprünglich Verdächtigten berühren lässt, denkt sie: Der Darsteller des Kommissars ist schwul, obwohl sie das gar nicht wissen kann, da er ihr völlig unbekannt ist. Ein stechender Schmerz in ihren Därmen lässt sie aufstöhnen. Ihr Bauch schmerzt so sehr, dass ihr der Schweiß ausbricht. Kein Wunder, sie hat seit Tagen Verstopfung. Wann ist das zum ersten Mal aufgetreten? Nach der Trennung von Andreas? Seit dem Umzug? Seit sie in der Berliner Firma anfing? Sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Später versucht sie, lange aufzubleiben, damit sie sich nicht schlaflos im Bett wälzt. Sinnlos. Um zwei wacht sie von Bauchschmerzen auf, geht ins Bad, kann aber trotzdem hinterher nicht mehr einschlafen. Ihre Gedanken beginnen zu rotieren und drehen sich um ihre gewesene Beziehung zu Andreas. Wann hat es angefangen? Wieso hab ich’s nicht gemerkt? Hätte ich es merken können? Und: Hätte ich denn überhaupt etwas daran ändern können? Hat das eine das andere bedingt? War ich nur Mittel zum Zweck, nur ein Katalysator für unklare, unausgegorene Gefühle? Dass ich ihn überhaupt anziehen konnte, wies schon auf den Ausgang der Beziehung hin. Also lag es an mir … Zwischendurch nickt sie manchmal erschöpft ein, wird aber von jedem vorüberfahrenden Auto, von jeder Stimme auf der Straße, sogar vom Knacken der Bodenbalken wieder aufgeschreckt.
In der Schule hatte man sie immer mit ihrem Nachnamen „Theobald“ gerufen, und Andreas hatte sie manchmal Theo genannt. Das ärgerte sie nicht nur, sondern tat ihr auch weh. Einmal sagte sie: „Hör doch auf damit. Das wäre ja, wie wenn ich zu dir Andrea sagen würde. Wie würde dir das gefallen?“
Daraufhin lachte er wie gekitzelt und hatte auf einmal einen Glanz in den Augen, den sie noch nie an ihm gesehen hatte und der sie irritierte. Er sagte dann nie wieder Theo zu ihr. Eines Abends, als sie nach einer abendlichen Verabredung auf dem Heimweg war, glaubte sie, ihn gesehen zu haben, wie er zusammen mit zwei jungen Männern aus dem Whisky herauskam, der einzigen Schwulenkneipe der Stadt. Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht, und er war es gar nicht. Sie sprach ihn nicht darauf an. Kurze Zeit später hatte er sein Coming-Out. Wie ihre gemeinsamen Freunde und Bekannten seinen Mut feierten! Wie sie sie zu ihrer, Annes!, Toleranz und Langmut gratulierten! Ganz selbstverständlich setzten sie ihr Verständnis voraus, ohne gefragt zu haben, ob es auch vorhanden sei. Der Mann, der sich von seiner Frau trennt, weil er seine Homosexualität entdeckt, kann auf jeden Fall auf die Toleranz seiner Frau zählen, meinte man. Warum eigentlich?
Bei Treffen im Freundeskreis brachte Andreas seinen Liebhaber mit. Auch Anne war oft dabei, denn schließlich gehörte sie ja dazu. Wie sie auf einmal alle zu Experten wurden! Tschaikowski war schwul, Rock Hudson, ach ja, und der alte Fritz ja auch, die alten Griechen sowieso und Oscar Wilde!, und Andreas sonnte sich im Glanz seiner Ahnenreihe. Eines Abends hatte Anne offenbar etwas zu viel getrunken, begann zu kichern und meinte: „Vergesst nicht Siegfried und Roy, die tausendmal Gelifteten, und den dicken Elton John…“
Sie lachte lauthals mit zurückgelegtem Kopf, schrie fast vor Heiterkeit und konnte nicht wieder aufhören. Das war schrecklich peinlich, und alle versuchten, sie abzulenken und von etwas Anderem zu reden, aber sie konnte und konnte nicht aufhören zu lachen. Von da an zog sie es vor, sowohl ihren Freunden, die nicht die ihren waren, und vor allem Andreas aus dem Weg zu gehen, was nicht einfach war, denn in der überschaubaren Stadt begegnete man sich immer wieder. Zum Glück hatten Andreas und sie in all den Jahren nie daran gedacht, zusammenzuziehen, oder gar zu heiraten! Welch ein Segen!
Was vorbei war, war vorbei, auch wenn es weh tat. Die gute Freundin von Andreas wollte sie nicht sein, niemals. Am schlimmsten war, als sich Renate, die sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt hatte, ihr einen seltsamen Vorschlag machte:
„Du bist allein, ich bin allein. Gemocht habe ich dich schon immer. Warum wollen wir uns nicht zusammentun? Wir könnten es doch mal probieren?“
Entsetzt war sie auf und davon gelaufen. Nicht aus moralischen Gründen. Oder doch: genau aus moralischen Gründen. Eines Tages war Anne nicht mehr da. Eines Tages hatte sie ihre Stelle als Arztsekretärin in der Psychiatrie gekündigt und war nach Berlin gezogen. In der Zwischenzeit hatte sich ihr Äußeres unmerklich gewandelt. Sie selbst hatte es gar nicht gemerkt, erst als sie einmal die wenigen Fotos, die in dieser Zeit entstanden waren, genauer betrachtete, fiel es ihr auf: Obwohl sie Frisur und Kleidung nicht verändert hatte, hatte sie während der Zeit der Trennung ein fast mönchisches Äußeres angenommen. Erst in Berlin wurde sie wieder zu Anne. Wenn sie seitdem nachts wach liegt und nicht mehr einschlafen kann, dreht sich ihr Gedankenkarussell stets um das gleiche Thema: Was ist falsch mit mir? Wer bin ich? Irgendetwas war falsch an mir. Grundlegend falsch. Aber was? Warum hab ich ihn damals angezogen? Warum hab ich ihn wieder abgestoßen?
Gegen Morgen schläft sie endlich ein.

Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause und bügelt. Dabei hat sie wie so oft den Fernseher angeschaltet, um eine Stimme im Raum zu haben, aber sie schaut nicht auf den Bildschirm, sondern sinniert so vor sich hin. Die Tage sind schon länger geworden, denkt sie. Gottseidank. Dann sieht die Welt immer anders aus. Als ob etwas Neues beginnen würde, etwas nie Dagewesenes. Aber wann geschieht schon ein Wunder?
Der arte-Sprecher sagt: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Seit Rosa von Praunheim hat sich für die Situation der Schwulen, wie sie sich in bewusster Aneignung des diffamierenden Schimpfwortes ‚schwul‘ selbst nennen, viel verändert …“
Anne denkt: Mariä Lichtmess. Schon vorbei. Mariä Lichtmess, bei Tag zu Nacht ess. Oma hat das früher immer gesagt. Wann hat man früher eigentlich zu Nacht gegessen?
„… Verherrlichung der Liebe zwischen Mann und Jüngling, wie in der griechischen Adelsgesellschaft … Thomas Manns Tod in Venedig, die Liebe eines alternden Familienvaters zu einem jungen und schönen Unbekannten … als Märtyrer seiner späten Leidenschaft, die die eigentliche Leidenschaft seines Lebens zu sein scheint, bedeutsamer und erfüllender als das Familienleben mit Frau und Kind, das im Gegensatz zu dem Liebesideal, das der junge Tadzio zu versprechen scheint, nur als trivial empfunden werden kann … in der Literatur und heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts …“
Da hebt Anne den Blick, als hätte sie jemand gerufen, und schaut Andreas direkt in die Augen. Ein Mann in mittleren Jahren in den Armen eines anderen, beide spärlich, aber bunt bekleidet. Ein Mann mit falschen Wimpern, geschminktem Mund, knappem Slip und bunten Federn auf dem Kopf, in selbstverliebter, provokanter Pose. Das zweidimensionale Bild ihrer Schmach springt sie flimmernd an. Anne ist wie gelähmt. Den hab ich mal geliebt. Mit dem war ich jahrelang zusammen. Den kannte ich gut, ohne ihn zu kennen. Ihr sausen die Ohren. Sie sieht nicht mehr richtig. Das Bild verschwimmt ihr vor den Augen. Sie hält sich am Bügelbrett fest und schaltet schnell das heiße Bügeleisen aus. Ihr wird schwindlig. Bauchpresse, Bauchpresse, denkt sie. Nicht umfallen. Alles kommt wieder. Wie kriege ich dieses Bild aus dem Kopf? Was soll ich nur tun? Und an das ewige Was ist falsch mit mir? hängt sie klagend an: Was hat er mir angetan? Endlich.
Denn diesen Gedanken hat sie noch nie gedacht.
Nachdem sie das zweidimensionale Bild ihrer Schmach angesprungen hat, fällt Anne in tiefe Verzweiflung. Keine Helfer in der Nähe. Freundin Manuela hat eine Affäre angefangen. Das heißt, dass sie eine Weile nichts von ihr hören wird. Kollegin Heimeran wäre sicher allzu bereit, sich ihrer anzunehmen, aber davon nimmt Anne lieber Abstand. Ohne es zu merken, sucht Anne den Arbeitsrausch. Als Zehnjährige hat sie im Kurpfälzischen Museum ihrer Heimatstadt mit ihrer damaligen Schulfreundin beim Zusammenkleben von Scherben aus der Römerzeit mitgeholfen. Schon damals hatte sie dieses Gefühl des Arbeitsrausches kennengelernt. Still im kleinen Hof des Museums zu stehen und immer wieder jede Scherbe an jede Scherbe halten, ob sie passt oder nicht, und wieder von vorne anfangen, bis die ersehnten zwei, drei zusammengehörigen Stücke die Ahnung einer Gefäßrundung ergeben. Oder sie schnitt Bilder, Artikel und Gedichte aus Zeitungen und Zeitschriften aus, die sie aufklebte und abheftete. Auch da dieses Gefühl des Versunkenseins, der ausgesperrten Zeit, die keine Rolle mehr spielte. Sie konnte sogar darüber weghören, wenn Mutter lamentierte: „Du mit deiner Kleberei! Was das kostet! Papier und Uhu! Du wirfst das Geld nur so zum Fenster hinaus! Und ich bezahle es! Wenn du mal groß bist, meinst du, du könntest dann den ganzen Tag Bilder ausschneiden? Da heißt es arbeiten! Und nicht kleben!“
Ein Zeitungsfoto, das sie zu Hause über ihren Schreibtisch gehängt hat, erinnert sie an diese Zeit: Eine Frau, die alleine in einem Kellerraum, so lang wie eine Kegelbahn, sitzt, ist damit beschäftigt, zerrissene Papiere wieder zusammenzukleben. An der Wand sind die Dokumente aufgehängt, die sie bereits vollständig rekonstruiert hat. Wer ist die Frau? Was tut sie da genau? Wie lange sitzt sie schon da? Wie lange wird sie noch da sitzen und Papierstück an Papierstück halten?
Anne aber macht genau das Gegenteil: Sie hat die Kartons mit alten Unterlagen hervorgeholt, und mit einer fürchterlichen Wut zerreißt und schreddert sie Prospekte, Zeitungsartikel, Tagebuch-Aufzeichnungen und vor allem Postkarten und Briefe, viele Briefe!, zum Beispiel von Andreas und ihren falschen Freunden. Mit Genuss wirft sie die Papierschnipsel in den Mülleimer zu den gebrauchten Kaffeefiltern, Teebeuteln, Apfelschalen, sie wirft sie nicht zum Altpapier, da sollen sie nicht hin, nein, in die Ursuppe sollen sie wieder hinein. Nicht da, wo sie wiederverwertet werden und ein zweites Leben leben dürfen, sondern zwischen durchgesuppte Kaffeefilter, gequollene Teeblätter, faulendes Gemüse, den Staub aus dem Staubsaugerbeutel, zwischen die Windeln des Nachbarkindes und die Kippen ihrer Eltern. Damit sie fleckig werden, durchtränkt, zur Zersetzung freigegeben. Weg damit!, denkt Anne und schnürt einen Abfallbeutel zu, in dem die Zersetzung bereits ihr Werk begonnen hat. Dann atmet sie auf. Tief bis in die Lungenspitzen hinein.
In der Nacht träumt sie, sie läge in einem Krankenwagen; der Fahrer dreht sich zu ihr um, lacht und sagt: „Mach dir keine Gedanken, das kann doch jedem mal passieren.“
Er lacht und will gar nicht mehr damit aufhören. Auf einmal sitzt sie neben ihm auf dem Beifahrersitz. Das Dach des Krankenwagens öffnet sich und ein bunter Konfettiregen rieselt vom blauen wolkenlosen Himmel auf sie beide herab.
Als Anne um acht Uhr aufwacht, fühlt sie sich wohl und zuversichtlich. Die Welt hat ein anderes Gesicht.

 

Daniela Ziegler

 

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