freiTEXT | Saskia Trebing

Attraktive Menschen in klimatisierten Räumen

working next to artworks I

Es ist nicht einfach, sich zu konzentrieren, wenn sich im Nebenraum zwei Frauen intimrasieren. Da ist eine Wand dazwischen und da ist das Murmeln der Klimaanlage, aber da ist trotzdem dieses Geräusch; dieses Gekratze und Geschabe auf trockener Haut. Das kratzt und schabt am Gehirn bis eine Frau aufschreit – geschnitten – und das Ganze wieder von vorne losgeht.

Bei all dem Gehirnschaben kann einem schonmal was durchrutschen. Da kann man lächelnd am Frontdesk sitzen und in ein Macbook starren und nicht merken, dass irgendwas anders ist.

„Dass da ein Werk nicht an ist“, sagt ein Besucher mit Kinnbart und Presseausweis. „Das muss Ihnen doch auffallen, wenn Sie hier sitzen.“

Der Mann mit Presseausweis würde eh nichts kaufen. Aber recht hat er, da fehlt was. Da ist im Nebenraum ein Bildschirm schwarz, der nicht schwarz sein sollte. Wo ein Gesicht sein sollte. Natürlich. Und eine Stimme. Zuerst eine Stimme aus dem Off. „Roooo-lling!“ sollte die Stimme rufen. Eine warme Stimme, die Silben ausgerollt und kullernd. Dann sollte das Gesicht in Aktion treten. Das Gesicht sollte nach vorn schnellen und zu schreien beginnen. „Shoot!“ schreit das Gesicht. Immer wieder. „Shoot! Shoot!“ Ein Rhythmus mit Kopfnicken und Speichelspritzern.

Aber jetzt passiert gar nichts. Jetzt müsste man was tun. Aber was? Der Stecker ist drin, der Fernseher ist an, der Computer ist verbunden und der Galerist ist heute für niemanden zu sprechen.

Es ist nur Lief im Haus, aber Lief putzt die Toiletten.

„Lief?“ Es ist zumindest einen Versuch wert.

„Hier“, ruft Lief aus dem Herrenklo.

„Die Arbeit von Frida ist kaputt.“

Liefs Kopf zeigt sich im Türrahmen. „Ok“, sagt der Kopf. Dann verschwindet er wieder.

Einen Moment ist es ruhig, nur die Frauen kratzen und schaben.

Dann Liefs Stimme aus dem Herrenklo: „Roooo-lling!“

Die Pause ist zu lang, ein Zögern, das da nicht hingehört. Aber dann: was solls, den Pressetext können sie sich wohl alleine nehmen.

Kopf in den Nacken, Luft geholt und „Shoot! Shoot!“ im richtigen Rhythmus. Am Anfang noch verhalten, aber nach zehn Minuten tropft die Spucke vom Kinn. Nach zehn Minuten ist Lief wieder dran.

Ein Herr im Anzug schafft es nicht mal bis zum Pressetext. Er lugt um die Ecke, Roooo-lling! … Shoot! Shoot!, und stolpert rückwärts aus dem Raum. Den kennt man, den Anzug, der kauft hier manchmal. Der kriegt die Tür nicht auf, die klemmt, und schaut panisch zum leeren Empfangstresen. Da sitzt sonst immer die lächelnde Frau.

Saskia Trebing

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